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Ama-Zone

Körperscans, Menschenkäfige und Chips unter der Haut – zwischen Freiheit und Sicherheit

Veröffentlicht: 22.04.2020 | Autor: Tina Plewinski | Letzte Aktualisierung: 22.04.2020
der digitalisierte Mensch: Gesicht einer Frau mit digitalen Symbolen

In der Reihe „Ama-Zone“ grübelt Tina Plewinski über die vielfältige Welt von Amazon: über Vor- und Nachteile des Online-Riesen, neue Entwicklungen, trendige Hypes, die unablässigen Machtbestrebungen des Konzerns und – im aktuellen Teil dieser Reihe – über die Vor- und Nachteile, die moderne Technologien mit sich bringen.

Die Nachricht wehte vor wenigen Tagen durch das Netz: Amazon nutzt in einigen US-amerikanischen Lagern Wärmebildkameras, um Mitarbeiter mit Fieber ausfindig zu machen und somit andere Mitarbeiter vor einer potenziellen Corona-Ansteckung zu schützen. Dass Amazon auf eine solche Technologie zurückgreift, kommt nicht von ungefähr: Der Konzern muss in Zeiten der Pandemie – genau wie jedes andere Unternehmen auch – strenge Sicherheitsvorkehrungen treffen, um überhaupt weiter agieren zu können.

Amazon – im Land der unbegrenzten Hightech-Möglichkeiten

Die hohe Zahl der Mitarbeiter dürfte Amazon dabei immer wieder vor einige Herausforderungen stellen. In einem Betrieb mit 50 Leuten werden sich viele Vorsichtsmaßnahmen sicher weitaus einfacher umsetzen lassen als in einem Unternehmen mit Hunderten oder gar Tausenden Angestellten. Ein Kraftakt, selbst für Amazon.

Ein Vorteil, den Amazon gegenüber kleineren Unternehmen allerdings hat: massig Kapital. Und dieses Kapital versetzt Amazon in die durchaus ansprechende Lage, auch neue Wege einzuschlagen und moderne Technologien einzusetzen. Die Wärmebildkameras oder die umfangreichen Kamera- und Tracking-Instrumente, die in den Logistiklagern zum Einsatz kommen, sind nur ein Beispiel. (Man erinnere zudem ganz nebenbei an Technologien wie Drohnen, künstliche Intelligenzen oder Raumschiffe, mit denen Amazon in Verbindung steht.)

Jede Technologie kann missbraucht werden

Zum Schutz der Mitarbeiter hatte der Konzern beispielsweise auch schon ein Patent angemeldet, das für Furore sorgte: Ein Menschenkäfig, in dem Mitarbeiter aus der Logistik arbeiten und damit vor umstürzenden Paletten und sonstigen Gefahrensituationen bewahrt werden sollten. Die Kritik war groß. Zum Einsatz kam der Käfig nicht. Und das, obwohl der primäre Gedanke, die Mitarbeiter noch besser zu schützen, gar kein schlechter ist. 

Ebenso deutlich war etwa auch die Kritik an zwei Amazon-Patenten für Armbänder. Der Aufschrei war groß, da befürchtet wurde, dass Amazon mit solchen smarten Gadgets seine Mitarbeiter noch strenger und sogar bis auf die Toilette verfolgen könne. Amazon selbst verwies hingegen auf die Vorteile und dass man solche Armbänder als eine Art Handscanner nutzen und damit die Arbeit der Angestellten deutlich vereinfachen könne.

Das Problem ist ein Grundlegendes: Misstrauen. Wir misstrauen vielen Neuerungen schon von vornherein. Die Nutzung von Kameras am Arbeitsplatz? Misstrauen! Körperscans? Misstrauen! Chips unter der Haut? Auf gar keinen Fall!!! Diese Reaktionen sind nicht absurd. Sie sind die Folge von Erfahrungen aus der Vergangenheit. Wie oft führten neue Technologien zu Missbrauch und hatten negative oder zutiefst drastische Folgen? Auf der anderen Seite: Wie oft führten sie hingegen zu neuen Möglichkeiten und Freiheiten? 

Verankertes Hightech: Es kann funktionieren!

Ein Gegenbeispiel findet sich in Skandinavien bei der schwedischen TUI-Tochter TUI Nordic. Hier ließen sich in der Vergangenheit zahlreiche Mitarbeiter (in Zahlen: jeder Fünfte!) freiwillig reiskorngroße Mikrochips unter die Haut transplatieren. In Deutschland undenkbar! 

Mithilfe dieser Microchips können die Mitarbeiter etwa Türen und Spinde öffnen, Drucker aktivieren oder Snackautomaten bedienen. Ich wiederhole: In Deutschland undenkbar! Und gruselig! Und dennoch scheint es anderswo zu funktionieren. Sind wir Deutsche zu ängstlich? Zu sensibel? Zu paranoid? Nicht unbedingt. Schließlich gibt es genug Beispiele, anhand derer sich zeigen lässt, dass unsere Daten missbraucht und unsere Freiheiten eingeschränkt werden, wenn die falschen Leute oder Unternehmen die Macht dazu haben. 

Vertrauen ist ein Prozess. Und der muss (nicht nur in diesem Fall) mit unabdingbarem Verantwortungsbewusstsein, mit Zuverlässigkeit und mit Sorgfalt bezahlt werden. Und so lange Unternehmen immer wieder mit Negativschlagzeilen von sich reden machen, weil potenziell fantastische Technologien tendenziell gegen (und nicht für) Mitarbeiter zum Einsatz kommen, wird sich dieses Vertrauen auch nicht aufbauen. Das betrifft übrigens Amazon und gleichermaßen alle anderen Unternehmen auch.

Es gibt in Sachen Vertrauen also nach wie vor viel zu tun für Unternehmen, die zwar einerseits Großes vollbringen können, aber zugleich in der potenziellen Lage sind, ihre Macht auch auszunutzen.

Über den Autor

Tina Plewinski Experte für Amazon

Bereits Anfang 2013 verschlug es Tina eher zufällig in die Redaktion von OnlinehändlerNews und damit auch in die Welt des Online-Handels. Ein besonderes Faible hat sie nicht nur für Kaffee und Literatur, sondern auch für Amazon – egal ob neue Services, spannende Technologien oder kuriose Patente: Alles, was mit dem US-Riesen zu tun hat, lässt ihr Herz höherschlagen. Nicht umsonst zeigt sie sich als Redakteurin vom Dienst für den Amazon Watchblog verantwortlich.

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