Interview zu AR im E-Commerce

So können Online-Händler Augmented Reality für sich nutzen

Veröffentlicht: 17.09.2020 | Geschrieben von: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 17.09.2020
 Möbel mit Tablet

Mit Augmented Reality (AR) wird die technikgestützte Erweiterung der Realität bezeichnet: Nutzer können etwa auf ihrem Smartphone-Bildschirm zusätzliche künstliche Elemente in einer realen Umgebung sehen. Mahalia Paris hat in ihrer Abschlussarbeit an der Hochschule für angewandtes Managment die Effekte von Augmented Reality im Online-Handel untersucht. Die Arbeit wurde betreut von Professor Mark Harwardt, der zuvor u.a. auch für Immobilienscout24 und Deichmann im E-Commerce tätig war. Beide erklären im Interview, wo die Vorteile von AR liegen, warum es für viele Händler trotzdem noch nicht relevant ist – und warum vor allem Händler, die auch Hersteller sind, davon profitieren könnten. 

OnlinehaendlerNews: Sie haben in ihrer Abschlussarbeit den Conversion Uplift durch Augmented Reality (AR) im Online-Handel untersucht: Was haben Sie herausgefunden?

Mahalia Paris: Endkunden im Online-Handel stehen vor der Herausforderung, Vertrauen in nicht greifbare Produkte zu legen und müssen sich auf die Servicequalität des Händlers verlassen. Gleichzeitig müssen sich Händler in ihrem stetig wachsenden Wettbewerbsumfeld von zahlreichen Konkurrenten abheben. Die Untersuchung hat gezeigt, dass Augmented-Reality-Anwendungen in der Lage sind, die Problemfelder der Kunden als auch der Händler effizient zu lösen, indem sie die wahrgenommene Realität des Kunden durch die Projektion von zusätzlichen Informationen erweitern und ein neuartiges Kauferlebnis erschaffen. Der Mehrwert aus der Lösung dieser beiden Problemfelder birgt ein sehr großes Erfolgspotenzial für die Augmented-Reality-Technologie und Händler, die einen weiteren Schritt in den digitalen Handel wagen.

„Für Händler spielt Augmented Reality noch keine tragende Rolle“

Trotz aller Studien und Prognosen, dem Erfolg von Pokemon Go und Co. scheint AR zumindest für die breite Kunden- und Händlermasse immer noch Spielerei, bzw. ein Nischenthema zu sein – warum?

Mahalia Paris: Augmented Reality ist in den meisten Online-Shops noch immer eher selten anzutreffen. Daher können Nutzer auch nur auf geringe Erfahrungswerte zurückgreifen. Die Ergebnisse der Studie haben ergeben, dass nur 48 der insgesamt 186 Befragten Augmented Reality bei ihrem digitalen Einkauf genutzt haben. Augmented Reality wurde in Bezug auf Nützlichkeit, Qualität und Handhabung von den Teilnehmern mit mittelmäßig bis gut bewertet. Daher liegt der Grund für die Annahme darin, dass die Anwendung noch nicht im Kontext der alltäglichen Begegnung, wie beispielsweise im Handel, wahrgenommen wird und technisch intuitiver gesteuert werden und qualitativ hochwertigere Ergebnisse liefern muss. Für Händler spielt Augmented Reality aus diesem Grund noch keine tragende Rolle, da der Einsatz bei der Konkurrenz noch nicht beobachtet wird und der Nutzer den Mehrwert bislang auch noch nicht mehrheitlich wahrnimmt.

Was ist denn der konkrete Vorteil von AR für Händler und Kunden?

Mahalia Paris: Für Kunden erweist sich Augmented Reality als innovative Lösung, um den Online-Handel virtuell erfahrbarer zu erleben und zu einer Verringerung der subjektiv erfahrenen Risiken zu führen, die oft mit einem Online-Einkauf einhergehen. Händler können davon profitieren, mit dieser innovativen Serviceleistung ihren Kunden positiv im Gedächtnis zu bleiben und sich somit von der Konkurrenz abzuheben. Die Möglichkeit, Produkte virtuell testen und inspizieren zu lassen, reduziert die Kaufrisiken für den Kunden und unterstützt somit den Entschluss zur Kaufentscheidung und die Gefahr von Retouren.

Hilft die durch die Coronakrise teils erzwungene Digitalisierung bei der Etablierung von AR?

Mark Harwardt: Diese Frage kann verneint werden. Viele Händler in Deutschland waren vor Corona in vielen Bereich der Digitalisierung noch nicht besonders weit. So wurde beispielsweise auf eine gute Produktpräsentation mit bewegten Bildern und Social Media oder auch eine automatische Marktplatzanbindung oftmals vollständig verzichtet. Viele Einzelhändler waren zum Teil noch gar nicht im E-Commerce unterwegs. Corona hat nun dazu geführt, dass zwar das Bewusstsein für die Digitalisierung geschärft wurde, es aber in Summe bei den meisten Händler noch zu viele Baustellen gab, die dringender sind und vorher geschlossen werden müssen.

So können Händler entscheiden, ob sie Augmented Reality im Webshop einsetzen

Einsatzgebiete von AR gibt es schon einige: Möbel-Anbieter lassen Kunden ihre Wohnung per AR virtuell einrichten, Mode-Shoppern hilft AR bei der Auswahl der richtigen Größe etc. Wo sehen Sie perspektivisch die sinnvollsten Einsatzmöglichkeiten?

Mark Harwardt: Grundsätzlich muss man hier sagen, sinnvoll ist für einen Händler nur die eine Seite der Medaille. Zusätzlich muss es ökonomisch sinnvoll sein: Wie kommt der Händler z.B an die 3D-Modelle, die er für AR braucht? Wie und wo können diese Modelle nun eingebunden werden? Und natürlich: Stehen Kundennutzen und die daraus resultierenden Effekte in einem sinnvollen Verhältnis zu den Kosten, die der Händler hat. Wenn ich das abwäge, dann sehe ich für den Online-Handel momentan eher bekannte Themen wie die Einrichtung der Wohnung oder eines Büros sowie die Konfiguration z.B. von Möbeln als aktuell sinnvolle Einsatzmöglichkeiten.

Darum können herstellende Online-Händler AR preiswert nutzen

Wie können kleinere Händler von einer breiten Nutzung der Technologie profitieren – oder geraten diese nicht eher ins Hintertreffen, weil ein Einsatz für diese möglicherweise zu teuer ist?

Mark Harwardt: Grundsätzlich ist AR gar nicht so teuer, denn die gängigen Browser der Smartphones unterstützen mittlerweile AR. Wirklich teuer kann es jedoch bei den 3D-Modellen werden, die man für AR braucht. Da liegt die Spanne, wenn man ein neues Modell anfertigen lässt, gern schnell zwischen 50 und 2.000 Euro – in Abhängigkeit von Detailgrad und Komplexität. Aber auch hier etablieren sich mittlerweile günstigere Modellierungsverfahren und es kommt hinzu, dass die Hersteller oftmals über 3D-Daten aus der Konstruktion verfügen und diese gern teilen. Noch besser ist daher, wenn der Händler gleichzeitig auch Hersteller ist. Vielleicht könnten daher gerade Händler mit kleinem Sortiment, das vielleicht auch noch selbst hergestellt wird, eher mit AR punkten, als größere Händler mit einem umfangreichen Sortiment das können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hälfte der Online-Shopper will Augmented Reality

Auch eine aktuelle Studie von GetApp hat die Nutzung von Augmented Reality im Online-Handel untersucht. Dabei zeigt sich: Rund die Hälfte der Befragten hat Interesse an der Nutzung von Augmented Reality beim Online-Shoppen, bei 37 Prozent ist das Interesse während der Corona-Pandemie sogar gestiegen. Die am häufigsten genannten Vorteile für die Nutzung von AR sind eine erleichterte Kaufentscheidung, eine größere Produktauswahl und ein schnellerer, effizienterer Kauf. Zwei Drittel geben an, nach der Nutzung von AR beim Online-Kauf nun weniger im stationären Handel einzukaufen.

Über den Autor

Markus Gärtner
Markus Gärtner Experte für: Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

Sie haben Fragen oder Anregungen?

Kontaktieren Sie Markus Gärtner

Kommentare  

#1 Ingrid miethke 2020-09-18 07:53
Kann ich auch bar oder ec-carte bezahlen

Ingrid miethke
Zitieren

Schreiben Sie einen Kommentar

Newsletter
Abonnieren
Bleibe stets informiert mit unserem Newsletter.