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Kolumne

Wie viel Beschleunigung brauchen wir eigentlich noch?

Veröffentlicht: 05.07.2019 | Autor: Tina Plewinski | Letzte Aktualisierung: 08.07.2019
Uhr, die sich auflöst

Es herrscht Hektik. Und zwar immer und überall. Verstehen Sie mich nicht falsch: Bis zu einem gewissen Grad liebe ich diese Hektik. Man könnte sie quasi als Ausdruck und essenziellen Bestandteil unserer Zeit betrachten. Sie bestärkt uns in dem Gefühl, dass die Welt in einem stetigen Wandel ist, dass es immer vorangeht und man nie in einem Sumpf aus Tristesse, Langeweile oder Monotonie untergeht. Die Hektik zieht mich mit, bestärkt mich zu immer neuen Leistungen. Sie treibt mich an und macht mich – so denke ich – auch besser.

Lieferdienste als Segen für den Müßiggänger

Aber natürlich hält man dieser Hektik nur eine gewisse Zeit stand. Nach einem langen Arbeitstag dürstet mein Kopf nach Erholung, nach Ruhe und auch nach Müßiggang. Dann möchte ich fern von Zeitdruck in seligem Nichtstun schwelgen und eben auch der ewigen Beschleunigung entkommen.

In solchen Zeiten genieße ich es gelegentlich auch, mich nicht ums Kochen kümmern zu müssen. Lieferdienste machen einem das Leben so viel leichter! Sie sind ein Geschenk der heutigen Zeit an alle stressgeplagten Menschen, die um jede freie Minute ringen! Perfekt für mich! Zwei bis drei Klicks – und schon sind die geliebten Bratnudeln, die krosse Pizza oder der deftige Salat auf dem Weg zu mir. So einfach ist das.

Umso verwunderlicher finde ich den neuen Service, den Uber kürzlich gestartet hat: Im Rahmen des Essensdienstes „Uber Eats“ gibt es nun nämlich auch eine neue Dine-in-Funktion. Diese ermöglicht es Nutzern, sich Essen im Restaurant vorzubestellen und zu bezahlen. Dann muss der Nutzer nur noch fix ins Restaurant gehen und kann OHNE WARTEZEIT das gewählte Gericht essen und *schwubb-di-wubb* wieder gehen.

Ganz ehrlich? Eine Horrorvorstellung!

Restaurants sind für mich nicht unbedingt ein Ort der Ruhe. Denn je nach Lokalität kann auch dort Trubel herrschen. Als Gast sind sie für mich allerdings ein Hort des Friedens – hier kann ich stundenlang sitzen, mich unterhalten, mich im Angebot verlieren, neue lukullische Abenteuer erleben und zur Ruhe kommen. Warum sollte ich mir diesen Spaß nehmen lassen, indem ich diese Erlebnisse durch eine Vorbestellung auf ein Minimum verkürzte?

Wenn ich schnelles Essen möchte, kann ich es mir doch auch nach Hause liefern lassen. Dann müsste ich nicht noch den Weg ins Restaurant auf mich nehmen. Und wenn ich Restaurants liebe, wieso sollte ich dann den Aufenthalt so derart unnatürlich gestalten und beschleunigen?

Selbst für Geschäftsessen ist eine Vorbestellung aus meiner Sicht nicht ganz sinnvoll. Vielleicht trifft man den Geschmack des Geschäftspartners bzw. Kollegen nicht... Außerdem nimmt man sich auf diesem Weg ein wichtiges Gesprächsthema, das den gemeinsamen Termin durchaus auflockern kann: ein Gespräch über die Wahl des Essens.

Sicher wird sich Uber etwas bei dem neuen Service gedacht haben. Und wie TechCrunch berichtet, sucht das Unternehmen laut eigenen Aussagen nach immer neuen Wegen, das Erlebnis für die Kunden zu verbessern. Doch ich persönlich würde eine solche Vorbestellung als verpasste Gelegenheit wahrnehmen. Denn manchmal geht es einfach nur darum, das Hier und Jetzt zu genießen und der Beschleunigung der Welt eine Absage zu erteilen. Und wo könnte man dies besser tun als im Restaurant?

Über den Autor

Tina Plewinski Experte für Amazon

Bereits Anfang 2013 verschlug es Tina eher zufällig in die Redaktion von OnlinehändlerNews und damit auch in die Welt des Online-Handels. Ein besonderes Faible hat sie nicht nur für Kaffee und Literatur, sondern auch für Amazon – egal ob neue Services, spannende Technologien oder kuriose Patente: Alles, was mit dem US-Riesen zu tun hat, lässt ihr Herz höherschlagen. Nicht umsonst zeigt sie sich als Redakteurin vom Dienst für den Amazon Watchblog verantwortlich.

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