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Kolumne

Die Auto-Industrie muss Teslas Gigafabrik als Chance begreifen

Veröffentlicht: 15.11.2019 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 15.11.2019
Tesla Ladekabel

Elon Musk sucht sich ausgerechnet die Verleihung des Goldenen Lenkrads aus, um die Ansiedlung von Tesla in Brandenburg anzukündigen. Die neue Gigafabrik entsteht neben dem Flughafen BER, nimmt den Betrieb wahrscheinlich auf, bevor jemals Flugzeuge vom Milliardengrab starten werden. Aber Witze über den BER sind ja sowieso zu einfach. Dass Musk sich eine derart prestige-arme Veranstaltung aussucht, mag für die Veranstalter ein willkommener Publicity-Gewinn sein, dem Tesla-Chef dürfte es eher darum gegangen sein, Nähe zu demonstrieren. Tesla baut seine vierte Gigafabrik nicht irgendwo, nicht in einem Billiglohnland, sondern in der Auto-Nation Deutschland.

Das dürfte nicht nur dem Wirtschaftsstandort Brandenburg auf die Sprünge helfen, das darf genauso gut als Kampfansage gegen die Etablierten gewertet, die das so natürlich nie öffentlich zugeben würden. Die Bild fragte die großen deutschen Autobauer nach Reaktionen zur Tesla-Ansiedlung, die Antworten waren ausweichend bis nichtssagend. Denn die Branche weiß ganz genau, dass hier ein Player auf den Plan tritt, der nicht nur in empfindlichem Maße Fachkräfte abwerben könnte – es sollen bis zu 10.000 Arbeitsplätze in der Gigafabrik entstehen – sondern der die Glaubwürdigkeitsprobleme der deutschen Autoindustrie offenlegt.

Ja, auch der Kunde will das E-Auto

Nicht erst die Klimadebatte hat die Autobauer in die Bredouille gebracht. Mit Skandalen geizte die deutsche Autoindustrie in den vergangenen 20 Jahren nicht. Steigende Benzinpreise, Dieselverbote und Smogwolken tragen ihren Teil dazu bei, dass das Auto heute einen anderen Stellenwert hat. Und da kommt nun ein US-Emporkömmling jung und neumodisch daher, sagt den Verbrennungsmotoren den Kampf an und wird dafür auch noch gefeiert. Elektrofahrzeuge mögen in den deutschen Branchen-Überlegungen schon länger eine Rolle gespielt haben, aber es hatte immer etwas von Anhängsel, von Ausweichmöglichkeit und von Zweitvariante. Für die kurze Fahrt zur Kita und zurück. Tesla aber baut, Entschuldigung, geile Autos, die auch als Statussymbole funktionieren. Und zwar nicht, weil das jetzt irgendwie im Trend ist, sondern weil der Konzern von vornherein in diese Richtung konzipiert wurde. Und plötzlich merken Traditionsmarken, dass da möglicherweise ein Nerv getroffen wird.

Denn die Mär, dass der Deutsche kein Elektroauto, sondern lieber Abgase in die Luft blasen will, ist eine Mär. Wer einmal ein vollelektrisches Auto gefahren ist und an der Ampel den Nebenmann im dicken Benz mit einem süffisanten Lächeln abhängt, der erkennt den Reiz dahinter. Ich sprach just am gestrigen Donnerstag nach einer Fahrt im E-Golf mit Autohändlern, Zulieferern und Dienstleistern aus der Branche – also mit Menschen, die man gut und gerne als Autofans bezeichnen kann. Und die einhellige Meinung lautet, dass es ein wahnsinnig spannendes Gefühl ist, so ein elektronisches Ding zu fahren. Einhellig ist die Meinung aber auch, wenn es um das Design geht. Der ID.3 von VW, der Elektromobilität mit verbraucherfreundlichen Reichweiten unter 30.000 Euro bringen soll, mag ein richtiger Schritt von Volkswagen sein, der Innenraum aber sieht bislang aus wie aus einem nicht ganz zu Ende gedachten Science-Fiction-Film. Das mag der Designer cool finden, das stößt beim Autofahrer aber eher auf Befremden.

E-Mobilität muss bezahlbar werden

Was die Branche immer noch nicht verstanden hat, ist die Tatsache, dass es nicht um den Kraftstoff, sondern um das Auto geht. Und nun kommt Tesla in die Hochburg des Automobils. Vielleicht sorgt das für das nötige Umdenken. Vielleicht fangen jetzt auch deutsche Autobauer an, Elektromobilität wirklich ernst zu nehmen und nicht nur Lippenbekenntnisse abzuliefern. Vielleicht sorgen sie sogar dafür, dass Elektromobilität kein Luxus für die obere Mittelschicht ist und bringen das auch Elon Musk bei. Denn das ist das eigentliche Problem der Zukunftstechnologie. Batterien für Elektroautos sind immer noch enorm teuer. Wer glaubt, mit einem 30.000 Euro teuren E-Auto ein Fahrzeug anzubieten, das sich jeder leisten kann, sollte sich hinterfragen. E-Mobilität muss den Menschen nicht mehr vermittelt werden. Sie muss nur noch bezahlbar werden.

Über den Autor

Christoph Pech Experte für Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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