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Kolumne

The show must go on? Kein Ende beim Abmahn-Wahnsinn!

Veröffentlicht: 02.04.2020 | Autor: Yvonne Bachmann | Letzte Aktualisierung: 02.04.2020
Teuflischer Anwalt

Die Nummer gegen Anwaltskummer?! 

Erst kürzlich stieß ich auf einen Beitrag zu einer Berufsgruppe, die im ganzen Corona-Trubel offenbar kein Gehör findet. Die arme Zunft der Anwälte kann nämlich derzeit nicht mit dem Porsche zum Nobel-Italiener oder in den Golfclub fahren, sondern hat ebenfalls mit aufgezwungener Quarantäne, abgesagten Gerichtsverhandlungen oder ausbleibenden Mandanten zu kämpfen. 

Nun mag man meinen, dass die Worte „Kreativität” und „Anwalt” in einem Satz unmöglich sind, doch Not macht bekanntlich erfinderisch und die ersten klugen Köpfe haben dieses SEO (Search Engine Optimization, dt.: Suchmaschinenoptimierung) für sich entdeckt. Googelt man die Worte „Anwalt” und „Corona” wird man unweigerlich auf die ersten findigen Rechtsanwälte stoßen. Die Corona-Anwälte beraten zu allen Themen der Stunde – seien es die Fragezeichen beim Thema Kurzarbeit, die Reise, die nun ins Wasser gefallen ist oder das saftige Bußgeld, weil man das Grillfest im Stadtpark doch lieber hätte lassen sollen. 

Und täglich grüßt das Murmeltier...

Wenn man nicht Chuck Norris heißt, hat man der aktuellen Situation nicht viel entgegenzusetzen. Die Sorgen und Nöte der Menschen sind groß und es ist gut, dass in solchen nie dagewesenen Zeiten einer den Durchblick behält, sagt, wo’s langgeht und die wirren Allgemeinverfügungen von „Juristisch” ins Deutsche übersetzt.

Aber müssen Herr Sandhage oder das Team vom Ido Verband wirklich von Montag bis Freitag Abmahnungen wegen eines fehlenden OS-Links versenden? Dieser unsägliche Link interessiert momentan wirklich kein Schwein. Dennoch quilt unser Abmahn-Postfach über mit fehlenden Grundpreisen, falschen Lieferzeitangaben oder der Werbung mit einem versicherten Versand.

Abmahnindustrie zwingt Corona-Courage in die Knie

Zudem wird im Internet eine Welle der Panik verbreitet, die der engagierten Hobbyschneiderin schlaflose Nächte beschwert, weil sie zehn selbstgenähte Atemmasken an die Arztpraxis um die Ecke spenden will, ohne jemals etwas von einer Textilkennzeichnung gehört zu haben. Wirkliche Aufklärung zum Verkauf von Atemschutzmasken findet man nur selten. Dann bleiben die Masken lieber ungenäht. Die Zivilcourage vieler Menschen wird so leider wieder im Keim erstickt.

Shame on you!

Ja, ja, ich weiß. Die Leasingrate für den Porsche und die Putzfrau und das Weinabo muss ja irgendwie bezahlt werden. Aber da sowohl Kanzleien als auch Gerichte ihre Türen für unbestimmte Zeit verriegelt haben, ist die Zeit im Homeoffice auch anders zu nutzen. Ich hätte da auch einen Vorschlag: Herr Sandhage und seine Kollegen könnten sich doch mal auf die Suche nach den echten schwarzen Schafen in der Coronakrise machen. Damit meine ich nicht die, die ein Komma in der Widerrufsbelehrung vergessen haben. Da wird wohl jeder mitgehen: Wer sich an den Nöten der Menschen in der Coronakrise bereichert, gehört bestraft – und außerdem mal auf den Beichtstuhl. 

Fake-Shops, die zu Mondpreisen lebenswichtige Medikamente, Desinfektionsprodukte oder Atemmasken verhökern und dann mit dem Geld von dannen ziehen, sollten mal ein nicht so nettes Schreiben bekommen. Und erst recht diejenigen, die die Desinfektionsmittel selbst zusammen panschen und/oder Effekte aus dem Märchenbuch aufzählen, bei denen jeder Corona-Erreger nur müde lächeln kann. Hach, was wäre das für ein schönes Szenario, wenn man sich dann als Anwalt am Morgen mal wieder mit einem guten Gefühl im Spiegel betrachten könnte. Da zwitschern die Vögel doch gleich viel lauter...

Über den Autor

Yvonne Bachmann Experte für IT-Recht

Yvonne ist schon seit Beginn ihrer juristischen Laufbahn mit Leib und Seele im IT-Recht unterwegs. Seit Anfang 2013 ist sie als Volljuristin beim Händlerbund tätig und berät dort hilfesuchende Online-Händler in Rechtsfragen rund um ihren Shop. Genausolange berichtet sie bei uns zu Rechtsthemen, welche die E-Commerce-Branche aufwirbeln. 

Sie haben Fragen oder Anregungen?

Kontaktieren Sie Yvonne Bachmann

Kommentare  

#3 René Schibol 2020-04-27 08:32
Vielen Dank für den Artikel. Alles richtig!
Ich frage mich seit Jahren nur, was die Anwaltskammern so machen. Die Aufgabe der Anwaltskammer ist doch den Berufsstand der Anwälte ehrhaft zu halten, oder?
Die Anwaltskammern schauen seit Jahren zu, wie dieser -zumindest früher- ehrhafte Berufsstand mittlerweile moralisch verkommt. "Das Recht ist für den Klügeren da"; dass scheint (mindestens im gewerblichen Recht) bei vielen Juristen eine gängige Auffassung zu sein. Ansonsten kann ich mir nicht erklären das Richter, Kollegen und auch Politiker diesem "WildWest" Treiben so tatenlos zuschauen. Übrigens: Andere europäische Länder gehen mit diesem Thema viel besser um. Vielleicht muss man seinen Firmensitz ins Ausland verlagern...
mit besten Grüßen auch an alle Krähen
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#2 Jörg Brüne 2020-04-05 12:51
Danke! Danke für diese klaren Worte! Ich stehe voll hinter Ihren Aussagen und kann das Gesagte nur unterstützen!
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#1 Luise Bauer 2020-04-04 08:23
Liebe Frau Bachmann,

wunderbar erfrischend Ihr Beitrag. Sie bringen es tatsächlich auf den Punkt und schreiben mit Sicherheit vielen aus der Seele.
Ich danke Ihnen für die direkte und ungeschönte Wortwahl.
Das könnten wir an vielen Stellen öfter mal gebrauchen.
Chapeau!
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