4-Tage-Woche beim Logistiker Cargo Truck Direct: „Man kann die Leute nicht immer nur mit Geld abfrühstücken“

Veröffentlicht: 03.04.2023
imgAktualisierung: 03.04.2023
Geschrieben von: Corinna Flemming
Lesezeit: ca. 7 Min.
03.04.2023
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ca. 7 Min.
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Schild 4 Tage Woche
WD Stock Photos / Shutterstock.com
Im Interview erklärt Andreas Hohnke, Geschäftsführer von Cargo Truck Direct, wie die Einführung einer 4-Tage-Woche beim Logistiker umgesetzt wurde.


Die Logistikbranche ist bereit für die 4-Tage-Woche. Bei Cargo Truck Direct wird dieses Konzept jetzt umgesetzt. 

Der Düsseldorfer Logistiker Cargo Truck Direct hat zum Jahresbeginn als erstes deutsches Unternehmen der Branche die 4-Tage-Woche ausprobiert. Nach acht Wochen Testlauf stand für die Firma fest: Es ist das Modell der Zukunft! 

Andreas Hohnke gründete die Cargo Truck Direct (CTD) im Jahr 2011, seit Januar 2020 ist Muhammet Altindas als zweiter Geschäftsführer im Unternehmen. Die Schwerpunkte der Firma sind Off-Airport-Services, (Express-) Transporte und Warehousing. Aktuell werden 20 Mitarbeiter beschäftigt. Im Interview spricht Geschäftsführer Andreas Hohnke darüber, welche Herausforderungen die Einführung mit sich brachte, warum nicht alle Mitarbeiter anfangs an einem Strang zogen und welche Schritte Cargo Truck Direct gehen musste, um auch weiterhin die eigenen Kunden zufriedenzustellen und die Qualität der Arbeit hochzuhalten.

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Bisher keinerlei Erfahrungswerte in der Branche

Logistik Watchblog: Sie nutzen das Modell der 4-Tage-Woche und sind damit in der Logistikbranche eine der ersten Firmen, die sich daran wagen. Wann haben Sie die kürzere Arbeitszeit eingeführt? Wie kam es zu dem Schritt, welche Beweggründe gab es dafür?

Andreas Hohnke: Wir sind davon überzeugt, dass das Konzept der 4-Tage-Woche die Zukunft ist. Man kann die Leute in einem Industrieland wie Deutschland, das sich immer weiterentwickelt, nicht immer nur mit mehr Geld abfrühstücken. Die Leute brauchen etwas anderes und den Erfolg kann man ja in anderen Ländern schon beobachten. Daher haben wir uns dazu entschlossen, unseren Mitarbeitern etwas zurückzugeben, und zwar das Wichtigste, das man im Leben hat: Zeit.

Wir erhoffen uns von der 4-Tage-Woche, dass wir im Allgemeinen die Produktivität steigern und die Krankentage verringern können. Unsere Mitarbeiter sollen mehr Zeit für ihr Privatleben haben und dadurch motivierter und ausgeruhter zur Arbeit erscheinen. Je zufriedener und entspannter die Mitarbeiter sind, desto positiver wirkt sich das auf das Arbeitsumfeld aus.

Da es in unserer Branche keinerlei Erfahrungswerte gab, an denen wir uns hätten orientieren können, haben wir zu Beginn des Jahres eine achtwöchige Testphase gestartet. Diese wurde dann am 1. März beendet, weil wir uns einen Monat Zeit nehmen wollten, um die gesammelten Erfahrungen zusammen mit unseren Mitarbeitern zu analysieren. Am 1. April wurde die 4-Tage-Woche dann dauerhaft bei uns eingeführt.

Wie verlief der Prozess, um das Vorhaben tatsächlich umzusetzen? Was waren die größten Herausforderungen während der Einführung? 

Wir als Geschäftsführer haben uns zusammengesetzt und über die Idee gesprochen. Dass wir das Konzept bei uns umsetzen wollen, stand eigentlich ziemlich schnell fest. Die Herausforderung bestand darin, ein funktionierendes Schichtsystem zu entwickeln, damit der Betrieb für unsere Kunden wie gewohnt weiterlaufen kann. Wir hatten keinerlei Erfahrungsberichte, an denen wir uns hätten orientieren können, also war es sehr spannend, von ganz vorne zu beginnen.

Hier sind wir auch sehr froh, dass wir zunächst die Testphase hatten, da wir so erkennen konnten, wo wir das Konzept für unser Unternehmen noch verbessern können. Da aber alle sehr motiviert und interessiert in die Testphase gegangen sind, hatten wir kaum Probleme oder Herausforderungen während der Einführung.

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„Die 4-Tage-Woche funktioniert nur dann, wenn wir als Team arbeiten“

Sie haben einen Testlauf von 8 Wochen durchgeführt, um final zu entscheiden, ob die 4-Tage-Woche dauerhaft bei Cargo Truck Direct umzusetzen ist. Welche Learnings haben Sie aus dieser Testphase mitgenommen? Was hat gut geklappt und was muss noch nachgebessert werden?

Wir haben gelernt, dass dieses Konzept den Mitarbeitern sehr gut tut. Sie sind mit sehr viel mehr Spaß zur Arbeit gekommen, waren fröhlicher und die Stimmung war einfach viel besser. Man hat gemerkt, wenn jemand am nächsten Tag frei hatte oder gerade aus einem freien Tag kam. Sie haben viel produktiver und effizienter gearbeitet und wir hatten keine Krankentage während der gesamten Testphase. Und vor allem haben wir gelernt, dass dieses Konzept in unserer Branche definitiv funktioniert!

Es gibt aber auch Punkte, an denen wir noch etwas verbessern müssen bzw. wollen. Dazu nutzten wir den März, in dem wir die 4-Tage-Woche pausiert haben. Dazu zählt auch unser Schichtsystem. Wir hatten am Anfang die freien Tage der Mitarbeiter auf Montag, Dienstag und Mittwoch gelegt, da donnerstags und freitags die Tage sind, an denen am meisten los ist und da wollten wir alle vor Ort haben. Allerdings führte dies zu mehr Stress an den drei anderen Tagen, da dann auf einen Schlag zu viele Mitarbeiter gleichzeitig gefehlt haben. Deswegen breiten wir das Ganze jetzt auf alle Tage, von Montag bis Freitag aus. Dann fehlt an jedem Tag jemand, aber niemals zu viele auf einmal. So wollen wir das Arbeitspensum der Mitarbeiter auf einem Level halten.

Wie waren die Reaktionen der Mitarbeiter? Gab es auch kritische Äußerungen bzw. Widerstände? Wenn ja, wie sahen diese aus?

Kritische Äußerungen oder Widerstände der Mitarbeiter gab es keine! Manche haben der Umstellung eher skeptisch entgegengesehen, aber alle neugierig und offen! Die meisten haben sich einfach sehr gefreut und waren schon nach der ersten Woche in der Testphase komplett überzeugt.

Es gibt Mitarbeiter, die offen gesagt haben, wenn sie etwas gestört hat und oder sie mit etwas, das durch die Umstellung herbeigeführt wurde, in ihrer Arbeit beeinträchtigt wurden. Aber das war immer sehr konstruktive Kritik, auf die wir als Geschäftsführer ja auch angewiesen sind und wozu wir diese Testphase gemacht haben. Die Mitarbeiter und ihre Erfahrungen mit einzubinden, war ja von Anfang an der Plan. Aber es sind sich alle Mitarbeiter einig, dass dieses Konzept bei uns gut funktionieren wird, sobald hier und da nochmal nachgebessert wurde.

Zu Beginn gab es zwar ein paar Mitarbeiter, die diese Umstellung als zu selbstverständlich angesehen haben und nicht als Belohnung für gute Arbeit, die wir alle leisten müssen, um die Umstellung zu ermöglichen. Da blieb das effizientere Arbeiten leider aus, aber auch das konnten wir nach ein paar Gesprächen regeln. Alle müssen sich bewusst sein, dass die 4-Tage-Woche nur dann funktioniert, wenn wir alle als Team arbeiten. Generell hat die Umstellung aber bei allen gut funktioniert und alle Erfahrungen wurden als Team gemacht, als Team zusammengetragen und als Team optimiert – wir sind sehr zufrieden und das Feedback unserer Mitarbeiter zeigt uns, dass auch sie es sind. Wir blicken der dauerhaften Einführung alle sehr überzeugt entgegen.

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Es braucht immer jemanden, der den ersten Schritt geht

Müssen Ihre Mitarbeiter nun die gleiche Arbeit in weniger Zeit bewältigen oder wurden die Erwartungen und Zielsetzungen etwas heruntergeschraubt? 

Die Erwartungen und Zielsetzungen wurden nicht heruntergeschraubt, denn das würde ja bedeuten, dass wir unseren Kunden weniger anbieten würden als vorher. Unser Ziel ist eine Produktivitätssteigerung und unseren Kunden die bestmöglichen, aber niemals geringeren Leistungen anzubieten.

Und tatsächlich funktioniert das auch, wenn man weniger Stunden in der Woche arbeitet! Einfach, weil die Mitarbeiter motivierter und effizienter arbeiten. Teilweise mussten wir sie auch nach Hause schicken, weil die Bereitschaft länger zu arbeiten da war, ohne dass es irgendjemand verlangen würde. Es wurde nicht mehr auf die Uhr und den Feierabend gelauert – das war schon sehr faszinierend zu beobachten!

Arbeit bleibt deswegen aber keine liegen und die Mitarbeiter müssen umgekehrt auch keine Überstunden machen, weil sie die Arbeit sonst nicht erledigt bekommen. Da sind – und werden in Zukunft durch die Optimierung des Schichtsystems noch besser – die Schichten so gut verteilt, dass so etwas verhindert wird.

Was müsste schieflaufen, damit Cargo Truck Direct doch wieder zurück zum alten Modell wechselt?

Wenn wir merken würden, dass die Produktivität im Unternehmen und damit die Qualität unserer angebotenen Leistungen schlechter wird oder die Mitarbeiter mit dieser Art zu arbeiten unzufrieden sind, wären das für uns gute Gründe, um wieder zum „alten Modell“ zu wechseln. Davon gehen wir aber absolut nicht aus. 

Was denken Sie, ist der Grund, warum besonders in der Logistikbranche noch viele Firmen zögerlich beim Thema New Work sind? Was würden Sie anderen Logistikern auf den Weg geben, die ebenfalls am Modell der 4-Tage-Woche für ihr Unternehmen interessiert sind?

Aller Anfang ist schwer und vielen Veränderungen wird skeptisch entgegengesehen. Es musste wahrscheinlich erst einmal jemand kommen, der den ersten Schritt in Deutschland in der Branche wagt. Vielleicht denken manche Unternehmen auch ‚Hey, bei uns läuft doch alles, wieso sollen wir etwas ändern?‘ Und da können wir jetzt darauf antworten, dass ein Unternehmen – egal wie gut es läuft – seinen Mitarbeitern immer noch ein bisschen mehr zurückgeben kann. Sei es Wertschätzung, Geld oder Zeit.

Die 4-Tage-Woche ist ein gutes Tool, um die Mitarbeiter zu belohnen und ihnen mehr Lebensqualität zu geben. Es ist auf jeden Fall uneingeschränkt zu empfehlen! Wir überlegen auch, ob wir demnächst Workshops zu dem Thema geben, um andere Unternehmen bei der Umstellung und Konzeptionierung zu unterstützen!

Wir sind überzeugt, dass dies die Zukunft ist und diese Branche bereit für die Umstellung ist!

Vielen Dank für das Gespräch!

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Corinna Flemming

Corinna Flemming

Expert/in für: Internationales

Veröffentlicht: 03.04.2023
img Letzte Aktualisierung: 03.04.2023
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