Teilen Teilen Kommentare Drucken

Kommentar: Das Note7 ist nicht nur für Samsung ein Debakel

Veröffentlicht: 12.10.2016 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 12.10.2016

R.I.P Galaxy Note7. Du hast uns viel Freude bereitet, solange wir nicht in die unangenehme Situation gekommen sind, dich tatsächlich zu besitzen. Du hast für interessanten Lesestoff gesorgt:

Du hast Spiele-Entwickler noch ein Stück kreativer gemacht. Du hast sogar dafür gesorgt, dass Rücksende-Verpackungen jetzt mit Sicherheitshandschuhen kommen. Vor allem hast du einem Weltkonzern zu seinem größten Image-Debakel überhaupt verholfen. Weil du unbedingt vor deinem Konkurrenten iPhone 7 erscheinen musstest und größere Akkuleistung in kleinerem Raum haben solltest, ungeachtet der möglichen Gefahren. Wie soll das nun erst beim Note8 werden, das nun nicht nur unter Zeit-, sondern kaum erfüllbarem Erwartungsdruck entstehen muss?

Samsung brennt das Image weg

Glaubt man Analysten, die zum Beispiel die Nachrichtenagentur Reuters zitiert, dann wird sich der Gesamtschaden für Samsung auf bis zu 17 Milliarden US-Dollar belaufen. Das ist zwar tatsächlich selbst für Samsung kein Pappenstiel, viel schwerer wird langfristig aber der immense Imageschaden wiegen. Auch wenn es „nur“ ein Smartphone ist, das gründlich in die Hose ging, es schadet der Marke Samsung. Bei jedem kommenden Smartphone, egal ob Note oder nicht, ja selbst bei jedem Fernseher und jeder Waschmaschine werden sich die Leute nur halb im Scherz erst einmal fragen, ob sie sich nicht ein, nunja, zu heißes Eisen ins Haus holen.

Zudem hat Samsung im kommenden Jahr mit dem bereits in der Entwicklung befindlichen Note8 die Mammutaufgabe zu bewältigen, nicht nur mit Apples iPhone und Googles Pixel zu konkurrieren, sondern die Kunden überhaupt erst einmal davon zu überzeugen, wieder guten Gewissens zur Samsung-Alternative zu greifen. Zumal Samsung nicht dieses Status-Symbol mit der leidenschaftlichen Fanbase aufbietet, wie es ein Apple kann. Samsung ist im Smartphone-Bereich wie auch bei Großbildfernsehern etwa Weltmarktführer, weil man im besten Sinne Allerweltsprodukte herstellt. Der beste Kompromiss aus Nutzerfreundlichkeit, Design und Technik sorgt für die größte Schnittmenge. Für technologische Innovationen und einzigartiges Design waren schon immer eher die anderen zuständig. Es tut schlicht weniger Leuten weh, zu einem anderen Anbieter zu wechseln, weil sie sich auch mental nicht an Samsung binden wie an Apple oder auch zunehmend Google.

Alle verlieren, außer Google

Überhaupt, Google. Der Suchmaschinenriese dürfte als einziger echter Gewinner aus der Note7-Geschichte hervorgehen, denn plötzlich hat das neue Pixel-Smartphone mit Apples iPhone nur noch einen echten Konkurrenten und nicht mehr zwei. Auf der Verliererseite dagegen steht nicht nur Samsung. Ob Mobilfunkanbieter oder Technologie-Händler, die Marketing-Kampagnen für das kommende Weihnachtsgeschäft sind längst fertig und in vielen dieser Kampagnen dürfte das Note7 – vor allem angesichts der überschwänglichen Kritiken zum Launch (äußerst treffende Headline von Spiegel Online schon damals: Das soll ins Auge gehen) – eine Schlüsselrolle eingenommen haben. Diese dürfen nun alle über den Haufen geworfen und neu konzipiert werden. Das ist nicht nur ärgerlich und programmiert Stress vor, das kostet auch bares Geld. Ganz zu schweigen von Samsung-Partnern, denen vielleicht das einzige High-End-Produkt wegbricht. Natürlich wird man nun mit aller Kraft auf Galaxy S7 und S7 Edge gehen, damit wird man den Verlust aber nicht annähernd vollumfänglich ausgleichen.

Interessanter (und für Entwickler unschöner) Nebeneffekt: Indirekt kann das gestoppte Note7 sogar den Umsatz von App-Entwicklern negativ beeinflussen. Laut Mobile Marketer verbringen Samsung-Nutzer 22 Prozent mehr Zeit in Apps als iOS-Nutzer, auch weil für Android mehr Applikationen erscheinen. App-Marketer und -Entwickler, die ihre Zielgruppen vor allem auf Samsung und Android-Geräten ansprechen, könnten hier durchaus Einbußen hinnehmen, wenn sich enttäuschte Note7-Nutzer nun zum Beispiel Apple zuwenden. Angesichts der sehr späten und unzureichenden Reaktion von Samsung könnten das ziemlich viele sein.

Der Note7-Gau wird nicht nur Samsung, sondern viele Beteiligte treffen. Angesichts der aufstrebenden Hersteller aus China, des wiedererstarkten Google und der (trotz fehlender Innovationen) gleichbleibend hohen Beliebtheit von Apple auf der einen Seite und dem immensen Image-Schaden bei Samsung auf der anderen Seite ist eine Umwälzung des Marktes nicht unwahrscheinlich. Das kommende Jahr wird nicht nur schwierig für Samsung, sondern spannend für die gesamte Tech-Branche.

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Newsletter
Abonnieren
Bleibe stets informiert mit unserem Newsletter.