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Kolumne „Pech gehabt“

Werbeboykott gegen Facebook: Ganz oder gar nicht

Veröffentlicht: 30.06.2020 | Geschrieben von: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 30.06.2020
Facebook Ads

Dass Facebook seit Jahren ein Problem mit Hasskommentaren hat, dass es zu wenig gegen Diskriminierung und Rassismus tut, ist nicht neu. Die Kritik am laxen Umgang mit fragwürdigen und gefährlichen Inhalten war stets laut, mehr als Lippenbekenntnisse kamen vom größten sozialen Netzwerk der Welt aber selten. Die Initiative #StopHateForProfit könnte das nun ändern, denn sie will Facebook nicht nur gut zureden oder Regeln erzwingen, die dann doch wieder Auslegungssache sind – nein, sie will Facebook da treffen, wo es weh tut: Beim Geld.

Unternehmen, die bei Facebook Werbung schalten, sind aufgerufen, die Plattform zu boykottieren und der Aufruf zeigt offenbar Wirkung: Aktuell haben sich über 120 Unternehmen der Initiative angeschlossen, wenn Sie dies lesen, sind es wahrscheinlich schon wieder mehr, denn täglich kommen Dutzende hinzu. Darunter finden sich klangvolle Namen von Adidas über Coca Cola bis hin zu Unilever und Verizon.

Zuckerberg gibt sich demütig

Mark Zuckerberg, der die Meinungsfreiheit sonst wie einen Schild vor sich her trägt und damit rechtfertigt, dass ein Portal wie „Breitbart“ als vertrauenswürdig gelten oder ein oranger, überaus gefährlicher Clown im Weißen Haus seine Unwahrheiten unwidersprochen in die Welt posaunen darf, hat auf die Kritik reagiert und Maßnahmen angekündigt. Höhere Standards für hasserfüllte Inhalte in Anzeigen – das so etwas bislang überhaupt möglich ist, spricht Bände – sollen eingeführt werden, Menschen, die Ziele von Hass und Rassismus sind, sollen besser vor derartigen Anzeigen geschützt werden.

Dass erst die wichtigste Einnahmequelle – potente Werbekunden – vermeintlich wegbrechen muss, um solche Maßnahmen anzukündigen, ist fragwürdig genug. Wie genau das umgesetzt werden wird, ist dabei ebenso fraglich wie die Auswirkungen auf Facebook an sich. Jetzt die Anzeigen anzugehen, um die zahlenden Kunden wieder ins Boot zu holen, ändert nichts an der nach wie vor um sich greifenden Hasskultur in Gruppen und Kommentarspalten. Man muss schon sehr einäugig sein, um zu glauben, dass Mark Zuckerberg das Gewissen gepackt hat und nicht etwa der Aktienkurs.

Mehr als Lippenbekenntnisse?

Und auf der anderen Seite darf man, zumindest in Teilen, die Motive der am Werbeboykott beteiligten Unternehmen hinterfragen, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen. Viele der Boykotteure nutzen Facebook auch mit ausgesetzter Werbung weiter als Kommunikationskanal, weil da nun einmal die Kunden zu erreichen. Der Aufruf von #StopHateForProfit läuft zudem vorerst nur bis Ende Juli. Und danach? Reicht das dann als Denkzettel, obwohl sich auf der Plattform kaum etwas geändert haben dürfte?

Es wäre darüber hinaus auch spannend, zu wissen, ob der Boykottaufruf auch ohne Coronapandemie einen derartigen Sog entfaltet hätte. Denn in den aktuellen Krisenzeiten fahren viele ihre Marketing-Aktivitäten ohnehin zurück, weil sie sparen müssen, bis die Krise vorbei ist. Das ist spekulativ, ja, aber weit hergeholt scheint es nicht.

#StopHateForProfit ist unbedingt unterstützenswert und wenn die Aktion auch am Ende nur den Fokus auf die Probleme bei Facebook lenkt und Mark Zuckerberg tatsächlich zum Handeln verleitet, dann hat sie ganz sicher schon viel erreicht. Ob das am Ende aber mehr als ein kurzer, medial erfolgreicher Hashtag-Hype ist, wird sich in den Wochen und Monaten nach dem 31. Juli zeigen – und wohl auch von der Aktienkursentwicklung aller beteiligten Unternehmen abhängen – inklusive und vor allem auf den von Facebook.

Über den Autor

Christoph Pech Experte für: Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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