Katastrophen-Warnung

Hätten Warn-SMS Leben retten können?

Veröffentlicht: 20.07.2021 | Geschrieben von: Ricarda Eichler | Letzte Aktualisierung: 20.07.2021
Funkmasten

Neben TV- und Radio-Durchsagen gibt es in Deutschland Wetterwarn-Apps wie NINA oder Katwarn. Doch wer diese nicht auf dem Handy hat oder den Fernseher zur rechten Zeit einschaltet, bemerkt ein drohendes Unwetter vielleicht erst, wenn es bereits zu spät ist. Angesichts der aktuellen Hochwasser-Katastrophe verweisen Golem und der Deutschlandfunk auf die über Cell-Broadcast möglichen Warn-SMS, welche der Rest der Welt bereits großflächig nutzt. Hinkt Deutschland mal wieder hinterher?  

Warnsysteme in Deutschland

Einige erinnern sich vielleicht noch an den Warntag im letzten Jahr. Das war der Tag, an dem es entgegen aller Erwartungen weitestgehend still blieb. Die aktuelle Katastrophenlage in Deutschland lässt das Thema nun wieder hochkochen. 

Das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zur Verfügung gestellte System MoWaS (Modulares Warnsystem) verteilt Meldungen im Ernstfall. „Es dient zur Warnung der Bevölkerung für Zivil­schutzzwecke. Vorläufer war das satellitengestützte Warnsystem (Sat­WaS). Dieses konnte bundesweit einzelne Meldungen zeitgleich an alle angeschlossenen Rundfunkan­stalten und Medienhäuser übertragen. Mit MoWaS können heute über unterschiedliche Übertragungswege und Multiplikatoren verschiedene Warn­mittel und damit die Bevölkerung direkt erreicht werden“ erklärte Sicherheitsexperte Carsten Hoffmann gegenüber e*Message.

Doch was, wenn man die Apps nicht hat und ein ausgefallenes Stromnetz TV und Radio lahmlegt? Gerade dann zählt jede Minute, um die Bevölkerung über eine etwaige Evakuierung zu informieren. Während die Grünen fordern, dass es wieder flächendeckend Warnsirenen geben sollte, verweist der Deutschlandfunk auf die Möglichkeit, Warn-SMS über Cell-Broadcast einzurichten. Damit sei es möglich, nahezu jedes aktive Mobilfunkgerät per SMS zu erreichen. 

Cell-Broadcast wird kaum genutzt

Das System Cell-Broadcast gibt es seit über 20 Jahren und es funktioniert standardisiert für alle Mobilfunkgenerationen. Doch kein deutscher Anbieter hat das System aktiv im Programm. Während Rundfunkanbieter in die Verpflichtung zur Katastrophenwarnung genommen werden, scheint diese Verpflichtung bei Mobilfunkanbietern nicht zu greifen. Sebastian Grüner von Golem fordert, dass der Bund sich härter durchsetzen und die Beteiligung der Mobilfunkanbieter erzwingen solle. 

Auf Nachfrage bei den großen deutschen Mobilfunkbetreibern bestätigten Vodafone- sowie Telefónica-Sprecher gegenüber Golem, dass sie Cell-Broadcast nicht nutzen und seitens der Regierung hierzu auch bisher nicht kontaktiert wurden. Philipp Kornstädt von der Telekom brachte im Zuge der Anfrage seine Zweifel an dem System zum Ausdruck: „Beim aktuellen Katastrophenfall wurde die Infrastruktur so stark beschädigt, dass viele Netzkomponenten ausgefallen sind. Hier würde auch eine Funktion Cell-Broadcast nicht funktionieren.“

Die Lösung könnte ein Warnmittel-Mix sein

BBK-Präsident Armin Schuster plädiert letztlich auf einen Warnmittel-Mix. Sich nur aufs Digitale zu verlassen, würde bei Stromausfällen nicht reichen. „Und deswegen wollen wir auch die gute alte Sirene zurück haben“, sagte er im Deutschlandfunk-Interview. Auf die Frage, wie zuverlässig denn die Sirenenanlagen im Falle eines Stromausfalles funktionierten, geriet Schuster jedoch ins Schwimmen und gab zu: „Im Normalfall nicht“. 

Im Ernstfall ist der Mix jedoch wahrscheinlich die beste Lösung. Alle Warnsysteme weisen Schwächen auf, gerade wenn die Infrastruktur durch Unwetter beschädigt ist. Je mehr unterschiedliche Warnsysteme es also gibt, desto wahrscheinlicher wird es sein, dass die Warnungen ankommen und Leben gerettet werden können.

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