Brandbrief an Angela Merkel

„Das Sterben der Innenstädte ist in vollem Gange.“

Veröffentlicht: 18.02.2021 | Geschrieben von: Michael Pohlgeers | Letzte Aktualisierung: 19.02.2021
Leere Münchner Innenstadt

Wie steht es um die stationären Geschäfte in den Innenstädten? Zumindest der Grünen-Politiker Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, hat seine Sorge um die Zukunft der Händler in einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Ausdruck gebracht: „Das Sterben der Innenstädte ist in vollem Gange“, habe Palmer geschrieben, berichtet die Welt. Es sei „von herausragender Bedeutung für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und kann nicht mehr warten“, die Innenstädte zu retten.

Palmer spreche von „verzweifelten Berichten“, die ihn erreichen. Gewerbetreibende und Kulturschaffende würden zunehmend in die Insolvenz getrieben, weil die Geschäfte, Restaurants und Kulturstätten seit November 2020 geschlossen bleiben müssen. Die versprochenen Finanzhilfen kämen nicht rechtzeitig und nicht existenzsichernd an, warnte der Tübinger-Oberbürgermeister.

Der Lockdown „trifft die Branche ins Mark“

Die dramatische Situation des stationären Einzelhandels wurde auch vom Adler-Vorstandschef Thomas Freude skizziert. Adler selbst ist in die Insolvenz gerutscht – Freude zufolge als Auswirkung der Lockdowns, berichtet die WirtschaftsWoche. Der Mode-Händler ist dabei nicht das einzig betroffene Unternehmen: Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn, Appelrath Cüppers, Escada und Hallhuber hatten im vergangenen Jahr ebenfalls Insolvenz anmelden müssen.

Sanierungsexperte Christian Gerloff, der von Adler eingesetzt wird, warnte vor weiteren Insolvenzen im Mode-Handel. Jeder weitere Tag des Lockdowns „trifft die Branche ins Mark“, so Gerloff, der noch drastischer wird: „Das ist im Grunde so, als würde man einen Ertrinkenden unter Wasser halten und ihm raten: ‚Halt noch fünf bis zehn Minuten durch, aber dann kannst Du wieder richtig Luft holen.‘“ Sollte der Lockdown bis Ostern dauern, werde es dem Sanierungsexperten zufolge „ein Blutbad in der Branche“ geben.

Palmer schlägt höhere Mehrwertsteuer für Online-Händler vor

Palmer spreche sich dafür aus, dass Geschäfte möglichst bald mit „guten Hygienekonzepten“ öffnen dürfen. Ab einer Inzidenz von unter 35 sollen Lockerungen durchgeführt werden, schlägt der Grünen-Politiker vor. Um Zugang zu den Innenstädten und Geschäften zu erhalten, soll Palmer zufolge ein negativer Schnelltest nachgewiesen werden. In den vergangenen Wochen mehrten sich allerdings auch Stimmen, die eine Inzidenz von 10 oder weniger als Voraussetzung für Lockerungen fordern – gerade im Hinblick auf die sich aggressiv verbreitende Virus-Mutante B.1.1.7. 

Damit der stationäre Handel bessere Chancen erhält, schlägt Palmer der Welt zufolge einen höheren Mehrwertsteuersatz von 25 Prozent für den Online-Handel vor. Damit ist der Tübinger Oberbürgermeister nicht allein: Eine Sondersteuer für den Online-Handel gab es schon von verschiedenen Politikern. Kritik an einer solchen Steuer kommt unter anderem vom Händlerbund: Viele kleine und mittelständische Unternehmen nutzen den Online-Kanal, um in der Krise nicht unterzugehen. Sie wären von einer höheren Besteuerung ebenso getroffen wie die (amerikanischen) Konzerne, auf die diese Überlegung offenbar abzielt. 

Neben Palmer hat auch der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd, Richard Arnold, sowie der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer den Brandbrief unterzeichnet.

Über den Autor

Michael Pohlgeers Experte für: Marktplätze

Micha gehört zu den „alten Hasen“ in der Redaktion und ist seit 2013 Teil der E-Commerce-Welt. Als stellvertretender Chefredakteur hat er die Themenauswahl mit auf dem Tisch, schreibt aber auch selbst mit Vorliebe zu zahlreichen neuen Entwicklungen in der Branche. Zudem gehört er zu den Stammgästen in den Multimedia-Formaten OnAir und OnScreen.

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Kommentare  

#14 Lohrer Mopper 2021-02-19 11:14
Für das „Das Sterben der Innenstädte“ ist nicht allein der Online-Handel schuld.
Die Discounter am Stadtrand ziehen die Menschen aus den Innenstädten ab.

In den siebziger Jahren war in unserem kleinen Provinzstädtche n der Aldi (Süd) in der Innenstadt, durfte jedoch keine frische Back- und Wurstwaren verkaufen. Da war die Innenstadt sehr belebt. Bäcker, Metzger und sogar ein Fischhändler hatten gute Umsätze. Fachgeschäfte für z.B. Kleidung, Musikalien und Haushaltswaren kamen gut über die Runden.

Per Versandhandel (so hieß es damals) wurde nur gekauft, was es vor Ort nicht gab.

Die Politiker der selben Fraktionen, die damals die Baugenehmigunge n für die Großmärkte am Stadtrand erteilt haben jammern heutzutage über das "Sterben der Innenstädte".
Bestimmt werden die Einnahmen der geplanten Sondersteuer dann gerecht unter den Einzelhändlern verteilt.


Faszinierend!
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#13 Thomas 2021-02-19 10:14
Was erlauben sich diese Politiker? Das Städtesterben hat schon vor über 20 Jahren begonnen. Die aktuelle Krise beschleunigt das Sterben nur. Der Onlinehandel wächst seit Jahren und diese Entwicklung des Einkaufsverhalt ens ist auch nicht mehr aufzuhalten. Immer mehr Menschen nutzen ihre immer begrenztere Freizeit für Ihre ureigenen persönlichen Bedürfnisse, wie das Zusammensein mit der Familie, den Sport oder andere Hobbys. Sie haben immer weniger Zeit zum Einkaufen im herkömmlichen Sinne. Wenn heute „shoppen“ gegangen wird, wird daraus ein Event, ein Einkaufserlebni s gemacht. Die alltäglichen Dinge des Lebens werden immer häufiger über das Internet bestellt. Dies spart Zeit, ist stressfrei und die Ware muss nicht mühsam nach Hause gebracht werden. Wollen die Politiker den Bürger nun 20 Jahre "zurückdrehen" und im das Einkaufen wie vor 20 Jahren vorschreiben, nur um ihr eigenes Versagen in Bezug auf Städteplanung etc. zu verschleiern. Dieser "Eventeinkauf" bedeutet auch eine Anpassung in den Einkaufsmeilen, Fussgängerzonen etc., soll heißen Außengastronomi e usw. muss ohne große bürokratische Hürde möglich sein - dann holt man auch wieder Leben in die Städte. Aber warum sollten Politiker vor ihrer eigenen Türe kehren, wenn es doch viel einfacher ist, jemand anderem den schwarzen Peter zuzuschieben.
Und ganz nebenbei, wer heute als mittlerer Ladener keinen Onlineshop, oder wenigstens eine Webseite hat, hat auch irgendwie verschlafen, dass wir uns im Jahre 2021 befinden, Corona hin oder... her...
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#12 JUS 2021-02-19 09:48
Typisch unsere Politiker!

Haben absolut keine Ahnung was an so einem Onlinehandel dranhängt, geschweige was es kostet.
Ich kann nur noch mit dem Kopf schütteln.
Wir bezahlen Gewerbesteuer, Umsatzsteuer, Einkommenssteue r, Grundsteuer, Sozialabgaben, Gehälter, Lieferanten, IHK, BGHW, GEZ, reclay, Wasser, Strom, Telefon, Kartonage, Speditionen, Porto, Folien Arbeitsschutz, Steuerbüro, eventuell Kredite - was will die unfähige Politik von uns?
Ich habe es gezählt, bei uns sind es über 40 Positionen die Geld wollen, Geld bekommen wir nur von einer einzigen Pos. dem Kunden.
Also Herr Palmer, jetzt sprechen Sie mal in Ihrer Stadt mit ansässigen Onlinehändlern über Ihren Vorschlag und wenn die Hurra schreien können sie sich wieder melden!

Bis denne.
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#11 Mark Mertens 2021-02-19 09:41
Herr Palmer, wenn Sie es nicht gewusst haben, die Umsatzsteuer für die Onlineshops bezahlt der Kunde. Ja ja, der vorher einen Job hatte in der Innenstadt, das Sie gesprerrt haben. Das ist schon der Hammer.
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#10 Simon Michaelis 2021-02-19 09:39
Wie wäre es denn mit einer Besteuerung für Unternehmen aus dem Online Handel, die wirtschaftlich so gut aufgestellt sind, dass es kein Problem wäre. Vor allem Unternehmen die nahezu eine Monopolstellung haben a la Amazon, Google & Co.? Also ein höherer Mehrwertsteuers atz für den Online-Handel bei Unternehmen die z.B. mehr als 100 Millionen Euro im Jahr verdienen? Sodass nicht Kleinunternehme r oder eben Mittelständer damit belastet werden, sondern eben Großkonzerne zur Kasse gebeten werden.
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#9 Bettina Lohse 2021-02-19 09:39
Das Sterben der Innenstädte existiert doch nicht erst seit Corona. Da sollten sich die Bürgermeister*i nnen mal Gedanken machen.
Ich persönlich kaufe seit Jahren viel online, da es in meiner Umgebung kaum noch stationäre Händler gibt.
Beispiel Bischofswerda in Sachsen!!
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#8 Oliver 2021-02-19 09:33
So lange auch und gerade in Tübingen horrende Ladenmieten gefordert werden scheint es immer noch zu viele Gewerbetreibend e zu geben die sich diese leisten können oder so unqualifiziert sind das es, unabhängig von Pandemie & Co, einfach nicht zur Selbstständigke it reicht.

Übrigens wurde in den letzten Jahrhunderten vor allem dort Handel betrieben wo sich Verkehrswege trafen. Da verwundern doch die Konzepte welche seit Jahrzehnten in Tübingen den Handel an eben diesen Verkehrswegen untersagen und versuchen die Verkäufer in die Altstadt zu zwingen wo weder ausreichend große Flächen noch die für einige Sortimente notwendige gute Verkehrsanbindu ng gegeben ist (der Busverkehr ist unbestritten sehr gut - aber diese Art der Anreise läd doch eher zum bummeln und nicht zum großen einkaufen ein)
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#7 tom 2021-02-19 09:32
wie schaut es denn mit Preisstabilität aus? - ein Ende der Rabattschlacht. Das wäre ein Segen für Umwelt und Nachhaltigkeit.
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#6 Frank 2021-02-19 09:24
Das ist mal wieder typisch, mit solchen Vorschlägen wird mal wieder versucht das jahrelange Missmanagement unserer Politiker auszugleichen. Die Damen und Herren scheinen zu vergessen das die Onlinehändler jetzt schon einen erheblichen Teil an Steuern bezahlen und damit auch Kostenträger der einzelnen Städte und Kommunen sind.
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#5 gunnar 2021-02-19 08:42
das mit den mieten ist das große problem.
wer will schon nur noch an technik, döner , cafes und klamottenläden lang laufen.?
schön langweilig.!
kleine läden die mit nippes , antik und trödel, spielzeug, schuster, fischhändler, kleine kneipe und anderen mit kleinen dingen, die nur wenig umsatz machen, davon kann sich keiner mehr die horrenden mieten leisten.
man sollte einfach den investoren mal eine schranke setzen, die mieten reduzieren und leerstand nicht mehr steuerlich absetzbar machen.
nicht der wahnsinn, das mieten zum teil von steuergelder jetzt bezahlt werden sollen.
den vermieter freut es ohne ende und die preise steigen dann wieder.
dann klappt das auch mit den innenstädten.
dazu dann ein paar parkplätze die auch gleich um die ecke sind.
ich kann nur sehr wenig tragen, also alles was etwas mehr ist, oder schwerer, muß ich im internet bestellen.
und von mir bis in die nächste stadt, mit bus und bahn, da komme ich dann zum feierabend an.
lang leben die autofreien städte.
vor 10/ 15 jahren war ich 2-3x die woche in hamburg, heute nur noch 2x im jahr, wenn ich woanders keinen arzt finde. und dann schnell wieder raus.
karton wein durch die fußgängerzone schleppen :-(( super.
heutzutage versuche ich dann alles hier auf den dörfern / kleinstädte zu finden, vieles verzichte ich einfach drauf, den rest versuche ich auf webseiten kleiner firmen zu finden.
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