Studie der Medizinischen Hochschule Hannover

Neuer Tourette-Tic verbreitet sich über Social Media

Veröffentlicht: 08.09.2021 | Geschrieben von: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 08.09.2021
Frau mit Smartphone und Smileys

Dass die Nutzung von sozialen Medien schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann, ist bekannt. Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover haben jetzt ein neues Krankheitsbild ausgemacht, bei dem die Nutzer etwa durch das Schauen von Videos bei YouTube, Instagram und Co. „Tourette-ähnliche“ Symptome entwickeln, wie Business Insider berichtet. Die Hauptautorin Professorin Kirsten Müller-Vahl leitet unter anderem die Tourette-Sprechstunde der psychiatrischen Institutsambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover.

Video-Nutzer übernehmen Tics von YouTubern

Die Forschungsgruppe bezieht sich dabei unter anderem beispielhaft auf den erfolgreichen deutschen YouTube-Kanal „Gewitter im Kopf – Leben mit Tourette“ von Jan Zimmermann und Tim Lehmann. Zimmermann leidet am Tourette-Syndrom und zeigt in den Videos sein Leben mit den motorischen und vokalen Tics (unwillkürliche Bewegungen oder Lautäußerungen). Nutzer, die derartige Videos schauen, würden quasi die Tics der Betroffenen übernehmen und etwa „Du bist hässlich“ sagen. „In den vergangenen zwei Jahren wurde eine bemerkenswert hohe Zahl junger Patienten in unsere spezialisierte Tourette-Ambulanz überwiesen, die Symptome zeigen, die denen ähneln, die Jan Zimmermann in seinen Videos zeigt“, heißt es in der Studie.

Dabei handele es sich um sogenannte „funktionelle Tics“, die im Gegensatz zum echten Tourette-Syndrom eher plötzlich und oft erst später im Leben sowie vielfältiger auftreten. Die Studienautoren schlagen für das Krankheitsbild in ihrer Zusammenfassung als Bezeichnung „Massenkrankheit durch soziale Medien“(„mass social media-induced illness“, MSMI) vor. 

Massenkrankheit durch soziale Medien: Auswirkungen auf weltweite Gesundheitssysteme

Die massive Verbreitung von Videos auf TikTok, Instagram und Youtube, in denen Menschen mit dem Tourette-Syndrom zu sehen seien, mache die neue Krankheit zu einem weltweiten Problem. „Wir möchten das Bewusstsein für den derzeitigen weltweiten Ausbruch der ‚Tourette-ähnlichen‘ MSMI-Erkrankung schärfen. Eine große Zahl junger Menschen in verschiedenen Ländern ist davon betroffen, was erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme und die Gesellschaft insgesamt hat, da die Verbreitung über soziale Medien nicht mehr auf bestimmte Orte wie lokale Gemeinschaften oder Schulen beschränkt ist“, warnen die Autoren. Die Experten schlagen unter anderem vor, MSMI bei der Aus- und Weiterbildung von Ärzten, Psychologen und Studenten zu thematisieren sowie die Gründung neuer Selbsthilfegruppen.

Social-Media-Krankheit als „kulturbezogene Stressreaktion“ 

Diese moderne Form der soziogenen Erkrankung könne zusätzlich durch Ereignisse wie die Corona-Pandemie verschlimmert werden. Die Krankheit lasse sich aber auch als „kulturbezogene Stressreaktion“ der postmodernen Gesellschaft sehen, „die die Einzigartigkeit des Einzelnen betont und seine vermeintliche Außergewöhnlichkeit wertschätzt, wodurch aufmerksamkeitsheischende Verhaltensweisen gefördert und die permanente Identitätskrise des modernen Menschen verschärft werden“.

Die Studienleiterin Kirsten Müller-Vahl ist unter anderem Präsidentin der Europäischen Tourette-Gesellschaft und Sprecherin des wissenschaftlichen Beirats der Tourette-Gesellschaft Deutschland.

Über den Autor

Markus Gärtner
Markus Gärtner Experte für: Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

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