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Der Hype um den Gerstensaft

Hat der Online-Handel dem Bier zu einem Revival verholfen?

Veröffentlicht: 15.04.2020 | Geschrieben von: Corinna Flemming | Letzte Aktualisierung: 15.04.2020
Biergläser voll

Laut Wikipedia wurde vor rund 13.000 Jahren damit begonnen, Bier zu brauen. In Zeiten von Missernten und Hunger wurde es sogar als „flüssiges Brot“ bekannt und Kindern gegeben, weil es im Vergleich zum damaligen Trinkwasser als relativ keimfrei galt. Mittlerweile ist das flüssige Gut aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser aber weit mehr als nur ein reines Getränk. Unzählige Geschäftsideen und neue Unternehmen wurden auf dem Rücken des Bieres geboren. 

Deutschland – Nation des Gerstensaftes

Jeder Deutsche trinkt laut Statista im Schnitt 100 Liter Bier pro Jahr. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit rund 84 Millionen Hektolitern konsumiertem Bier klar auf dem ersten Platz, gefolgt von Großbritannien (rund 49 Millionen) und Spanien (knapp 40 Millionen). Zum Vergleich: Wein trinken wir Deutschen im Jahr nur rund 20 Millionen Hektoliter und liegen damit im weltweiten Vergleich hinter den USA, Frankreich und Italien auf dem vierten Rang, wenn es um die Summe des Konsums geht. Es lässt sich also getrost behaupten: Deutschland ist eine Nation des Gerstensaftes.

Konsum von Bier in Europa nach Ländern in den Jahren 2017 und 2018

Auch ein Blick in die Getränkeabteilungen der hiesigen Supermärkte offenbart eine fast unendliche Auswahl, nicht nur an reinem Bier, sondern auch an verschiedenen Mixgetränken mit dem Gerstensaft als Grundlage. Und noch eine überraschende Zahl will ich Ihnen, liebe Leser, vor Augen führen und dann reicht es auch erst einmal mit der vielen Statistik: Die Anzahl der Brauereien in Deutschland ist in den letzten Jahren deutlich nach oben gegangen und lag 2019 bei 1.542. Auch kleine Mikrobrauereien, mit einem Bierausstoß von maximal 1.000 Hektolitern jährlich, wurden in der Vergangenheit als Geschäft immer beliebter. Im letzten Jahr belief sich die Zahl auf 862. Die „Dunkelziffer“ der kleinen Hobbybrauer, die Bier für den eigenen Gebrauch herstellen, dürfte aber um einiges höher liegen. Über mangelndes Interesse kann sich das Bier also nicht beklagen.

Warum schreibe ich hier eigentlich über Bier?

Nun könnten Sie sich als geneigter Leser natürlich fragen, warum ich hier eigentlich über Bier schreibe. Berechtigte Frage, denn so richtig viel mit E-Commerce und Online-Handel hat das ja auf den ersten Blick nichts zu tun. Aber genau da liegen Sie tatsächlich falsch! Längst wird Bier nicht mehr nur im Supermarkt um die Ecke gekauft. Das ganze Geschäft hat sich immer mehr ins Internet verlagert. Was man heutzutage alles kaufen kann: Sets zum Selbstbrauen, Weihnachtskalender mit 24 Bieren, vor zwei Jahren gab es sogar einen WM-Bierkalender mit einer Flasche für jeden Spieltag. Ohne Frage wird eine Form davon auch im kommenden Jahr zur (hoffentlich stattfindenden) Fußball-Europameisterschaft wieder angeboten werden. 

Untappd Startseite

Die Idee zu diesem Artikel ist tatsächlich über die letzten rund vier Jahre gewachsen. Ich selber trinke natürlich sehr gerne Bier und ziehe den Gerstensaft eindeutig Wein oder anderen alkoholischen Getränken vor. Allerdings war es mein Freund, der mich in den letzten Jahren quer über den Globus in unzählige kleine Brauereien geführt hat, nur um eben das dortige Bier zu testen. Würde ich die Kilometer ausrechnen, die ich wegen solcher Besuche bisher an Umwegen gefahren und gelaufen bin, ich käme auf eine sehr sehr große Zahl. Und warum das Alles, fragen Sie sich jetzt? Die Antwort lautet: Untappd. Eine Art soziales Netzwerk, bei dem der Nutzer alle seine getrunkenen Biere mitsamt Standort hinterlegen, mit einem Sternesystem bewerten und anschließend diese so genannten Check-Ins mit seinen Freunden teilen kann. Eine App, die sofort den Jagdinstinkt jedes Benutzers anfeuert (wir liegen übrigens aktuell bei 916 Bieren).

Untappd – Das Pokemon Go der Bierliebhaber  

Diese Beschreibung trifft es in der Tat ziemlich gut. Man will so viele Biere wie möglich testen – am besten natürlich ausgefallene, die von nur wenigen Nutzern bereits „getappt“ wurden – und dabei stets besser sein als seine Freunde. Über die 2010 gegründete App, welche inzwischen über neun Millionen User vorweisen kann, lassen sich sogar verschiedene Abzeichen verdienen. Die Bierabzeichen basieren beispielsweise darauf, wie viele verschiedene Biere konsumiert wurden (z.B. 100, 500, 1.000), eine gewisse Anzahl aus einem Land oder von einer speziellen Sorte wie Pils oder India Pale Ale (IPA). Diese Abzeichen tragen dann so tolle Namen wie „Das Boot“ (bekommt man verliehen für deutsche Biere) oder „God save the Queen“ und regen natürlich die Sammellust an. Davon kann man sich selbstverständlich nichts kaufen – davon, Level 345 bei World of Warcraft zu erreichen, aber auch nicht. Außerdem können Bilder der Biere geteilt, kommentiert, oder die Check-Ins über die sozialen Kanäle Twitter und Facebook verbreitet werden. 

Brauerein Untappd

Für Unternehmen und Brauereien bieten sich über die Plattform Werbemöglichkeiten an. Es können Events oder neue Sorten beworben werden, um noch mehr Aufmerksamkeit bei Bierliebhabern zu erzielen. Untappd selber veranstaltet sogar ein eigenes Festival, auf dem sich die Geschäfte präsentieren und neue Kunden gewinnen können. Bei aktuell neun Millionen Usern eine durchaus lukrative Plattform für Werbung.

So, nun aber genug über Untappd. Sonst denken Sie noch, ich wurde für deren Erwähnung bezahlt. Lassen Sie mich nur noch eins sagen: Auf der Suche nach außergewöhnlichen Bieren und kleinen Brauereien hat die App uns schon oft abseits der ausgetretenen Touristenpfade geführt und mit Einheimischen zusammengebracht. Alleine dafür hat sich schon jeder zusätzlich gefahrene und gewanderte Kilometer gelohnt.

Wenn Bier zum Erlebnis wird

Wie oben bereits kurz angerissen, sind die angebotenen Produkte, welche mit Bier zusammenhängen, in den letzten Jahren deutlich in die Höhe geschnellt. Ganze Businesses sind entstanden, wie die Besserbrauer, welche Sets zum Selberbrauen von Bier für zuhause anbieten. Aber nicht nur online erlebte das erfrischende Getränk einen Aufschwung. Auch offline gibt es immer mehr Vermarktungsmöglichkeiten. 

Stadtführungen sind allseits bekannt und gibt es in vielen verschiedenen Formen: Wer es gerne etwas kulinarischer hat, kann sich mithilfe eines Tourguides durch fast jede große Stadt dieser Welt futtern, für Grusel-Freunde gibt es Geistertouren und so weiter. Und natürlich gibt es auch unzählige Bier-Touren, bei denen verschiedene Brauereien besucht und das ein oder andere Getränk zu sich genommen wird. Sogar ganze Bierwanderwege gibt es, bei denen das sportliche Vergnügen mit dem Gerstensaft zusammenkommt. 

Und auch die großen Brauereien selber lassen sich immer mehr einfallen, um Kunden anzuziehen. Ein Großteil bietet bereits Besichtigungen an, die teilweise richtige Erlebnistouren sind. Sucht man bei Google beispielsweise nach Sehenswürdigkeiten in Dublin, wird einem als eines der ersten Ergebnisse die Guinness-Brauerei empfohlen. Neben dem Dublin Castle und dem Kneipenviertel Temple Bar.

Brauereien in Zeiten der Coronakrise

Wie flexibel man heutzutage in der Wirtschaft agieren muss, beweist aktuell die Ausnahmesituation durch das Coronavirus. Stationäre Geschäfte mussten wegen den behördlichen Auflagen ihre Pforten schließen, darunter natürlich auch die vielen kleinen Brauereien, die von zahlenden Gästen vor Ort leben. Viele Händler machen aus der Not aktuell allerdings eine Tugend, haben schnell reagiert und bieten einen Lieferservice an. Auch eine kleine Leipziger Mikrobrauerei liefert aktuell für einen kleinen Aufpreis ihre Biere zu den Kunden nach Hause und versucht damit, in der Krisenzeit doch noch ein wenig Umsatz zu machen. Eine super Sache, die auf jeden Fall unterstützt werden sollte, wenn man seine Lieblingskneipe nicht an den Coronavirus verlieren und sich hoffentlich bald wieder vor Ort ein kühles Blondes genehmigen will. Vom Offline- zum Online-Geschäft fast schneller, als man „Quarantäne“ sagen kann. 

Auch die schottische Brauereigruppe BrewDog musste einen Großteil ihrer Bars weltweit schließen, will alle Bierliebhaber aber auch in Zeiten der Ausgangssperre zusammenbringen und hat dafür Ende März 102 virtuelle Bars eröffnet. In diesen kann man sich online treffen, gemeinsam Bier trinken und so den Kontakt zueinander aufrecht erhalten. Wie BrewDog schreibt, sollen auf diese Art und Weise auch Pub Quizzes, Live-Musik und Comedy und Kurse für das Bierbrauen zu Hause abgehalten werden. Eine clevere Idee, um nicht nur die Verkäufe des eigenen Bieres anzukurbeln (wer würde sich schon mit einem fremden Getränk in eine virtuelle BrewDog-Bar setzen?), sondern auch um den Kontakt mit den Kunden in dieser schwierigen Zeit aufrecht zu erhalten.

OnlineBar Brewdog

Man darf gespannt sein, welche Geschäftsideen in den kommenden Jahren vielleicht noch auf den Markt treten werden. Ich freue mich auf jede Fall drauf, geh nun mein selbstgebrautes IPA holen und verbleibe mit einem: Zum Wohl!

Über die Autorin

Corinna Flemming Expertin für: Internationales

Nach verschiedenen Stationen im Redaktionsumfeld wurde schließlich das Thema E-Commerce im Mai 2017 zum Job von Corinna. Seit sie Mitglied bei den OnlinehändlerNews ist, kann sie ihre Liebe zur englischen Sprache jeden Tag in ihre Arbeit einbringen und hat sich dementsprechend auf den Bereich Internationales spezialisiert.

Sie haben Fragen oder Anregungen?

Kontaktieren Sie Corinna Flemming

Kommentare  

#1 Axel Jasper 2020-04-15 14:43
Wer trinkt eigentlich 100 Liter Bier im Jahr?
Der Deutsche? Wie macht man das fest.
Oder sind das Millionen von Urlauber die wegen dem Reinheitsgebot nach Deutschland
kommen und gutes Bier trinken wollen?
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