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Interview mit Mode-Label Grubenhelden

Produktionsumstellung in der Coronakrise: „Entscheidend ist, dass du offen bist“

Veröffentlicht: 19.05.2020 | Geschrieben von: Hanna Behn | Letzte Aktualisierung: 19.05.2020
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Viele Branchen traf die Coronapandemie und führte hier zu finanziellen Einbußen, das gilt auch für den Modehandel. Hier gingen die Umsätze teils stark zurück, auch Zalando meldete hohe Verluste. Modehändler Gerry Weber, der stark auch auf das stationäre Geschäft setzt, muss ca. 200 Stellen abbauen, um zu überleben. Andere große Modelabels, darunter etwa Hugo Boss, und verschiedene Online-Shops haben das eigene Angebot umgestellt und verkaufen mittlerweile auch Schutzmasken. Beispielsweise hat AboutYou den Bestand an Gesichtsmasken auf ca. vier Millionen aufgestockt und diese nun im Shop. 

Auch kleinere Labels haben spontan reagiert, darunter Grubenhelden aus dem Ruhrgebiet. Das Fashion-Unternehmen ist seit 2016 am Markt und wuchs aus der Idee, das Wesen des Steinkohletagebaus – der das Ruhrgebiet und dessen wirtschaftliche Entwicklung prägte – mit Mode in die Welt zu tragen. Grubenhelden verkauft vor allem im stationären Handel und kann bislang auf eine spannende Erfolgsgeschichte blicken. Besonders eindrucksvoll ist etwa ein Auftritt auf der New York Fashion Week. Der wurde sogar in einem Dokumentarfilm festgehalten, in dem sehr schnell klar wird, mit wie viel Energie und Emotion das eher kleine Team des Labels die eigene Teilnahme an diesem für die Modewelt so wichtigen Event erlebt. Welche Rolle so ein Team spielt, wenn es gilt, sich in einer Krise wie dieser trotzdem über Wasser zu halten, erzählt Matthias Bohm, Gründer und Geschäftsführer der Grubenhelden im Interview.  

Mode mit der Geschichte des Steinkohlebergbaus 

OnlinehändlerNews: Grubenhelden macht Mode und verbindet die eigenen Kreationen dabei mit dem Bergbau. Wie kam es dazu? 

Matthias Bohm: Die Grundidee war es, einen Weg zu finden, um meinem Uropa und all den anderen Menschen, die unter Tage gearbeitet haben, Respekt zu zollen und Danke zu sagen. Danke dafür, dass sie mit ihrer Hände Arbeit Deutschland und Europa zu der wirtschaftsstarken und sicheren Region gemacht haben, die wir heute kennen. 

Außerdem habe ich nach etwas gesucht, um die Werte des Bergbaus wie Ehrlichkeit, Vertrauen und Zusammenhalt in die Zeit nach der letzten Zechenschließung zu transportieren. Auch für die nachfolgenden Generationen, die den Bergbau nicht mehr kennenlernen, sind diese Werte essenziell. Sie tragen zum Funktionieren unserer Gesellschaft bei. Mit Mode beschäftigt sich jeder Mensch in jedem Alter. Daher ist das für uns das perfekte Vehikel, die Geschichte des deutschen Steinkohlebergbaus raus in die Welt zu tragen. In jedem unserer Teile findet sich der blau-weiße Originalstoff, aus dem die Hemden der Bergleute gefertigt worden sind. Das ist sozusagen unser USP, unser Markenzeichen.

Welche Erfolge konntet ihr als Unternehmen bisher verbuchen? Wie ging es euch vor Corona?

Wir sind 2016 als kleines StartUp gestartet, das damals noch eher ein Hobby war und sukzessive professioneller wurde. Schon 2017 sind wir mit dem Gründerpreis „Tacken“ des Marketing-Clubs Ruhr ausgezeichnet worden und haben seitdem mehrere Stores eröffnet. Neben Gladbeck sind wir nun auch in Essen auf dem Welterbe Zollverein und im Centro in Oberhausen vertreten. Zudem waren wir um den Jahreswechsel 2019/2020 für vier Monate mit einem Pop-up-Store in Berlin. Im Februar 2019 sind wir die New York Fashion Week gelaufen und haben der ganzen Welt auf der größtmöglichen Bühne für Mode unsere Geschichte erzählt. Stand jetzt ist geplant, dass wir im Frühjahr 2021 auf der Tokio Fashion Week unsere nächste eigene Show laufen. Ob die Pandemie das zulässt, bleibt natürlich abzuwarten.

Kollektion / Grubenhelden

Der Lockdown sorgte sofort für wirtschaftliche Einschränkungen

Wie hast du erste wirtschaftliche Einschränkungen im Zuge des Coronavirus wahrgenommen? Was waren deine ersten Reaktionen in Bezug auf das Unternehmen?

Erste wirtschaftliche Einschränkungen haben wir in dem Moment wahrgenommen, in dem der Lockdown kam und wir die Geschäfte schließen mussten. Da wir den Großteil unseres Umsatzes stationär in den Stores und nicht online machen, hat sich das natürlich wirtschaftlich sofort bemerkbar gemacht. Wir haben uns kurz geschüttelt und waren dann bestrebt, kreativ andere Lösungen zu finden, was uns zum Glück auch gelungen ist.

Jetzt produziert ihr Mundschutzmasken. Wie hat das angefangen, was waren konkrete Auslöser?

Bevor Mund-Nase-Bedeckungen Pflicht wurden, hatten wir das Thema bereits intern diskutiert. Das liegt daran, dass Krankenhäuser, Kommunen und Unternehmen auf uns zugekommen sind und uns gefragt haben, ob wir ihnen nicht helfen können, indem wir unsere Produktion umstellen. Da wir auch an unserem Standort in Gladbeck produzieren und nicht nur in Portugal, haben wir kurzfristig damit begonnen, hier die ersten Behelfsmasken für ein Krankenhaus zu fertigen. Die Nachfrage nahm stetig zu, so dass wir angefangen haben, die Behelfsmasken nahezu zum Selbstkostenpreis auch über unseren Online-Shop zu verkaufen. Darüber hinaus haben wir unsere Produktion in Portugal umgestellt. 

Die Produktion vor Ort war für die schnelle Umstellung ein Vorteil 

Wie konntet ihr die Umstellung auf die Produktion so schnell stemmen?

Dadurch, dass wir auch in Gladbeck produzieren, konnten wir sehr schnell reagieren, zumal wir hier echte Profis haben, die ihr Handwerk verstehen.

Wo gab es die größten Hürden und an welcher Stelle lief die Umstellung unerwartet reibungslos?

Die größte Hürde für uns war, der hohen Nachfrage gerecht zu werden und innerhalb kurzer Zeit so viele Masken zu produzieren. Relativ schnell haben wir festgestellt, dass wir das in Gladbeck mit fünf Schneiderinnen nicht bewältigen konnten. Daher haben wir die Produktion in Portugal umgestellt, so dass wir eine größere Stückzahl produzieren konnten.

Behelfsmaske / Grubenhelden, Foto: Fabian Riediger 

Während andere Modeunternehmen wirtschaftlich stark unter der Krise leiden, habt ihr es geschafft, sehr kurzfristig und dynamisch eine Lösung zu finden, um am Markt zu bleiben. Welche Grundlagen und Prozesse in eurem Unternehmen und eurem Team bestehen bzw. sind dafür verantwortlich, dass ihr das umsetzen konntet?

Durch die Maskenproduktion ergab sich für uns die Möglichkeit, zumindest einen Teil des Umsatzrückgangs abzufedern. Aber bei weitem konnten wir nicht das kompensieren, was wir unter normalen Bedingungen umgesetzt hätten. Noch sind wir ein relativ kleines Team in unserem StartUp und haben daher eine größere Flexibilität, kurzfristig und dynamisch auf Entwicklungen zu reagieren. Nur so ist es uns möglich, in der aktuellen Situation zu überleben. Denn in so einer Zeit, in der die Verunsicherung groß ist, ist z. B. ein T-Shirt nicht das erste, was man als Verbraucher kauft. Die Produktion der Behelfsmasken kann den Verlust wie gesagt nicht eins-zu-eins kompensieren, hält uns aber kurzfristig über Wasser.

War die Umstellung für euch mit hohen Kosten verbunden? Und wie viel kostet eine Mundschutzmaske bei euch?

Die Umstellung war grundsätzlich nicht mit hohen Kosten verbunden, zumal unser Atelier in Gladbeck ja steht. Zunächst einmal galt es, das Material zu beschaffen. Unsere Behelfsmasken bestehen aus in Deutschland produzierter Bio-Baumwolle. Da wir die diese nahezu zum Selbstkostenpreis verkaufen, machen wir keinen großen Gewinn und können nur einen Teil der weggebrochenen Umsätze auffangen. Eine Behelfsmaske aus GOTS-zertifizierter Bio-Baumwolle kostet ab 7,50 Euro.

Leute, die nicht den Mut verlieren und sich Herausforderungen stellen

Müssen sich Modehändler und -marken in Zukunft daran gewöhnen, die eigene Produktion so aufzustellen, dass schnelle Umstellungen auf andere Artikel möglich sind? Welche Vorkehrungen sind aus deiner Sicht z. B. wichtig, damit sich in einer ähnlichen Situation der völlige Ruin vermeiden lässt? 

Grundsätzlich machen wir Mode, um mit dem Vehikel Bekleidung Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, dass die Erfahrung aus der jetzigen Pandemie einmalig bleibt und wir nicht häufiger mit solchen Ausnahmesituationen konfrontiert werden. Unabhängig von der Situation ist es ein regelrechter Segen, Leute an seiner Seite zu wissen, die schnell auf solche Ereignisse reagieren können, nicht den Mut verlieren, sondern sich der Herausforderung stellen. 

Dabei ist es egal, ob Du aus der Mode kommst, oder aus einem anderen Bereich. Entscheidend ist, dass Du offen bist, Dich auf Neues einzulassen, andere Geschäftsfelder zu sehen und zu erschließen. Es ist wichtig für ein Unternehmen, Leute in den eigenen Reihen zu haben, die diese Flexibilität im Denken beweisen und sich nicht unterkriegen lassen. 

Welche langfristigen Auswirkungen wird – neben den finanziellen Einbußen – deiner Meinung nach die Coronakrise auf euer Unternehmen und auch auf den gesamten Modehandel haben?

Wir produzieren seit dem ersten Tag in Deutschland und Portugal zu fairen Bedingungen. Daher konnten wir mit der Situation gut umgehen und schnell handeln und hatten keine großen Logistikwege zu gehen. Mittlerweile denken die Menschen um, was Nachhaltigkeit in den Bereichen Energie und Lebensmittel angeht. Bei Kleidung wird es sich fortsetzen, dass die Menschen sich bewusster machen, woher ihr Produkt kommt, dass sie zu schätzen wissen, dass vor Ort produziert wird. Und das tun wir seit Anfang an, seit vier Jahren. Das könnte ein Vorteil sein. Aber da niemand seriös prognostizieren kann, wie lange diese Krise andauern wird, lässt es sich auch ganz schwer sagen, welche Auswirkungen es tatsächlich geben wird. Auch wenn es nicht immer einfach ist, gilt für uns alle, im Kopf flexibel zu bleiben und bereit zu sein, andere Wege zu gehen. 

Vielen Dank für das Gespräch!


Matthias Bohm

Gründer Matthias Bohm / Grubenhelden, Foto: Felix Rabas 

... ist im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen – und grüßt stets mit „Glück auf“. Das Mode-Label Grubenhelden gründete er im März 2016. Mittlerweile stemmt das Unternehmen neben dem Online-Shop drei stationäre Geschäfte in Gladbeck, Oberhausen und Essen – letzteres liegt im „Eiffelturm des Ruhrgebiets“, der Zeche Zollverein.

Jahrhundertelang wurde im Ruhrgebiet Steinkohle gefördert, 2018 wurde die letzte Zeche geschlossen. Die Grubenhelden-Mode möchte die Geschichte dieser Zeit erzählen und in die Welt tragen.

Über die Autorin

Hanna Behn Expertin für: Usability

Hanna fand Anfang 2019 ins Team der OnlinehändlerNews. Sie war mehrere Jahre journalistisch im Bereich Versicherungen unterwegs, dann entdeckte sie als Redakteurin für Ratgeber- und Produkttexte die E-Commerce-Branche für sich. Als Design-Liebhaberin und Germanistin hat sie nutzerfreundlich gestaltete Online-Shops mit gutem Content besonders gern.

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