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Interview

Warum Online-Händler das Thema Verpackung nicht unterschätzen sollten

Veröffentlicht: 05.05.2020 | Autor: Corinna Flemming | Letzte Aktualisierung: 05.05.2020
Frau verpackt Ware

Das Thema Verpackung stellt noch immer viele Online-Händler vor große Probleme. Die schwerwiegendsten Fehler, Kriterien für ein optimales Verpackungssortiment und Konzepte für die tägliche Arbeit stellt Verpackungsexperte Michael Bodemer in folgendem Interview vor.

Ein Dschungel von Verpackungsmaterialien und Verpackungsarten

Wie sieht die perfekte Verpackung aus?

Die perfekte Verpackung ist ausreichend stabil, einfach aufzurichten, umhüllt das Produkt wie ein Maßanzug, ist vom Kunden einfach zu öffnen, präsentiert das Produkt optimal und ist aus nachhaltigen Materialien.

Welche Fehler gilt es unbedingt zu vermeiden?

Das Thema Verpackung wird häufig unterschätzt. Für Händler ist es notwendig, frühzeitig, das bedeutet bei der Auswahl von Produkten, auch die entsprechenden Verpackungsanforderungen festzulegen. Dazu müssen sie einschätzen und festlegen, welche Anforderungen die Produkte an die Verpackung stellen. Beispielsweise wie empfindlich die Produkte sind, für welche Produktgewichte die Verpackung ausgelegt sein muss, welche Herausforderungen es hinsichtlich der Versandwege gibt und wie die Kundenerwartungen aussehen.

Hat sich ein Händler für ein unzureichendes Verpackungssortiment entschieden, ist mit erheblichen Mehrkosten im Einkauf und den innerbetrieblichen Abläufen wie Beschaffung, Lagerung, Kommissionierungen und Logistik zu rechnen. Außerdem ist davon auszugehen, dass Händler dadurch mit erhöhten Transportkosten, Reklamationen und unzufriedenen Kunden zu kämpfen haben.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Händler, wenn es um das Thema Verpackungen geht?

Die Auswahl an unterschiedlichen Verpackungsmaterialien und Verpackungsarten ist extrem groß. Fast jeden Tag gibt es neue Meldungen über „neuartige“, innovative Konstruktionen und/oder besonders nachhaltige Verpackungsmaterialien. Durch dieses große Spektrum auf dem Verpackungsmarkt ist die Einschätzung, welche Verpackung wirklich zum jeweiligen Händler und seinem Produktportfolio passt, nicht trivial. Natürlich gibt es auch entsprechend viele kompetente Verpackungslieferanten, aber zwangsläufig geht es ihnen darum, das eigene Verpackungsportfolio an den Händler zu bringen.

Deshalb ist es nicht ausreichend, die Entscheidung an den Verpackungslieferanten abzugeben. Sondern die Herausforderung für den Händler ist es, sich je nach Größe des Unternehmens eigenes Know-how aufzubauen und/oder sich extern und unabhängig beraten zu lassen.

„Letztlich sind wir doch alle auch Kunden“

Wie sehr spielt das Thema Nachhaltigkeit bereits eine Rolle und wie lässt sich nachhaltig verpacken?

2019 Portrait VBBodemer 1

Das Thema Nachhaltigkeit spielt eine sehr große Rolle im Hinblick auf unsere Umwelt und die Verbrauchermeinung. Die Transportaufkommen steigern sich rapide durch den Online-Kauf und somit steigern sich auch die Aufkommen an Verpackungsmaterialien. Aus meiner Sicht gibt es drei Ansätze für ein nachhaltiges Verpacken.

Erstens geht es um die Auswahl des verwendeten Verpackungsmaterials. Den größten Marktanteil im Versandbereich haben dabei die papierbasierten Verpackungsmaterialien, wie beispielsweise Wellpappe mit einem erprobten Stoffkreislauf.

Zweitens geht es um einen materialeffizienten Einsatz der Verpackungsmaterialien. Grundsatz ist hierbei, wirklich nur so viel Material einzusetzen, wie notwendig ist. Das wird beeinflusst durch die richtige Wahl der Verpackungskonstruktion. Hier gilt, was aufgerichtet gleich aussieht, kann große Unterschiede im tatsächlichen Materialverbrauch haben. 

Und drittens die optimale Verpackungsgröße: Ein sogenannter schlechter Volumennutzungsgrad, also zu viel Luft in der Verpackung, ist doppelt negativ für die Nachhaltigkeit. Es ist Materialverschwendung für die zu große Verpackung und Verschwendung durch die Verwendung von zusätzlichem Material, um die Luft auszufüllen.  

Firmen wie Apple machen das Auspacken inzwischen zum Erlebnis. Wie lässt sich dies auch für kleine und mittelständische Händler, ohne Millionenbudget, realisieren?

Aus meiner Sicht braucht es dazu kein Millionenbudget, um beim Kunden positive Erlebnisse beim Auspacken zu erzielen.  

Letztlich sind wir doch alle auch Kunden. Wenn ich sehe, was tagtäglich bei uns privat angeliefert wird, dann würde teilweise schon die Erfüllung der Basisanforderungen bei mir positive Erlebnisse auslösen. Gemeint ist damit ein professioneller, positiver Gesamteindruck bei der Paketübergabe. Das einfache Auspacken und Öffnen des Pakets und ein wertiger, ordentlicher Eindruck vom Innenbereich könnte in vielen Fällen positive Eindrücke und eine gesteigerte Markenbindung bewirken. 

Um das Thema professionell und systematisch zu lösen, müssen Händler sich zuallererst folgende Fragen stellen:

  • Wer ist mein Kunde? 
  • Welche Kundenanforderungen sind grundsätzlich zu erfüllen?
  • Und welches Topping kann meine Kunden begeistern?

Meist führt erst die Ausprägung der Toppings zur Aufstockung des Marketingbudgets. Eine positive Nachricht dazu: Diese Mehrkosten können häufig durch die Umsetzung von bestehenden Kosteneinsparungen und die Erzielung von Leistungsverbesserungen freigestellt werden.

Verpackungsgrößen: Wer die Wahl hat, ...

Packzeit, Materialverbrauch, Kundenerlebnis, Stabilität – alle Faktoren zum gleichen Maße zu bedienen, ist fast unmöglich. Worauf sollten Händler den Fokus legen?

Aus der Erfahrung vieler erfolgreicher Kundenprojekte kann ich sagen, dass es in den häufigsten Fällen gelingt, diese Faktoren in Einklang zu bringen. Dazu gehört eine ganzheitliche Analyse aller verpackungsrelevanten Bereiche und, basierend darauf, eine strukturierte Umsetzung der identifizierten Handlungsfelder.

Auf den Punkt gebracht, bedeutet das als Fokus für die Händler: 100 Prozent Qualität und Effizienz in allen internen Belangen, 100 Prozent Erfüllung von Kundenanforderungen und 100 Prozent positive Kundenerlebnisse. 

Warum gibt es immer wieder Fälle, in denen Verpackungen zu groß ausfallen?  

Aus meiner Sicht sind speziell die großen Versender zu einseitig fokussiert auf vermeintlich effiziente Packprozesse. Die Auswirkung ist ein stark standardisiertes Verpackungssortiment mit „zu wenig“ differenzierten Verpackungsgrößen. Gleichzeitig scheinen „Ausreißer“ im Produktsortiment zu wenig berücksichtigt zu werden. Ausreißer bedeuten besonders große, lange, schwere, sensible Produkte.

Außerdem scheinen die Verpackungssortimente auf mehrteilige Bestellungen ausgerichtet zu sein. Diese Auftragskombinationen sind zwangsläufig schlechter zu planen, so dass die bereitgestellte Verpackungsgrößen nur einen bestmöglichen Kompromiß darstellen können.

Aus meiner Sicht werden zunehmend Bestellungen einzeln und per Smartphone von Kunden abgeschickt. Das führt dazu, daß es immer mehr Einzelbestellungen geben wird (und gibt), auf die die aktuellen Verpackungsgrößen nur wenig ausgerichtet sind. Ohne Anpassung der Verpackungssortimente wird das zukünftig zu noch mehr Luft in der Verpackung führen. 

Wie schafft man es, die ideale Verpackungsgröße zur Hand zu haben? Welche Prozesse sind für effiziente Verpackungen vielleicht außerdem wichtig?

Für die Festlegung „idealer“ Verpackungsgrößen benötigt es eine systematische Produktanalyse, um das Produktsortiment entsprechend zu clustern. Die Cluster werden beispielsweise nach den Produktgrößen, Produktsensibilität, Produktgewichten etc. ausgerichtet. Zusätzlich erfolgt die Analyse der Bestellungen der einzelnen Kundengruppen auf Basis einer Vergangenheitsbetrachtung und unter Berücksichtigung zukünftiger Trends (siehe oben, zunehmende Einzelbestellungen durch Smartphones).

Auf Basis der Cluster werden die Verpackungsgrößen definiert. Dabei ist zu beachten, die richtige Feinjustierung hinsichtlich der Anzahl an Verpackungsgrößen zu erreichen. 

Die beiden Extreme wären:

  • Eine Verpackung für alle Produkte: geringste Verpackungsvielfalt, aber größter Materialverbrauch und meiste Luft in der Verpackung
  • Für jedes Produkt eine Verpackung: geringster Materialverbrauch und geringste Luft in der Verpackung, aber größte Verpackungsvielfalt

Natürlich wird es trotzdem Bestellungen geben, die die bestehenden Verpackungsgrößen nicht komplett ausfüllen. In diesen Fällen helfen sogenannte flexible Verpackungsgrößen. Die bekannteste Ausführung dazu sind Riller an den Seiten der Versandkartons, um in der Höhe variabel zu sein. Je nach Auftragsmengen gibt es auch halb- und vollautomatische Anlagen, um die Verpackung näher ans Produkt zu bekommen.

3 goldene Regeln von Ihnen zum Abschluss?

  • Frühzeitig an die Verpackung denken.
  • Das Thema Verpackung nicht unterschätzen.
  • Regelmäßige Überprüfung/Bereinigung bestehender Verpackungssortimente und deren Prozesse.

Vielen Dank für das Gespräch!


Dipl. Ing. (FH) Michael Bodemer ist Inhaber der lieferanten- und materialunabhängigen Verpackungsberatung Bodemer. Durch mehr als 14 Jahre Beratungstätigkeit kann er mit der ganzheitlich ausgerichteten Beratung zahlreiche erfolgreiche Optimierungsprojekte bei namhaften Kunden vorweisen. Gemeinsam mit seinem interdisziplinären Team umfasst die Beratungsleistung die Themenbereich Sortimente, Prozesse, Logistik, Vermarktung und Beschaffung.

Über den Autor

Corinna Flemming Experte für Internationales

Nach verschiedenen Stationen im Redaktionsumfeld wurde schließlich das Thema E-Commerce im Mai 2017 zum Job von Corinna. Seit sie Mitglied bei den OnlinehändlerNews ist, kann sie ihre Liebe zur englischen Sprache jeden Tag in ihre Arbeit einbringen und hat sich dementsprechend auf den Bereich Internationales spezialisiert.

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