Space Race: Inszenierung oder Wettstreit?

Bezos oder Musk – wer erobert den Weltraum?

Veröffentlicht: 26.11.2021 | Geschrieben von: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 26.11.2021
SpaceX-Raumschiff

Bei Star Trek heißt es seit den 60er Jahren: „Der Weltraum: Unendliche Weiten“. Damals befanden sich die USA und die Sowjetunion – mitten im Kalten Krieg – im Wettlauf um die Eroberung des Alls. Die USA brachten mit Neil Armstrong den ersten Menschen zum Mond, im Juli 1975 trafen sich ein US-Astronaut und ein sowjetischer Kosmonaut in der Erdumlaufbahn – an diesem Tag endete das sogenannte „Space Race“. Heute trifft man sich gemeinsam auf der internationalen Raumstation ISS. Aber ein halbes Jahrhundert später gibt es ein neues Wettrennen ums Weltall und man fühlt sich an Dystopien wie „Blade Runner“ erinnert – wo die Macht längst bei Megakonzernen und nicht mehr bei Staaten liegt.

Auch heutzutage gibt es natürlich die staatlichen und überstaatlichen Programme – die NASA in den USA, die ESA in Europa, aber auch Russland, China, Indien und selbst Nordkorea streben aus ganz unterschiedlichen Intentionen ins All. Daneben aber hat sich ein privater Sektor etabliert, der die Forschungsprogramme in der öffentlichen Wahrnehmung längst abgelöst hat. Blue Origin, SpaceX und Virgin Galactic heißen die Unternehmen der Gegenwart, mit denen (Ex-)Amazon-Chef Jeff Bezos, Tesla-Chef Elon Musk und Virgin-Chef Richard Branson ihre Jugendträume von der Erforschung des Weltalls, wie es Captain Kirk und Captain Picard taten, zu verwirklichen.

Was steckt hinter Blue Origin und SpaceX?

Dass klassische Weltraumprogramme enorm mit den Marketing-Maschinen der privaten Anbieter zu kämpfen haben, zeigt sich bereits an einer (nicht repräsentativen) Stichprobe bei Google News. Der Suchbegriff „NASA“ kommt hier für den Monat November 2021 auf gut 100 Newsbeiträge. Blue Origin und SpaceX erreichen mehr als das Dreifache. Das sagt freilich nichts über die Qualität der Inhalte aus, belegt aber ein großes Interesse an den privaten Firmen, vor allem außerhalb des reinen Wissenschaftsjournalismus. Redaktionen saugen jede Neuigkeit über SpaceX und Blue Origin auf, weil die Leserinnen und Leser es nachfragen.

Aber warum eigentlich? Was steckt hinter Blue Origin und SpaceX? Wo kommen die Firmen her, was planen sie und warum müssen sie sich auch immer wieder Kritik gefallen lassen? Schaut man sich beide Firmen genauer an, wird vor allem deutlich, dass sie eigentlich sehr unterschiedliche Ideen, Ziele und Erfolge haben.

Blue Origin: Recycling für den Weltraum

Blue Origin wurde von Jeff Bezos schon im Jahr 2000 gegründet. Damals war Bezos noch weit davon entfernt, der reichste Mensch der Welt zu sein. Zur Erinnerung: Erstmals schwarze Zahlen schrieb Amazon 2002! Große Pläne hatte er indes schon damals. Es ging ihm nicht nur darum, wiederverwendbare Trägersysteme und Raumschiffe zu entwickeln, sondern auch darum, Menschen langfristig tief ins Weltall zu befördern. Ein unbemannter Probeflug mit anschließender erfolgreicher Landung gelang erstmals 2015 – damalige Höhe: gut 100 Kilometer. Es waren quasi 15 Jahre Grundlagenarbeit nötig, um mit diesen Erkenntnissen die Entwicklungen orbitaler Raumfahrtsysteme voranzutreiben.

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Dieser Flug mit der Trägerrakete New Shepard am 23. November 2015 wurde erstmals als Erfolg gewertet, denn erstmals klappten Start, Flug und Landung ohne Komplikationen. Das Besondere an der Rakete und der Kern der frühen Idee von Blue Origin: Sie ist vollständig wiederverwendbar. Wer noch nie einen Raketenstart gesehen hat, erinnert sich vielleicht an den Film „Apollo 13“, um ein Bild zu bekommen, wie Flüge in den Weltraum über Jahrzehnte aussahen. Nämlich etwa so: Eine Rakete mit einer Raumkapsel startet irgendwo in der Wüste, mehrmals während des Aufstiegs werden neue „Düsen gezündet“ und immer mehr Teile der Rakete abgestoßen, am Ende bleibt die Kapsel übrig, der Rest fällt entweder zur Erde zurück oder ist Weltraumschrott. Über Jahrzehnte hatte die Raumfahrt ein massives Nachhaltigkeitsproblem und dem wollte sich Bezos mit Blue Origin annehmen.

SpaceX: Kein Milliardärsspielzeug, sondern Stütze der Raumfahrt

Dass SpaceX und Blue Origin eigentlich kaum vergleichbar sind, zeigt ein Blick auf die Größe der Unternehmen: Während Blue Origin mittlerweile etwa 1.500 Mitarbeiter beschäftigt, sind es bei SpaceX fast 10.000. Das auch schon 2002 gegründete Unternehmen ist aber in der Weltraum-Wirtschaft auch ganz anders eingebunden als Blue Origin. Elon Musk hat die Firma damals schon mit der Vision gegründet, irgendwann den Mars zu kolonisieren. Übrigens: Auch der milliardenschwere Tesla-Boss hat seine Milliarden nicht für Raumschiffe auf den Kopf gehauen: Tesla wurde erst 2003 gegründet, da arbeitete SpaceX längst an seiner ersten Rakete, der Falcon 1.

Mittlerweile ist SpaceX einer der wichtigsten Partner der NASA und wichtiger Teil des Verkehrs zwischen der Erde und der internationalen Raumstation ISS. Mit der Rakete Falcon 9 und dem Raumschiff Dragon werden Personen und Güter zur ISS gebracht – seit 2020 führt SpaceX für die NASA auch bemannte Flüge zur ISS durch. Mit der Falcon Heavy hat das Unternehmen die aktuell stärkste Trägerrakete im Portfolio, die ganz nebenbei die Kosten für Satellitenstarts um das Siebenfache reduziert hat – und, ähnlich wie Blue Origin, mit zumindest teilweise wiederverwendbaren Raketenteilen arbeitet. SpaceX betreibt außerdem eigene Raketenstart-Anlagen und ist mit seinem Starlink-Projekt der weltgrößte Satellitenhersteller. SpaceX ist nicht nur Milliardärsspielzeug, sondern längst integraler Bestandteil der heutigen Raumfahrt.

Weltraumtourismus als Aushängeschild

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Das sind keine geheimen Informationen, das lässt sich alles nachlesen. Die Arbeit dieser beiden Pionier-Unternehmen – private Raumfahrt gab es vorher in dieser Form nicht – ist aber nicht unbedingt das, was Schlagzeilen macht. Die große mediale Aufmerksamkeit richtet sich auf den Weltraumtourismus, den beide Unternehmen mittlerweile anbieten. Am 20. Juli 2021 hob die New Shepard 4 von Blue Origin erstmals mit Passagieren ab. An Bord damals: Jeff Bezos, sein jüngerer Bruder Mark, Oliver Daemon – mit 18 Jahren der bisher jüngste Mensch im All – und Wally Funk – mit 82 Jahren zu dem Zeitpunkt ältester Mensch im Weltraum. In 106 Kilometern Höhe erlebten die Passagiere wenige Minuten Schwerelosigkeit im All. Es war der Tag, an dem sich die erste Mondlandung zum 52. Mal jährte.

Seitdem startete Blue Origin zwei weitere Ausflüge – am 26. August und am 13. Oktober 2021. Gerade dieser dritte Flug sorgte für ordentlich Publicity, brachte er doch Captain-Kirk-Darsteller William Shatner – 90 Jahre alt! – ins All. Jeff Bezos dürfte es da nur wenig gestört haben, dass wenige Tage vor seinem ersten Flug der Milliardär Richard Branson mit seiner Weltraumfirma Virgin Galactic schon „oben“ war – allerdings „nur“ auf einer Höhe von 80 Kilometern.

Und Elon Musk? Den dürfte das noch viel weniger gestört haben, denn er verfolgt mit SpaceX einen ganz anderen Ansatz. Im September kreisten vier Touristen, ohne professionelle Astronauten an Bord, für drei Tage um die Erde und stiegen dabei sogar höher als die Raumstation ISS. Die Süddeutsche Zeitung und viele weitere überregionale Medien berichteten darüber. Die „Inspiration4“ genannte Mission geht also deutlich weiter als das, was Jeff Bezos seinen Kunden anbietet. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass die Wissenschaft hier kein Duell auf Augenhöhe sieht.

SpaceX

Der Physiker Michio Kaku sagte in einem Interview mit Fox Business, dass man hier nicht von einem „Kopf-an-Kopf-Rennen, wie es die Medien gerne darstellen würden“, sprechen könne. „SpaceX hat einen enormen Vorsprung vor Blue Origin. Sie haben die Erde schon mehrmals umrundet, sie fliegen zur Raumstation. Der letzte Start von SpaceX ging sogar am Hubble-Weltraumteleskop vorbei, so weit reichte er ins All,“, so Kaku weiter. Es gehe nicht mehr darum, „drei Minuten in die Luft zu gehen und wieder herunterzukommen. Nein, wir reden jetzt über den Mond“.

Medial inszeniertes Wettrennen?

Kann man da überhaupt von einem echten Wettrennen, vom „Billionaire Space Race“, sprechen? Oder ist das alles vielmehr medial inszeniert? Clickbait in großem Maßstab? Alison Winch und Ben Little kommen in ihrem Buch „Die neuen Patriarchen des digitalen Kapitalismus – berühmte Tech-Gründer und Machtnetzwerke“ genau zu diesem Schluss. SpaceX und Blue Origin seien gar keine Wettbewerber, sondern hätten sich den Markt längst geteilt und sich in den entsprechenden Sparten gegenseitig eine Monopolstellung verschafft. Beide arbeiten an Weltraumtechnologie, aber der eine wolle den Tourismus etablieren (Bezos) und der andere wolle zum Mars (Musk).

In einem Beitrag für The Conversation erläutert Mitautor Ben Little anschaulich, warum der Wettkampf für ihn nur ein medial befeuerter ist. Die Öffentlichkeit wolle das inszenierte „Space Race“ als Wettkampf sehen, das stilisierte Duell von Musk und Bezos verfolgen. Das spiegelt sich etwa auch im Kampf um die Position des reichsten Menschen der Welt wider. Regelmäßig veröffentlicht Forbes die aktuelle Liste, in den vergangenen Jahren wechseln sich Elon Musk und Jeff Bezos an der Spitze ab. Für die Männer selbst dürfte das vermutlich kaum Relevanz besitzen, das Interesse der Leserinnen und Leser an den entsprechenden Meldungen zeigt aber – die Öffentlichkeit findet es spannend.

Medien und Öffentlichkeit würden demzufolge gar nicht danach fragen, wie sinnvoll die Weltall-Expansion, die technischen Entwicklungen und der nachhaltige Fortschritt sind – solange sie zwei Konzern-Magnaten beim Gegenseitig-Überbieten zuschauen können. Dass beide Unternehmen zumindest ab und an tatsächlich in Wettbewerb zueinander stehen – wie bei der Vergabe eines NASA-Auftrags, den SpaceX Blue Origin wegschnappte – ist dann zusätzliches Wasser für die Medien-Mühlen.

Milliardäre in der Kritik

Das Interesse ist aber auch deswegen so groß, weil Elon Musk und Jeff Bezos einerseits exemplarisch für den totalen Turbokapitalismus der heutigen Zeit stehen und andererseits in ihrer Position als Multimilliardäre nicht eben bescheiden mit ihrem Status umgehen. Es ist eine Sache, den Männern vorzuwerfen, sie würden mit ihrem teuren Hobby das Geld, das sie ohnehin nicht mehr zählen können, zum Weltall rauswerfen, anstatt damit zum Beispiele die Probleme anzugehen, die wir in vielfältiger Weise auf dieser Erde haben.

Der technologische und wissenschaftliche Fortschritt spielt bei touristischen Ausflügen ins All freilich eine eher untergeordnete Rolle, fraglos haben gerade Blue Origin und SpaceX die technologische Entwicklung abseits der Spaßflüge in den vergangenen Jahrzehnten aber auch enorm vorangebracht. Kritisch wird es aber, wenn etwa Jeff Bezos nach seinem Flug allen Amazon-Mitarbeitern und -Kunden dankt, die „für all das hier bezahlt haben“. Wenn Amazon-Mitarbeiter seit Jahren über schlechte Arbeitsbedingungen, ungenügende Bezahlung und massiven Druck – der mitunter sogar zum Pinkeln in eine Flasche zwingt – klagen, dann wirkt eine solche Aussage, kurz nachdem vier Menschen im All waren, die zehntausende Dollar für einen Kurztrip bezahlt haben, geradezu perfide. Dass die Bedingungen bei Blue Origin darüber hinaus ähnlich diskussionswürdig sein sollen wie bei Amazon und Bezos seine Vorstellungen mit harter Hand und ohne Rücksicht auf Sicherheit vorantreiben soll, spricht Bände.

Gefahr durch Musks Starlink-Satelliten?

Von Kritik ist auch SpaceX nicht verschont, vor allem, wenn es um die fehlende Rücksicht auf Verluste geht. Ganz konkret steht etwa das Satellitenprojekt Starlink im Fokus. Elon Musk will 42.000 Satelliten in eine niedrige Erdumlaufbahn schießen, um so weltweit schnelles Internet per Satellit anzubieten. Satellitenbetreiber und Weltraumkonzerne warnen dabei vor unkalkulierbaren Risiken. Mark Dankberg, Executive Chairman von Viasat, prognostizierte im Handelsblatt: „Das wird früher oder später in einem Desaster enden.“ Zudem werde ein „Umweltdesaster“ im Weltraum befürchtet. Wenn zehntausende Satelliten in einer niedrigen Erdumlaufbahn herumschwirren, seien Kollisionen nicht unwahrscheinlich.

Die Zukunftspläne von Blue Origin und SpaceX

Von der Kritik werden sich Musk und Bezos gewiss nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Planspiele für die kommenden Jahre sind bunt. SpaceX ist mit der Mondlandefähre Starship am Artemis-Programm beteiligt, das 2025 wieder Menschen auf den Mond bringen soll. Mit der NASA hat das Unternehmen am 24. November den Double Asteroid Redirection Test (DART) gestartet, mit dem in Zukunft auf die Erde zusteuernde Asteroiden per Rakete gestoppt werden sollen. Der Start wurde per Video festgehalten.

DART

Blue Origin will mit dem Orbital Reef eine private Raumstation im All aufbauen. Die soll zunächst zehn Bewohnern Platz bieten und kommerziellen Raumfahrtunternehmen die Teilnahme ermöglichen. Verschiedene Module für Wissenschaftler, Unternehmen oder auch Touristen sollen das Orbital Reef sukzessive erweitern. Und hier kommt auch wieder Bezos’ Wunsch nach der Normalität des Lebens im Weltall zum Tragen. Blue-Origin-Chef Brent Sherwood will „das kommerzielle Geschäft in diesem Jahrzehnt“ voranbringen. Kosten sollen fallen und alle Dienstleistungen und Annehmlichkeiten sollen bereitgestellt werden, „die für die Normalisierung der Raumfahrt erforderlich sind.“

Bezos: Erde wird irgendwann zum „Nationalpark“

Irgendwann, so schrieb kürzlich der Stern, erwartet Jeff Bezos das Leben im All als den Normalzustand. „In den nächsten Jahrhunderten werden immer mehr Menschen, vielleicht die meisten Menschen, im All geboren werden, das wird ihre Heimat sein“, so Bezos. Er, und darauf besteht Bezos, gebe zwar weit mehr Geld für die Erde als für den Weltraum aus, etwa über den Bezos Earth Fund. Aber irgendwann werde die Erde eher ein „Nationalpark“ als der Mittelpunkt des Lebens sein. Man müsse ins All gehen können, um diesen Planeten schützen zu können.

Vorerst aber bleibt es beim Tourismus: Am 9. Dezember startet die Rakete New Shepard 9 den nächsten Kurztrip auf etwa 100 Kilometer Höhe. Mit dabei ist diesmal Laura Shepard Churchley, die Tochter von Alan Shepard – seinerseits Namenspate für die Raketen von Blue Origin. Klar ist jetzt schon: Das mediale Echo wird wieder groß sein.

Über den Autor

Christoph Pech
Christoph Pech Experte für: Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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