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Hagen Meischner über Influencer und Co.

Shopify-Interview: Der Irrglaube der Händler bei der Auswahl des Shopsystems

Veröffentlicht: 26.03.2019 | Autor: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 26.03.2019 | Gelesen: 1369 mal
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Shopify wurde 2006 vom Koblenzer Tobias Lütke entwickelt, mittlerweile betreut das in Kanada gegründete Unternehmen über 800.000 Händler in rund 180 Ländern – auch in Deutschland. Seit Mai 2017 ist der Shopsystem-Anbieter auch hier mit einem eigenen Büro vor Ort. Im Interview blickt Hagen Meischner (Partner Manager Lead) zurück auf die Anfangszeit und erklärt, warum Kylie Jenner so erfolgreich und die Cloud die Zukunft des E-Commerce ist.

Es gibt laut einer Studie allein in Deutschland über 80 Shopsysteme – nach welchen Kriterien sollten Online-Händler ihr System aussuchen?

Hagen Meischner: Zum einen sind die Investitionskosten ein Thema: Was kostet es, den Shop online zu bringen? Da gibt es schon eine große Bandbreite unter den Angeboten. Zum zweiten gibt es die Betriebskosten: Was kostet mich das Hosting, Updates, Sicherheitspatches, Versionsreleases etc.? Und da sind viele dem Irrglauben aufgesessen, ich entwickele einen Online-Shop, die Kunden kommen von alleine und ich muss den Shop nie wieder anfassen. Dann muss man überlegen, wie skalierbar ist die Lösung? Denn viele Händler fangen klein an, haben aber ambitionierte Wachstumsziele, da ist die Frage: Muss ich dann schnell wieder die Technologie wechseln? Wichtig ist auch: Kann ich das System selbst erweitern oder bin ich auf eine Agentur angewiesen?

Shopify bietet sein System weltweit in vielen verschiedenen Märkten und Ländern an. Wie schafft man den Spagat zwischen einem einheitlichen Standard und vielen regionalen und kulturellen Unterschieden?

Hagen Meischner: Da ist Sprache natürlich der wichtigste Punkt, Lokalisierung ist das A und O. Und die Lokalisierung hängt stark von den Partnern ab, das können Newsletter-Anbieter, Logistik-Partner, Payment-Unternehmen etc. sein. Und da fahren wir die Strategie, dass wir einen App-Store haben, wo lokale Partner ihre Erweiterungen einbringen können. Aktuell haben wir da rund 2500 Erweiterungen.

So will Shopify Europa von Berlin aus erobern

Aus der Welt zurück nach Deutschland, hier ist Shopify ja erst vorletztes Jahr mit einer eigenen Dependance gestartet. Ein kleiner Rückblick?

Hagen Meischner eb 1

Hagen Meischner: Wir hatten ja auch schon vorher viele Kunden in Deutschland und haben die hohe Nachfrage gesehen. Daher haben wir personelle Ressourcen aufgebaut, um hier stärker am Markt vertreten zu sein. Dann haben wir Shopify Payments gelauncht, das war ein wichtiger Punkt. Auch die Vorzertifizierung durch den Händlerbund war ein Meilenstein. In unserem Berliner Office werden wir in den nächsten Jahren mehrere Hundert Mitarbeiter einstellen, um den deutschen und europäischen Markt bedienen zu können.

Shopify Payments gibt es seit Oktober 2018 in Deutschland. Derzeit sind ja Kryptowährungen wie Bitcoin ein Trendthema – spielen solche Hypes auch bei Shopify eine Rolle oder ist das eher ferne Zukunftsmusik?

Hagen Meischner: Wir sind da sehr stark getrieben von der Nachfrage der Kunden, das sind zum einen die Händler und zum anderen die Endkunden. Wir gucken uns alle Technologien an, evaluieren was sinnvoll ist und wenn wir sehen, dass die Nachfrage von beiden Kundenseiten hoch genug ist, dann wird das auch bei Shopify verfügbar sein. Aber Kryptowährungen sind noch nichts, was uns in den nächsten Wochen und Monaten schlaflose Nächte bereiten wird…

Social Media gehört zu Shopifys Strategie „Direct to Consumer“

Einer ihrer Kunden ist Kylie Jenner, die gerade jüngste Milliardärin geworden ist. Und damit sind wir bei einem weiteren Trend: Influencer Marketing. Welche Rolle spielt Social Commerce bei Shopify?

Hagen Meischner: Das ganze Thema Social Media ist bei uns eingebettet in eine größere Strategie: Direct to Consumer. Viele Marken und Brands sind mittlerweile mit und aus dem Internet entstanden und nutzen es als digitalen Vertriebskanal. Wenn man mal in die Geschickte guckt: Die ersten Warenhäuser gab es vor 130 Jahren, das waren die Mittler. Wenn ich als Marke also was verkaufen wollte, musste ich übers Warenhaus oder einen klassischen Händler gehen. Im Internet können Marken direkt an den Endkunden verkaufen.

Bei Social Media bewegen sich die Marken dort, wo auch die Endkunden sind. Social Media ist am Ende auch nur wieder ein Tool, um die Endkunden zu erreichen und deswegen sehen wir da natürlich den Trend. Das ist natürlich zielgruppenabhängig, aber gerade die Jungen bewegen sich natürlich auf Facebook, Instagram, Snapchat. Um die ganze Power des Direct to Consumer noch mal zu verdeutlichen: Kylie Jenner hat ihr Imperium mit 900 Millionen Dollar Umsatz mit nur acht Mitarbeitern aufgebaut. Heute kann fast jeder Star eine Marke aufbauen und diese verkaufen, und da hat Social Media als Kommunikationskanal einen wesentlichen Einfluss.

Ein wichtiger Faktor von Shopifys System ist, dass es cloudbasiert ist. Händler sind ohne eigene IT in der Gestaltung ihres Angebotes aber etwas eingeschränkt. Gleichzeitig soll der E-Commerce die Kunden aber immer individueller ansprechen. Wie lässt sich das vereinen?

Hagen Meischner: Shopify ist hochgradig individualisierbar, egal ob im Frontend, über die Apps oder unsere API. Außerdem haben wir eine sehr umfassende Partnerlandschaft an Agenturen. Eine Einschränkung bezüglich der Personalisierung sehen wir da nicht. Es ist eher eine Frage, wie das technisch betrieben wird – und da ist Cloud der Ansatz der Zukunft. Wir sehen stattdessen eher den Betrieb eines eigenen Servers als Einschränkung, weil der Händler da sehr viele Ressourcen aufwenden muss, statt sich auf den Handel, das Produkt, den Kunden und das Marketing zu konzentrieren.

„Produktmanager wollen keine Riesen-IT-Projekte machen“

Shopify hat sich bisher vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen konzentriert, jetzt kommen auch immer mehr größere Firmen hinzu. Wie geht diese Öffnung weiter, gibt es auch in Deutschland schon größere Interessenten?

Hagen Meischner: Grundsätzlich ist unser Sortiment in die beiden Bereiche Shopify Core und Shopify Plus aufgeteilt, letzterer richtet sich an große Konzerne wie Nestle, Red Bull und Tesla, die Shopify einsetzen. Die Frage ist: Was ist groß? Auch große Unternehmen sind in viele Produktbereiche untergliedert und viele Produktmanager wollen keine Riesen-IT-Projekte machen, sondern haben ganz spezifische Anforderungen. Ein Produktmanager will meist in vier, sechs oder acht Wochen was live bringen und kein 24-Monate-Projekt für eine halbe Million Euro draus machen.

Ein gutes Beispiel sind die StartUps, die bei „Höhle der Löwen“ auftreten. Da sind viele Shops dabei, die vielleicht nur unser Basispaket haben, wo aber während der TV-Ausstrahlung 100.000 oder 200.000 Besucher auf den Webshop kommen – also eigentlich die Anforderungen an eine große Marke. Die Anforderungen bei „Kleinen“ und „Großen“ überlagern sich also mehr, als man denkt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über den Autor

Markus Gärtner Experte für Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

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