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Kommentar: Wer steht denn noch zu seinem Wort?

Veröffentlicht: 27.06.2017 | Autor: Michael Pohlgeers | Letzte Aktualisierung: 27.06.2017

WhatsApp führt eine „Ups, das war gar nicht so gemeint“-Funktion ein. Denkt überhaupt noch jemand darüber nach, was er fix in ein Eingabefeld schleudert, bevor er es abschickt?

WhatsApp

© Kaspars Grinvalds – Shutterstock.com

Aufatmen für alle schwer verliebten Teenager, die noch nicht so genau wissen, wohin mit ihren Gefühlen! Wem bei WhatsApp beim lockeren Chat mit seinem Schwarm plötzlich das (liebes-, schlaf-, oder alkohol-)trunkene „Weißt du was, ich liebe dich!“ herausrutscht, hat künftig eine Reißleine. Nachdem man den auf eine solche Aktion folgenden Herzinfarkt verarbeitet hat, kann man die Nachricht nämlich zurückrufen. WhatsApp plant laut t3n.de nämlich eine solche Funktion, die dem Nutzer fünf Minuten nach Senden einer Nachricht diese Möglichkeit bietet.

Es gibt sicherlich Programme, bei denen eine solche Funktion praktisch, notwendig oder auch wünschenswert ist: Die Rückrufaktion in E-Mail-Programmen vermeidet zum Beispiel den ein oder anderen beruflichen Fauxpas (Schonmal die falsche Anrede für einen Geschäftspartner verwendet?). In sozialen Medien ist mindestens die „Bearbeiten“-Funktion sinnvoll, um Tippfehler in Beiträgen zu korrigieren. Im WhatsApp-Chat, der in der Regel ja zwischen Familie und guten Freunden abläuft, wirkt diese Funktion aber zumindest für mich merkwürdig – und ja, auch ich habe schon Nachrichten gesendet, die ich im Nachhinein lieber doch vermieden hätte.

Keine Reflektion und Besonnenheit

Trotzdem bringt mich diese Funktion auf eine Frage, die mir in den letzten Jahren immer wieder in den Sinn gekommen ist: Denken Menschen überhaupt noch darüber nach, was sie schreiben, bevor sie es abschicken? Es geht dabei nicht nur um Nachrichten wie bei WhatsApp. Wenn man so manche Bewertung im Netz liest, bekommt man schon den Eindruck, dass so mancher noch mitten im Wutausbruch steckt und sich den Ärger gerade ungefiltert von der Seele schreibt. Das gilt im Übrigen sowohl für Kunden als auch für Händler, die auf (unfreundliche) Kundenkommentare gereizt reagieren. Reflektion und Besonnenheit vermisst man da hin und wieder – was nicht bedeuten soll, dass jeder Ärger und jede Beschwerde ungerechtfertigt ist. Man sollte halt einfach nicht im Affekt reagieren, sondern hin und wieder kurz durchatmen und sich erst einmal beruhigen.

Craig Ferguson, seines Zeichens Comedian und ehemaliger Host der Late Late Show hat das Phänomen einmal in seiner Stand-Up-Show behandelt und sehr treffend beschrieben: „Die Menschen sind nicht fieser geworden, die Technologie ist einfach schneller, viel schneller! Da hat man eine verrückte Idee, einen verrückten, wütenden Gedanken und denkt sich: ‚Ich habe einen verrückten, wütenden Gedanken!’ und tick-tick-tick-boom – Jetzt ist er draußen. Und man hat keine Zeit, durchzuatmen, sich selbst zu hinterfragen und sich selbst die drei Fragen zu fragen, die man sich immer fragen sollte, bevor man etwas sagt: Muss das wirklich gesagt werden? Muss das wirklich von mir gesagt werden? Muss das wirklich von mir jetzt gesagt werden? Ich hab drei verdammte Ehen gebraucht, um das zu lernen!“

 

In diesem Sinne: Wenn Sie das nächste Mal die Wut in sich hochschäumen spüren, atmen Sie erstmal tief durch, gehen vielleicht eine Runde spazieren und betrachten Sie die Situation später mit kühlem Kopf. Dann brauchen Sie auch keine Rückrufaktion – vor allem nicht bei WhatsApp.

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