Teilen Teilen Kommentare Drucken
Kolumne

Rezo-Video: Die Politik will die Politikverdrossenheit zurück

Veröffentlicht: 31.05.2019 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 31.05.2019
Annegret Kramp-Karrenbauer

Ach, was war das schön bis vor ein paar Jahren. Die Jugend interessierte sich nicht für Politik, die Politik interessierte sich nicht für die Jugend. In friedlicher Koexistenz lebte man in wunderbarer Ignoranz aneinander vorbei. Stets vor Wahlen wiesen Politiker pflichtgemäß darauf hin, dass man auch die jungen Generationen wieder erreichen müsse und die Politikverdrossenheit eine Gefahr für die Demokratie sei. Spätestens im Jahr 2019 wird klar, dass Politikverdrossenheit kein Problem der Jugend ist – und das ist ein Problem für die ehemaligen Volksparteien.

Rezo ist ganz sicher nicht der Auslöser, wohl aber ein Symptom für den Vertrauensverlust von CDU und SPD bei Wählern unter 35. Die jüngeren Generationen sind längst politisierter als den herrschenden Parteien lieb sein kann. Junge Menschen haben sich in den vergangenen Monaten selbst mobilisiert. Sie sind gegen das umstrittene EU-Urheberrecht auf die Straße gegangen, sie gehen jeden Freitag für das Klima auf die Straße. Es waren nicht Politiker, die in verstaubten Debatten darauf hinwiesen, dass man die Jugend verliert. Es waren die Themen, die die jungen Leute bewegen. Schon nach dem Durchwinken der Urheberrechtsreform ging die Warnung an die CDU heraus: Das kurzsichtige Auftreten im „Neuland“ wird sich in den Wahlergebnissen niederschlagen.

Keine Augenhöhe

Damals variierten die Antworten irgendwo zwischen „Habt euch nicht so", „Ihr seid Bots" und „Geht lieber zur Schule". Die Quittung gab es nun tatsächlich zur Europawahl. Aus der man offenbar erneut nichts gelernt hat. Die Antwort von Annegret Kramp-Karrenbauer auf das Rezo-Video lautete verknappt „Regulierung" mit einem bitteren Unterton von „Ihr habt doch keine Ahnung". Es überrascht wohl maximal die derzeitige Bundesregierung, dass man damit keine Wahlerfolge einfährt.

Uploadfilter mögen nicht das Ende der Welt sein, ein blauhaariger YouTuber wird die U30-Generationen nicht zur Revolution gegen das Establishment bewegen und wenn die Klimakatastrophe irgendwann endlich bei CDU und SPD angekommen ist, werden wohl die Kinder auch freitags wieder zur Schule gehen. Aber es sind diese Themen, die die Wahlbevölkerung bewegen, es sind diese Mechanismen, die jungen Leuten zeigen, dass es wichtig ist, sich zu engagieren.

Damit muss man nicht einmal einverstanden sein, das kann man freilich gerne diskutieren. Dann muss man den Leuten aber auch auf Augenhöhe begegnen und nicht alle Sorgen mit arroganter Selbstüberschätzung abtun. Das ist nämlich zum einen ziemlich kindisch und würde in jedem Debattierklub abgewatscht. Das zeugt auch von einem in Schieflage geratenen Weltbild und enormer Kurzsichtigkeit. Nur so als Hinweis: Die meisten, die in den letzten Wochen den Freitag zum Kampftag für die Umwelt machten, durften diesmal noch gar nicht wählen. Ähnlich wie die Stammwählerschaft von CDU und SPD werden aber auch diese älter.

Newsletter
Abonnieren
Bleibe stets informiert mit unserem Newsletter.

Meistgelesene Artikel