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Kolumne

Grünen-Vorstoß zur Retouren-Vernichtung: Bitte alle mal beruhigen

Veröffentlicht: 14.06.2019 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 14.06.2019
Brennendes Geld

Ja, die Grünen, diese Verbotspartei. Das Auto wollen sie uns verbieten. Und das Schnitzel. Und jetzt auch noch die Vernichtung von Retouren. Ein Aufschrei nach dem anderen, meist von Christian Lindner. Eine Schlagzeile reicht und das alte Image der Verbotspartei ist wieder da. Es kann ja dann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Katrin Göring-Eckardt und ihre Baumliebhaber uns die Schuhe verbieten wollen. Der Gummi-Abrieb ist schließlich Gift für die Umwelt. Wirtschaftsbosse und Fleischfresser können sich wunderbar in wutschäumender Brüllerei suhlen. Da fällt es dann auch nicht auf, wenn alle aneinander vorbei reden und über die Schlagzeile hinaus offenbar keine Zeit mehr zum Lesen ist.

Können wir uns kurz bitte alle beruhigen? Grundsätzlich dürfte doch Einigkeit darüber herrschen, dass jedes vernichtete Produkt, das nicht hätte vernichtet werden müssen, eine umweltschädliche Verschwendung ist. Wenn Burberry über Jahre Klamotten im Wert von 100 Millionen Euro verbrennt, damit das Luxus-Image stimmt, dann darf und sollte man das in aller Lautstärke verurteilen. Und zwar ohne Diskussion. Wenn Hersteller zurückgeschickte und nicht verkaufte Produkte zerstören, weil sie sie nicht billig weiterverkaufen wollen, weil sie ihre Marke in Gefahr sehen, dann darf es keine Diskussion darüber geben, ob das erlaubt sein sollte oder nicht.

Vernichtung neuwertiger (!) Produkte

Den Grünen geht es um genau solche Fälle, wenn Göring-Eckardt von der „Perversion der Wegwerfgesellschaft“ spricht. Dass bedürftigen Menschen, passend zum Thema, das Containern verboten bleibt, ist das i-Tüpfelchen. Göring-Eckardt spricht ganz explizit von zurückgeschickter neuwertiger Ware, die sich noch verkaufen oder spenden ließe. Sie bekommt dabei sogar Rückendeckung aus der Branche. Europas Ebay-Chef Eben Sermon sieht den Vorstoß als „sehr positive Initiative“. „Ich befürworte das sehr, ich möchte auch nicht, dass Retouren vernichtet werden“.

Die Frage ist doch, über was für ein Problem wir eigentlich sprechen. Nicht einmal vier Prozent der zurückgeschickten Ware wird entsorgt. In absoluten Zahlen dürfte dies gar nicht so wenig sein, wie viel davon allerdings wirklich noch verkäuflich wäre, lässt sich nicht sagen. Die Grünen mögen die Problematik größer reden als sie ist. Andererseits wird im aktuellen Sommerloch ja sogar das Schnitzel von Christian Lindner zum Politikum.

Wir brauchen weniger Retouren

Das große, das eigentliche, Problem sind doch am Ende nicht die vernichteten Retouren, sondern die Retouren ganz generell. Etwa jedes sechste Paket wird retourniert, die Quote liegt bei Kleidung oder Schuhen sogar bei knapp 50 Prozent. Können wir uns bitte alle einig sein, dass das verdammt nochmal zu viel ist? Und dass hier sogar Online-Händler und Grüne auf einer Seite stehen und Verbraucher, die Convenience über alles stellen, auf der anderen? Das Ziel muss doch sein, Retouren ganz generell zu reduzieren und zwar drastisch. Und da müssen zuvorderst Amazon, Ebay, Otto und die anderen Big Player mitspielen. Bessere Produktpräsentationen im Internet sind schön und gut, aber wenn ich als Kunde für zurückgeschickte Produkte einfach mal zehn Euro Versand bezahlen müsste, würde ich mir zweimal überlegen, ob ich fünf Paar Schuhe kaufe und vier zurück schicke. Das funktioniert aber natürlich nur, wenn die Platzhirsche mitziehen und vorleben.

Und um hier zum Schluss die Kritiker mit den Grünen noch ein bisschen weiter zu versöhnen: Die Grünen fordern, dass noch funktionierende Artikel gespendet werden. Auch das kann niemand kritisieren, der nicht mit Euroscheinen in den Augen in einem vollverglasten Eckbüro sitzt. Das Problem: Spenden sind umsatzsteuerpflichtig. Um das mal ganz deutlich zu sagen: In vielen Fällen ist es billiger, Sachen wegzuschmeißen, als sie zu verschenken. Können wir uns bitte zum Schluss noch ein letztes Mal einig sein in der Forderung, dass diese Umsatzsteuerpflicht abgeschafft gehört? Vielen Dank.

Über den Autor

Christoph Pech Experte für Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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Kommentare  

#6 Sven 2019-06-17 07:56
Ich stimme dem Ganzen teilweise zu. Fakt ist, dass Retouren drastisch zurückgefahren werden müssen. Nicht nur, weil wir damit auch den CO² und Stickstoff Ausstoß der LKW fördern, sondern auch extra Lagerhallen mit Billiglöhnern dafür herhalten müssen, um diese Retouren zu bearbeiten. Artikel, der 5 € kostet, muss teilweise gar nicht mehr zurück gesendet werden, da die Kommissionierun g teurer wäre.

Das Problem ist, das gerade bei den Textilien, dass man erst sieht, ob es passt und wie es sich anfühlt, wenn man es anhat. Das trifft auf Schuhe ebenso zu. Ich kann z.B. nur jeden 10ten Schuh angenehm tragen. Deswegen bestelle ich aber auch selten Mode Online, sondern gehe den Weg in die Stadt. Wenn da kein Umdenken geschieht, wird sich daran auch nichts ändern. Der Vorsprung mit der 3D Vermessung von Amazon ist schon mal ein Super Ansatz, bedeutet aber auch, dass jede 35 eine 35 sein sollte.

Und letztlich sind wir in den letzten Jahren ziemlich verwöhnt, was Kleidung angeht. Wenn nicht alle 2 Monate etwas Neues im Schrank hängt, sind wir nicht mehr im Style. Ein wenig mehr Minimalismus würde uns allen gut stehen.
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#5 Thomas Knott 2019-06-15 14:57
Genau darum geht es doch, dass die Grünen verlogen argumentieren, um mehr Stimmen zu fangen. Dadurch wird unsere Gesellschaft wirtschaftsfein dlicher oder zumindest schizophrener in Bezug auf die Realität der eigenen Bedürfnisse. Das ist ein riesiges gesellschaftspo litisches Problem und deshalb der große Aufschrei. Ich erwarte von den Journalisten der Onlinehändler News, dass sie diese Position der Grünen intelligent und lautstark kritisieren. Oder sich eine Position in einem anderen Medium suchen. Denn die Händler können selber nicht so aktiv politisch auftreten, da sie niemanden verprellen wollen. Schönes WE!
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#4 Klasube 2019-06-15 12:43
Emotionslos, neutral und vernünftig - so sollte Politik auch gehen...
Ich gebe Ihnen völlig recht!
Unser BGB und das Vertragsrecht sind durch einen völlig überzogenen „Verbrauchersch utz“ ausgehebelt worden. Die Rücknahme von gekauften Waren sollte, wenn überhaupt, auf freiwilliger Basis erfolgen. Alles andere ist in meinen Augen eine unzulässige Einmischung der Politik in die unternehmerisch e Vertragsfreihei t. Meinetwegen kann auch über eine prozentuale Verwaltungs- und Wiedereinlageru ngsgebühr nachgedacht werden. Das obliegt aber den Unternehmen und nicht der Politik.
Es muss auch dringend über die volkswirtschaft lichen und ökologischen Schäden gesprochen werden. Wir alle beklagen uns über die von LKWs verstopften und beschädigten Strassen - vom CO2-Ausstoss nicht zu reden. Bei ca. 280 Millionen Paketen, die zurück geschickt werden, ist das ein nicht unerheblicher Anteil.
Aber darum geht es den Grünen-Experten offenbar nicht. Leider wieder einmal zu kurz gedacht...
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#3 Dirk Thörner 2019-06-15 11:09
In diesem Kommentar ist so vieles schräg, dass man garnicht weiß, wo man anfangen soll.
Beispiel: Es gibt einen O-Ton aus der Branche, von eBay. eBay ist als Marktplatzbetre iber gar nicht betroffen. Nur die Händler auf dem Markt sind betroffen.
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#2 Sven Berger 2019-06-15 09:43
Sehr schöner Artikel. Viel vielen Dank!
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#1 MM 2019-06-14 16:28
Das Problem sind doch die heutigen Verbraucher, welche nach Umweltschutz und Bio Gemüse schreien aber sofort jeden Mist retournieren, wenn es nicht nach dem eigenen willen geht, oder wenn es nicht einfach genug ist etc.. Wir machen da generell nicht mehr mit, beim zweiten Auftrag mit einer Retourenhöhe von mehr als 50% wird der Kunde automatisiert mit einem Tag versehen und beobachtet. Alles darüber wird der Kunde nach bestimmten Parametern gesperrt. Massenretournie rer werden sofort gesperrt, ebenso wie Käufer welche nicht wissen, wie man mit unseren Supportmitarbei tern zu schreiben/sprec hen hat und beleidigend werden. Würden es alle so machen, dann wäre es auch wieder ein Handel auf Augenhöhe. Aber Massenretournie rer und Fragmentkäufer verlieren wir sehr gerne an die Mitbewerber, denn diese schwächen die Konkurrenz. Niemand braucht solche Käufer, wir fahren damit seit Jahren sehr gut, haben sehr starke Umsatzzuwächse und eine gesunde Rendite. Es hat daher nichts mit Servicemangel zu tun. Wer zahlt, bekommt den vollen Service. Wer nur Kosten verursacht ist für uns nicht relevant. Die ernsthaften Bedarfskäufer wachsen dadurch stetig. Das tatsächliche Problem ist eine weltfremde Politik und Juristerei, sowie ein bedingungsloser Widerruf. Man kann nicht Umweltschutz fordern und jedem das Recht zusprechen hirnlos alles und jedes in ganz Europa hin und herzusenden. .. So etwas schliesst sich per Definition schon aus. Es würde auch unseren stationären Einzelhandel stärken, wer unsicher ist, der kauft im Laden. Andere kaufen online. Dazu braucht es keinen Widerruf. Hier reicht die freiwillige Rücknahme, wie es im Einzelhandel auch praktiziert wird. Dieser Versandwahnsinn wird uns allen um die Ohren fliegen und mehr als Kosten und ein Serviceprekaria t verursacht es am Ende nicht.
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