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Gast-Interview mit Boris Zielonka von Eurotext

KI in der Übersetzungsbranche: Zukunftsweisend oder „Lost in Translation“?

Veröffentlicht: 10.04.2019 | Autor: Gastautor | Letzte Aktualisierung: 10.04.2019 | Gelesen: 476 mal
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Wenn Unternehmen und Händler ein internationales Geschäftsmodell verfolgen, dann geht das nicht von heute auf morgen. Strategie, Konzept und Businessplan müssen komplett neu strukturiert werden. Professioneller Cross-Border-Commerce bedeutet ein gewisses Risiko und fordert manchmal Durchhaltevermögen. Vielleicht die wichtigste, zumindest eine entscheidende Komponente, ist hierbei die Übersetzungsleistung von A nach B. Die notwendige Detailtreue wird an diesem Punkt aber oft unterschätzt. Meist wird der aufwendig produzierte Content einfach „nebenbei“ übersetzt. Doch richtige Übersetzungen sind nicht immer auch gute Übersetzungen. Wirklich perfekt ausgespielter Content erzeugt Emotionen, vermittelt Sympathien, transportiert Botschaften und letztlich auch ein Image. Marketing und Geschäftsführung sollten sich im Expansionsprozess – wie bei vielen Themen im E-Commerce – an einen externen Spezialisten wenden.

Die Eurotext AG ist ein Language-Service-Provider und auf Übersetzungsprojekte verschiedener Fachbereiche spezialisiert. Der Würzburger Sprachdienstleister unterstützt Unternehmen der E-Commerce-Branche in ihrer Internationalisierungsstrategie und ist für die Übersetzung des Contents verantwortlich. Neben muttersprachlichen Fachübersetzern setzt Eurotext auch immer häufiger KI-gesteuerte „Neural Machine Translation“ ein. Doch wie viel Übersetzungsarbeit kann KI tatsächlich (schon) leisten? Ist „Machine Learning“ bereits „State of the Art“ oder doch eher „Lost in Translation“? Boris Zielonka ist bei Eurotext verantwortlich für das Marketing und den Vertrieb. Im Interview mit OnlinehändlerNews steht er Rede und Antwort.

Wie verändert KI die Übersetzungsbranche?

Boris Zielonka: KI kann und wird zunehmend Texte verfassen. Die Anforderungen an Übersetzer und Linguisten werden sich dadurch in Zukunft grundsätzlich verändern. Es entstehen neue Ansprüche und Aufgabenbereiche – nämlich eine Spezialisierung von Linguisten in Sachen Steuerung und Bewertung von KI-Projekten. Wenn wir zum Beispiel muttersprachliche mit KI-Übersetzungen vergleichen, wird die Terminologie der KI durch Linguisten „angelernt“. Dabei ist die Qualität der Daten essentiell, weil sie sich auf die Qualität der Übersetzungen auswirkt.

Kann KI bei der Internationalisierung von Online-Shops helfen? Und wenn ja, wie?

Wirklich gute Übersetzungen sind für eine erfolgreiche Internationalisierungsstrategie von entscheidender Bedeutung. Sie bilden die Basis, um Kundenvertrauen aufzubauen. Und natürlich kann KI, gerade in Bezug auf Produkttexte und erklärende Texte, durchaus hilfreich sein. Doch auch darüber hinaus kann KI im Expansionsprozess unterstützend eingesetzt werden, zum Beispiel bei der Bewertung und Optimierung der User Experience – textlich wie visuell. Dazu kann KI für A/B-Split-Tests und Performance-Tests eingesetzt werden. Sprache und Übersetzung des Contents ist natürlich ein Teil der erwähnten Optimierungsmaßnahmen.

Kann KI besser übersetzen als Menschen? Schaut man sich Google Translate an, würde man erst einmal in Richtung „nein“ tendieren. Wofür eignet sich maschinelles Übersetzen und wofür eher nicht?

KI-Übersetzungen sind nicht zwingend besser. Sie müssen ja auch gar nicht unbedingt besser als Human-Übersetzungen sein, sondern ähnlich gut, also vergleichbar. Tatsächlich sind KI-Leistungen oft schneller und kostengünstiger, was dann aber auch eine gewisse Kompromissbereitschaft voraussetzt und eventuelle Abstriche in Sachen Stil bedeutet. Denn darauf hat man dann keinen Einfluss mehr.

Eurotext integriert künstliche Intelligenz für Übersetzungen. Bedroht das Arbeitsplätze?

Nein. Wie eingangs erwähnt, wird sich das Anforderungsprofil an Linguisten und ihr Tätigkeitsfeld vermehrt in Richtung Spezialisierung verschieben: Zum Beispiel benötigen wir fachkundige Projektmanager, die die Steuerung und Bewertung von KI-Projekten übernehmen. Transferleistungen, die Kreativität und Empathie benötigen, werden kurz- und mittelfristig auch weiterhin von Übersetzern und Linguisten übernommen.

Übernimmt KI bei Eurotext Übersetzungen schon komplett autonom oder ist immer auch eine menschliche Hand im Spiel?

Eine Übersetzung ohne menschlichen Input gibt es bei uns nicht. Bei Eurotext überprüfen wir zuerst, ob sich Texte für KI-Übersetzungen eignen und bewerten den Content mit unseren KI-Linguisten. Wenn die KI zum Einsatz kommt, prüfen wir trotzdem immer noch einmal gegen, ob die Übersetzungen „technisch“ korrekt sind. Damit meine ich, dass wir zum Beispiel Verwechslungen ausbessern sowie Terminologien recherchieren und einbauen. Allerdings werden mit KI übersetzte Texte von uns nicht mehr stilistisch nachgebessert oder „veredelt“. Wir konzentrieren uns hierbei ausschließlich auf die Berichtigung von Fakten.

Was hat der Mensch der KI bei Übersetzungen (noch) voraus?

Guter Content geht weit über sprachlich korrekte Übersetzungen hinaus. Nationale Eigenheiten, Idiome und kulturellen Besonderheiten des Ziellandes sind ebenso wichtig. Und wenn es dann um Emotionalität und Empathie geht, ganz einfach um hochwertige Texte, die mit einem hohen Maß an Kreativität und Transferleistung zu tun haben, dann ist KI derzeit noch nicht in der Lage, stilistisch zu variieren. Das bleibt wohl weiterhin der große Vorteil und die Domäne von spezialisierten und vor allem guten Linguisten.

Was die Recherchemöglichkeiten von KI betrifft, ist sie von der Datenbasis abhängig. Je besser KI gesteuert und je sauberer eine KI trainiert ist, desto besser fällt letztlich auch das Ergebnis aus.

Wann, glauben Sie, wird eine KI-Übersetzung genauso gut sein wie eine menschliche?

Es gibt aktuell schon Übersetzungen, bei denen man nicht mehr unterscheiden kann, ob sie maschinell oder human gefertigt wurden. Das hängt sicherlich auch mit dem Bereich und dem Format zusammen, in dem übersetzt wird. Unserer Erfahrung nach funktionieren erklärende Texte, beispielsweise Produkttexte, Hilfetexte und einfache Kategorietexte besser als emotionale. Für reine Informations-Übersetzungen ist KI also schon heute ein probates Mittel.

KI wird sich definitiv weiter entwickeln und auch mehr leisten können. Und natürlich werden auch die KI-Übersetzungen in den kommenden Jahren immer besser und leistungsfähiger werden.

Die Pixel Buds sollen gesprochene Echtzeit-Übersetzung bieten. Ist dieser „Babelfisch“ im Ohr heute schon praktikabel einsetzbar oder sind das nur Marketing-Versprechen?

Achtung Verwechslungsgefahr: Bei den Pixel Buds geht es um das Dolmetschen. Übersetzung betrifft tatsächlich „nur" das geschriebene Wort. Die Anforderungen an das KI-Dolmetschen sind sicherlich noch um einiges höher als beim Übersetzen. Im Gespräch werden ja nicht nur Wörter als Informationen ausgetauscht, sondern durch Stimmlage und Betonung kann beispielsweise aus einem Lob auch sehr schnell eine sarkastische Anmerkung werden – ein aus meiner Sicht sehr spannendes Thema, da gesprochene Kommunikation eben sehr vielschichtig ist.

Wenn meine Anforderungen relativ simpel bleiben – ich also zum Beispiel einfache Informationen im Urlaub mit einem Händler am Markt, bei der Autovermietung oder im Hotel austauschen möchte – dann sind solche KI-Dolmetsch-Lösungen wirklich eine tolle Innovation. Wenn es aber zum Beispiel um Verhandlungen auf politischer Entscheiderebene geht, dann werden voraussichtlich auch in den kommenden Jahren noch speziell trainierte und vertrauenswürdige Simultandolmetscher eingesetzt werden.


Über Boris Zielonka

Boris Zielonka

Boris Zielonka ist Leiter Marketing & Vertrieb der Eurotext AG. Mit mehr als 4.000 Linguisten, allesamt „Native Speaker“, hat sich das Unternehmen auf Fachübersetzungen für Industrie, IT und E-Commerce spezialisiert. Boris Zielonka studierte Geisteswissenschaften an der Universität Würzburg und beschäftigt sich als Marketingexperte seit vielen Jahren mit der Problematik mehrsprachiger Inhalte im E-Commerce. Er ist Experte für Onlinemarketing und Suchmaschinenoptimierung. Für Boris Zielonka von Eurotext ist klar: KI birgt ein unheimlich großes Potenzial. Auch bei dem Würzburger Language-Service-Provider wird deswegen der Einsatz von Künstlicher Intelligenz vorangetrieben, um bestmögliche Ergebnisse zu liefern.

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