Ein Händler berichtet aus dem Flutgebiet

„In den ersten Tagen war die Stadt in Schockstarre.“

Veröffentlicht: 18.08.2021 | Geschrieben von: Ricarda Eichler | Letzte Aktualisierung: 19.08.2021
Flut in Eschweiler

Der Fluss Inde verläuft mitten durch Eschweiler. Am 15. Juli dieses Jahres führte Starkregen dazu, dass die Inde massiv über die Ufer trat und die dortige Hochwasserkatastrophe verursachte. Die Scale GmbH ist Händlerbund-Mitglied und hat ihren Firmensitz nur 150 Meter neben der Inde. Geschäftsführer Stephan Kubernath und Simone Steinbrecher berichten uns im Interview, wie es für ihn als Händler war und wie es nun weitergeht. 

Wasseranstieg binnen weniger Stunden

Die Scale GmbH bietet eine Kombination aus Dienstleistung und eigenen Shops. So betreut das 13-köpfige Team kleine und mittelständige Unternehmen in Sachen E-Commerce sowie Fulfillment. Über die Shops Indekind und Bigdaygraphix werden des Weiteren schöne Produkte mit Heimatbezug zur Inde sowie bedruckte Papeterie mit eigenen Designs angeboten. Zum großen Glück der Agentur befindet sich das Logistik-Center außerhalb Eschweilers, in Hückelhoven. Die Büroräume dagegen blicken praktisch direkt auf den Ursprung der Katastrophe: die Inde. 

Dammbruch Inde

Stephan Kubernath erzählt, wie harmlos der Tag begann. So waren Einzelhändler, die ihre Keller mit Sandsäcken absicherten, zunächst noch am Scherzen, „ob sich die Mühe denn lohnen würde“. Bereits wenige Stunden später stand die Inde schon zwei bis drei Meter in der Fußgängerzone Eschweilers. „In den ersten Tagen nach dem Ereignis war die Stadt in einer ‚Schockstarre‘. Das Ausmaß und die Heftigkeit der Zerstörung musste man als Stadt erstmal verarbeiten. Zudem wusste niemand Genaues. Klar war nur, dass das Gebäude in dem unser Unternehmenssitz liegt, überschwemmt war“, erinnert er sich.

Vorabwarnungen von den Behörden erhielten die Bürger keine. Bis auf eine Starkregen-Warnung von der Wetterwarn-App wusste Kubernath hier von keiner drohenden Gefahr. Umso überraschter waren er und seine Mitarbeiter von den Folgen. Insbesondere das Zusammenbrechen der normalen Kommunikationswege sowie der Strom- und Trinkwasserversorgung traf viele dabei unvorbereitet.

Neben mobilen Lautsprecherdurchsagen seitens der Polizei tat sich da besonders Facebook als wichtiges Medium zur Informationsgewinnung und Kommunikation hervor. „Leider wurden so auch viele Gerüchte ungefiltert verbreitet – so war zwischendurch die Rede davon, dass das Krankenhaus (genau gegenüber unserer Firmenadresse) einsturzgefährdet sei. Solche News verunsichern einen natürlich“, berichtet Kubernath.

Solidarischer Zusammenhalt

Flut in Eschweiler

Der eigene Schaden der Scale GmbH war verhältnismäßig gering. Vom Firmensitz in der Eschweiler Innenstadt hatte es schließlich nur den Keller erwischt. Die Büroräume befinden sich in der ersten Etage und blieben zum Glück verschont. Abgesehen vom vorhandenen Sachschaden stellte die zweiwöchige Zwangspause für das Unternehmen den deutlich größeren Schaden dar. Doch die Pause nutzten Kubernath und sein Team solidarisch und unterstützten Hilfsgruppen im gesamten Stadtgebiet.

Hilfstrupps organisierten sich dabei via Facebook oder, wo möglich, WhatsApp-Gruppen und unterstützten da, wo sie gebraucht wurden. Kubernath und Steinbrecher erinnern sich: „‚Hey, auf der Moltkestraße wird ab morgen früh um 9 Uhr der Keller eines alleinstehenden älteren Herrn leergeräumt, wer kommt helfen?‘ – So oder so ähnlich klangen unzählige Aufrufe… Und die Hilfsbereitschaft war wirklich enorm! Das ist wirklich hervorzuheben. Alle haben die Ärmel hochgekrempelt und haben angepackt. Das war auch für uns eine echte Hilfe.“

Um diese Solidarität auch zurückzugeben, spendete die Scale GmbH auch Bekleidung aus den Indekind-Lagerbeständen an Anwohner, welche alles verloren hatten, und verteilte Tüten mit Wasser, Nervennahrung und Hygieneartikeln. 

Unerwartete Schwierigkeiten

Flut in Eschweiler

Wie man mögliche Elementarschäden in der Versicherung sinnvoll einkalkuliert, hatte niemand im Unternehmen bedacht. Denn als Stephan Kubernath die Versicherung zur Firmengründung abgeschlossen und Inventarwerte und Umsätze angegeben hatte, hatte er nicht bedacht, diese Werte auch zukünftig zu aktualisieren. 

Da das Unternehmen seitdem ein beachtliches Wachstum vollzogen hatte, lagen hier mittlerweile wesentlich höhere Summen vor. „So werden wir den knapp 6-stelligen Ausfall- und Sachschaden wahrscheinlich zu 40 Prozent nicht erstattet bekommen, da wir unterversichert waren“, sagt Kubernath. 

Neben dieser unerwarteten Versicherungsproblematik stellte der Zusammenbruch der Kommunikationswege eine der größten Umstellungen dar. Die Anwohner Eschweilers mussten großteils mehrere Tage ohne Strom und Internet auskommen. „Und da ging es nicht darum, Netflix zu schauen oder YouTube zu gucken – sondern um simple Absprachen. Wer ist wann wo um was zu tun? Das war stellenweise über Tage überhaupt nicht möglich. SMS war das ‚zuverlässigste‘ Kommunikationsmittel. Teilweise wurde der Stream auf Facebook durch das zusammengebrochene Mobilfunknetz nur ein bis zweimal pro Tag aktualisiert. SMS wurden ebenfalls nur maximal zwei bis dreimal am Tag zugestellt“, berichtet Kubernath.

Wie es nun weiter geht

Für die Scale GmbH kann es glücklicherweise relativ zügig weitergehen. In einem leerstehenden Pfarrhaus außerhalb Eschweilers fand das Unternehmen eine temporäre Unterkunft bis dieses zum Jahresende abgerissen werden soll. So kann von dort aus seit wenigen Tagen der Betrieb wieder in eingeschränkten Bahnen aufgenommen werden. 

In Eschweilers Innenstadt dagegen herrscht weiterhin Chaos. Im alten Gebäude zieht ein unangenehmer Geruch durch die Räume – hier stand schließlich anderthalb Wochen lang das Wasser mitsamt Müll und Fäkalien. Überall lagern noch Schutt und Werkstoffe. Das Gebäude wird sicherlich noch einige Zeit nicht nutzbar sein. Ob die Scale GmbH dort also wieder einziehen kann oder die Indekinder ein neues Heim beziehen müssen, steht noch aus.

Über die Autorin

Ricarda Eichler
Ricarda Eichler Expertin für: Nachhaltigkeit

Ricarda ist im Juli 2021 als Redakteurin zum OHN-Team gestoßen. Zuvor war sie im Bereich Marketing und Promotion für den Einzelhandel tätig. Das Schreiben hat sie schon immer fasziniert und so fand sie über Film- und Serienrezensionen schließlich den Einstieg in die Redaktionswelt.

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