Interview mit Edon-COO Sarah Liebetanz

Nachhaltiger Online-Shop ohne Greenwashing – wie Händler einfach loslegen

Veröffentlicht: 09.11.2021 | Geschrieben von: Hanna Behn | Letzte Aktualisierung: 09.11.2021
Person, die einen Laptop mit grünen Blättern von oben verwendet

Nachhaltige Maßnahmen, um Umwelt- und Klimaschutz zu fördern, sind für Unternehmen längst nicht mehr nur ein „nice to have“ – mittlerweile ändern sich die Verbraucherwartungen verstärkt dahingehend, dass mehr Wert auf einen positiven ökologischen Fußabdruck beim Shopping gelegt wird. Zahlreiche große E-Commerce-Unternehmen setzen sich unter anderem aus diesem Grund ehrgeizige Klimaziele, etablieren aber auch gezielt Prozesse, um hier einen Wandel herbeizuführen. Otto beispielsweise gestaltet Lieferungen CO2-neutral, Zalando setzt auf nachhaltige Verpackungen, Ikea veranstaltet unter diesem Motto ein Anti-Shopping-Event zum Black Friday.

Dennoch stellt sich gerade für viele kleinere und mittlere Unternehmen im E-Commerce die Frage, ob und wie sie überhaupt grüner werden können, ohne vielleicht gleich derart umfangreiche und kostenintensive Umstrukturierungen vorzunehmen. Mit Sarah Liebetanz,COO der Firma Edon, die Nachhaltigkeitslösungen für Online-Shops entwickelt haben, sprachen wir über den Wandel von Bedürfnissen, deren Auswirkungen auf den Umsatz und Methoden, wie sich Firmen für das Thema Nachhaltigkeit engagieren können – mit einfachen Mitteln und möglichst ohne dies als bloße PR-Maßnahmen abzutun. 

Nachhaltigkeitsgedanke beeinflusst bereits die Hälfte der Online-Kundschaft beim Kauf

OnlinehändlerNews: Wie haben sich die Kundenbedürfnisse beim Online-Shopping in Bezug auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz zuletzt entwickelt?

Sarah Liebetanz: Die Kundenbedürfnisse in Bezug auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz, als auch die Einstellungen der Kund:innen zu diesen Themen haben sich in den letzten Jahren stark verändert und die Themen verzeichnen einen rapiden Interessenzuwachs. Viele Kund:innen haben realisiert, dass ihre Kaufentscheidungen Auswirkungen auf die Ausrichtung des Unternehmens haben und sie diese mit beeinflussen können. 

Laut aktuellen Studien gibt jede:r zweite Verbraucher:in an, zur Förderung von Nachhaltigkeit die eigenen Kaufentscheidungen und das eigene Konsumverhalten geändert oder angepasst zu haben. Viele Kund:innen kaufen heute bewusster ein und sind kritischer in ihrem Konsum. So achten beispielsweise mehr Kund:innen auf Zertifikate und Kennzeichnungen, die einen nachhaltigen und transparenten Umgang des Unternehmens mit den eigenen Produkten oder dem eigenen Unternehmen nachweisen. 

Wie bewertet ihr im Gegenzug das Angebot vieler Shops in diesem Bereich?

Auch das Angebot von Shops in diesem Bereich wächst stetig. Immer mehr Unternehmen und Shops setzen sich mit den Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz auseinander bzw. realisieren, dass sie da auch nicht drum herumkommen, wenn sie langfristig am Markt bestehen bleiben wollen. 

Während noch vor einiger Zeit hauptsächlich exklusive Shops wie Avocadostore, Armedangels etc. auf Nachhaltigkeit fokussiert waren, etablieren immer mehr Unternehmen Nachhaltigkeitsengagement im eigenen Unternehmen. 

Welche Auswirkungen hat ein verändertes Konsumbewusstsein beim Thema Nachhaltigkeit auf Umsätze oder Conversions in Online-Shops?

Kund:innen sind bereit, einen Aufpreis in Höhe von 5 Prozent auf den Produktpreis zu zahlen, wenn es sich um umweltfreundliche Produkte handelt. Daraus ergibt sich eine positive Bilanz für den Umsatz. 

Umfragen zufolge stellen mehr als die Hälfte der deutschen, börsennotierten Unternehmen einen positiven Zusammenhang zwischen dem Engagement im Bereich Nachhaltigkeit, Umwelt und Klimaschutz und dem Wert des Unternehmens her. Demnach zu schließen ist, dass bei einer höheren Performance im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich ebenfalls mit einer Zunahme des Marktwertes des Unternehmens gerechnet wird. 

Nachhaltigkeitsengagement und Geschäftlichkeit schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern können und müssen gemeinsam gedacht werden, da Kund:innen ihre Ansprüche und Anforderungen an Unternehmen geändert haben.

Mit dem Klimaschutz einfach loslegen

Mit welchen Mitteln können E-Commerce-Unternehmen Nachhaltigkeitsthemen und Umweltbewusstsein in ihr Geschäft integrieren? Und in welchem Verhältnis stehen dabei Aufwand und Nutzen? 

E-Commerce-Unternehmen können Nachhaltigkeitsthemen und -engagement auf sehr unterschiedliche Weise im Unternehmen integrieren. So kann z. B. über unsere Tools relativ simpel mit dem Engagement in Form einer Aufrunden-Kampagne begonnen werden. Das Unternehmen unterstützt gemeinsam mit den Kund:innen soziale und/oder ökologische Projekte, mit denen sich das Unternehmen identifiziert. 

Etwas komplexer wird es dann, wenn z. B. einzelne Produkte bilanziert werden sollen. Langfristig sollte mit einem professionellen Partner eine ganzheitliche Strategie für das Unternehmen aufgesetzt werden, wie Unternehmensstrukturen, Lieferketten und Produkte auch nachhaltig positiv verändert werden können. 

Ihr bietet also selbst Lösungen an, um grüne Services in Shops zu integrieren? Wie funktioniert das? 

Wir möchten mit unseren Tools Online-Shops die Möglichkeit geben, mit dem Nachhaltigkeitsengagement und Klimaschutz einfach loszulegen, und zwar schon heute. Gleichzeitig wollen wir den Unternehmen die Möglichkeit geben, ihr Nachhaltigkeitsengagement an ihre Unternehmenswerte anzupassen und ihre Kund:innen mit einzubeziehen. 

Hierfür bieten wir zwei Tools an. Mit FairGeben können Online-Shops wie erwähnt ihren Kund:innen die Möglichkeit geben, beim Einkaufen für ein soziales oder ökologisches Projekt aufzurunden – hier findet ein individuelles Projektmatching statt mit einem Projekt, dass mindestens eines der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen unterstützt. Mit GiveGreen können Online-Shops gemeinsam mit ihren Kund:innen Bäume pflanzen oder z. B. den CO2-Fußabdruck von einzelnen Produkten berechnen, den dann die Kund:innen oder das Unternehmen beim Einkauf ausgleichen. 

Und wie verhält es sich mit der Überprüfbarkeit der Maßnahmen?

Bei der Umsetzung unserer Tools arbeiten wir nur mit Projekten zusammen, die nachhaltig transparent wirtschaften und/oder zertifiziert sind. Schon jetzt sind Projektinfos über unsere Webseite und/oder über die Webseiten unserer Partner jederzeit zugänglich. Zusätzlich arbeiten wir gerade an einem Transparenz-Check, den die teilnehmenden Projekte regelmäßig machen und bestehen müssen, um auch hier die Projekte regelmäßig zu prüfen und wichtige Infos transparent offenzulegen. 

Weiterhin werden unsere Tools und Maßnahmen im Rahmen von verschiedenen Key Performance Indicators (KPIs) überprüft, die wir regelmäßig dokumentieren. So können wir jederzeit nachvollziehen, wie sich beispielsweise die Spendenhöhe, die Conversion Rate, die Durchschnittsspende etc. verändern. 

Unternehmen sollten nicht im Stillstand verharren

Viele Konsumierende schauen beim Thema Nachhaltigkeit genauer hin. Wie können Online-Shops denn grundsätzlich authentisch ihr Engagement und ihre Maßnahmen in dem Bereich kommunizieren, ohne dass es lediglich als Marketing-Maßnahme oder gar Greenwashing aufgenommen wird? 

Ein erster Schritt, um Greenwashing vorzubeugen, ist meiner Meinung nach, sich darüber bewusst zu werden, dass es sich bei der Etablierung von Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen um ein großes Projekt handelt, das viele Facetten beinhaltet. Ein Produkt oder die Lieferketten nachhaltiger zu gestalten braucht Zeit. Nachhaltigkeit ist Schritt für Schritt umzusetzen und bedingt, dass langfristig Unternehmensstrukturen nachhaltig positiv verändert werden. 

Zunächst sollte man sich genau überlegen, welche Ressourcen dafür im eigenen Unternehmen benötigt werden – reicht eine Person oder sollte vielleicht ein Team aufgebaut werden? Weiterhin fehlt Unternehmer:innen in der Regel Expertise, welche Maßnahmen umgesetzt werden können/sollten. Hier sollte überlegt werden, wie Expertise gewonnen werden kann – so beispielsweise über die Zusammenarbeit mit einer Klimaschutzsagentur. 

In der Kommunikation mit den Kund:innen ist es insbesondere wichtig, transparent zu bleiben und das Engagement sowie mögliche Herausforderungen oder Ziele offen an die Kund:innen zu kommunizieren. 

Welche gesellschaftsrelevanten Themen sollten Online-Firmen eurer Meinung nach ebenfalls auf dem Schirm behalten und mit konkreten Maßnahmen begleiten, um Erwartungen ihrer Kundschaft zu erfüllen?  

Ich denke, dass Nachhaltigkeit hier das Trendthema ist, dass Online-Firmen unbedingt auf dem Schirm behalten und sich danach ausrichten müssen. Ansonsten ist es schwer, hier eine allgemeingültige Aussage zu treffen. Die gesellschaftsrelevanten Themen, die Online-Firmen auf dem Schirm haben sollten, können je nach Unternehmen und Branche ganz unterschiedlich sein und variieren.

Ich denke, das Wichtigste ist, dass Unternehmer:innen immer wieder neu die Werte ihres Unternehmens, als auch die Werte ihrer Kund:innen hinterfragen und ermitteln und ihre Unternehmen immer wieder neu nach diesen Werten ausrichten, nicht im Stillstand bleiben und dadurch immer wieder auch neue Identifikationsmöglichkeiten zwischen den Unternehmenswerten und den Werten der Kund:innen zu schaffen.

Über die Autorin

Hanna Behn
Hanna Behn Expertin für: Usability

Hanna fand Anfang 2019 ins Team der OnlinehändlerNews. Sie war mehrere Jahre journalistisch im Bereich Versicherungen unterwegs, dann entdeckte sie als Redakteurin für Ratgeber- und Produkttexte die E-Commerce-Branche für sich. Als Design-Liebhaberin und Germanistin hat sie nutzerfreundlich gestaltete Online-Shops mit gutem Content besonders gern.

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