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Interview mit Benjamin Heisch, CEO von AppYourself

„Bei Progressive Web Apps zögert Apple massiv bei der Umsetzung“

Veröffentlicht: 19.03.2019 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 19.03.2019
Mann mit Smartphone

Progressive Web Apps (PWA) sind immersiv, schnell und auch offline nutzbar – und sie werden von Google stark vorangetrieben. Ein Zukunftsszenario, in dem PWAs wichtiger sind als Apps und mobile Webseiten – deren Vorteile sie vereinen sollen – ist nicht sehr weit hergeholt. Im Interview spricht Benjamin Heisch, CEO von AppYourself über den Trend – darüber, warum sein Unternehmen auf PWAs setzt, warum die mobilen Seiten wichtiger werden und warum auch Apple sich dem Trend nicht ewig entziehen kann.

OnlinehändlerNews: Warum spezialisiert sich AppYourself auf PWAs?

Benjamin Heisch, CEO von AppYourself: In den letzten acht Jahren haben wir über 10.000 Apps für die verschiedensten Kunden in den App Stores veröffentlicht. Wir glauben heute, dass einige dieser Apps als Web App erfolgreicher gewesen wären. Oftmals ist der Erfolg der Apps daran gescheitert, dass die Vermarktung über den App Store besondere Herausforderungen mit sich bringt.

In vielen Fällen wäre eine Vermarktung per Web App erfolgversprechender gewesen. Zusätzlich bieten die Browser und damit die Web-Technologien heute schon ausreichende Möglichkeiten, Web Apps mit typischen nativen Features zu versehen. So bieten wir alle Funktionen von AppYourself gleichermaßen für PWAs und native Apps an – natürlich von ein bis zwei technischen Einschränkungen bei iOS abgesehen.

Benjamin Heisch, CEO von AppYourself

In PWA.bar sammeln Sie ausgewählte PWAs. Wie wählen Sie diese aus? Warum haben Sie das Verzeichnis gestartet?

PWA-Entwickler können sich bei uns melden und nachdem wir die PWA auf fundamentale Charakteristika wie eine Manifest-Datei und die Nutzung der Service Worker geprüft haben, nehmen wir sie in das Verzeichnis auf. Entwickler können uns via Facebook und E-Mail kontaktieren, um deren PWA der PWA.bar hinzuzufügen. Das Verzeichnis haben wir gestartet, um vorrangig in Deutschland auf Progressive Web Apps aufmerksam zu machen. Mit unserer langjährigen Erfahrung in der App-Branche möchten wir dazu beitragen, fundierte Informationen bezüglich dieser technologischen Entwicklung weiterzutragen. PWAs wie Twitter, Trivago oder Forbes haben bereits gezeigt, wie erfolgversprechend die Implementierung einer Progressive Web App ist. Darüber möchten wir Interessierte, unsere Kunden und deren Nutzer stets auf dem Laufenden halten und dazu motivieren, möglicherweise in eine eigene PWA zu investieren.

Welche Vorteile sehen Sie im Vergleich zu Apps einerseits und im Vergleich zu klassischen responsiven Webseiten andererseits?

Die Vorteile von PWAs gegenüber native Apps sind:

  • Keine komplizierte und aufwändige Einreichung in die App Stores
  • Sofortige Verfügbarkeit und einfache Wartung
  • indexierbar durch Google und damit auffindbar im Web 
  • Keine Kosten für die Erstellung von Developer Accounts von Apple und Google

Die Vorteile von PWAs gegenüber Responsive Websites sind:

  • Responsive Websites adressieren meist hauptsächlich einen Desktop-Nutzer und zeigen die gleichen Inhalte einem mobile Nutzer
  • mobile Nutzer haben oftmals andere Beweggründe für den Besuch einer Web-Präsenz
  • PWAs bringen das erfolgreiche Konzept von Apps in das Web

PWAs sind im Vergleich zu nativen Apps schneller auffindbar. Nutzer müssen nicht erst in einem App Store suchen, herunterladen und installieren. Sie lassen sich sofort vom Nutzer aufrufen und verwenden. Zudem sind sie immer up to date und benötigen keine manuellen Updates, die den Nutzer von der Verwendung der Progressive Web App abhalten.

Responsive Websites passen sich zwar an das Display des Endgeräts des Nutzers an, um alle Inhalte entsprechend darzustellen – ob Desktop, Smartphone oder Tablet. Sie sind jedoch nicht wie PWAs progressive, was mit fortschreitender Verbesserung übersetzt werden kann. PWAs holen somit immer das beste aus dem genutzten Browser des Endgeräts heraus, um Inhalte optimal und schnell darzustellen.

Welche Gründe gibt es denn noch für klassische Apps? Immerhin ist oder war das ja mal das Kerngeschäft Ihres Unternehmens.

Es ist auch heute noch unser Kerngeschäft. Wir haben als App-Baukasten für iOS und Android begonnen, um auch kleinen und mittleren Unternehmen die Möglichkeit zu bieten, eine eigene App zu erstellen. Diese einfach über unser System zu pflegen und jederzeit – wenn Bedarf besteht – zu aktualisieren. Mittlerweile haben auch wir uns weiterentwickelt und bieten die App-Erstellung (native App und PWA) als Teil unserer Business App mit diversen Funktionen wie Kundenmanagement, Messenger, Smart Widget und Marketing Automation an.

Natürlich bevorzugen einige unserer Kunden die klassische App aus dem Apple AppStore oder Google Play Store. Zum einen, weil viele unserer Kunden und deren App-Nutzer nicht wissen, was eine PWA ist und zum anderen weil Apple den vollen Funktionsumfang einer Progressive Web App nicht unterstützt. Ein weiterer Punkt, der für eine klassische App spricht, ist die Monetarisierung. Eine native App kann über den App Store vertrieben werden – eine PWA hingegen nicht. Falls das Unternehmen Features wie Geofencing oder Location Based Services, Support von Beacons oder NFC verwenden möchte, wird dies auch zukünftig nur mit nativen Apps umsetzbar sein.

Was ist eigentlich bei Apple los? Vor einem Jahr verbot das Unternehmen Template-Apps (Richtlinie 4.2.6), erlaubte sie dann wieder halbherzig und geht auch das Thema PWA aktuell mit sehr angezogener Handbremse an. Was hat Apple gegen PWAs? Fürchtet der traditionell eher verschlossene Konzern zu viel Fremdeinfluss?

Apple hat seine Richtlinien bezüglich der Einreichung von Apps immens verschärft, womit weltweit alle App Template Plattformen zu kämpfen hatten. Nach lauten Protesten war es möglich – unter Einhaltung von geänderten Vorgaben – Apps über Baukasten-Systeme wieder einzureichen. Bei Progressive Web Apps zögert Apple massiv bei der Umsetzung. Es gab in den letzten iOS-Versionen kleinere Anpassungen zugunsten einer besseren Unterstützung, aber die wichtigsten Funktionen sind bisher nicht umgesetzt.

Sicherlich ist das Interesse seitens Apple nicht sehr groß, mit einer umfangreichen Unterstützung in iOS den PWAs zum Durchbruch zu verhelfen. Ich glaube jedoch, dass sich Apple gegen diese technische Evolution nicht wehren kann. Die Zeiten von „There is an app for“ sind vorbei – es werden nach und nach immer mehr Apps in das Web zurück wandern. 

Welche Praxis-Tipps geben Sie Online-Händlern, die auf PWAs setzen wollen? Ist das Format wirklich jedem zu empfehlen?

Generell sind PWAs – bis auf wenige Ausnahmen – jedem zu empfehlen. PWAs werden, im Gegensatz zu nativen Apps, von Suchmaschinen erfasst und in den Suchergebnissen gelistet – was für Online-Händler selbstverständlich von großer Bedeutung ist, da sie ihre Produkte in ihrem Webshop anbieten. Progressive Web Apps haben zudem den Vorteil, dass keine weiteren finanziellen Aufwände für App-Store- und Pflegekosten anfallen. Die Kunden der Online-Händler müssen nicht erst den Weg in einen App Store gehen und den langwierigen Prozess des Suchens, Herunterladens und der Installation mitmachen. Die PWA hingegen kann direkt im mobilen Browser genutzt werden – auch bei einer weniger gut ausgebauten Internetverbindung. Sie bietet die Möglichkeit, Kunden direkt per Push-Nachricht über Angebote und Aktionen zu informieren. Einziger Wermutstropfen: das Versenden von Push-Nachrichten unter iOS ist momentan noch nicht möglich. Dies könnte ein Problem darstellen für diejenigen Unternehmen, die darauf angewiesen sind.

PWAs zeigen insbesondere im Bereich des E-Commerce große Erfolge. Unternehmen wie z.B. Flipkart, AliExpress oder Lancôme konnten mithilfe ihrer PWAs sowohl eine Steigerung bei ihren Conversions als auch einen Anstieg in der Nutzungsdauer feststellen:

Flipkart

  • 70 Prozent höhere Conversion durch User erzielt, die über den Add to Homescreen Button die PWA installiert und anschließend verwendet haben
  • Nutzer verbringen dreimal mehr Zeit in der PWA als auf der vorherigen mobilen Website

AliExpress

  • erhöhte Conversion von 104 Prozent über alle Browser hinweg
  • Nutzer verbringen pro Session mehr Zeit in der PWA. Hier konnte eine Steigerung von durchschnittlich 74 Prozent erzielt werden

Lancôme

  • Conversion konnte um 17 Prozent erhöht werden
  • 53 Prozent mehr Sessions auf iOS Geräten wurden verzeichnet

Viele weitere Beispiele aus diversen Branchen zeigen wir in der PWA.bar. 

Wann werden PWAs wichtiger sein als Apps?

Progressive Web Apps sind jetzt schon wichtig und nehmen eine bedeutende Rolle neben nativen Apps ein. Schließlich werden sie von den großen Tech-Giganten Google und Microsoft immer stärker in den Fokus gerückt. Wie schon erwähnt, scheint auch Apple nun begriffen zu haben, dass PWAs nicht zu vernachlässigen sind und öffnet sich dieser Technologie. Web-Standards – auf denen PWAs beruhen – entwickeln sich stets weiter und bieten diverse Möglichkeiten für Entwickler, um Web Apps noch besser in das Betriebssystem zu integrieren. Daraus resultiert natürlich eine bessere User Experience und damit Benutzerfreundlichkeit.

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