Sexismus & Diskriminierung

Frauenrechtsorganisation vergibt schlechte Noten an soziale Netzwerke

Veröffentlicht: 15.11.2021 | Geschrieben von: Ricarda Eichler | Letzte Aktualisierung: 15.11.2021
Frauenrechte

Die amerikanische Frauenrechtsorganisation Ultraviolet veröffentlichte aktuell eine Studie zum Thema Sexismus in sozialen Medien. Die getesteten Plattformen schnitten dabei durch die Bank weg unterirdisch ab. Reddit, welches der Organisation zufolge einst eines der führenden Netzwerke für radikale, rassistische und misogyne Gruppierungen war, schnitt dabei erstaunlicherweise noch am besten ab. Ultraviolet wendete sich schließlich mit einem offenen Brief an die Plattformbetreiber und schlägt darin Anpassungen der Regularien vor.

Ein Armutszeugnis für die Plattformen

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Institute for Stratetic Dialogue (ISD) verfasst und analysierte die führenden sozialen Netzwerke anhand deren Richtlinien sowie anhand aktuell vorliegender Medienberichte. Nach mehrwöchiger, eingängiger Prüfung der Richtlinien, auch im Vergleich zu von Ultraviolet vorgeschlagenen Standards, wurde schließlich eine Art Zeugnis erstellt, welches Noten nach dem amerikanischen System vergibt („A“ entspricht der bestmöglichen Note, „F“ der schlechtesten).

Bewertete Kriterien waren beispielsweise das Vorhandensein eines durch Menschen betriebenen Support-Systems, der Umgang mit medizinischen Fehlinformationen, die Möglichkeiten, fehlerhafte oder diskriminierende Inhalte zu melden und zu entfernen, oder auch, ob in den jeweiligen Richtlinien hinreichend auf die verschiedenen Formen von Diskriminierung eingegangen wird. Die vollständigen Bewertungen findet man in der veröffentlichten Repord Card.

Die Endnoten der Netzwerke lauten wie folgt:

  • Facebook: D-
  • Instagram: F
  • Twitter: C-
  • YouTube: D
  • TikTok: D+
  • Reddit: C

Medizinische Fehlinformationen werden nur selektiert verbannt

Einige Plattformen, wie Twitter und YouTube, haben mittlerweile eine implementierte Möglichkeit, um Fehlinformationen zum Thema Corona sowie zu Impfungen zu melden und löschen. Ultraviolet kreidet hierbei an, dass dieses System auch auf andere medizinische Themen angewandt werden sollte, darunter insbesondere Essstörungen, Schwangerschaft sowie Schwangerschaftsabbrüche.

Speziell auf TikTok wimmelt es laut Studie nur so vor Gesundheitstipps mit teilweise verheerenden Fehlinformationen, welche sich dennoch rasant verbreiten würden. Aufgrund der jungen Zielgruppe sollte hier unbedingt eine stärkere Kontrolle eingeführt werden. Ein positives Gegenbeispiel stellt Twitter dar, welches mit anerkannten Nachrichtenagenturen wie AP und Reuters kooperiert, um Fehlinformationen vorzubeugen. Um zum reflektierten Umgang mit Neuigkeiten anzuregen, weist beispielsweise ein Pop-up-Fenster darauf hin, Artikel vor dem Teilen zunächst zu lesen, anstatt lediglich auf Informationen aus einer Überschrift zurückzugreifen. 

Opferschutz und Hilfeleistungen halten sich in Grenzen

Ein weiterer Aspekt der Analyse war, wer fragwürdige Inhalte melden kann. Auch hier taten sich Twitter und Reddit vergleichsweise positiv hervor, hingegen schnitten Facebook und Instagram am schlechtesten ab. Auf den beiden Meta-Plattformen können diskriminierende Inhalte nur vom Opfer selbst gemeldet werden, was diese letztlich zusätzlich belastet. Andere Plattformen lassen dagegen auch außenstehende Mitglieder Inhalte melden.

Nach der Meldung von sexuellen, transfeindlichen oder rassistischen Belästigungen oder in Fällen von Cyberstalking werden Nutzer bei fast allen Netzwerken von einem Chatbot vertröstet oder die Anfrage verschwindet in einem langwierigen Ticketsystem. Lediglich Reddit bietet hier einen direkten, mit Menschen besetzten, Helpdesk. Über eine Partnerschaft mit der Organisation „Crisis Text Line“ wird Opfern in den USA außerdem die Möglichkeit geboten, psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen. 

Frauen und queere Menschen am stärksten betroffen

Wie Bridget Todd, Kommunikationschefin von Ultraviolet, in der offiziellen Ankündigung zur Studie zusammenfasst, treffen die Auswirkungen der Mängel in erster Linie Frauen, Women of Color und People of Color im Allgemeinen, Menschen des LBGTQA+-Spektrums (Lesbisch, Bisexuell, Schwul, Transgender, Queer, Asexuell und weitere). 

„Wir haben dieses Zeugnis sowie eine Liste mit Anforderungen an Richtlinien veröffentlicht, nachdem wir die Richtlinien der Social-Media Plattformen über einen längeren Zeitraum genau analysiert haben. Es ist deutlicher denn je, dass Netzwerke wie Facebook ihre Mitglieder absichtlich gefährden, indem sie ihre Algorithmen auf eine Weise manipulieren, die Suchtverhalten steigert, junge Frauen und Mädchen ausnutzt und Belästigungen gegenüber schwarzen und indigenen Menschen, Women of Color, Menschen des LBGTQ+ Spektrums, Immigranten, religiösen Minderheiten und weiteren systematisch unterdrückten Gruppierungen toleriert“, kommentiert Todd.

In dem öffentlichen Schreiben, welches sich an die Vorstände von Facebook, Google, TikTok, Twitter, Reddit und YouTube richtet, werden dabei 5 zentrale Forderungen formuliert. Die Unternehmen sollen folglich daran arbeiten, dass ihre Richtlinien sich konkreter zum Schutz vor Belästigung äußern, und diese Richtlinien dann auch strikt durchsetzen. Eine klare Definition von Hassrede sollte gesetzt werden. Die Verbreitung von Fehlinformationen soll stärker unterbunden werden. Opfern von Belästigung sollen Hilfsangebote geboten werden. Und schließlich sollten die Firmen auch ihre generelle Unternehmenskultur hinterfragen und überarbeiten, um Mitarbeiter zu qualifizieren und sensibilisieren. 

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