Fehlende Transparenz bei Temu – Nur wer Händler kennt, kann Rechte einfordern

Veröffentlicht: 28.06.2024
imgAktualisierung: 01.07.2024
Geschrieben von: Tina Plewinski
Lesezeit: ca. 6 Min.
28.06.2024
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ca. 6 Min.
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Logo der Shopping-Plattform Temu
© rafapress / Depositphotos.com
Dem Online-Marktplatz Temu wird immer wieder auch fehlende Transparenz vorgeworfen. Warum die aber so wichtig ist, zeigt nicht nur eine Studie, sondern erklärt auch die Wettbewerbszentrale.


Dieser Artikel ist Teil unserer Marktplatz-Themenreihe: Diese beleuchtet in verschiedenen Beiträgen nicht nur wichtige Zahlen und Fakten rund um Ebay, Temu und Co., sondern liefert Händlerinnen und Händlern auch rechtliche Hintergrundinformationen rund um Vertriebsbeschränkungen, Abmahnfallen und Zahlungsprobleme. Außerdem finden sich neben informativen Überblicksartikeln auch verschiedene Tipps für den Handel auf Marktplätzen.
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Eine breite und tiefe Produktpalette, standardisierte Prozesse und Transaktionen – digitale Marktplätze bringen für Verbraucherinnen und Verbraucher zahlreiche Vorteile mit sich. Aus Unternehmersicht überzeugen die Plattformen hingegen zumeist mit großen Reichweitenpotenzialen, mannigfaltigen Werbemöglichkeiten oder auch Service- und Fulfillment-Optionen.

Dass der Marktplatzhandel dennoch seine Tücken birgt, wissen Branchenkenner zur Genüge. Insbesondere die E-Commerce-Plattform Temu, die ihre Wurzeln in China hat, musste sich in den vergangenen Monaten vorwerfen lassen, illegale Geschäftspraktiken zu betreiben. Neben mangelnder Qualität von Produkten, manipulativen Designs, fehlenden Informationen zu Bewertungen oder irreführenden Behauptungen zur Nachhaltigkeit wurde dem Unternehmen auch fehlende Transparenz vorgeworfen.

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Transparenz als komplexes Streitthema

Weil sich „Transparenz“ manchmal nur schwer ein- oder abgrenzen lässt und von verschiedenen Personen durchaus unterschiedlich wahrgenommen werden kann, ist Transparenz in der Praxis immer wieder ein Streitthema. Ihre Bedeutung für den Handel kann dennoch nicht hoch genug eingestuft werden – weshalb sie beispielsweise auch in verschiedenen rechtlichen Handelsbereichen fest verankert ist und Unternehmen verschiedene Pflichten auferlegt werden.

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Viele Kunden wissen zu wenig über Marktplätze und Marktplatz-Händler

Wie wichtig Transparenz gerade auch aus Kundensicht ist, zeigt eine aktuelle Studie, die frappante Mängel offenlegt: Demnach hat „die Mehrheit der befragten Verbraucherinnen und Verbraucher kein klares Verständnis von der Verantwortungsteilung zwischen Online-Marktplätzen und Dritthändlern“, schrieb das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) im Januar über eine Studie. Die zugrundeliegende Befragung hatte das Institut für Verbraucherpolitik ConPolicy im Auftrag des DIN-Verbraucherrats zuvor online durchgeführt.

Nicht einmal die Hälfte der Befragten konnte richtige Aussagen über die Aufgaben von Online-Marktplätzen und Dritthändlern treffen. Nur jeder Vierte (26 Prozent) wusste, dass Marktplatz-Seller bei einem Kauf zum Vertragspartner der Kundinnen und Kunden werden. Deutlich wird also, dass es bei der Transparenz und Informationslage auf Marktplätzen noch viel Luft nach oben gibt. Eine klare Kommunikation und Aufklärung der Kundinnen und Kunden über die Aufgaben und Verantwortungsteilung im Segment des Marktplatz-Handels ist also unabdingbar. 

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Mangelnde Transparenz kann den Wettbewerb verzerren

Zu einer solchen gezielten Aufklärung gehört beispielsweise auch, dass Besucherinnen und Besucher umfangreiche Informationen über die Unternehmen erhalten, bei denen sie Produkte auf einem Marktplatz kaufen. Speziell auf diesen Aspekt verwies auch die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs. Der Verband hatte erst kürzlich Klage gegen den Temu-Betreiber Whaleco Technology Limited am Oberlandesgericht Frankfurt am Main eingereicht und darin unter anderem Verstöße gegen Transparenzpflichten und fehlende Händler-Infos kritisiert.

Welche Auswirkungen solche Transparenzmängel nicht nur für Kundinnen und Kunden, sondern auch für Wettbewerber und den Markt haben, verdeutlichte die Wettbewerbszentrale nun nochmals in einem Interview mit OnlinehändlerNews:

OnlinehändlerNews: Obwohl Expert:innen immer wieder Missstände auf dem Online-Marktplatz kritisieren, ist die Anziehung von Temu auf Kundinnen und Kunden immens. Wie erklären Sie sich das?

Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs: Die angebotenen Artikel sind oft besonders günstig. Daher erscheint ein Kauf auf den ersten Blick möglicherweise risikofrei.

Die Wettbewerbszentrale wirft Temu unter anderem Verstöße gegen Transparenzpflichten vor. Welche Rolle spielen solche Pflichten in der Branche? Oder anders gefragt: Wie beeinträchtigen die festgestellten Transparenzmängel die Entscheidungsfähigkeit und Rechtssicherheit der Verbraucher:innen beim Online-Einkauf?

Diese Pflichten sind sehr wichtig. Widerrufsrechte oder Mängelrechte gibt es nur gegenüber dem Verkäufer. Wenn man ihn nicht kennt, kann man seine Rechte nicht einfordern. 

Und es macht natürlich auch einen immensen Unterschied, ob der Verkäufer in China, der EU oder Deutschland sitzt. Denn gegenüber einem chinesischen Verkäufer wird es schwierig bis unmöglich, gerichtlich seine Rechte zu verfolgen. Daher muss die Kundschaft nach unserer Meinung immer erkennen können, woran sie ist.

Im Zuge fehlender Angaben soll Temu auch gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb verstoßen. Inwieweit sehen Sie den freien Wettbewerb durch die Online-Plattform gefährdet?

Transparenzpflichten gelten für alle Plattformen. Wenn einzelne Plattformen die Pflichten nicht einhalten, haben sie deswegen einen unlauteren Wettbewerbsvorteil. Das halten wir für problematisch.

Nach Kritik und rechtlichen Schritten hatte Temu grundsätzlich Besserung. Sehen Sie selbst schon Besserungen bzw. positive Entwicklungen vonseiten des Marktplatzes?

Positiv ist, dass wir mit Temu im Austausch sind. Wir werden sehen, was sich daraus ergibt. Jedenfalls möchten wir solche Plattformen weiter im Blick haben. Dabei hilft es uns, wenn wir Informationen über konkrete Probleme aus der Wirtschaft erhalten.

Vielen Dank für das Interview!

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Textfassung wurde die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs als Behörde bezeichnet. Sie wird allerdings als Verband eingestuft, der als Selbstkontrollinstitution der deutschen Wirtschaft agiert und zudem im Vereinsregister eingetragen ist. Wir haben die Begrifflichkeit entsprechend angepasst.

Dieser Artikel ist Teil unserer Themenreihe Marktplätze. Eine Übersicht über die wichtigsten Plattformen, Erfahrungsberichte und weitere Artikel zu verschiedenen Marktplatzthemen findet ihr auf unserem Themen-Hub zur Reihe! >> Zur Themenreihe Marktplätze

Artikelbild: http://www.depositphotos.com

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Tina Plewinski

Tina Plewinski

Expert/in für: Amazon

Veröffentlicht: 28.06.2024
img Letzte Aktualisierung: 01.07.2024
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