Mode Scheuchenzuber im Porträt

Mit 66 Jahren, da fängt der Online-Handel an

Veröffentlicht: 17.04.2020 | Geschrieben von: Michael Pohlgeers | Letzte Aktualisierung: 17.04.2020
Familie Scheuchenzuber

Rund 3.800 Menschen leben in Schönberg in Niederbayern. Zwei von ihnen sind Helmut und Vera Scheuchenzuber, die einen bemerkenswerten Schritt in ihrem Leben als Mode-Händler gewagt haben: 2017, 32 Jahre nach der Eröffnung ihres Ladengeschäfts, schwenkten sie auf den Online-Verkauf über Amazon um – dabei hatten sie zu diesem Zeitpunkt bereits das Rentenalter erreicht. 

mode scheuchenzuber schoenberg

Doch zurück zum Anfang: Das Modegeschäft Mode Scheuchenzuber wurde am 15. März 1985 eröffnet. Auf anfänglich knapp 100 Quadratmetern bot das Ehepaar Scheuchenzuber seine Ware an. Zum Start verkaufte Mode Scheuchenzuber ein Vollsortiment – also Damen-, Herren- und Kindermode sowie Tag- und Nachtwäsche. „Die Anfangszeiten waren sehr aufregend für uns mit vielen neuen Erfahrungen und Lernprozessen“, erinnert sich Vera Scheuchenzuber heute. „Der Laden lief sehr gut, das Konzept war stimmig und erfolgreich.“ 

In den folgenden Jahren wuchs die Verkaufsfläche deshalb auch kontinuierlich auf 270 Quadratmeter. Das Sortiment wandelte sich ebenfalls, wie Vera Scheuchenzuber erklärt: „Im Laufe der Zeit haben wir Schritt für Schritt unser Sortiment dem Markt und den Wünschen unserer Kunden angepasst.“ So bot Mode Scheuchenzuber schließlich auch Schuhe, Taschen, Modeschmuck und Accessoires.

Nach 32 Jahren ging es in den Online-Handel

2017 entschied das Ehepaar sich aber für einen vergleichsweise radikalen Einschnitt: Als zusätzlichen Absatzkanal wollten sie den Online-Handel erschließen und eröffneten einen Amazon-Shop – „nach anfänglichen Überlegungen, mit einem eigenen Online-Shop zu starten“, wie Vera Scheuchenzuber erzählt. Die Entscheidung sei aus zwei Gründen auf den Marktplatz gefallen: Erstens hätten die Marketingkosten für den eigenen Online-Shop die Finanzplanung deutlich überstiegen und zweitens sei ein eigener Shop ohne Eigenmarke oder eigenes Produkt nicht sinnvoll.

Der Schritt in den Online-Handel ist deshalb so bemerkenswert, weil Vera Scheuchenzuber und ihr Mann bereits zu diesem Zeitpunkt das Rentenalter erreicht hatten. Der Gedanke, das Ladengeschäft zu schließen und den wohlverdienten Lebensabend zu genießen, stand für das Ehepaar damals durchaus im Raum. Dazu kam der veränderte Markt: „Der Trend zum Online-Einkauf war in unserem Laden deutlich zu spüren und auch die ‚Landflucht‘ der jungen Menschen hat unseren Ort nicht verschont. Das schlug sich im Umsatz nieder“, so die Mode-Händlerin. Doch ganz zurückziehen wollten sich die Inhaber dann doch nicht. „Dazu fühlten wir uns zu fit und waren zu neugierig. Also entschlossen wir uns, unsere Mode ausschließlich online zu verkaufen.“

Vom Ladengeschäft zum Online-Pure-Player

Der Einstieg in den Online-Handel war für das Ehepaar Scheuchenzuber eine Zäsur. Obwohl sie durchaus mit den „neuen Medien und der Arbeit im Netz“ vertraut waren, wie Vera Scheuchenzuber sagt, hatte die Arbeit mit Amazon „doch noch einmal eine besondere Qualität“. Große Unterstützung erhielten die Unternehmer von ihrem Sohn Julian, der eine Bewerbung bei dem Programm „Unternehmer der Zukunft“ einreichte. Mit Erfolg: Mode Scheuchenzuber wurde als eine von 20 Firmen aus 200 Bewerbern in dem Programm aufgenommen. „Für ein halbes Jahr stand uns ein Coach zur Seite, wodurch wir natürlich erhebliche Vorteile bei der Einarbeitung hatten“, so Vera Scheuchenzuber. Ihr Sohn Julian griff seinen Eltern ebenfalls unter die Arme: Als selbstständiger Software-Entwickler konnte er bei dem Aufbau des Shops helfen und mit Rat und Tat zur Seite stehen.

mode scheuchenzuber modeteam

Den Zeitaufwand hatte das erfahrene Unternehmerpaar aus Bayern anfangs ebenfalls unterschätzt: „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass die administrative Arbeit am PC mindestens vier bis fünf Stunden täglich betragen würde. Dann kam der Einkauf, das Sortieren, Etikettieren, Fotografieren und Beschreiben der Ware hinzu. Kunden-E-Mails mussten beantwortet werden, der Markt sollte beobachtet werden, dazu kamen ganz profane Dinge wie z. B. Verpackungsmaterial bestellen, Lagerhaltung usw.“ Das Verpacken und Versenden der Pakete sei angesichts dieses Aufwands „eher entspannend“ gewesen.

Im Oktober 2017 schlossen Helmut und Vera Scheuchenzuber die Türen ihres Ladengeschäfts in Schönberg dann zum letzten Mal. Ihre Artikel verkauften sie seitdem nur noch über Amazon und hatten sich damit zu einem Online-Pure-Player gewandelt. Die Entscheidung kam nicht von ungefähr: Gleich zu Beginn ihres Online-Geschäfts kam bereits einer ihrer ersten Online-Kunden aus dem Nachbarort – und das, obwohl das Ladengeschäft da noch geöffnet und der bestellte Artikel auch vorrätig war. Dieses Ereignis habe dem Ehepaar damals „schon zu denken gegeben“, so Vera Scheuchenzuber. Der Schritt komplett in den Online-Handel war die logische Konsequenz. 

Das Amazon-Geschäft geht auch an die Nerven

Anfang 2020 hat das Ehepaar sich dann aber doch dazu entschieden, das Rentenalter zu genießen. Den Betrieb hat Mode Scheuchenzuber eingestellt. „Wir hatten Angebote, unseren Shop zu verkaufen und haben diese Möglichkeit auch in Betracht gezogen. Allerdings wäre dies wieder mit erheblichem Aufwand verbunden gewesen“, meint Vera Scheuchenzuber. Der Nachfolger hätte eingearbeitet und der Verkauf des Shops ja auch noch mit Amazon geklärt werden müssen. „Das wollten wir nicht mehr, sondern einen klaren Schnitt“, sagt die Rentnerin. „Und dann unseren Ruhestand endlich genießen.“

Das Alter sei bei der Entscheidung ein Grund gewesen, aber nicht der einzige. Die Arbeit mit Amazon hätte auch immer wieder zu Frustration geführt, so Vera Scheuchenzuber. Täglich wechselnde Regeln und Vorgaben, unkollegiales Verhalten von Mitbewerbern und schwieriges Kundengebaren – so fasst sie die Ärgernisse auf dem Marktplatz zusammen. „Das ging oft an die Nerven.“ Zudem – und das wirkt zunächst einmal paradox – lief der Betrieb erfolgreich. Doch mit dem Erfolg stieg auch der Arbeitsaufwand. Das Ehepaar habe schließlich vor der Entscheidung gestanden, das Sortiment zu erweitern und mehr Personal zu beschäftigen oder den Betrieb einzustellen. „Obwohl da durchaus noch Luft nach oben und noch einiges an Business drin gewesen wäre, haben wir uns dann fürs Aufhören entschieden – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.“

Tipp an junge Unternehmer: „Traut euch!“

Die Erfahrung möchte das Ehepaar aber keineswegs missen. Man führe „ein sehr buntes Leben, im wahrsten Sinne des Wortes“, wenn man im Modehandel unterwegs ist. Die Arbeit sei spannend, weil man eben auch viel über Mode und die Menschen lerne. Und eine Lanze will das Ehepaar Scheuchenzuber trotz aller Prognosen auch für den Einzelhandel brechen: „Würden wir noch einmal beginnen, wäre für uns ein klug aufgestelltes Standortgeschäft kombiniert mit einem Online-Shop die optimale Lösung“, sagte Vera Scheuchenzuber. „Wir raten den jungen Unternehmen, die sich in dieser Richtung engagieren möchten, unbedingt dazu. Traut euch!“

Ob sie sich aber bei dem Schritt in den Online-Handel nochmal für Amazon entscheiden würden, können sie nicht wirklich beantworten. Der Marktplatz sei für einen Händler „Fluch und Segen“. Denn die Zusammenarbeit sei manchmal schwierig, aber ohne den Marktplatz ginge es kaum. Für einen Händler ohne Eigenmarke, so die Unternehmerin, überwiegen die Vorteile allerdings die Nachteile. Doch damit müssen sich Helmut und Vera Scheuchenzuber nun nicht mehr auseinandersetzen.

Über den Autor

Michael Pohlgeers
Michael Pohlgeers Experte für: Marktplätze

Micha gehört zu den „alten Hasen“ in der Redaktion und ist seit 2013 Teil der E-Commerce-Welt. Als stellvertretender Chefredakteur hat er die Themenauswahl mit auf dem Tisch, schreibt aber auch selbst mit Vorliebe zu zahlreichen neuen Entwicklungen in der Branche. Zudem gehört er zu den Stammgästen in den Multimedia-Formaten OnAir und OnScreen.

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