Nachgefragt bei Floristik, Baumärkten und Buchhandel

In der Krise hat der Online-Handel den Umsatz aufgefangen

Veröffentlicht: 22.06.2021 | Geschrieben von: Patrick Schwalger | Letzte Aktualisierung: 22.06.2021
Frau packt fröhlich ein Paket aus, das online bestellt wurde

Was haben Floristik-, Buch- und Bau-/Gartenfachhandel gemeinsam? Sie alle waren seit März 2020 teils monatelang von staatlich angeordneten Ladenschließungen betroffen. Je nach Bundesland und je nach Branche dauerten die Schließungen mal länger und mal kürzer an und je nachdem mussten unterschiedliche Auflagen und Bedingungen erfüllt werden. 

Gemeinsam haben die Branchen auch, dass der Umsatz in den vergangenen Monaten meist stabil geblieben ist. Vereinzelt ist er sogar gestiegen. Einen Anteil daran hat natürlich auch der Online-Handel. Wir haben beim Fachverband Deutscher Floristen e.V. (FDF), dem Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten e.V. (BHB) und beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. (BOEV) nachgefragt, welche Erfahrungen ihre Mitglieder gemacht haben und wie die Experten die Aussichten für das Online-Geschäft in ihrer Branche einschätzen. 

Die Folgen der Lockdowns sind noch nicht überall absehbar

Der FDF vertritt kleine und mittelständische Blumen- und Pflanzenfachgeschäfte. Viele Geschäfte mussten vor allem im ersten Lockdown schließen. Aber auch die Geschäfte, die öffnen durften, hatten es nicht leicht. Der umgebende Einzelhandel und die damit verbundene Laufkunftschaft habe gerade in den Innenstädten und Bahnhöfen gefehlt, sagt Nicola Fink vom FDF. Noch dazu leide die Branche unter dem Ausfall von privaten und geschäftlichen Veranstaltungen, für die normalerweise Dekoration bei den Floristik-Fachgeschäften in Auftrag gegeben werde. Außerdem seien die Partner aus Hotellerie und Gastronomie geschlossen. Die Folgen für die Branche seien noch nicht gänzlich abzusehen.

Die Bau- und Gartenmärkte, die der BHB vertritt, konnten 2020 umsatztechnisch ein gutes Jahr verbuchen, sagt der Hauptgeschäftsführer Peter Wüst: „Sehr viele Menschen haben durch Lockdown, Reiserestriktionen und mehr verfügbare Zeit Zuhause (durch Kurzarbeit, Homeoffice) die Lust am Home Improvement (wieder)entdeckt.” Problematisch sei es ab dem Moment gewesen, „als die Politik unverständlicherweise der Branche die Systemrelevanz weitgehend aberkannt und umfangreiche Schließungsmaßnahmen angeordnet hat.” So habe dies zu deutlichen Umsatzeinbußen im ersten Quartal 2021 geführt. 

Differenziert fällt auch das Urteil von Thomas Koch vom BOEV aus. Zwar seien Bücher wieder populärer geworden, doch gerade den Buchhandel vor Ort habe die Pandemie schwer getroffen. Durch monatelange Schließungen kam es zu hohen Umsatzausfällen. Doch da fast alle Buchhandlungen auch über Online-Shops verfügten, konnten stationäre Umsätze ausgeglichen werden.

Die Buchhandlungen waren gut vorbereitet

Dass es sich gerade in der Krise gelohnt hat, wenn man als stationärer Händler auch digitale Vertriebswege bespielt, bestätigen alle drei Verbände. Laut BOEV hatten fast alle Buchhandlung schon vor der Krise einen Online-Shop. Zu Beginn der Pandemie wurden diese dann optimiert und ausgebaut.

Auch die Lieferservices wurden ausgebaut. „Viele Buchhandlungen gingen kreative Wege, kooperierten bei der Abholung mit Apotheken oder anderen Läden, die geöffnet bleiben durften, arbeiteten mit Fahrradlieferservices zusammen, fuhren bestellte Ware mit großem Engagement selbst per Auto oder Rad aus”, erklärt Thomas Koch. 

Und obwohl die Buchhandlungen schon vor der Krise gut im Digitalen aufgestellt waren, bekam dieser Vertriebsweg nochmal einen kräftigen Schub. Der BOEV verweist auf eine GfK-Umfrage, in der ermittelt wurde, dass 17 Prozent der Deutschen erst während der Coronakrise erfahren hat, dass man Bücher auch online oder telefonisch bei ihrer Buchhandlung bestellen kann. 

Insgesamt haben die Menschen während der Krise mehr gelesen und mehr Bücher gekauft. Dabei zeigen die Zahlen, die dem BOEV vorliegen, dass sich ein deutlicher Anstieg im Online-Geschäft abzeichnet, der nicht nur den riesigen Online-Konzernen zugute kommt. Stattdessen profitierten vor allem auch die kleinen Händler vor Ort. 

Der zweite Lockdown traf die Bau- und Gartenmärkte

Während die Bau- und Gartenmärkte im ersten Lockdown zwar je nach Region und Bundesland noch öffnen durften, gab es im zweiten Lockdown bundesweite Schließungsmaßnahmen. Die Kunden verlagerten die Einkäufe dementsprechend ins Netz. „Und die Händler haben Ihnen dies mit oft erheblichem Aufwand recht komfortabel gemacht”, sagt Peter Wüst vom BHB. Dementsprechend konnte man auch in dieser Branche einen Aufschwung im Online-Handel verzeichnen und durch Schließungen verlorene Umsätze ausgleichen. 

Die Gestaltung der digitalen Lösungen seien dabei sehr unterschiedlich, schließlich sei die Handelsstruktur der DIY-Branche sehr heterogen. Gemeinsam habe die Branche aber, dass bereits seit Jahren ein Veränderungsprozess durchlaufen werde und dass digitaler Vertrieb kein „notwendiges Übel, sondern eine für die Kunden komfortable Erweiterung des Einkaufserlebnisses” sei. Bereits vor der Pandemie hatten viele Händler erfolgreiche E-Commerce-Kanäle und diese würden auch nach der Krise weiterhin gepflegt. 

Floristen nutzten neue Online-Shops und Social Media

Der Umsatz im Handel mit Blumen und Pflanzen ist laut FDF im Jahr 2020 deutlich gestiegen. Wurden 2019 noch 9 Milliarden Euro umgesetzt, waren es 2020 400 Millionen Euro mehr. Davon profitierten allerdings vor allem der Lebensmitteleinzelhandel und Discounter, die nicht von Schließungen betroffen waren. Die Blumenfachgeschäfte mussten jedoch Verluste verbuchen. 

Einen deutlichen Aufschwung habe das Online-Geschäft trotzdem auch für Floristen gehabt. Nicola Fink vom Floristenverband erklärt, dass während des Lockdowns viele Online-Shops und Websites kreativ und flexibel auf- und ausgebaut wurden. Insbesondere haben viele Händler gute Erfahrungen damit machen können, Kunden über Facebook und Instagram zu erreichen. Dennoch habe das Blumenfachgeschäft eindeutige Vorteile und könne vom Online-Shop nur mäßig ersetzt werden: „Wer sich online besser aufgestellt und seine Aktivitäten in diesem Bereich intensiviert hat, hatte sicherlich die Nase vorn. Trotzdem sind gerade Blumen Stimmungsträger, die von ihrer sinnlichen Wahrnehmung leben.” Das Fühlen und Riechen könne der Online-Shop nicht ersetzen. 

Click&Meet und Click&Collect wurden angenommen

Alle drei Branchenverbände geben außerdem an, dass Click&Meet und Click&Collect für die stationären Geschäfte hilfreich waren. Für die DIY-Branche seien solche Lösungen kein Neuland. „Auch wenn die stationären Märkte nach wie vor die wichtigste Verkaufsbasis sind und bleiben, haben sich alle großen Händler und Handelskooperationen des Themas Seamless Commerce angenommen”, erklärt Peter Wüst vom BHB. „Durch bereits vorhandenene Strukturen und oft bereits längerfristige Erfahrungen im eCommerce konnten die Händler diesen Teil des Geschäftes schnell an die Corona-Anforderungen anpassen und so einen wichtigen Teil des Umsatzes hierdurch generieren.” 

Auch im Blumen- und Buchgeschäft konnten laut FDF und BOEV Umsatzverluste durch Click&Meet und Click&Collect ausgeglichen werden. Gerade für Buchhandlungen in Stadtvierteln, die normalerweise weniger von Laufkundschaft und Impulskäufen profitieren als die innenstädtischen Geschäfte und Handlungen mit treuer Stammkundschaft machten sich die halbdigitalen Lösungen bezahlt, gibt der BOEV an. 

Ohne Kurzarbeit und Förderung ging es nicht

Ein weiteres Puzzleteil, das den stationären Geschäften in der Krise Luft zum Atmen gab, sind die staatlichen Unterstützungen. Alle Verbände berichten, dass die wirtschaftlichen Verluste während der Schließungen bei vielen Händlern nur durch Überbrückungshilfe überstanden werden konnten und dass vielerorts die Kurzarbeit beantragt wurde, um Stellen zu retten, während es keine Arbeit gab.

Für den stationären Buchhandel habe sich insbesondere die Förderung im Rahmen des Programms „Neustart Kultur” als besonders wirkungsvoll erwiesen, so der BOEV. Die Förderung ermöglichte es vielen Buchhandlungen, die Digitalisierung der Vertriebswege auszubauen. Bis Ende Juni könnten Anträge noch gestellt werden. 

Ein Zurück ist nicht vorstellbar – das Online-Geschäft bleibt

Alle drei Verbände sind sich sicher: Wo die Entwicklung vor und während der Krise in Richtung Online-Handel ging, da gibt es nach der Krise kein Rückwärtstrend. Die Pandemie habe neue Impulse gegeben, die sich fortsetzen werden und auch in Zukunft bespielt werden. Aber das stationäre Geschäft, das sinnliche Erfahren und die fachliche Beratung vor Ort ist dadurch für Floristen, Buchhändler oder im Baumarkt nach Meinung der Verbände nicht ersetzbar. 

„Das Kerngeschäft bleibt das stationäre Geschäft”, ist sich Thomas Koch vom BOEV sicher. Buchhandlungen seien mehr als nur ein Ort, an dem man Bücher kauft. Vielmehr seien sie Kulturorte, in denen Kultur, Bildung, Lesen und der soziale Austausch gefördert werden. Online fehlen die Impulskäufe, Beratung und die Inspiration, „die dazu führen, dass mehr als nur die Titel der Bestsellerlisten empfohlen und gekauft werden “. Und das sei nur durch persönlichen Kontakt und Gespräche möglich. Es gibt außerdem noch einen wirtschaftlichen Grund. Der Online-Handel mit Büchern ist mit deutlichen höherem Aufwand verbunden und die Margen gering. Dennoch sei der Online-Handel – wie vor der Krise – auch in Zukunft ein wichtiger Vertriebsweg

Auch beim Floristenverband FDF geht man davon aus, dass der Online-Handel nach der Krise erfolgreich weitergeht. Doch der Blumenkauf im Netz sei nicht vergleichbar mit dem Kauf vor Ort. „Blumen und Pflanzen sind sehr sinnliche emotionale Produkte, die mit ihren Formen, Farben und Düften die Menschen begeistern”, meint Nicola Fink. Die Beratung für Hochzeiten, Trauerfeiern, Fest und andere Anlässe brauche die Anstrengung von Profis. „Deshalb wird die primäre Stärke des Blumenfachgeschäfts auch zukünftig im stationären Handel sein.”

Das Anfassen, Fühlen, Sehen und Riechen steht auch für Peter Wüst vom BHB im Vordergrund: „Die Sortimente in den Bau- und Gartenfachmärkten haben sehr viel mit Hands-On, also Ausprobieren, Testen, Werken, aber auch mit sinnlichen Erfahrungen (im Bereich Home Deco, Garten, Lebendgrün usw.) zu tun – hier werden die Kunden auch künftig in erster Linie auf ihre stationäre Einkaufsmöglichkeit setzen.” Den Online-Handel sieht er als eine wichtige Ergänzung, über die etwa zusätzliche Sortimente oder auch die Ausweitung der Einkaufszeiten angeboten wird. In der DIY-Branche gebe es keine Bestrebungen, die Online-Aktivitäten einzustellen oder zu minimieren. Stattdessen gehe es darum den E-Commerce „auszubauen und intelligent mit den stationären Angeboten zu verzahnen.” 

Über den Autor

Patrick Schwalger
Patrick Schwalger Experte für: EU- und Bundespolitik

Patrick ist Politik-Experte beim Händlerbund und schreibt regelmäßig als Gastautor auf OHN. Er hat in verschiedenen politischen Kontexten in Brüssel und Köln gearbeitet und kennt die Politik von allen Seiten. Für den Händlerbund bearbeitet er die politischen Entwicklungen, die den Online-Handel bewegen und informiert darüber auf OHN.

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