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Interview mit Joris Hensen / Deutsche Bank

Kontointegration per Schnittstelle: So will die Deutsche Bank Logistikketten beschleunigen

Veröffentlicht: 26.10.2020 | Geschrieben von: Hanna Behn | Letzte Aktualisierung: 27.10.2020
Joris Hensen, Co-Leiter und Initiator des API-Programms der Deutschen Bank

Die Peaksaison mit den Rabatt-Tagen wie Black Friday und Cyberweek sowie das Weihnachtsgeschäft stehen unmittelbar bevor. Logistiker bereiten sich bereits umfassend auf das erhöhte Paketaufkommen vor, das zusätzlich zum typischen Sendungsvolumen in dieser Zeit coronabedingt voraussichtlich noch höher sein wird. 

Kunden erwarten hier vor allem Zuverlässigkeit und Schnelligkeit bei der Bestellabwicklung. Die Deutsche Bank hat deshalb jetzt eine API entwickelt, bei der Geschäftskonten und Logistik- bzw. Warenwirtschaftssysteme miteinander verknüpft werden können. Die Schnittstelle soll helfen, Zahlungsabwicklung und Dienstleistungen zu automatisieren und so die Logistikkette des Händlers zu beschleunigen. Im Interview mit OnlinehändlerNews erklärt der Co-Leiter und Initiator des Projekts, Joris Hensen von der Deutschen Bank, welchen Herausforderungen Händler aktuell gegenüberstehen und wie die API des Geldinstituts zu mehr Effizenz und schnelleren Logistikketten beitragen will. 

Bankkonto-Zugriff via Browser oder Fremdsoftware kostet viel Zeit

OnlinehändlerNews: Welche Prozesse müssen Online-Händler rund um die Zahlungsabwicklung ihrer Kunden bzw. der Forderungen ihrer Lieferanten bewältigen? 

Joris Hensen: Um ihren Kunden ein positives Einkaufserlebnis zu bieten, ist es wichtig, dass Online-Shops die Ware möglichst sofort nach Zahlungseingang versenden. Das funktioniert aber nur, wenn der Betreiber alle Umsätze gut im Blick hat, die eingehenden Zahlungen und offenen Bestellungen zeitnah abgleicht und den Versand rechtzeitig anstößt. 

Das gleiche gilt bei der Bearbeitung von Retouren: Rückzahlungen sollten nach Eingang und Prüfung der Ware möglichst schnell initiiert werden, um den Kunden nicht zu lange auf sein Geld warten zu lassen. Und genauso zuverlässig wie die Kunden müssen auch die Lieferanten bedient werden. Forderungen fristgerecht zu bezahlen, sollte natürlich zum Standardrepertoire gehören. Aber je früher ein Shop seine Rechnung bezahlt, desto eher kann er wertvolle Skontovorteile nutzen. Insgesamt muss also eine ganze Kette an Prozessen aufeinander abgestimmt werden, damit aus Käufern zufriedene Kunden und aus Lieferanten beständige Partner werden.

Welchen Aufwand und welche Schwierigkeiten bringen diese Prozesse Ihrer Erfahrung nach mit sich? 

Gerade für Online-Shops entstehen innerhalb der Logistikkette teils sehr aufwändige Prozesse, die häufig noch nicht automatisiert sind. Für viele Unternehmer ist es leider immer noch Realität, mehrmals täglich über Browser oder Fremdsoftware auf das eigene Bankkonto zuzugreifen, die Transaktionsdaten abzurufen und die Zahlungseingänge und offenen Aufträge manuell abzugleichen – in manchen Fällen sogar noch mittels ausgedruckter Listen. Das ist nicht nur mühsam, sondern führt auch zu Fehlern, höheren Kosten und Zeitverzögerungen bei der Warenauslieferung und der Zahlungsabwicklung.

Ein Beispiel: Im Falle einer Retoure ist es durchaus möglich, dass sich ein Händler zunächst ins Online-Banking einloggen und dort die Rückzahlung anweisen muss. Diese Rückzahlung muss danach im Buchhaltungssystem eingetragen werden. Die Aufgabe übernimmt er entweder selbst oder er leitet sie an seine Mitarbeiter weiter. Im Anschluss muss dann noch eine manuelle Bestätigung angestoßen werden – etwa per E-Mail an den Kunden, dass man die Retoure erhalten hat und die Rückzahlung veranlasst wurde. So müssen Unternehmer häufig völlig unterschiedliche Stationen in der Logistikkette miteinander verknüpfen und dafür verschiedene Softwareprogramme nutzen. Dadurch entsteht zum einen ein nicht zu unterschätzender Konvertierungsaufwand zwischen den verschiedenen Dateiformaten und zum anderen ist die Nutzung dieser Systeme mit entsprechenden Kosten verbunden, da sie von verschiedenen Herstellern erworben und regelmäßig aktualisiert werden müssen.

Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf die Zahlungsabwicklung? Sind dadurch besondere Herausforderungen entstanden?

Gerade in den herausfordernden Zeiten der Corona-Krise zeigt sich für unsere Kunden, wie wichtig eine nahtlose Digitalisierung von Prozessen ist. Viele Menschen sind dazu übergangen, ihre Waren im Internet zu bestellen. Zum einen, weil die Ansteckungsgefahr damit deutlich reduziert wurde, zum anderen, weil sie plötzlich mehr Zeit hatten, in Online-Shops zu stöbern. Das haben vor allem sicher Händler gemerkt, zu deren Angebot Hygieneartikel wie Masken oder Desinfektionsmittel zählen. Aber auch andere E-Shops sahen sich teilweise mit einer deutlich höheren Zahl an Bestellungen konfrontiert und mussten diese nun mit den gleichen Ressourcen wie vorher abarbeiten. Aufgrund von immer noch vorhandenen manuellen Prozesse hat das zu erheblichen zeitlichen Verzögerungen geführt, die nur dadurch gelöst werden konnten, dass entweder mehr Mitarbeiter eingestellt oder die Arbeitszeiten verlängert wurden. 

Die größte Herausforderung für diese Shops bestand also darin, sich innerhalb kürzester Zeit auf die neuen Gegebenheiten einzustellen und trotz der Krise ihre Kunden weiterhin zur Zufriedenheit zu bedienen.  

Händler haben volle Daten- und Prozesskontrolle 

Die Deutsche Bank hat jetzt eine Schnittstelle/API entwickelt, über die Geschäftskunden Konten mit den ERP- und Logistik-Systeme verknüpfen können. Was leistet diese API?

Mit „Access to Own Account“ bieten wir unseren Geschäftskunden die Möglichkeit, ihr Bankkonto direkt in die eigene IT-Landschaft zu integrieren – ohne Umweg über Drittsoftware und die damit verbundenen Vertragsverhältnisse und Kosten. Über die API lassen sich ganz unterschiedliche IT-Systeme anbinden, so dass jeder Kunde die für sich passende individuelle Banking-Lösung entwickeln kann. Das reicht dann beispielsweise vom Abruf und Speichern der Umsätze in einem Tabellenkalkulationsprogramm bis hin zur Vollanbindung an eigene ERP- oder Logistiklösungen.

Über die Schnittstelle können die Nutzer direkt auf die Kontostände und Umsätze ihrer Giro-, Spar-, Kreditkarten- und Depotkonten zugreifen und sie im Anschluss automatisiert weiterverarbeiten. Mit „Access to Own Account“ hat der Händler die volle Kontrolle über seine Daten und den Prozess der Auftragsabwicklung. Dadurch entfallen manuelle Zwischenschritte, die zum einen fehleranfällig sind und zum anderen Mehrarbeit bedeuten.

Er muss keinen Drittparteien, etwa Anbietern von Finanzsoftware, Zugang zu seinen Daten gewähren und kann den Zugriff auf die Schnittstelle über sein eigenes Rechtemanagementsystem regeln. 

Welche Geschäftsprozesse können Online-Händler mithilfe einer API-Anbindung konkret verbessern? Welche Prozesse lassen sich automatisieren?

Wir ermöglichen damit zum Beispiel Online-Shops, ihre Umsätze und offenen Aufträge automatisiert abzugleichen, ihre Logistikkette zu beschleunigen und Kosten zu senken. Zudem haben sie die Möglichkeit, SEPA Instant Payments direkt aus ihrer eigenen Software heraus auszulösen oder sich bei der Bank eigene Filter zu erstellen, die sie sofort über vordefinierte Zahlungseingänge informiert. Letzteres ist beispielsweise hilfreich, wenn es darum geht, Premiumkunden bevorzugt zu bedienen.

Die einmal eingerichtete Schnittstelle kann jederzeit um weitere angebotene Funktionalitäten erweitert werden. So könnten etwa initial nur die Umsatzdaten der Girokarten abgerufen werden und diese in weiteren Schritten um automatisierte Umsatzbenachrichtigungen oder SEPA Instant Payments ergänzt werden. 

Unsere Geschäftskunden können mit „Access to Own Account“ alle Prozesse automatisieren, die durch Transaktionsdaten getriggert werden. Das können neben dem Abgleich und der Zuordnung eingehender Zahlungen zu bestehenden Aufträgen auch die automatisierte Erstellung von Mahnungen bei ausbleibenden Zahlungen sein. Zudem können Umsätze direkt in das eigene ERP- oder Buchhaltungssystem importiert oder Zahlungen – beispielsweise Rechnungen oder Rückerstattungen – direkt aus dem ERP- oder Buchhaltungssystem ausgelöst werden. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, vom Zahlungseingang bis zur Bereitstellung ihrer Dienstleistungen, alle Schritte zu automatisieren.

Welche Vorteile hätte die API-Nutzung etwa in Bezug auf das kommende Weihnachtsgeschäft?

Die Anbindung spart Zeit, Geld und personellen Aufwand. Gerade in Zeiten mit erhöhtem Bestellaufkommen, wie etwa dem Weihnachtsgeschäft, wird sich dies bemerkbar machen. Nur wer seine Waren unverzüglich ausliefern oder Dienstleistungen unmittelbar bereitstellen kann, hat im Wettbewerb die Nase vorn. Durch die Automatisierung von Workflows sorgt „Access to Own Account“ für stabilere Prozesse und eine beschleunigte Logistikkette. Wenn Shopbetreiber die daraus resultierenden Zeit- und Kosteneinsparungen an ihre Endkunden weitergeben, erhöhen sie ganz klar die Kundenzufriedenheit und Kundenbindung.

Deutsche Bank will IT-affine Geschäftskunden ansprechen

Worin unterscheidet sich die Kontoanbindung per API von bestehenden Alternativen?

Die Angebote für den direkten Zugriff und die Integration des Geschäftskontos mittels einer API sind auf dem Markt nach wie vor rar gesät und die Deutsche Bank nimmt damit eine Vorreiterrolle ein. Vergleichbare Methoden sind bisher nur über Drittparteien möglich, welche die Nutzung von EBICS oder FinTS-Schnittstellen erfordern. Dank „Access to Own Account“ müssen sich Geschäftskunden nun zum ersten Mal nicht an die IT-Prozesse ihrer Bank anpassen. Stattdessen können sie ihren Bankzugang individuell auf die eigenen technischen Gegebenheiten ausrichten und ihre Bankgeschäfte so flexibel gestalten, wie sie es möchten.

Wie lässt sich der Bankzugang auf die individuellen technischen Gegebenheiten des Händlers ausrichten? Welche Systeme sind beispielsweise kompatibel?

Wir wollen alle IT-affinen Geschäftskunden ansprechen, die in eigener Entwicklung eine Kontoanbindung per API schaffen möchten, um ihre Umsatzdaten in ihren eigenen ERP- oder Logistiklösungen weiterzuverarbeiten. Grundvoraussetzung ist ein Geschäftskonto bei der Deutschen Bank mit aktiviertem Online-Banking sowie eine vorhandene IT-Landschaft mit der Möglichkeit zur Anbindung von REST-APIs.

Da „Access to Own Account“ aktuelle Schnittstellenstandards verwendet, können beispielsweise Online-Händler ihr Bankkonto vollständig als einen weiteren Service in ihre Microservice-Landschaft integrieren. Auch der Parallelbetrieb verschiedener Bankzugänge ist möglich – so können etwa bestehende Buchhaltungsprozesse via EBICS oder FinTS beibehalten und die Warenlogistik-Komponente um die neue API-Anbindung ergänzt werden.

Unsere Geschäftskunden können die technische Anbindung an die Deutsche Bank in wenigen Tagen realisieren – abhängig von ihrer bestehenden IT-Struktur und den vorhandenen IT-Ressourcen. Nach der Registrierung auf dem Developer Portal erstellt der Kunde seine Anwendung und testet sie in der Sandbox-Umgebung. Im Anschluss beantragt er den Zugang zu seinen Live-Daten und wird bankseitig innerhalb von 14 Tagen freigeschaltet. Nun kann er seine Anwendung mittels „Access to Own Account“ an sein Bankkonto anbinden und muss den Zugriff nur noch mit seinen Online-Banking-Zugangsdaten autorisieren.

Lassen sich durch die Schnittstelle der Deutschen Bank auch unterschiedliche Zahlungsoptionen im Online-Shop integrieren? Gibt es beispielsweise Kooperationen mit PayPal oder Anbietern von Ratenzahlungen wie etwa Klarna oder Paysafe?

Es handelt sich um eine Schnittstelle zur Anbindung des eigenen Geschäftskontos, um die unternehmensseitigen Buchhaltungs- und Logistikprozesse zu automatisieren. Die von Online-Shops nach außen angebotenen Zahlungsmöglichkeiten sowie die Integration von Zahlungsanbietern bleiben von der Nutzung der API unberührt.

Vielen Dank für das Gespräch! 

 


Joris Hensen verantwortet das API-Programm der Deutschen Bank, das er Anfang 2015 mitbegründet hat. In seiner mehr als zehnjährigen Tätigkeit bei der Deutschen Bank war er in verschiedenen internationalen Projekten als Projekt- und Innovationsmanager tätig. Joris Hensen versteht sich als Intrapreneur und hat sich den Zukunftstrends in Hinblick darauf verschrieben, wie sie das Leben der Menschen verändern und verbessern können.

Über die Autorin

Hanna Behn Expertin für: Usability

Hanna fand Anfang 2019 ins Team der OnlinehändlerNews. Sie war mehrere Jahre journalistisch im Bereich Versicherungen unterwegs, dann entdeckte sie als Redakteurin für Ratgeber- und Produkttexte die E-Commerce-Branche für sich. Als Design-Liebhaberin und Germanistin hat sie nutzerfreundlich gestaltete Online-Shops mit gutem Content besonders gern.

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