Alles wird teurer

Darum fürchten wir die Inflation

Veröffentlicht: 20.07.2022 | Geschrieben von: Patrick Schwalger | Letzte Aktualisierung: 20.07.2022
Gezeichneter Mann hält Dollar-Schein unter dem Arm, der sich auflöst

Derzeit vergeht kein Tag ohne Nachrichten zur Inflation. Rekordwerte hier, düstere Aussichten dort, historische Ausmaße wohin man nur schaut. Die Menschen sorgen sich um ihr Erspartes, ihr Vermögen, ihren Job und um die Wirtschaftskraft Deutschlands. Trotzdem könnten viele Menschen nicht in einem Satz erklären, was Inflation eigentlich ist und viele Zusammenhänge sind kompliziert und unklar. Deshalb haben wir uns das Thema genauer angeschaut. 

Inflationsrate beschreibt, wie stark die Preise steigen

Inflation ist die Teuerung von Waren und Dienstleistungen. Ihre Entwicklung wird mithilfe der Inflationsrate in Prozent beschrieben. Die Inflationsrate zeigt, in welchem Umfang die Preise für Waren und Dienstleistungen in einem bestimmten Zeitraum angestiegen sind. Meistens wird ein Zeitraum von einem Jahr gewählt, um die Inflation zu messen. Als im Juni 2022 die Inflationsrate bei 7,6 Prozent lag, bedeutete das also, dass die Preise im Vergleich zum Juni 2021 um 7,6 Prozent angestiegen sind. 

Krieg in der Ukraine und Corona-Pandemie sorgen für hohe Inflation

Die Gründe für die aktuelle hohe Inflation sind vielfältig. So sorgt die russische Invasion der Ukraine für steigende Energiepreise, weil die Produktionskosten auf allen Stufen gestiegen sind. Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie ein Preistreiber. Etwa in der Gastronomie oder bei anderen Dienstleistungen, die während der Pandemie wenig bis gar nicht arbeiten konnten, sind die Preise gestiegen. 

Auch bei Zulieferern und anderen vorgelagerten Produktionsstufen sind die Kosten insgesamt nach oben geschossen. Ein Grund dafür sind Lieferengpässe und Verknappungen bei bestimmten Gütern, wie derzeit etwa bei Computerchips. Die Engpässe bei gleichzeitiger hoher Nachfrage lassen die Preise für Unternehmen in die Höhe schießen und werden direkt an die Kundschaft weitergegeben. 

Hohe Inflation führt zu Geldwertverlust

Das Problem ist dabei natürlich, dass sich für Verbraucherinnen und Verbraucher alles verteuert, während ihre Löhne nicht ebenso schnell steigen wie die Preise. Das Tempo ist dabei entscheidend. Denn natürlich steigen die Preise konstant, aber normalerweise wünscht man sich hier im Euroraum eine Inflationsrate von 2 Prozent. Dann kommen auch die Löhne hinterher und entwickeln sich in einer angemessenen Geschwindigkeit gemeinsam mit den Preisen. 

In einer hohen Inflation rennen aber die Preise davon. Das Ersparte wird immer weniger wert, weil alles teurer wird. Aus Sorge für dieser Geldentwertung tauschen viele Menschen ihr Geld vom Konto in Sachwerte ein. Auch das kann zu Problemen für das Wirtschaftswachstum führen, weil den Banken dann weniger Kapital zur Verfügung steht, das Unternehmen mittels Krediten für Investitionen geliehen werden kann.

Lohn-Preis-Spirale droht

Die Inflation droht sich immer weiter selbst zu verstärken. Denn wenn die Preise steigen, handeln sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer höhere Löhne aus, um sich wieder mehr leisten zu können. Das regt zum einen die Nachfrage an und erhöht zum anderen die Kosten für Unternehmen. Als Folge steigen die Preise und die Menschen wollen wieder höhere Löhne und Unternehmen erhöhen die Preise und so weiter und so weiter. Eine Lohn-Preis-Spirale kann entstehen, in der kein Ende gefunden wird. 

Deshalb sind Erwartungen eine entscheidende Stellschraube bei einer hohen Inflation. Solange die Marktteilnehmer erwarten, dass die Inflationsrate weiterhin steigt, werden sie entsprechend handeln. Das Ziel der Politik muss also sein, dafür zu sorgen, dass die Inflationserwartungen sinken und sich die Preis- und Lohnentwicklung beruhigen. 

EZB will den Leitzins erhöhen

Ein Mittel, um die Inflationserwartungen zu senken, ist eine Leitzinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB). Das hat die EZB für Juli angekündigt – dann soll der Leitzins von 0,0 Prozent auf 0,25 Prozent steigen. Durch die Zinserhöhung werden Kredite für Unternehmen sowie Verbraucherinnen und Verbraucher teurer und werden dementsprechend seltener aufgenommen. Weil das die Nachfrage insgesamt senkt, soll die schnelle Preissteigerung gestoppt werden. 

Ob die Leitzinserhöhung im Juli wirklich einen großen direkten Effekt haben wird, ist derzeit aber umstritten. Zu spät und zu niedrig sei die Erhöhung. Zudem ist die Zinserhöhung vor allem ein Mittel gegen eine Inflation, die durch Nachfrage bedingt ist. Die aktuelle hohe Inflation ist aber durch Knappheit von Gütern angetrieben und daran könne die EZB nichts ändern, wie Michael Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft im Deutschlandfunk erklärte. Als Signal gegen die Lohn-Preis-Spirale sei die Zinserhöhung aber richtig, denn die Inflationserwartungen werden durch das Aktivwerden der EZB gesenkt.

Darum fürchten wir die Inflation

Die Angst vor einer hohen Inflation ist die Angst vor Wohlstandsverlust. Viele Menschen müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie sich von ihrem Geld weniger kaufen können. Eine entsprechende Lohnerhöhung erhalten nicht alle. Gerade Menschen mit geringem Einkommen sind betroffen. Und wer Rente oder Sozialleistungen bezieht, kann nicht auf eine kurzfristige Anpassung der Beträge hoffen. 

Hinzu kommt die Ungewissheit über die weitere Entwicklung. Wann hören die Preissteigerungen auf? Kostet eine Paprika bald 5 Euro? Werden sich die Heizkostenabschläge verdreifachen? Auf letzteres sollte man sich vorbereiten, rät der Verbraucherzentrale Bundesverband. Gleichzeitig fürchten Unternehmen, dass sie sich die Energie- und Rohstoffkosten für ihre Waren und Dienstleistungen nicht mehr leisten können.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. Noch ist die deutsche Wirtschaft ausreichend von einer Lohn-Preis-Spirale entfernt. Um die Inflation bereinigt sind die Löhne in Deutschland während des ersten Quartals 2022 sogar um 1,8 Prozent gesunken. Und auch andere Katastrophenszenarien liegen derzeit noch in weiter Ferne. Damit es so bleibt, werden sich Politik, Notenbanken und Wirtschaft in den nächsten Wochen und Monaten stark anstrengen müssen.

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Über den Autor

Patrick Schwalger
Patrick Schwalger Experte für: EU- und Bundespolitik

Patrick ist Politik-Experte beim Händlerbund und schreibt regelmäßig als Gastautor auf OHN. Er hat in verschiedenen politischen Kontexten in Brüssel und Köln gearbeitet und kennt die Politik von allen Seiten. Für den Händlerbund bearbeitet er die politischen Entwicklungen, die den Online-Handel bewegen und informiert darüber auf OHN.

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Kommentare  

#1 Karl Ranseier 2022-07-20 14:09
Also beim letzten Absatz wird mir anders: "Um die Inflation bereinigt sind die Löhne in Deutschland während des ersten Quartals 2022 sogar um 1,8 Prozent gesunken."
Bei "gemessen" 7% und faktisch deutlich über 10% Inflation bedeutet das einen Anstieg der Löhne um ca. 5%. Das ist aber schon deutlich über dem Inflationsziel von 2%! Eine Spirale hat man übrigens immer, auch wenn sich alles nur in 0,5% Schritten bewegt. Wenn die Löhne hinter der Inflation zurückbleiben, dann ist das eine Entwertung nicht nur von bestehendem Barvermögen, sondern auch eine Entwertung von Arbeitskraft.
Und das bedeutet Kaufkraftverlus t und das wiederum bedeutet letzten Endes Firmenpleiten in allen Bereichen, die nicht essentiell sind. Daraus folgt höhere Arbeitslosigkei t und noch weniger Wohlstand. Ein schwächerer Euro kommt auch noch dazu, was wiederum für Kaufkraftverlus t sorgt und spätestens jetzt sind wir in einer Schleife.
Das ist ja mal eine wirklich gute Nachricht!
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