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Europa rennt mal wieder hinterher

Veröffentlicht: 23.01.2019 | Autor: Michael Pohlgeers | Letzte Aktualisierung: 23.01.2019 | Gelesen: 842 mal
Peter Altmaier

Wann, glaub Sie, hat Europa das letzte Mal eine Innovation vorgelegt, die die Welt verändert hat? Eine Innovation, die von Europa aus in andere Länder exportiert wurde? Ich bin fast geneigt, die Dampfmaschine, die Thomas Newcomen zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelt hat und die von James Watt dann verbessert wurde, zu nennen. Aber gut, das wäre übertrieben, schließlich gibt es auch in der digitalen Welt Erfolgsbeispiele aus Europa. Spotify zum Beispiel.

Doch immer wieder erlebt man auch, dass es in Europa Bemühungen gibt, erfolgreiche Konzepte aus den USA, die sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt haben, zu kopieren und als europäisches Produkt aufzuziehen. Oft wird da mit dem Datenschutz als Argument um sich geworfen. Den nehmen die Europäer – zumindest so die Ansicht – nämlich viel ernster als die Amerikaner.

Der PayPal-Killer wurde zum Rohrkrepierer

Ähnlich war das bei dem Versuch, einen PayPal-Killer aufzubauen: Die deutschen Banken schickten sich an, einen Payment-Dienst aufzuziehen, mit dem die Bezahlung im Internet so bequem ist, wie mit den etablierten Payment-Systemen. Bei dem die Sicherheit aber eben höher sein soll, weil eben kein Umweg über einen Drittanbieter gegangen werden muss. Das Ende vom Lied scheint zu nahen: Paydirekt kann kaum nennenswerte Transaktionen vorweisen und jetzt verabschieden sich die ersten Banken aus dem Projekt. Das Interesse der Kunden war nie wirklich da, schließlich gibt es länger Anbieter, die funktionieren und die als sicher angesehen werden.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier scheint von dem Ganzen aber nichts mitbekommen zu haben. Oder vielleicht denkt er sich auch, wenn das mit dem Payment nicht geklappt hat, dann nehmen wir halt einen anderen Bereich. Altmaier forderte jetzt, so berichtet Heise Online, dass es ein Alexa-Pendant aus Europa geben müsse. Ein Gedanke, der durchaus aufhorchen lässt, denn vor allem das in Europa so beliebte Thema Datenschutz ist bei den Sprachassistenten ein Knackpunkt. Schließlich zeichnen Alexa, Siri und der Google Assistant potenziell alle Gespräche, sicher aber alle Befehle auf und senden sie an die Server der US-Unternehmen.

Erfindung aus Deutschland, Umsetzung in den USA

Doch bei Altmaier steht zunächst ein anderer Gedanke im Vordergrund: „In ein oder zwei Jahren sind alle Geräte durch Sprachsteuerung zu bedienen“, prognostiziert er. Eine Technik, die am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz entwickelt worden sei, so Altmaier. Aber „andere machen jetzt den Reibach“. Und der Minister setzt nach: „Wie viel Wertschöpfung ist bei Alexa in deutschen Kassen?“

Von dieser Motivation kann man nun halten, was man mag. Altmaier hat immerhin schneller Lunte gerochen als die Banken bei ihrem Payment-Projekt. „Wir können nicht ewig warten, wir müssen jetzt loslegen“, so der Minister. „Haben wir den Hunger, in diesem Bereich mitzumischen?“ Dass Amazon seit gut vier Jahren mit der Alexa-App auf dem Markt ist und sich bereits eine Machtposition aufgebaut hat, geschenkt.

Stellt sich die Frage, wieso Deutschland – in dem ja angeblich die Technologie entwickelt wurde – wieder mal verpasst hat, als Vorreiter aufzutreten. Stattdessen treiben eben die US-Unternehmen die Innovation voran und setzen sie zu Produkten für den Markt um, während man hierzulande Däumchen dreht, um sich dann zu wundern, dass man plötzlich von den Innovationen aus den Staaten (und sowieso der Digitalisierung allgemein) abgehängt wird.

Erstmal Standards entwickeln

Das ist aber kaum ein neues Phänomen, wenn man einmal die Geschichte betrachtet: Otto und Benz erfinden in Deutschland die Verbrennungsmotoren, Henry Ford erfindet das serienproduzierte Auto. Das MP3-Format wird in Deutschland entwickelt, Apple erobert mit seinem iPod die Welt. Der Hamburger wird von deutschen Einwanderern nach Amerika gebracht, McDonald’s bringt den Big Mac in die Welt. Trauriger Höhepunkt dieses Musters: In Deutschland werden Uran und Kernspaltung entdeckt, die Amerikaner entwickeln die Atombombe.

Jetzt will die Regierung also einen Leitmarkt entwickeln, wie Altmaier versprach, und erstmal internationale Standards vorantreiben. Also erst einmal das Bürokratische klären, anstatt eine funktionierende Lösung entwickeln. Dafür braucht es aber ein „Smart Living made in Germany“, wie der Minister konstatiert. 

Aber selbst wenn das gelingen würde, was Altmaier sich vorstellt. Wer würde hinter einer solchen europäischen Alexa stehen? Ein Digital-Unternehmen, das groß genug ist, gibt es nicht. Und dass ein Sprachassistent staatlich gefördert wird, wäre ebenfalls eine denkbar schlechte Lösung. Denn da kommen wir wieder zum Datenschutz und der Abhör-Frage. Und während in Europa solche Fragen geklärt werden müssen, schmeißt Amazon zahlreiche neue Alexa-Skills auf den Markt und zieht davon...

Über den Autor

Michael Pohlgeers Experte für Marktplätze

Micha gehört zu den „alten Hasen“ in der Redaktion und ist seit 2013 Teil der E-Commerce-Welt. Als stellvertretender Chefredakteur hat er die Themenauswahl mit auf dem Tisch, schreibt aber auch selbst mit Vorliebe zu zahlreichen neuen Entwicklungen in der Branche. Zudem gehört zu er zu den Stammgästen in den Multimedia-Formaten OnAir und OnScreen.

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Kommentare  

#2 Mathias Schmidt 23.01.2019, 23:20 Uhr
Haha,
Vielleicht kommt es ja daher da Europa und allen voranschreitend die deutschen Politiker mit Ihrem Führungsanspruc h ein derart Wirtschafts und Innovationsfein dliches Klima geschaffen haben das dort sicher nichts besonderes entsteht.
Deutschland hat doch inzwischen „Marktverhalten sregeln“ die vorgeben wann der Unternehmer auf die Toilette gehen darf und hat er sich ne Notiz aufs Klopapier gemacht braucht er noch einen Datenverarbeitu ngsvertrag mit der Kläranlage.
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#1 JayQ 23.01.2019, 14:48 Uhr
Is doch klar, die Deutschen riskiren nichts wenn es darum geht Inovative Ideen auch mal auf den Markt zu bringen. Die Bürokratie und die Investments blockieren. Die Banken sind der beste Beweis für misserable umsetzungen. Obwohl Speicherplatz heutzutage kein Thema sein sollte, kann man bei vielen nicht mal seinen Kontoauszug länger als paar Monate zurück abrufen. WTF. Das einfach lachhaft sowas. Bei den Assistenten gibts dann noch die Frage - Welches Unternehmen in Deutschland sollte ds den stemmen? Teledoof und Co.?
Denen fehlt doch die vernetzung mit den Usern und den ganzen Anbetern und Herstellern völlig. Ja Google und Andere sammeln Daten wie doof, aber sie sind auch auf vielen Geräten und bei vielen Kunden. Ein deutsches Unternehmen müsste da ja bei Null anfangen und zusehen, dass sie Hersteller finden die ihren Assistenten einbauen / anbinden. Das sie Userdaten und überhaupt User bekommen damit die KI lernen kann, die User kennenlernen kann. Terminkalender, mails, all das kann ich über den Assistent nutzen, weil es schon vorher da war. Ein neues Unternehmen müsste das ja alles erstmal aufbauen. Dat wird einfach nichts. Weder finanziell noch Massen an User die da einfach fehlen. Wäre wieder so ein subventionsloch für Millionen EUR.
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