Sprache im E-Commerce

Darum gibt es in jedem Online-Shop noch einen „Warenkorb“

Veröffentlicht: 17.09.2020 | Geschrieben von: Michael Pohlgeers | Letzte Aktualisierung: 23.09.2020
Einkaufswagen auf einer Laptop-Tastatur

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir tagtäglich mit Begriffen hantieren, die eigentlich nicht wirklich passen? Ein Kunde betritt einen Online-Shop – dabei bewegt er sich von seinem Rechner ja nirgendwo hin, um irgendwo einzutreten. Das Produkt landet dann im Einkaufswagen oder Warenkorb, aber einen echten Wagen oder Korb, den der Kunde durch den Online-Shop schiebt, gibt es nicht – zumindest bis die Picker im Lager aktiv werden. Und am Ende findet sich oft ein Button mit der Beschriftung: „Zur Kasse“. Eine physische Kasse gibt es aber auch nicht. Wer online einkauft, gibt kein physisches Geld an einen Händler, sondern schiebt digitale Werte umher. 

Darum bleibt der Warenkorb ein Warenkorb

Immer wieder, wenn es um Innovationen oder neue Entwicklungen geht, begegnen uns Begriffe aus der „alten Welt“. Dass in einem Online-Shop von dem Einkaufswagen und der Kasse die Rede ist, ist kein Zufall. Die Begriffe werden zu Metaphern, die aus der analogen in die digitale Welt mitgenommen worden sind, wie Dr. Nicole Weiffen vom Bibliographischen Institut, dem Dudenverlag, erklärt. 

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„Genau wie im ganz normalen Supermarkt kann man sich auch in einem Online-Shop erst das Angebot anschauen und es dann in seinem Einkaufswagen zwischenlagern, bevor man zur Kasse geht. Da der Ablauf gleich ist, bietet sich die Verwendung des bereits bekannten Wortes an“, erklärt sie. Es sei „ein ganz typischer Vorgang“, Wörter und Bezeichnungen aus einem bekannten Bereich in einen neuen, ähnlichen Bereich zu übernehmen. 

Das zeige sich auch über die sprachlichen Begriffe hinaus: Symbole wie ein Einkaufswagen oder -korb finden sich häufig in Online-Shops, genauso wie Papierflieger, Sprechblasen oder Briefumschläge für E-Mails oder Messenger-Dienste als Icons herhalten. Und das „Speichern“-Symbol wird wohl bis in alle Ewigkeit das Abbild einer 3,5-Zoll-Diskette sein – ein absolut veraltetes Speichermedium, das mit dem heutigen Prozess nicht mehr viel gemeinsam hat.  

Beim Smartphone „auflegen“, digitale Daten in den „Papierkorb“

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Wer sich im Netz und bei technischen Innovationen umschaut, findet schnell eine ganze Reihe an Beispielen. So sprechen wir auch bei einem Smartphone noch vom Auflegen, wenn ein Telefonat beendet wird. Einen Hörer legt man aber freilich nicht physisch auf das Telefongerät, um das Signal zu beenden – der klassische Telefonhörer hat sich allerdings als Icon gehalten. Sollen Dateien auf einem Rechner gelöscht werden, landen sie im Papierkorb (der im Übrigen mit einem Recycling-Symbol versehen ist). Und vorher lagen sie in einem Ordner oder auf dem Desktop, also wörtlich auf der Tischplatte. Wer einen Kontakt sucht, um ihm eine E-Mail zu schreiben, stöbert häufig im Adressbuch, bei einem Elektro-Auto wird noch Gas gegeben, obwohl gar kein Benzin oder Gas verbrannt wird, und in sozialen Medien haben die Nutzer anfangs etwas auf die Pinnwand geschrieben.

Dieser Effekt, wie sprachliche Wendungen für Neuerungen übernommen werden, ist auch nicht spezifisch für Deutschland: Weltweit werden Begriffe beibehalten und auf neue, ähnlich aufgebaute Bereiche übertragen. Der Warenkorb im Online-Shop heißt so auch im Englischen (Shopping) Cart, die Franzosen sammeln ihre Produkte ebenfalls im Panier, in Italien wandern die Waren in den Carello

Innovationen wirken sich auf die Sprache aus

Dass diese Begriffe im Laufe der Zeit ersetzt werden, geschieht eher im Ausnahmefall. Die sozialen Medien sind inzwischen größtenteils weg von der Pinnwand – sie heißt heute Newsfeed oder Timeline. Aber das ist nur ein seltenes Beispiel, bei dem sich ein Begriff gewandelt hat. Auch beim Duden sieht man keinen Hinweis darauf, dass die im Online-Handel verwendeten Metaphern in Zukunft durch neue Begriffe ersetzt werden. „Große und kleine Online-Shops nutzen seit Jahren diese Wörter (und Symbole), sodass sie sich etabliert haben und von allen verstanden werden“, erklärt Dr. Weiffen. 

Dennoch haben digitale Innovationen und die fortschreitende Digitalisierung der Expertin zufolge einen Effekt auf die Sprache So würden neue Wörter, die neue Dinge oder Sachverhalte bezeichnen, gebildet oder aus dem Englischen entlehnt. Gerade im technischen Bereich etablieren sich englische Wörter schnell im Alltag und haben häufig keine einfache deutschsprachige Entsprechung. Oder wie würden Sie Cloud-Server, Download-Bereich, Smartphone oder gar Online-Shop übersetzen? Selbst der Begriff Internet ist aus dem englischen Sprachraum übernommen, wird vermutlich aber von vielen Menschen nicht mehr als fremdsprachiges Lehnwort erkannt. 

Und so werden die Menschen wohl noch sehr lange ihre Produkte, die sie online kaufen wollen, in ihren Warenkorb packen und sich auf den Weg zur Kasse machen – und wie auch immer es genannt wird, die Händler freut’s.

Über den Autor

Michael Pohlgeers
Michael Pohlgeers Experte für: Marktplätze

Micha gehört zu den „alten Hasen“ in der Redaktion und ist seit 2013 Teil der E-Commerce-Welt. Als stellvertretender Chefredakteur hat er die Themenauswahl mit auf dem Tisch, schreibt aber auch selbst mit Vorliebe zu zahlreichen neuen Entwicklungen in der Branche. Zudem gehört er zu den Stammgästen in den Multimedia-Formaten OnAir und OnScreen.

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