An- und Verkauf von Amazon-Retouren

So macht der „Retourenking“ aus Amazon-Rücksendungen Schnäppchen

Veröffentlicht: 01.12.2021 | Geschrieben von: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 17.01.2022
Mann zieht Stapel-Fahrzeug Ameise

Retouren sind bei Online-Händlern und -Kunden ähnlich unbeliebt und dennoch nicht totzukriegen. Doch nach einer Rücksendung an einen Amazon-Händler startete ein neues Geschäftsmodell: Der An- und Verkauf von Amazon-Retouren. Wir haben das Business rund um zurückgeschickte Amazon-Ware unter die Lupe genommen und zeigen u.a. anhand des aus der aktuellen TV-Serie „Die Retourenprofis“ (RTL) bekannten Händlers Ingo Morlock, auf was es dabei ankommt.

Amazon versteigert Retourenware über eigene Plattformen

Amazon selbst bietet über spezielle Plattformen in den USA und der EU Retourenware für Weiterverkäufer an. Dort können Händler mit einer Umsatzsteuer-Identifikationsnummer ein Konto anlegen und für angebotene B-Ware in einer Auktion ein Höchstangebot abgeben. Die Warenmenge wird dabei meist als Lkw-Ladung oder in Paletten angegeben. Im jeweiligen Angebot stehen nähere Infos zum Zustand sowie Details der Artikel. Die Auktionen laufen überwiegend zwischen zwei bis vier Tage. Eine Besonderheit dabei ist das sogenannte Popcorn Bidding: Wenn fünf Minuten vor Auktionsende ein Gebot eingeht, verlängert sich die Auktion jeweils um drei Minuten, damit alle Bieter gleiche Chancen haben. 

Das ist jedoch nur ein Weg, um an Retourenware von Amazon zu kommen, wie Ingo Morlock weiß. Der Händler verkauft über seinen Onlineshop „Retourenking“ unter anderem zurückgeschickte Ware und Sonderposten. Die Amazon-Retouren sind dabei eine wichtige Stütze seines Unternehmens und machen rund die Hälfte seines Umsatzes, etwa 300.000 Euro, aus. Er selbst bezieht seine Produkte aber meistens direkt von Amazon-FBA-Händlern, die ihn als Rücksendeadresse eintragen. Amazons Retouren-Auktionsportale nutzt er heute nicht mehr. „Der Ersteigerungsprozess an sich ist einfach, aber man muss natürlich ganz genau aufpassen, was man wo ersteigert, zum Beispiel je nach Herkunft auf die Transportkosten achten. Wenn man in England etwas ersteigert, wird teils gar kein Versand angeboten, das ist ziemlich tricky“, erklärt der Retourenhändler.

Bekannt aus RTL-Serie: So arbeitet der „Retourenking“

Ingo Morlock / © Retourenking

Morlock betreibt sein sechsköpfiges Unternehmen in Birkenfeld nahe Pforzheim gemeinsam mit seiner Frau, auch sein Vater ist dabei. An seinem Standort hat er ein 2.500 Quadratmeter großes Lager sowie ein weiteres, welches in der Nähe angemietet wurde. Vieles macht der gelernte Energieelektroniker und Ebay-Verkaufsagent dabei selbst – vom Gabelstapler fahren bis zum Kontrollieren und Reparieren der B-Ware, falls nötig. Nachdem die Paletten angeliefert wurden, checkt das Team, ob die Ware vollständig und funktionstüchtig ist. „Wir müssen jeden Karton aufmachen und etwaige Kundenbelege rausnehmen wegen des Datenschutzes. Und man muss natürlich schauen bei Elektrogeräten wie einer Kaffemaschine: Läuft das Wasser durch und wirds warm – wir prüfen das schon recht aufwändig“, erklärt Morlock. Zum Teil wird die Ware auch repariert.

Verkauf von Amazon-Retouren über eigenen Webshop, Ebay, Facebook

Die Rücksende-Ware wird dann in verschiedene Kategorien eingeordnet, mögliche Schäden oder Gebrauchsspuren per Foto dokumentiert und über den eigenen Onlineshop, via Ebay oder Social-Media-Kanälen meist an private Nutzer weiterverkauft, zum Teil auch über Auktionen. Die Amazon-Retouren werden dabei als B-Ware gekennzeichnet – auch wenn der Artikel noch neuwertig ist. „Das ist mit unseren Lieferanten abgesprochen. Ich will denen ja auch keine Konkurrenz machen, ich muss ja auch erklären, warum der Artikel bei mir um einiges günstiger ist“, erklärt Morlock. „Wir machen auch Mystery-Boxen und fassen Artikel, bei denen sich der Einzelversand nicht lohnt, zusammen und bündeln diese für Wiederverkäufer und Flohmärkte.“

„Die Leute möchten billig kaufen – erwarten aber trotzdem Neuware.“

Ein nerviges Dauerthema ist der ewige Kampf um den ohnehin schon günstigen Preis. „Im Onlineshop steht schon ’der Karton ist beschädigt, Kleinteile fehlen’ oder auch, das was defekt sein kann – und dann rufen Kunden an und sagen ’Also, der Karton sieht aber gebraucht aus’. Die Leute möchten billig kaufen – erwarten aber trotzdem Neuware“, klagt der „Retourenking“. Trotzdem wird nicht ewig verhandelt: „Unsere Devise ist: Schnell rein, schnell raus – je größer die Anlieferung, desto billiger biete ich es an, damit das Lager schnell wieder leer wird.“

RTL-„Retourenprofis“: „Der Onlineshop wird drei Mal mal so oft besucht“

Obwohl sein Geschäft zum Teil auf zurückgeschickter Ware basiert, sieht er Retouren generell auch kritisch. „Bei Shirts im Web muss man drei Größen bestellen, um die richtige zu erhalten – da is die Retoure vorprogrammiert. Von der Nachhaltigkeit und den Kosten ist es natürlich Irrsinn – aber der Mensch ist halt bequem.“ Er selbst will sich nicht auf die faule Haut legen: Fürs nächste Jahr hat Ingo Morlock einen Meilenstein angepeilt und will eine Million Umsatz im Jahr erreichen – vielleicht hilft ihm ja die Präsenz in der seit 15. November laufenden RTL-Serie „Die Retourenprofis“. „Kunden sprechen uns tatsächlich vermehrt an, der Onlineshop wird drei Mal mal so oft besucht. Direkt zur Ausstrahlung müssen wir unseren Server immer hochskalieren“, erklärt Morlock. Eine 2. Staffel ist von RTL schon geplant. 

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Über den Autor

Markus Gärtner
Markus Gärtner Experte für: Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

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