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Alles für die Katz?

Das sagen Händler zur Senkung der Mehrwertsteuer

Veröffentlicht: 12.06.2020 | Autor: Sandra May | Letzte Aktualisierung: 12.06.2020
Strichmännchen halten Schilder mit einem Daumen nach unten

Die Mehrwertsteuersenkung wird heiß diskutiert. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Dieses Vorhaben kam für die meisten wie aus dem Nichts. Entsprechend gibt es auch verständliche Kritik an dem Umstand, dass das ganze recht schnell bis Juli umgesetzt werden soll und dann nur temporär für ein halbes Jahr gilt. So machen Kunden mag es freuen, auch wenn bereits der Verdacht aufkommt, dass die Senkung der Mehrwertsteuer nicht beim Konsumenten ankommt. Doch: Was sagen eigentlich die Händler? 

Viel Aufwand für ein halbes Jahr

Gleich zu Beginn hörte man viele Händler über den ungeheuren Aufwand schimpfen. Dabei geht es nicht nur um den Aufwand, der im Online-Shop anfällt: „Meine Steuererklärung 2020 wird zeitaufwendiger, die Rechnungen müssen geändert werden und alle Verpflichtungen wie Leasing, Telefon und sonstige Zahlungen die der MwSt unterliegen, müssen angepasst werden.“ Hingegen berichtet ein anderer Händler: „Bei uns nur zwei Klicks und dann ist alles erledigt.“

Mit wie viel Aufwand die Änderung des Mehrwertsteuersatzes im Shop einher geht, ist offenbar von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Schon fast höhnisch scheint da die Idee mancher zu klingen, die meinen, man müsse den Online-Handel von der Steuersenkung komplett ausklammern. Schließlich sei hier die Umstellung mit weniger Aufwand verbunden als im stationären Handel, wo jeder Artikel umetikettiert werden müsse. Die Idee ist, dass der Online-Handel nicht von der Senkung profitieren soll, da die Umsetzung leichter fiele.

Den Online-Handel ausklammern

Auch Rossmann-Chef Raoul Roßmann ist der Meinung, dass der Online-Handel nicht berücksichtigt werden sollte: „Der Online-Handel müsste dabei generell ausgeklammert werden“, heißt es von ihm. Schließlich gehöre er nicht zu den von der Krise betroffenen Branchen.

Unsere kleine Facebook-Umfrage hat ergeben, dass gut 52 Prozent der bisher über 100 Teilnehmer finden: Es ist okay, den Online-Handel von der Steuersenkung auszuklammern.

„Ja, bitte. Ich hab nur Arbeit damit und bringt rein gar nix außer Zeit und Kosten“, begründet eine Händlerin ihre Entscheidung und ist damit nicht allein.

Abmahnungen kommen

Da es nach aktuellem Wissensstand keine Übergangsfrist geben wird, scheint der neue Steuersatz Schlag 0 Uhr zu gelten. Nun treibt Händler natürlich die Sorge um, dass die Abmahnanwälte und -vereine sich bereits eine Minute nach Mitternacht auf die Suche nach Shops machen, die das ganze noch nicht so schnell umgesetzt haben: „Die Abzockanwälte stehen doch schon wieder auf der Matte und diese korrupten Politiker kassieren bei jeder Abmahnung feste die Mehrwertsteuer mit.“

Ob der falsche Mehrwertsteuersatz abmahnbar ist, kann jedenfalls nicht eindeutig beantwortet werden. Fraglich ist hier, ob der Händler, der den zu hohen Steuersatz im Shop eingepflegt hat, einen Wettbewerbsvorteil hat. Hier kann sowohl in die eine als auch in die andere Richtung argumentiert werden. Gut hören lässt sich jedenfalls die Meinung, dass der Händler, der den alten Steuersatz stehen lässt, eher einen Nachteil hat: Zum einen könnte der falsche Steuersatz Kunden vergraulen, zum anderen muss er die zu hoch ausgewiesene Umsatzsteuer auch so ans Finanzamt abführen.

Allerdings ist nicht auszuschließen, dass Abmahner nicht doch ihr Glück versuchen um mit der Verunsicherung der Händler Kosten zu generieren. 

Bessere Ideen

Die Händler schimpfen allerdings nicht ausschließlich, sondern haben auch Ideen: „Statt einer sporadischen Senkung irgendwelcher Steuern, wäre eine Vereinfachung des Steuersystems und eine generelle Senkung der Unternehmenssteuern der richtige Weg. Zudem sollte überlegt werden, ob nicht zum Beispiel auch die Größe von Unternehmen eine Basis der Steuerberechnung sein sollte. Multinationale Großkonzerne zahlen ohnehin kaum Steuern in den Ländern der Leistungserbringung. Hier sollte im Sinne der Steuergerechtigkeit eine reale Angleichung der Besteuerung vorgenommen werden.”

Die Vorschläge reichen von staatlichen Gutscheinen in Höhe von 250 Euro für jede Person bis hin zu günstigeren Angeboten im ÖPNV.

Insgesamt wird den Politikern wie so oft vorgeworfen, an der Realität vorbei zu entscheiden. „Ich wäre für jährliche Praktika für unsere Politiker, dass sie ein Gefühl für die echte Welt bekommen“, heißt daher der abschließende Vorschlag eines Lesers.

Über den Autor

Sandra May Experte für IT- und Strafrecht

Sandra schreibt seit September 2018 als juristische Expertin für OnlinehändlerNews. Bereits im Studium spezialisierte sie sich auf den Bereich des Wettbewerbs- und Urheberrechts. Nach dem Abschluss ihres Referendariats wagte sie den eher unklassischen Sprung in den Journalismus. Juristische Sachverhalte anschaulich und für Laien verständlich zu erklären, ist genau ihr Ding.

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Kommentare  

#10 Verbruacher 2020-07-03 14:58
Das Gejammere von Onlinehändler & Co. ist ganz schön fadenscheinig. Händler, die den Preisvorteil an Verbraucher nicht weiterreichen, führen damit eine versteckte Preiserhöhung durch. Die gängigen Shopsysteme sind jeweils mit der Eingabe von Nettobeträgen ausgerüstet. Die MwSt.-Sätze anzupassen, betrifft also 2 Stellen im Shop. Geht das nicht, weil das System aus dem Nirwhana kommt oder Kreativprogramm ierungen das verhindern, kann der Händler am Ende des Einkaufs/Kasse einen generellen Rabatt geben. Wo ist das Problem!!! Die MwSt.-Senkung soll dem Verbraucher zukommen, Kaufreize schaffen, das ist der Gedanke aus politischer Ecke. Sie ist nicht dazu gedacht, den Gewinn der Händler zu erhöhen. Ich benenne jeden Händler namentlich in Social Media, der sich bereichert.
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#9 konns 2020-06-17 14:01
So wie ich das sehe, ist noch nichts beschlossen, da Bundestag und -rat zustimmen müssen. Danach müssen die Gesetze veröffentlicht werden. Es dürfte eine großes Durcheinander geben und die Steuerprüfer werden sicher sehr häufig die Jahre 2020 und 2021 auswählen bei künftigen Prüfungen.

Schade, dass es die Politiker dieses Staates es nicht schaffen, ein wenig kreativer zu sein. Warum keine Gutscheine, die die Händler beim Finanzamt einreichen können? Dazu endlich mal wieder Unternehmergeis t fördern, indem man alle bürokratischen Unsinn beseitigt. Dann hätten viele wieder Spass am Arbeiten, egal ob selbständig oder angestellt.
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#8 Rafael S. 2020-06-16 22:06
Warum die Regierung Finanzspezialis ten nicht konsultiert, bevor sie so wichtige Entscheidungen trifft. Wir werden wieder ein Ziel für Anwälte, die nur darauf warten, uns den kleinen Gewinn wegzunehmen, den wir so hart verdienen. Es ist unfair, uns in einer so schwierigen Zeit unsere Einnahmen abzunehmen.
Es ist schrecklich. Viele Verkäufer, auch kleine, haben keine Zeit, alle Angebote ihrer Online-Shops rechtzeitig zu überprüfen und die Mehrwertsteuer zu ändern.
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#7 Anonymous 2020-06-15 14:47
Zitat: "ein anderer Händler: „Bei uns nur zwei Klicks und dann ist alles erledigt.“

Da sollte mal der Wirtschaftsprüf er vorbei schauen :-)
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#6 Der Laden am Dorfbru 2020-06-15 12:51
Wir sind ein kleiner Dorfladen mit Waren vom Buch bia Zigarette über Kurzwaren. Ich plädiere auch für eine andere Lösung - dies ist Irrsinn. Der Aufwand, den wir betreiben müssen ist extrem hoch, weil eben nicht mit 2 Klicks erreichbar. Auch mache ich meine eigene Buchhaltung und alle Konten müssen neu aufgebaut werden. Die Rabatte können wir gar nicht weiter geben, weil unsere Großhändler gerade alle Preise erhöhen. Ich werde Frau Merkel dann meine Zeit in Rechnung stellen - und siehe da, die Rechnung wird sicher höher ausfallen als die Ersparnis der MwSt. Toll wie unsere Regierung mal wieder an der Realität vorbei schrappt nur um die großen und Reichen noch mehr zu unterstützen. Und die, die wohl eine bessere Lobby haben als wir
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#5 N. W. 2020-06-15 12:07
HAllo
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#4 Roman H.G. Rötting 2020-06-15 09:20
In der Tat ist die Mwst-Senkung um 3 % für uns eher ein Scherz. Ebenso wie den Online-Handel auszugrenzen, weil er angeblich nicht von der Krise Betroffen sei. Das stimmt nämlich nicht. Auch wir haben teils erhebliche Mehrkosten zu tragen, z.B. Homeoffices und die Effektivität, wenn man nicht an seinem Arbeitsplatz mit seinen Kollegen und Vorgesetzen ist, ist längst nicht so gut und da bedeutet ebenfalls Kosten. Hat das jemand bedacht?
Ich sehe die Senkung eher als Strafe, denn wir, die Händler sollen das jetzt ausbaden. Wir sollen das an den Endverbraucher wie auch immer weitergeben. Na toll und wo bleibt dann die Unterstützung für uns, die mit der Umsetzung schon wie der Kosten und Aufwand haben?
Ich fordere hier einen Ausgleich für alle Händler, egal ob stationär oder online.
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#3 SchulteSchulte 2020-06-15 08:32
Bin ein Kleiner Online Händler, verkaufe nur auf eBay und Amazon. Habe kein Warenwirtschaftssystem.
Wenn ich auf beiden Plattformen meine je ca. 1300 Artikel im Preis um 3 % senke bin ich vielleicht in 4 Wochen durch. Dieser Aufwand ist unmöglich nicht realisierbar um die Preise zwischen 0,50 bis etwa 4,00 Euro zu senken.
Sicher gibt es sehr viele Online Händler die vor diesem Problem stehen!
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#2 Achim Krichel 2020-06-15 08:21
Ich stelle bereits am 30.6. um 0 Uhr um, da ich immer erst am nächsten Tag ausliefere und die Höhe der MwSt. sich nach dem Zeitpunkt der Übergabe an der Versanddienstle ister richtet.
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#1 Bernhard Schlüter 2020-06-15 08:13
Der Rossmann hat nicht alle Latten am Zaun!
Wir sind als Onlinehändler 80% abhängig von öffentlichen Veranstaltungen (Motorsport, Autorennen).
Ich finde Drogerien müssen ausgenommen werden! Waschen tun die Leute sich immer, und mit dem Verkauf von Mundschutzen, und Desinfektionsmi tteln zu Wucherpreisen haben die sich eine goldene Nase verdient!
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