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„Sicherstellen, dass die Menschen zu Hause bleiben können“

Expresslieferdienste: Mehr als eine Alternative in der Coronakrise

Veröffentlicht: 09.04.2020 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 20.04.2020
Flaschenpost

Getränkelieferdienste wie Durstexpress oder Flaschenpost sind in Deutschland mittlerweile etabliert und erhöhen stetig ihre Kundenbasis. In der aktuellen Coronakrise gilt das umso mehr, bleiben doch die meisten Menschen derzeit zu Hause. Wer sich in Quarantäne befindet oder zur Risikogruppe gehört, darf und sollte ohnehin nicht selbst einkaufen gehen. „Wir wollen sicherstellen, dass die Menschen, die jetzt zu Hause bleiben müssen, auch zuhause bleiben können. Und gerade Menschen mit erhöhtem Gesundheitsrisiko benötigen jetzt unsere Unterstützung“, sagt der Flaschenpost-CEO Dr. Stephen Weich. Für diese Menschen sind Expresslieferdienste gerade ein Segen.

Dass das Geschäftsfeld einen Nerv trifft, zeigte sich aber schon vor Corona. Flaschenpost zum Beispiel wurde im Dezember attestiert, über 270 Millionen Euro wert zu sein. In der aktuellen Situation dürfte diese Zahl eher noch gestiegen sein. Durstexpress hat sich mit einem ähnlichen Konzept ebenfalls etabliert. Dass man die Idee auch anders aufziehen kann – und  auf andere Warengruppen und Konzepte umlegen – zeigen neue Angebote, die den Markt mit Kreativität und lokaler Erdung aufmischen wollen.

Getränke innerhalb von zwei Stunden

Das Konzept der Platzhirsche Flaschenpost und Durstexpress ist mittlerweile bekannt: Kein Kistenschleppen mehr, wenn man Bier, Wasser oder Saft benötigt. Im Online-Shop werden die gewünschten Produkte ausgewählt und innerhalb von zwei bis drei Stunden – oder eines selbst gewählten Zeitfensters – wird die Ware geliefert. Leergut lässt sich direkt mit abgeben, dessen Wert bekommt man kurze Zeit später, je nach Zahlart, zum Beispiel auf dem PayPal-Konto gutgeschrieben. Die Unternehmen setzen dabei auf eigene Lager und eigene Auslieferfahrzeuge, sind also unabhängig vom Einzelhandel.

Die Entwicklung kann sich dabei sehen lassen. Flaschenpost zum Beispiel, gegründet 2016 in Münster, betreibt mittlerweile 19 Lagerstandorte und beliefert über 125 Städte in Deutschland. Mehr als zwei Millionen Bestellungen pro Jahr, 60.000 Getränkekisten pro Tag und 1.300 Lieferfahrzeuge sprechen für sich. Ein großes Anliegen ist dem Unternehmen ein umweltbewusstes Image. „Die intelligent geplanten Touren ersetzen 6 bis 10 Einzelfahrten zum Supermarkt und sparen damit große Teile des CO2-Ausstoßes ein. Das Prinzip zielt darauf, Mehrwegkästen statt Einweg-Pfand in Umlauf zu bringen, in den meisten Fällen Glas statt Plastik. Eine ressourcenschonende Lagerausstattung spart Energie, und das Leergut wird gleich wieder mitgenommen. Außerdem wird bereits die Auslieferung mit alternativen Antrieben getestet“, erklärt Flaschenpost gegenüber OHN.

Gesellschaftliche Aufgabe

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Konkurrent Durstexpress: Der Fokus liegt auf Mehrweg-Produkten, die Liefertouren ersetzen Einzelfahrten und in Berlin läuft ein erster Test mit Elektrofahrzeugen. Das Unternehmen beschäftigt mittlerweile über 2.500 Mitarbeiter, Tendenz: steigend. Denn auch Durstexpress expandiert. Nach Berlin 2017, Leipzig 2018 und Hannover 2019 folgten allein in den vergangenen vier Monaten neue Logistik-Hubs in Augsburg, Dresden, Hamburg und München. „In diesem Tempo soll es weitergehen“, so Geschäftsführer Maximilian Illers.

Durstexpress

Die Corona-Krise sorgt zudem derzeit für enorme Wachstumsraten: „Die Bestellungen von Stamm- und Neukunden erreichen gerade regelmäßig neue Höhepunkte und Spitzen“ verrät Illers. Im Wochenvergleich erlebe man aktuell Steigerungsraten von bis zu 100 Prozent. Er sieht die Arbeit seines Teams in der derzeitigen Situation als „gesellschaftliche Aufgabe“, weil auch Durstexpress zur Grundversorgung der Bürger beiträgt. Um die Aufgabe zu bewältigen, wird gerade verstärkt Personal gesucht, denn für Illers ist die Coronakrise auch eine Art Gamechanger: „Die Einkaufsgewohnheiten in Deutschland werden sich durch diese Krisensituation nachhaltig ändern, ist meine Überzeugung. Wer jetzt zum ersten Mal beim Durstexpress bestellt und unsere Dienstleistung schätzen lernt, der wird dies in der Regel weiterhin tun.“

Kooperation mit den Händlern

Einen etwas anderen Weg als die etablierten Platzhirsche geht das Kölner StartUp Durststrecke GmbH (Durst). Durst setzt im Gegensatz zu Flaschenpost oder Durstexpress, die eigene Liefer-, Lager- und Logistikstrukturen pflegen, „auf die bestehenden Strukturen im lokalen Getränkefachhandel. In Kombination mit einer eigens programmierten Software zur Tourenplanung, Tourenoptimierung und Auslieferung, kann so die Getränkelieferung für den Getränkehändler innerhalb kürzester Zeit nahezu vollkommen digital unterstützt abgewickelt werden", erklärt Laura Seggedi, Prokuristin bei Durst. Das Angebot bietet lokalen Händlern also eine Möglichkeit, ihre Waren an die Kunden zu liefern. Durst bietet die Online-Plattform und die App, die es den Kunden ermöglicht, bei den lokalen Getränkehändlern zu bestellen und die Ware geliefert zu bekommen. Neben den üblichen nationalen Produkten lassen sich auf diese Art auch regionale Artikel anbieten. Wie die Konkurrenz bietet Durst frei gewählte Lieferzeitfenster an – um Kunden und Fahrer zu schützen, läuft die Bezahlung und Auslieferung derzeit in den meisten Städten kontaktlos.

Derzeit arbeitet das StartUp, zu dessen Investoren mehrere große Getränkehändler, die Für Sie Handelsgenossenschaft und die Rewe Group gehören, mit drei Händlern aus den Regionen Rhein-Main, Bremen, Chemnitz und Dresden zusammen. „Zahlreiche weitere Händler haben in den letzten Wochen ihr großes Interesse signalisiert und stehen in den Startlöchern für eine Aufschaltung“, so Seggedi. Es ist anzunehmen, dass auch dies etwas mit der Coronakrise zu tun hat, die ja zum Beispiel auch Lieferando derzeit einen großen Zulauf an Restaurants beschert. Für Händler fallen für die Nutzung der Software fixe Lizenzgebühren sowie variable Transaktionsgebühren an. Durst bietet darüber hinaus diverse Marketing-Dienstleistungen für die Händler an.

Lieber einkaufen lassen

Noch eine Spur persönlicher macht es das noch sehr junge Angebot von Schnelle Sachen. Der vom Unternehmen Niob initiierte Lieferdienst nimmt dem Nutzer direkt den regulären Einkauf ab. „Der Kunde kann von überall bequem online bei uns bestellen. Wir gehen anschließend einkaufen und liefern die Lebensmittel innerhalb von 120 Minuten direkt nach Hause oder ins Büro“, erklärt CEO und Co-Founder Dr. Gennadi Schechtmann. Den Einkauf übernehmen die sogenannten Personal Shopper. Das sind größtenteils Freiberufler, die nach einer kurzen Einarbeitungsphase flexibel Aufträge annehmen können.

Die Shopper bleiben für den Kunden dabei keine anonymen Helfer. Der Kunde kann „seinem“ Einkäufer in der App jederzeit Hinweise geben und mit ihm kommunizieren. So lassen sich etwa im direkten Kontakt Ersatzprodukte auswählen, wenn etwas vergriffen ist oder Lebensmittel ergänzt werden, wenn einem noch kurzfristig etwas einfällt, das man vergessen hat. Durch eine persönliche Notiz am jeweiligen Produkt soll es sogar möglich sein, den Reifegrad von Obst und Gemüse zu bestimmten, das gekauft werden soll.

Ein Angebot wie Schnelle Sachen ist gerade in den aktuellen Krisenzeiten sehr gefragt. Man sehe es als „wichtige Aufgabe, besonders jetzt Menschen, die als ‚Risikogruppe‘ eingestuft werden, mit Lebensmitteln zu versorgen. Wir hoffen, dass wir zeitnah unsere Shopper-Mannschaft aufstocken und ganz Leipzig beliefern können“, so Schechtmann. Auf Leipzig wolle man sich zunächst fokussieren und in den nächsten Wochen das gesamte Stadtgebiet abdecken. „Anschließend werden wir den Service auch auf weitere Städte skalieren.“ Parallel wird das Supermarktangebot ausgebaut, so Schechtmann: „Aktuell liefern wir das komplette (bzw. Im Markt verfügbare) Warensortiment aus Lidl, REWE und Metro. Für die Zukunft sind u.a. auch BIO Fachmärkte und Drogeriemärkte, wie z.B. DM oder Müller geplant“.

Online-Kiosk mit Eko Fresh

Manchmal hat man auch einfach nur Lust auf etwas Süßes – oder man bemerkt, dass das Ladekabel kaputt ist und benötigt dringend ein Neues. Für so etwas gibt es in ganz Deutschland kleine Kioske und Spätis – und bald auch einen Lieferdienst. Cüneyt Kizilkaya, Malic Bargiel, Tobias Kim und kein geringerer als Rapper Eko Fresh haben vor Kurzem das StartUp Liefertüte.de gegründet. Dabei handelt es sich um einen Express-Lieferservice mit über 1.000 Einzelhandelsartikeln, die innerhalb von 50 Minuten geliefert werden sollen. „Von Getränken, Lebensmitteln, Süßwaren, Bürobedarf, Drogerieartikeln bis hin zur kleineren Elektroware wie z.B. Ladekabeln ist alles dabei“, erklärt Mitgründer Cüneyt Kizilkaya. „Quasi alles was verpackt ist! Wir nennen es zwar Online-Kiosk, aber es ähnelt noch mehr einem Tankstellen-Sortiment.“

EkoFresh

Kizilkaya war so überzeugt von der Idee, dass er seinen alten Job an den Nagel hing, um sich komplett der Liefertüte zu widmen. Dabei war es scheinbar nicht schwer, Eko Fresh für die Idee zu gewinnen: „Eko war so begeistert, von diesem Unternehmergeist und der Idee an sich, er war direkt an Bord!“ Der bekannte Rapper ist dabei nicht nur bloßes Testimonial. „Eko ist unser Marketingleiter! Und als dieser trifft er damit alle Entscheidungen der öffentlichen Erscheinung des Unternehmens. Er ist ein alter Hase und weiß genau, wie man eine Brand bekannt macht!“

Starten wird man zunächst in Köln. Dem StartUp ist es wichtig, das Lieferversprechen – innerhalb von 50 Minuten – auch einhalten zu können. Es wird stets aus einem Lager in der Nähe des Kunden geliefert. Ist der Pilotlauf in Köln erfolgreich, will man über ein Franchise-System deutschlandweit expandieren. „Bis die Tüte überall zur Gewohnheit wird“, so Kizilkaya. Wann genau es losgeht, ist indes noch nicht klar. Ursprünglich war ein Start im März vorgesehen, nun peilt man den Sommer an. Der Mitgründer übt sich in Geduld: „Um eine reibungslose Gewährleistung des Service bieten zu können, wie wir ihn uns vorstellen, gehen wir erst an den Start wenn auch wirklich alle Vorbereitungen getroffen sind. Wir machen uns da keine Hektik, gut Ding will Weile haben. Aktuell sieht’s so aus, dass wir den jetzigen Countdown einhalten werden.“

Über den Autor

Christoph Pech Experte für Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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