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Tipps für Käufer und Händler

Wish, Joom und AliExpress – das steckt hinter den Billig-Marktplätzen

Veröffentlicht: 07.04.2020 | Autor: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 06.04.2020
Joom-Webseite

„Minus 91 Prozent“, „minus 97 Prozent“ und viele Markenprodukte sogar zum ausgewiesenen Preis von gerade mal einem Euro – wer auf die Webseite oder App von Wish oder Joom kommt, muss sich wie im Schnäppchenparadies fühlen. Neben dem vermeintlichen Tiefpreis verführen noch weitere Anreize den Online-Shopper zum schnellen Konsum. Aussagen wie „+100 haben das gekauft“ oder Einblendungen wie „Fast weg!” sollen zeigen: Die Produkte sind heiß begehrt und bald ausverkauft – also schlag zu, bevor es zu spät ist!

So beliebt sind Wish und Co. schon in Deutschland

Billig-Marktplätze wie Wish oder AliExpress werden bei Online-Shoppern immer beliebter, zeigt das Consumer Barometer vom Januar 2019 der Unternehmensberatung KPMG und des Kölner Instituts für Handelsforschung. Für die repräsentative Studie wurden 500 Online-Nutzer befragt. 58 Prozent der Interviewten haben große Online-Marktplätze wie Amazon oder Ebay schon einmal genutzt. Doch auch der Emporkömmling Wish hat schon Fans gefunden: Immerhin 15 Prozent haben dort schon etwas bestellt, 33 Prozent kennen den Herausforderer zumindest vom Namen her. „Zwar werden die etablierten Online-Marktplätze in Deutschland noch klar bevorzugt, aber die neuen Anbieter stoßen mit ihrem Fokus auf Schnäppchenangebote auch hierzulande auf nennenswertes Interesse. Der Discounter-Ansatz funktioniert also auch bei Online-Plattformen“, sagt Mark Sievers, Head of Consumer Markets bei KPMG.

Für die Nutzer ist Vertrauen wichtiger als der Preis

Doch der Preis ist – zumindest für die Befragten dieser Studie – noch nicht der wichtigste Faktor beim Einkaufen im Web. Stattdessen legen drei Viertel der Studienteilnehmer dabei vor allem Wert auf Vertrauen und Seriosität, 71 Prozent achten auf „Gute Qualität“ – ein „günstiger Preis“ folgt erst an dritter Stelle. Gerade in den abgefragten Bereichen Vertrauenswürdigkeit und Qualität liegen etablierte Anbieter und neue Plattformen aber sehr weit auseinander. „Entscheidend für die weitere Entwicklung neuerer Online-Marktplätze wird sein, wie gut Bedenken insbesondere bezüglich der Vertrauenswürdigkeit und der Qualitätsstandards beim Konsumenten ausgeräumt werden können“, prognostiziert Sievers.

Dass es in punkto Qualität und Sicherheit bei den neuen Billig-Marktplätzen teils noch hapert, lässt sich auch in vielen Online-Foren nachlesen, in denen von „Ramschware aus China“, „Bestellschrottplätzen“ oder „Fake-Produkten“ die Rede ist. Auch in Bewertungsportalen wie Trustpilot finden sich teils verheerende Kritiken: So sind bei Wish rund die Hälfte der 12.000 Bewertungen in der schlechtesten Kategorie “ungenügend”.

Gefälschte Lego-Produkte auf Wish

Der Leipziger Fach-Journalist Florian Treiß hat über Produktpiraterie auf der Plattform Wish recherchiert und sich testweise ein gefälschtes Lego-Batman-Mobil bestellt. Beim Originalhersteller Lego war das Modell nicht mehr verfügbar – bei Wish schon. Innerhalb von zwei Wochen war die Bestellung da, das Spielzeug inklusive Anleitung in bestem Zustand. „Die Lieferung wurde nicht vom Zoll geprüft und ich bezweifle, dass das Produkt ordentlich lizenziert wurde“, sagt Treiß.

Auf der Plattform findet man noch jede Menge andere gefälschte Lego-Modelle: Der „James Bond Aston Martin“, der im Lego-Shop 150 Euro kostet, ist bei Wish als Nachbau für 32 Euro zu haben. Treiß hat auch Fälschungen anderer Produkte und Marken gefunden. „Auch wenn Lego sich des Problems schon lange bewusst ist, so ist man bei dem Konzern offenbar machtlos gegenüber Fälschungen auf Wish. Ich frage mich allerdings auch, wieso der Zoll Sendungen aus China durchwinkt. Auf dem Zollschein meiner Bestellung war 'Batman' notiert. So ein Markenname könnte aufmerksame Zöllner durchaus hellhörig machen.“

© Florian Treiß

Verbraucherzentrale testet Wish-Bestellungen 

Gefälschte Produkte sind nicht das einzige Problem auf dem Billig-Marktplatz. Verbraucherschützer warnen immer wieder vor Wish: Viele Kunden beschweren sich über nicht erhaltene Ware, schlechte Qualität, lange Wartezeiten oder Probleme mit der Zahlungsabwicklung, wie die Verbraucherzentralen berichten. Das Projekt Marktwächter des Verbraucherzentrale Bundesverbandes e.V. hat Billig-Anbieter wie Wish mehrfach unter die Lupe genommen. 2017 untersuchten die Mitarbeiter die Angebote von neun Online-Shops aus Asien und kauften dort testweise Kleidung. Ergebnis: Fast jedes der bestellten Kleidungsstücke fiel kleiner aus als angegeben und hatte weitere Mängel in der Verarbeitung oder im Schnitt. Bei einigen Teilen war sogar das angegebene Material falsch: Polyester statt Baumwolle.

Auch die Rückabwicklung machte immer wieder Probleme. Das Hauptproblem dabei sind hohe Rücksendekosten, die bei einer Retoure nach China anfallen können – diese muss der Kunde oft selbst tragen. „Wer sich auf die Billig-Angebote solcher Händler einlässt, sollte sich dieser Risiken bewusst sein. Durch hohe Rücksendekosten können sich vermeintliche Schnäppchen schnell aufheben, von dem möglichen Aufwand, überhaupt erst einmal eine Rücksendeadresse in Erfahrung zu bringen ganz zu schweigen“, warnt Dr. Kirsti Dautzenberg, Teamleiterin bei Marktwächter Digitale Welt.

Dreiste Methode: Wish sperrt Kundenkonten bei zu viel Retouren

Im August 2018 fiel Wish dann sogar durch eine besonders dreiste Methode bei der Rückerstattung auf: Wenn ein Käufer zu viele bestellte Produkte zurückschickte, sperrte das Unternehmen dessen Nutzerkonto – dadurch konnte man offene Bestellungen weder widerrufen oder reklamieren. Wish-Kunden berichten, dass ihr Konto aber sogar nach nur einer Retoure gesperrt worden sei. „Kunden laufen somit bei jeder Bestellung Gefahr, dass Wish sie daran hindert, ihre Käuferrechte wahrzunehmen“, weist Dautzenberg hin. Und Wish toppte das gesamte Service-Debakel mit einer weiteren unverschämten Maßnahme: Der Marktplatz forderte die gesperrten Kunden dazu auf, trotzdem weiter einzukaufen – um so den „guten Ruf“ ihres Kontos wiederherzustellen.

Was sagt Wish zu der Kritik?

Was sagt das Unternehmen selbst zu den Vorwürfen? Wir haben bei Wish nachgefragt. Wish verweist auf eine „umfassende Richtlinie zur Rückerstattung“ für die Kunden. Nutzer können außerdem vermutete Verstöße gegen den aufgestellten Verhaltenskodex für Händler jederzeit melden, die Produkte würden dann gegebenenfalls entfernt, der Händler muss eine Geldstrafe zahlen oder wird im Extremfall von der Plattform ausgeschlossen. Bereits im Vorfeld würden die Händler umfassend überprüft, bevor sie auf Wish starten können.

Wie schneidet Joom in Tests ab?

Auch andere Billig-Marktplätze wie Joom mit Sitz in Lettland stehen immer wieder in der Kritik. Der Radiosender You FM hat Joom und andere Schnäppchen-Anbieter unter die Lupe genommen. Auffällig bei Joom: Die einzelnen Händler-Bewertungen sind nicht im Detail aufgeschlüsselt, die Joom-Händler wirken dadurch im Vergleich zu anderen „deutlich weniger vertrauenswürdig“. Fazit dieses Tests: Finger weg von Bestellungen bei Wish, Joom und Co.

Giga warnt in seinem Test ebenfalls vor Joom. Der Einkauf dort entspreche dem Wurf mit einer Münze: „Entweder habt ihr Pech, oder es klappt ausnahmsweise einmal“, lautet das Fazit. Nutzer berichten sogar von Betrugsversuchen der Händler auf Joom. So seien zum Beispiel in Festplatten-Gehäusen Gewichte und USB-Sticks mit Heißklebepistolen befestigt gewesen.

Das Fachmagazin Chip hat Joom ebenfalls getestet, die meisten Kundenerfahrungen seien positiv. Größte Kritikpunkte sind der Versand, der bis zu 30 Tage dauern kann und mögliche Probleme beim Zoll. Denn wenn eine Bestellung inklusive Versandkosten mehr als  22 Euro kostet, müssen die Besteller ihr Paket zusätzlich verzollen und es persönlich beim Zoll abholen.

Das sagt Joom zu der Kritik

„Wir erstatten das Geld zurück, wenn das gelieferte Produkt in Aussehen oder Qualität nicht der Beschreibung entspricht – nichts einfacher als das“, erklärt Mika Stetsovski von Joom auf Anfrage von OnlinehaendlerNews. Er erklärt, dass Joom sehr strenge Anforderungen an seine Händler stelle und deren Performance auch auf anderen Online-Plattformen evaluiere, um sicherzustellen, dass sie verantwortlich handeln.

Screenshot https://www.spielwarenverband.ch/pressreleases/

Wie schneidet AliExpress in Tests ab?

Auch zu dem Alibaba-Marktplatz AliExpress gibt es viele kritische Stimmen und Tests. So hat etwa der Spielwaren-Verband Schweiz (SVS) im Jahr 2019 testweise Spielzeug bei AliExpress und Wish bestellt. Bei vier von den sechs Toys von AliExpress fand das Untersuchungslabor kritische Werte. Die Artikel enthielten unter anderem gefährliche Stoffe wie Cyclohexanon, Toluol, DEHP sowie Blei und überschritten teils die erlaubten Werte. DEHP kann sich zum Beispiel auf das Hormonsystem der Kinder auswirken. Bei fast allen Produkten fehlte die vorgeschriebene Kennzeichnung, ein Teil war gefälscht. Mehrere Produkte hätten in der Schweiz nicht verkauft werden dürfen.

Das Portal Techbook hat AliExpress ebenfalls genauer unter die Lupe genommen und warnt vor Fälschungen, vor allem im Elektronikbereich, etwa bei Speicherkarten. „AliExpress ist eine gute Alternative zu den bekannten Plattformen wie Ebay und Amazon. Aufgrund der Lieferzeiten, der schlecht übersetzten deutschen Homepage und dem Fehlen von Paypal können Sie jedoch nicht mit dem gleichen Shoppingkomfort rechnen wie bei anderen Handelsplattformen“, lautet das Fazit.

Bei AliExpress steckt eine Gefahr vor allem in den unterschiedlichen Versandkosten, die oft kaum transparent sind: Manche China-Händler aus China verlangen gar keine, andere bis zu 50 Euro – wer das als Käufer zu spät oder gar nicht merkt, erlebt spätestens beim Abbuchen eine böse Überraschung, heißt es im You-FM-Test.

Können deutsche Online-Händler auf den Billig-Marktplätzen verkaufen?

Auch deutsche Online-Händler können auf Wish und Joom ihre Ware anbieten. Auf AliExpress können deutsche Online-Händler keinen Verkäufer-Account erstellen. Einige Experten raten von einem Verkauf auf Wish jedoch ab, da dort aufgrund einiger Mängel und offener Fragen kein rechtssicherer Handel möglich sei. 

„Besonders problematisch ist der Umstand, dass die Billigmarktplätze oft nicht dafür konzipiert sind, Rechtstexte so einzufügen, wie es das europäische und im speziellen das deutsche Recht verlangt. So fehlt bei Wish prinzipiell die Angabe, ob sich der Gesamtpreis inklusive Mehrwertsteuer versteht. Dieser ist nach Preisangabenverordnung aber zwingend notwendig“, erklärt Sandra May, Volljuristin und Rechtsexpertin der OnlinehändlerNews-Redaktion. Auch fehle bei den Artikeln die Dauer des Versandes oder die Möglichkeit, ein vorgeschriebenes Impressum einzubinden. „Insgesamt kann aus rechtlicher Sicht hier nur von einem Handeln auf diesen Marktplätzen abgeraten werden“, rät sie.

Chancen für Online-Händler bei Wish und Joom

Trotzdem gibt es aber Online-Händler, die dort aktiv sind. Shopsystemanbieter JTL, der auch eine Schnittstelle zu Wish offeriert, sieht bisher bei seinen Kunden aber noch „zurückhaltendes Interesse“. „Das könnte damit zusammenhängen, dass die aktiven Händler auf Wish bislang nur zu einem sehr geringen Teil aus Europa stammen. Es fehlt also schlichtweg an Erfahrungswerten“, erklärt JTL-Geschäftsführer Thomas Lisson. Allerdings erkennt er auch Chancen. „Wer jetzt als Online-Händler auf Wish einsteigt, kann natürlich von der geringen Konkurrenz profitieren und sich leicht von asiatischen Anbietern abheben. Da auf Wish besonders junge, preisbewusste und trendaffine Käufer unterwegs sind, sollten Händler gut überlegen, welche Artikel ihres Sortiments sie dort anbieten.“

Der Preiskampf mit den Anbietern aus Fernost, etwa in Sachen Elektronik oder Gadgets macht dabei wenig Sinn. Stattdessen müssen die Händler ihre Nische finden. „Wir haben einen Händler, der Produkte mit deutschsprachigen Texten oder Sprüchen verkauft. Da gibt es aus Asien wenig Konkurrenz, und er ist damit auf Wish supererfolgreich“, berichtet David Pohlmann von Billbee.

Auch Adrian Gmelch von Lengow – das ebenfalls Händler an Wish und Joom anbindet – kennt Vorteile für deutsche Unternehmen. So gibt es bei Joom seit Kurzem das Etikett „Produkte aus Europa“. „Dieses Label deutet daraufhin, dass die Produkte aus Europa verschickt werden und damit viel schneller geliefert werden, als die Konkurrenzprodukte aus Asien! Ein Pluspunkt für alle unsere europäischen Händler, die wir angebunden haben.“

Tipps für Online-Shopping auf Billig-Marktplätzen

Wer als Online-Shopper trotzdem bei Wish, Joom und Co. einkaufen will, für den hat die Verbraucherzentrale einige Tipps zusammengestellt:

  • Beachten Sie, dass zum eigentlichen Kaufpreis hohe Versandkosten auf Sie zukommen können.

  • Informieren Sie sich über die geltenden Zollbestimmungen, wenn Sie bei Händlern außerhalb der EU bestellen. Sonst können zusätzliche Steuern und Zollgebühren auf Sie zukommen.

  • Gehen Sie nach Möglichkeit nicht in Vorkasse, sondern zahlen Sie erst, wenn Sie die Ware erhalten haben und zufrieden sind. Bekommen Sie Zahlungsaufforderungen, bevor Sie Ware erhalten haben, ignorieren Sie sie nicht, sondern melden Sie sich beim Online-Kundenservice von Wish bzw. Klarna und erklären dort, dass Sie noch nichts erhalten haben.

Über den Autor

Markus Gärtner Experte für Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

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Kontaktieren Sie Markus Gärtner

Kommentare  

#1 dieter Brandes 2020-04-09 09:28
ALSO ICH HABE GERADE MIT ALIEXPRESS NUR GUTE ERFAHRUNGEN GEMACHT. Ebenso mit Alibaba. Auch ist die Zahlungsrückfüh rung besser als bei ebay z.B. denn wer mit pp bei Ebay etwas aus dem Ausland bestellt hat keine Sicherheit dahingehend. Ich habe mal für 1000 Euro was bei einem Händler dort bestellt und das ist nie angekommen, weil esein Fake war. Das Geld würde aber überwiesen direkt an den Händler. Alibaba hatte also das Geld garnicht erhalten. Die hatten es mir aber trotzdem zurückgezahlt.
Zudem ist das was da verkauft wird doch genau das was wir hier in BRD kaufen. Die Produkte kommen doch alle von dort. Nur halt viel preiswerter, weil der Weltpostverband China als (wirtschaftlich es) Entwicklungslan d einstuft (ist ja auch so, ich war schon zweimal da, sind die Versandkosten von dort nach hier FÜR KLEINE PAKETE so preiswert. Deshalb kaufe ich mein apple Netzteil und andere Dinge für einen Bruchteil dessen, was ich hier zahlen müsste.
WARUM ALSO EINEN ZWISCHENHÄNDLER FINANZIEREN, DER GARNICHT GEBRAUCHT WIRD???? HÖRT ALSO AUF ZU JAMMERN. Ihr wirkt sonst am Wasserkopf mit und das Menschen ihre Arbeitskraft verplempern für eine Job, der nicht gebraucht wird.
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