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Potenziale von Videos im Verkauf und Marketing

Videos als Multitalent im Online-Handel

Veröffentlicht: 07.07.2020 | Autor: Tina Plewinski | Letzte Aktualisierung: 07.07.2020
Kamera bereit, um ein Video aufzunehmen

„Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte“ – so heißt es zumindest. Das Sprichwort lässt auch erahnen, was Produktvideos alles vollbringen und welche Bedeutung sie für Unternehmen haben können. Denn hier können in wenigen Sekunden nicht nur sachliche Informationen vermittelt und Fragen geklärt werden. Mithilfe von Bewegtbildern lassen sich in kürzester Zeit auch Geschichten erzählen und Neugier oder Interesse beim Zuschauer wecken. Das alles macht Produktvideos zu einem quasi unerschöpflichen Quell an Möglichkeiten und zu einem Marketing-Instrument, dessen Potenzial Unternehmen keinesfalls ungenutzt lassen sollten.

Kaum etwas brennt sich wohl so tief in unsere Köpfe ein wie gut gemachte Produktvideos: Fast jeder dürfte die weihnachtlichen Coca-Cola-Spots kennen, in denen der riesige, rote, beleuchtete Truck zu beschwingter Musik durch verschneite Winterlandschaften fährt und die Menschen glücklich macht. Auch das verführerische Knacken des Magnum-Eises oder die entspannte Karibik-Stimmung in der hell strahlenden Raffaello-Werbung dürfte den meisten bekannt sein.

Wenn Unternehmen es dann noch schaffen, einprägsame Werbejingles zu kreieren, bleiben die Spots über Jahre und manchmal sogar über Jahrzehnte unauslöschlich im Gedächtnis. Noch heute gibt es erfahrungsgemäß Menschen, die Freitagnachmittag beschwingten Schrittes das Büro verlassen und den Wochenend-Song des Zott-Sahne-Joghurts mitsingen: „Vollgepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen, hinein ins Weekend-Feeling ...“ – Sie erinnern sich?

All diese Beispiele zeugen von der Macht und den Möglichkeiten, die in Videomarketing stecken. Und sie sollten Unternehmen einen Grund geben, selbst einmal darüber nachzudenken, ob und wie sie das Videoformat eventuell selbst verwenden könnten. Denn die Palette möglicher Einsatzgebiete ist so breit, dass der daraus resultierende Nutzen immens sein kann. Es müssen nämlich nicht immer nur reine Werbevideos sein...

Warum sind Video so effektiv?

Bevor wir zu den vielfältigen, praktischen Einsatzmöglichkeiten von Werbung kommen, soll an dieser Stelle zunächst erklärt werden, warum Videos ein so fundamentaler Bestandteil des Internets und auch des E-Commerce sind. Ganz einfach: Sie gehören zu den effektivsten Werbemitteln, die es gibt.

In der Pädagogik gehört es beispielsweise zu den Grundlagen des Lernens, dass Informationen auf verschiedene Art und Weise sowie auch verschieden nachhaltig aufgenommen werden – und zwar je nachdem, WIE sie ins Gehirn gelangen und dementsprechend WIE sie vom Rezipienten wahrgenommen werden. Ein Beispiel: Ein reiner Text wird vom Leser ganz anders wahrgenommen als ein statisches Bild oder gar Bewegtbilder. Sie werden im Gehirn unterschiedlich aufgenommen, verarbeitet und abgespeichert. 

In verschiedenen didaktischen Büchern findet sich beispielsweise folgende Erläuterung: Dinge, die wir lesen, behalten wir zu etwa zehn Prozent. Dinge, die wir hören, zu 20 Prozent und Dinge, die wir sehen, zu 30 Prozent. Werden nun verschiedene Wahrnehmungskanäle miteinander verknüpft, steigert sich der Prozentsatz jener Informationen, die wir am Ende tatsächlich behalten. Demzufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns Informationen merken und einprägen auch bei 50 Prozent, wenn wir sie sehen UND hören. Allein dieser Umstand spricht zweifelsfrei für die Verwendung von Videos im Online-Handel.

Toniebox: „Videos bleiben hervorragend im Gedächtnis haften“

Dies deckt sich auch mit den Erfahrungen der Boxine GmbH. Das Unternehmen konnte mit seinem hauseigenen Hörspielgerät, der sogenannten „Toniebox“, in den vergangenen Jahren große Erfolge feiern: „Bewegtbilder sind für die Vermittlung von Information nach unserer Erfahrung optimal geeignet. Sie bleiben hervorragend im Gedächtnis haften und lassen sich schneller erfassen – nicht zuletzt auf mobilen Endgeräten, die der bevorzugte Weg unserer Kunden ist, sich mit unserer Marke und unseren Produkte zu befassen“, sagte uns Sven Vaders, Director Product Management & Marketing, im Interview.

Das Unternehmen bietet interessierten Kunden nicht nur auf der hauseigenen Website, sondern auch über den YouTube-Kanal verschiedene Clips, in denen die Toniebox auf anschauliche Weise vorgestellt und grundlegende Funktionen sowie Besonderheiten erklärt werden:

Das Gute am Video-Format ist neben der Eingängigkeit grundsätzlich auch, dass es für nahezu alle denkbaren Angebote effektiv zum Einsatz gebracht werden kann: egal ob für einzelne Produkte, Produktgruppen, ganze Marken oder etwa Dienstleistungen. Werbetreibenden stehen hier alle möglichen Wege offen. Zugleich belegt ein Blick auf YouTube, dass Videos eben nicht nur von den großen Konzernen der Branche genutzt werden, sondern dass sich Unternehmen unterschiedlichster Größe auf dem Videoportal präsentieren können: Neben namhaften Unternehmen wie Ebay und Amazon, Otto, MediaMarkt oder Zalando setzen auch viele kleinere Anbieter auf die Potenziale, die ihnen YouTube bietet.

Beispiel: Das Dresdner Stempel-Unternehmen Cats on Appletrees zeigt in kurzen Video-Sequenzen bei YouTube, was Kreative mit den Stempeln alles vollbringen können – angefangen bei selbstgemachten Geburtstagskarten bis hin zur freien Gestaltung von Geschirr.

Exkurs: YouTube lockt mit großer Reichweite

Welche Bedeutung Videos im Leben potenzieller Kunden grundlegend haben, verdeutlichte YouTube im September 2019 auf dem YouTube-Festivals in Berlin. Dort gab das Unternehmen an die Besucher das sogenannte „Playbook“ aus, in dem nicht nur interessante Einblicke zum aktuellen Stand der Dinge zu finden sind, sondern auch ein Blick in die Zukunft geworfen wird: Demnach prophezeit YouTube für 2021, dass ganze 82 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Internet aus Videos bestehen werden. Allein die Reichweite von YouTube könnte für viele Unternehmen bereits das ausschlaggebende Kriterium sein, sich mit Produkt- und Werbevideos zu beschäftigen: Monatlich registriert das Streaming-Portal satte zwei Milliarden angemeldete (!) Nutzer. Und von den nicht angemeldeten Usern ist hier noch gar nicht die Rede.

Auch die Zahlen für den hiesigen Markt unterstreichen die Relevanz von Bewegtbildern: Eine Forsa-Studie, die SevenOne Media im Rahmen des ViewTime Reports 2018 veröffentlicht hat, offenbart, dass im dritten Quartal 2018 mehr als drei Viertel (76,7 Prozent) aller Befragten in Deutschland zwischen 14 und 69 Jahren YouTube „mindestens selten“ nutzten. Das heißt grob gesagt: Drei von vier Deutschen in dieser Altersklasse greifen mehr oder weniger regelmäßig auf das Videoportal zu – eine beeindruckende Reichweite.

Zudem gilt YouTube als die zweitgrößte Suchmaschine im Internet – dementsprechend werden viele Branchenexperten nicht müde, die Relevanz und das Potenzial von YouTube für Unternehmen zu betonen.

Videos mit guten Rankings in der Google-Suche

Schaut man sich konkret den Bereich Produktvideos an, belegen Studien, dass sich Kunden vor einem Kauf gern auch mittels Videos näher über Wunschprodukte informieren: So hat das Preisvergleichsportal Idealo 2018 bei einer Umfrage unter 523 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren herausfinden können, dass sich fast jeder Zweite (45 Prozent) „häufig“ oder „gelegentlich“ im Vorfeld einer Kaufentscheidung YouTube-Videos mit Personen anschaut, die Produkte näher beschreiben, erklären oder testen. Zählt man jene Befragten hinzu, die sich vor dem Kauf „selten“ via Video informieren, liegt die Zahl bereits bei satten 65 Prozent.

  statista id801496 umfrage nutzung youtube videos kaufentscheidungen

Auch Alexander Homeyer, Geschäftsführer des Videospezialisten Youngcom GmbH, verweist auf die wachsende Bedeutung des Formats gerade im Bereich der Suchmaschinenoptimierung: „Das Online-Nutzerverhalten hat sich in den letzten Jahren deutlich in vielen Bereichen zugunsten Bewegtbildinhalten geändert. Zum Beispiel hat Google in der mobilen Suche deutlich mehr Platz für Videos eingeräumt.“

Google MobileSuche Screenshot StreifenfreiMalern

In der Praxis kann dies für Händler ungeahnte Traffic-Schübe mit sich bringen: Sucht man bei Google beispielsweise mobil nach „streifenfrei malern“, blendet die Suchmaschine als Erstes einen Video-Slot ein, in dem sich verschiedene Unternehmen aus der Branche dem Thema widmen – darunter die Baumarktkette Hornbach sowie die Farbhersteller Alpina und Adler. Auch in anderen Fälle, in denen User nach Tipps für den Alltag suchen, lassen sich solche Videoanzeigen finden. In der mobilen Suche werden beispielsweise unter dem Schlagwort „Räder wechseln“ ganz oben drei Anzeigen eingeblendet. Gleich darunter listet Google eine Reihe von Videos auf, unter anderem von KFZTeile24 oder dem ADAC. 

Diese Beispiele belegen, dass Google dem Bewegtbild zum Teil eine größere Bedeutung beimisst als den reinen Textbeiträgen. Hinzu kommt der Aspekt, dass der Suchmaschinenriese neben den Links zu den Videos entsprechende Thumbnails – also verkleinerte Versionen der Bilder (oder in diesem Fall der Video-Vorschaubilder) – einblendet. Durch solche Bilder werden die Suchenden noch stärker animiert, auf die Videos zu klicken.

Erklären, erzählen, begeistern – Ziele und Potenziale

Bevor man sich als Unternehmen jedoch in die Produktion von Videos stürtzt, sollten entsprechende Projekte gut durchdacht werden. Denn wie jede Marketing-Maßnahme bedarf es auch hier einer konkreten Strategie. 

Grundsätzlich gilt: Jedes Video, das Unternehmen produzieren, dient im Endeffekt auch als Werbeinstrument und zwar ganz egal, welcher Fokus gewählt wurde: ob es sich dabei nun tatsächlich um ein emotionales Werbevideo, ein informatives Produktvideo oder aber ein problemlösendes How-To-Video handelt. In allen Fällen tritt der Anbieter als kompetenter Branchen-Player und Experte in seinem Fach auf und kann dadurch die Kunden überzeugen. Mögliche Effekte sind vielfältig, zum Beispiel: 

  • Steigerung der Reichweite / Erhöhung der Bekanntheit

  • Bindung von Bestandskunden

  • Gewinnung von Neukunden

  • Senkung der Retourenquote

  • Verbesserung der Conversion-Rate

  • Verbesserung des Images

  • Wecken des Kundeninteresses

  • Auslösen von Kaufimpulsen

  • Entlastung des Kundenservices

  • und und und ...

Unternehmen sollten allerdings unbedingt im Auge behalten, welche konkreten Ziele mit einem bestimmten Video verfolgt werden sollen. Denn ein Video, in dem ein Produkt ausführlich in allen Details erklärt, die Handhabe aufgezeigt und GLEICHZEITIG eine Geschichte erzählt und eine emotionale Bindung zum Kunden aufgebaut wird, ist nicht nur ein Ding der Unmöglichkeit, sondern dürfte dann doch am Ziel vorbeischießen. Der Fokus ist demnach entscheidend.

Neben dem eigentlichen Ziel ist auch die Zielgruppe ein grundlegender Aspekt, der über die Art, den Aufbau und auch die Länge des Videos sowie das Dargestellte und die Darstellungsmethode, die Zuschaueransprache etc. mitentscheidet. Kriterien, die eine Zielgruppe prägen, wie etwa Alter, Einkommen, soziale Stellung bzw. soziales Umfeld oder auch der Bildungsstand, können von grundlegender Bedeutung sein. Daher sollten Unternehmen nie außer Acht lassen, wer primär mit einem Video angesprochen werden soll.

Ein weiterer Basis-Tipp, auf den Alexander Homeyer verweist, betrifft zugleich die Machart, Atmosphäre und Qualität der produzierten Clips: „Die Videos müssen lebendig, interessant und ansprechend produziert sein. Bei langweiligen und zu langen Spots wird schnell weggeklickt“, weiß der Experte. 

Welche Formate grundsätzlich für Online-Händler interessant wären, wird im Folgenden aufgezeigt: 

Das klassische Werbevideo – Mit Emotionen Kunden binden

In einem klassischen Werbevideo geht es nicht darum, einzelne Produkte bis ins Detail zu erklären, sondern die Bekanntheit eines Produkts oder einer Marke zu erhöhen und zugleich Verkäufe anzuregen. Werbespots sind zumeist kürzere Filme, in denen die wichtigsten Vorteile und auch das Alleinstellungsmerkmal von Produkten oder einer Marke herausgehoben werden. Den Kunden muss innerhalb weniger Sekunden klar sein, warum sie sich gerade für das beworbene Produkt bzw. die Marke entscheiden und nicht etwa zur Konkurrenz gehen sollten. Es darf quasi kein Zweifel an der Relevanz und Bedeutung des Produkts bleiben.

Eines der wichtigsten Kriterien von Werbevideos sind daher auch Emotionen: Unternehmen sind darauf erpicht, mit ihren Werbevideos Emotionen bei den Zuschauern hervorzurufen und sie dadurch auch emotional an sich zu binden. Verkauft wird also nicht nur das Produkt selbst, sondern ein Gefühl, das mit diesem Produkt hervorgerufen wird. Einprägsame Slogans oder Jingles verankern idealerweise die Spots und Gefühle dann noch tiefer in den Köpfen der Zuschauer. Je nach Produkt und Zielgruppe können Werbevideos aber auch mehr oder weniger stark mit der Kategorie der Erklärvideos verschmelzen.

Exkurs: Geschichten binden

Moderne Werbung greift nicht selten auf das sogenannte Storytelling – also das Geschichtenerzählen – zurück. Das hat auch seinen Grund, denn das Erzählen von Geschichten ist seit jeher eng mit Emotionen verbunden und gerade die emotionalen Komponenten sind es, die die Kunden binden. Größtes Ziel von Unternehmen ist es dabei, Figuren oder Handlungen darzustellen, die beim Zuschauer selbst Gefühle und Stimmungen auslösen, indem sie die dargestellten Situationen nachvollziehen können. Eine Steigerung stellen jene Fälle dar, in denen sich die Zuschauer gar mit den gezeigten Figuren identifizieren, wodurch eine noch engere emotionale Bindung an das Produkt, die Marke oder das Unternehmen selbst entstehen kann.

Ein herausragendes Beispiel für emotionale Werbung ist der Weihnachtsspot von Edeka aus dem Jahr 2015. In dem Video wird ein älterer Herr dargestellt, der allein an einem großen Tisch sitzt, in der Ecke ein Weihnachtsbaum. Allein ist er deshalb, weil ihm seine Kinder über den Anrufbeantworter mitteilen, dass sie es dieses Jahr zum Familienfest leider nicht schaffen. Kurz darauf rücken die erwachsenen Kinder in kurzen Szenen selbst in den Blick: Sie erfahren vom Tod ihres Vaters. In der nächsten Szene kommen alle Kinder inklusive Enkel zusammen, um zu trauern – und erleben eine Überraschung: Im Esszimmer des Vaters wartet der Senior selbst und mit ihm zusammen ein reich gedeckter Tisch. „Wie hätte ich euch denn sonst alle zusammenbringen sollen?“, fragt er. Beim anschließenden Festessen sind alle glücklich, genießen das Zusammensein und lachen ausgelassen.

Man darf an dieser Stelle nicht unterschlagen, dass die Werbekampagne die Gemüter der Zuschauer durchaus spaltete und dass es User gab, die dem Clip Effekthascherei vorwarfen. Am Erfolg des Videos hat dieser Vorwurf allerdings nicht genagt: Zwischen Ende November und Ende Dezember 2015 sammelte das Video satte 43 Millionen Aufrufe bei YouTube. Heute zählt es bereits mehr als 63 Millionen. Doch egal, wie man selbst zu dem „Heimkommen“-Video von Edeka steht: Die Geschichte hat Millionen berührt und sich zugleich tief in die Köpfe der Zuschauer gebrannt. Aus Sicht von Edeka handelt es sich also um einen Mega-Erfolg, der eben genau auf dem Erzählen einer Geschichte und der Weckung von Emotionen beruht.

Produktvideos – Hier wird das Produkt rundum beleuchtet  

In der Regel setzen Unternehmen in ihren Online-Shops hauptsächlich auf hochwertige Produktfotos. Doch gerade für Produkte mit umfangreichen Funktionen oder diffizilen Anwendungsmöglichkeiten können sich Produktvideos lohnen. In diesen können Hersteller und Händler die Ware von allen Seiten präsentieren, Anwendungsgebiete erläutern und somit entweder Interesse wecken oder Kaufimpulse setzen. Solche Videos sprechen nicht nur Kunden an, die mit einem gekauften Produkt noch Schwierigkeiten haben. Wie bereits eingangs erwähnt wurde, informieren sich auch viele Kunden bereits vor einem Kauf darüber, ob ein potenzielles Produkt für sie infrage kommt oder nicht. Die Vermittlung von Emotionen oder das Erzählen von Geschichten spielt bei dieser Videoform so gut wie keine Rolle. Sachlichkeit ist hier zumeist das Maß der Dinge. 

Ein Beispiel: Viele Produkte des Erotikanbieters Eis.de dürften gerade bei unerfahreneren Kunden Fragen aufwerfen. Daher setzt das Unternehmen auf Produktvideos, in denen beispielsweise die Funktionen inklusive Materialien und Anwendungsgebiete seiner angebotenen Sextoys erklärt werden. Auch im Bereich von Haushaltsgeräten, Unterhaltungselektronik, Küchenutensilien oder Spielzeugen sind entsprechende Videos häufig vertreten.

„Man kennt es ja selber: Wenn man sich ein erklärungsbedürftiges Produkt kaufen will, dann schaut man sich vorher ein Video an“, weiß Alexander Homeyer von Youngcom. Doch nicht nur reine Produktvideos seien an dieser Stelle für die Kunden interessant. Der Experte verweist in diesem Rahmen jedoch auch auf veraltete Denkmuster hinter solchen Clips: „Die meisten Produktvideos auf YouTube und in den Shops sind noch viel zu werblich. Z. B. mit unnatürlichen (und damit unglaubwürdigen Models). Hier wird noch in alten Mustern gedacht! Kaum jemand möchte mehr klassische Werbung sehen. Auch in Shops machen Hochglanz-Spots wenig Sinn und sind für viele Produkte auch zu teuer. Gefragt sind klare und einfache Informationen zum Produkt und seinen Vorteilen.“

Erklärvideos / Anwendungsvideos / How-To-Videos

Über die reine Produktdarstellung hinaus und tiefer in die Materie hinein gehen Anwendungs- bzw. How-to-Videos. In ihnen können Händler und Hersteller die Produkte während der Anwendung zeigen und dabei auch noch auf die letzten Vorzüge und detaillierte Einsatzmöglichkeiten des Produkts eingehen – der Grad an Emotionalität kann hier durchaus schwanken. Grundsätzlich sind solche Clips aber tendenziell verbindlicher bzw. emotionaler als die reinen Produktvideos. Selbst Kunden, die das Produkt eigentlich schon kennen, können hierbei unter Umständen noch etwas lernen, da nicht selten auch bekannte Fragestellungen aus der Praxis aufgegriffen und ausgeräumt werden. 

Die Aspekte, die hierbei angesprochen werden können, sind zahlreich: Material und Aufbau, Einsatzgebiete und Besonderheiten, Kombinationsmöglichkeiten oder die Hintergrundgeschichte des Produkts können hierbei angerissen werden. Besonders interessant sind unter Umständen auch Wechselwirkungen mit anderen Produkten. Als typische Anwendungsvideos wären beispielsweise Videos zu nennen, in denen Reparaturarbeiten mit Produkten durchgeführt, mit Küchengeräten gekocht oder aber mit Sportgeräten Fitness-Übungen vorgeführt werden.

In diesem Video von QVC Deutschland zeigt Gesundheitsexpertin Barbara Klein verschiedene Übungen, die mit der angebotenen Faszienrolle durchgeführt werden können. (Screenshot QVC-Video auf YouTube)

Auch das Team hinter dem Kinderlautsprecher Toniebox setzt auf YouTube-Videos, in denen unter anderem die Installation der Toniebox oder auch der Umgang mit den Kreativ-Tonies erklärt wird. „Wir erhalten sehr viel positive Rückmeldung zu unseren Erklärfilmen. Sowohl die Inhalte, als auch die nahbare Form kommen bei unseren Kunden gut an. Der Aufwand lohnt sich also auf jeden Fall – zumal wir ein Konzept entwickelt haben, was sich mit überschaubaren Mitteln realisieren lässt“, resümiert Sven Vaders, Director Product Management & Marketing, im Interview. „Ebenfalls sehr gute Erfahrungen haben wir mit unserem Video-Format ,Tonie-Lab‘ gemacht. Dort vermitteln wir Ideen und Inspiration für die Nutzung unserer Kreativ-Tonies auf unterhaltsame Art und Weise. Pro Folge erreichen wir damit regelmäßig weit über 50.000 Zuschauer.“

Unboxing – Auspacken und freuen

Sogenannte Unboxing-Videos, die eben bereits angesprochen wurden, werden üblicherweise eigentlich von Verbrauchern durchgeführt: Sie kaufen Produkte, ein Set oder oder eine Abo-Box und packen das Paket dann im Rahmen eines Videos aus. Dabei spielt das sprichwörtliche „Gesamtpaket“ eine übergeordnete Rolle, denn zumeist wird nicht nur ein Blick auf die eigentlichen Produkte geworfen, sondern schon das Verpackungsmaterial, die Verpackungsqualität und der erste Gesamteindruck bewertet.

Es kommt allerdings durchaus vor, dass auch Händler gewisse Sets oder Abo-Pakete selbst in Videos präsentieren, um den Kunden zu zeigen, worauf sich diese einstellen können. Zu nennen wäre hier unter anderem der Beauty-Anbieter Glossybox, der regelmäßig entsprechende Videos bereitstellt. Dabei gibt es natürlich auch die Möglichkeit, dass Unternehmen für Unboxing-Videos auf die Hilfe von Influencern zurückgreifen. Wichtig hierbei ist allerdings, dass die rechtlichen Vorgaben zur Werbekennzeichnung eingehalten werden, sonst droht Ärger. 

Ein Blick hinter den Kulissen

Ein gutes Produkt allein reicht heutzutage oft nicht aus, um erfolgreiche Geschäfte zu machen. Ein Aspekt, der nicht unterschätzt werden darf, ist beispielsweise die Nähe zum Kunden. Wenn sich ein Unternehmen nahbar und zugänglich gibt, ist es für Verbraucher häufig leichter, eine Bindung aufzubauen. Nicht umsonst haben viele Firmen auf ihrer Website auch „Über uns“-Bereiche, in denen sie über ihre Geschichte und ihren Werdegang, ihr Team oder ihre Philosophie berichten. Auch Videos können dabei helfen, sich offener zu präsentieren und den Kunden einen Blick hinter die Kulissen und damit ins Herzstück des Unternehmens zu geben.

Ein sehr eindrückliches Beispiel hierfür liefert der Streaming-Kanal RocketBeans: Jede Woche erreichen das Team aus der Gaming-Szene zahlreiche Fragen via Twitter, Chat, Reddit oder sonstigen Plattformen. Diese Fragen werden dann von RocketBeans gesammelt und in einem eigenen Format – „Behind The Beans“ – beantwortet. Dazu tourt ein Mitarbeiter mit Mikrofon bewaffnet durch die Geschäftsräume des Hamburger Unternehmens und interviewt jene Kollegen, an die die Fragen gerichtet waren. Dadurch erhalten die Fans selbst die Möglichkeit, Fragen loszuwerden und tiefere Einblicke in die Welt hinter RocketBeans zu erhalten, was auch die persönliche Bindung deutlich fördern dürfte.

Noch ein paar letzte Hinweise & Tipps

Die Kostenfrage

Wer meint, Produkt- oder How-To-Videos sind nur etwas für kapitalstarke Unternehmen, die jede Menge Mitarbeiter und Ressourcen aufwenden können, der irrt, weiß auch Alexander Homeyer: „Diese [Kosten] können durchaus in einem sehr überschaubaren Rahmen bleiben, da hier eben keine Hochglanz-Werbevideos gewünscht werden, sondern authentisch produzierte Produktvideos von und mit echten Usern oder Experten. Diese Art von Videos lässt sich insbesondere in Serie recht günstig produzieren.“

Gerade auch mit Blick auf den Mehrwert für die Kunden, die daraus resultierende Kundenzufriedenheit sowie die besseren Chancen im Google-Ranking können sich die Ausgaben entsprechend lohnen.

Verlinkungen nicht vergessen

Eine Funktion, die sich Unternehmen nicht entgehen lassen sollten, sind Verlinkungen in den Videos. Dies kann sich beispielsweise bei kombinierbaren Produkten oder weiterführenden Inhalten lohnen. Auch auf andere (Produkt-) Videos kann am Ende verwiesen werden, was den Zuschauern ebenfalls einen Mehrwert bieten kann. 

Keinesfalls vergessen sollten Unternehmen darüber hinaus auch die Links zu den Produktseiten oder auf die Website – diese gehören dringend in die Beschreibungstexte bei YouTube. Stoßen potenzielle Kunden nämlich nicht im Online-Shop selbst auf das Video, sondern erreichen dieses über YouTube, können sie sich von dort aus direkt in den Shop führen lassen.

Interaktionen forcieren

Eine gern genutzte Strategie in der Branche ist es, die Zuschauer zu Aktionen bzw. Reaktionen aufzufordern: „Wenn euch das Video gefallen hat, lasst gern ein Like da“ oder „Schreibt eure Fragen gern in die Kommentare“ – dies sind Aufforderungen, die sich durchaus lohnen können. Natürlich passen sie nicht in jedes Video, doch je nach Ziel, Art und Intention eines Clips sollten Unternehmen genau überlegen, welche Kundenansprache womöglich sinnvoll wäre.

Auto-Start ausschalten

Wenn Sie Ihre produzierten Videos in Ihren Online-Shop bzw. auf Ihre Website integrieren, sollten Sie darauf achten, dass der Auto-Start ausgeschaltet ist. Viele User sind erfahrungsgemäß schnell genervt, wenn sie beim Stöbern plötzlich mit einem selbst startenden Video genervt werden, ohne dass sie sich explizit dazu entschlossen haben, sich dieses anzuschauen.

Vorschaubild

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die User dazu inspirieren, auf ein Video zu klicken. Nehmen Sie sich daher die Zeit und wählen Sie ein geeignetes und ansprechendes Vorschaubild für Ihr Video aus.

Vergessen Sie nicht die sozialen Kanäle

Einer der großen Vorteile von Videos ist: Sie lassen sich hervorragend über soziale Netzwerke teilen und verbreiten. Gerade mit Blick auf Facebook oder Twitter können Unternehmen hierdurch noch einmal Traffic generieren und Kaufimpulse geben.

Länger ist nicht besser

Ein Hinweis, den Alexander Homeyer Unternehmen noch gibt, ist: „lieber kurz und knapp“ als ausführlich und langweilig. „Zum einen haben die wenigsten User, gerade wenn sie mobil unterwegs sind, die Zeit (und Lust) sich ein Erklärvideo über fünf bis zehn Minuten anzuschauen. Auf der anderen Seite ist es besser, viele kurze Videos zu den einzelnen Produktfragen (FAQs) mit unterschiedlichen Suchbegriffen für eine bessere Suchmaschinenoptimierung zu erstellen. Auch in den Web-Shops sind lange Videos nicht von Vorteil.“

Testen Sie sich aus

Nicht jedes Video muss ein Volltreffer werden. Gerade zu Beginn ist es für Händler schwierig, herauszufinden, was die Kunden bzw.. Zuschauer im Rahmen von Videos wünschen. Daher gilt: Testen Sie verschiedene Dinge aus. Achten Sie auf die Reaktionen der Zuschauer in den Kommentaren und berücksichtigen Sie die Anmerkungen beim nächsten Mal.

Über den Autor

Tina Plewinski Experte für Amazon

Bereits Anfang 2013 verschlug es Tina eher zufällig in die Redaktion von OnlinehändlerNews und damit auch in die Welt des Online-Handels. Ein besonderes Faible hat sie nicht nur für Kaffee und Literatur, sondern auch für Amazon – egal ob neue Services, spannende Technologien oder kuriose Patente: Alles, was mit dem US-Riesen zu tun hat, lässt ihr Herz höherschlagen. Nicht umsonst zeigt sie sich als Redakteurin vom Dienst für den Amazon Watchblog verantwortlich.

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