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Interview mit Stefan Vogt zu Alexa

„Datenschutz haben wir alle selbst schon über Bord geworfen“

Veröffentlicht: 03.12.2019 | Autor: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 04.12.2019
Mann mit Headset

Sprachassistenten wie Alexa sind auf dem Vormarsch. Nicht nur im privaten, sondern auch im Geschäftsbereich sollen digitale Helfer wichtiger werden. Das Würzburger Unternehmen Priotic hat sich auf den Einsatz von Alexa und Co. in der Logistik spezialisiert. Der Firmenname Priotic kommt von „Priority“ und „Logistic“. Im Interview spricht Priotic-Geschäftsführer Stefan Vogt über Einsatzmöglichkeiten und Gefahren – und warum wir alle beim Datenschutz selbst schon versagt haben.

OnlinehaendlerNews: Wie kann man sprachbasierte Assistenten in der Logistik einsetzen?

Stefan Vogt: Wir bieten im weitesten Sinne die Anbindung von Sprachsteuerung für Geschäftsprozesse an. Wir kommen aus der Logistik, deshalb war es das Naheliegendste, einen intelligenten Lagerleitstand zu entwickeln. Dort kann ich via Sprachsteuerung Kennzahlen abfragen und Prozesse anstoßen, ohne dass ich auf einer Oberfläche oder per App Knöpfe drücken muss. Im operativen Geschäft zeigt sich, dass die wenigsten Verantwortlichen in dem Bereich die meiste Zeit an ihrem Schreibtisch verbringen, da ist immer Bewegung im Spiel: Die laufen auf dem Shopfloor rum und versuchen, Probleme zu lösen. Wenn ich da eine Frage habe, dann sage ich doch lieber „Wie ist mein Lagerfüllgrad?“ oder „Wann kommt die nächste Anlieferung?“ Es gibt in unserem speziellen Bereich noch gar nicht so viele Unternehmen und wir wollen zum führenden Anbieter für Sprachsteuerungssoftware für Geschäftsanwendungen werden.

Was war der konkrete Anlass für die Gründungsidee?

Meine zwei Kollegen und ich, wir kommen alle aus der SAP-Logistik. Man kann über SAP sagen, was man will, aber prozess-seitig funktioniert das. Oft scheitert es nach unserer Sicht aber an der Benutzeroberfläche. Wir haben uns dann mit Alexa und den anderen Sprachassistenten befasst und gesagt, das gefällt uns – lasst uns doch in der Richtung was machen. Es gibt ja in der Logistik schon Pick-by-Voice-Systeme, mit denen ich Kommissionierung per Sprache abwickeln kann – aber außerhalb dieses Bereiches gibt es nichts. Wenn die Leute zu Hause schon mit einem solchen Assistenten ihre Rollos, Lampen und Heizung steuern – warum sollte man das dann nicht auch im Unternehmen tun? 

Stefan Vogt

Wer sind Ihre Kunden?

Überall da, wo Sachen bewegt werden, im Normalfall Logistiker, aber auch E-Commerce-Unternehmen. Aber in der Logistik sind wir zu Hause, da kennen wir uns aus, deshalb haben wir das als erstes Feld beackert. Es kamen jetzt aber auch schon erste Anfragen aus dem Bereich Instandhaltung. 

Wie schätzen Sie die unterschiedlichen Sprachassistenten ein – kann man sagen, in einem Logistik-Bereich ist z.B. Alexa besser als Cortana?

In der westlichen Welt sind natürlich die Assistenten von Amazon und Google am stärksten in dem Bereich vertreten. In China hat Alibaba einen eigenen Sprachassistenten und sind da vorne mit dabei. Apples Siri war zu Beginn sehr stark, hat dann aber in der Funktionalität nachgelassen, da wurde wenig an Entwicklung reingesteckt. Aber Google und Amazon sind im Bereich Spracherkennung – also das gesprochene Wort in Text wandeln und daraus den Sinn zu ermitteln – in Führung. 

Voice Commerce: „Die große Welle kommt erst noch“

Voice Commerce steht gefühlt seit Jahren immer wieder vor dem Durchbruch, ist bis jetzt aber noch immer nicht richtig angekommen. Wie schätzen Sie den Trend ein? 

Die große Welle kommt erst noch. Es ist beim Voice Commerce wie beim Smartphone: Es dauert eine Weile, bis das in der Gesellschaft eine komplette Durchdringung erreicht. Vor allem Ältere lassen sich auf das Thema Sprachassistenten ein ...

... aber eigentlich ist doch gerade diese Gruppe in Sachen Digitalisierung eher spät dran?

Bei den Mittelalten gibt es eher weniger Interesse. Aber die Generation, die nicht mit PCs aufgewachsen ist, ist eher bereit, Sprachassistenten zu verwenden – und auch Millennials, die sowieso schon technikaffin sind. Die Generation, die jetzt heranwächst und die schon eine Alexa vorfinden, wenn sie zu sprechen anfangen, die das gewohnt sind, eine Kiste zu haben, der ich Befehle geben kann – für die wird das später vollkommen normal sein. 

„Wenn jemand kriminelle Energie aufwendet, kann sich kein Nutzer dagegen wehren.“

Dass Alexa aber schon an Kinder gewöhnt wird, diese überwacht und möglicherweise beeinflusst, dürfte bei Datenschützern das kalte Grausen auslösen. Ist das nicht eher eine Horrorvision?

Das wird sich gar nicht vermeiden lassen. Wir alle haben ja schon Smartphones, die zum Beispiel Bewegungsprofile von uns erstellen und zeigen welche Webseiten wir ansurfen etc. Wenn ich mir zum Beispiel daheim Möbel im Web anschaue und zwei Wochen später verfolgt mich auf Arbeit eine Möbel-Werbung, weil ich mir zu Hause solche Produkte angesehen habe. Das Prinzip funktioniert ja auch. 

Der Datenschutz bleibt aber nach wie vor eine der größten Sorgen bei der Nutzung von Sprachassistenten. Wie können Sie Kunden und Unternehmen da Sicherheit geben?

Auf der einen Seite gibt es für alle Unternehmen wie Amazon und Co. natürlich Datenschutz-Richtlinien für Unternehmensanwendungen, etwa „Alexa for Business“. Aber die Thematik mit dem Datenschutz – die haben wir doch alle eigentlich schon über Bord geworfen, als wir uns selbst Smartphones in die Tasche gesteckt haben. Es wäre Augenwischerei zu behaupten, dass jetzt durch so einen Kasten zu Hause mein Datenschutz mehr bedroht wäre als etwa durch die Smartphones in meiner direkten Umgebung, wo ich möglicherweise fotografiert oder aufgenommen werde. Wenn jemand die kriminelle Energie aufwenden möchte, kann sich kein Nutzer – egal von welchem Gerät – dagegen wehren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über den Autor

Markus Gärtner Experte für Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

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Kommentare  

#1 Tim 2019-12-04 17:37
Vielen Dank für diesen faszinierenden Einblick.

Aber: Nur weil Herr Vogt scheinbar sein Smartphone falsch konfiguriert, trifft das doch nicht automatisch auf alle anderen Menschen zu.

Es ist sehr wohl möglich, Smartphones so einzurichten, dass kein Sprachassistent dauernd mithört. Ebenso wird auch nicht überall ein Bewegungsprofil erstellt oder zwangsweise Webseiten-Aufru fe weiter gegeben, nur weil man ein Smartphone verwendet.

Niemand muss sich von seinem Smartphone überwachen lassen. Dagegen gibt es genug Anleitungen. Es ist sehr wohl möglich, ein Smartphone auch datenschutzbewu ßt einzusetzen.
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