Teilen Teilen Kommentare Drucken
Kolumne

Apple Pay: Kassierer sind keine Digitalminister

Veröffentlicht: 14.12.2018 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 14.12.2018
Mobile Payment an Supermarktkasse

Haha, lustig. Der hippe Mittzwanziger sagt an der Supermarkt-Kasse „Mit Karte bitte“ und freut sich die Hacken voll, weil die Kassiererin/der Kassierer verdutzt dreinschaut, weil man nur kurz sein Smartphone ans Terminal hält. Geht ja jetzt mit Apple Pay. Und auch mit Google Pay. Da kann man sich dann wahnsinnig groß vorkommen, weil die rückständigen alten Menschen ja gar nichts checken. Willkommen in Deutschland. #Facepalm. #Neuland.

Nun bin ich nicht der erste, der Deutschland beim Thema Digitalisierung kritisiert, der sich fragt, warum wir es nicht gebacken bekommen, halbwegs störungsfreies Mobilnetz anzubieten, wenn selbst Estland das schafft, und der sich genüsslich darüber aufregt, dass eine der fortschrittlichsten Wirtschaftsnationen der Welt im Technologiebereich links und rechts überholt wird. Aber, bitte, das Problem ist doch nicht die 55-jährige Kassiererin, die vom Sohnemann zum Smartphone genötigt wurde, sondern Politik und Unternehmen, die es verschlafen oder nicht für nötig befinden, die Menschen beim Fortschritt auch mitzunehmen. Und da sind eben nicht wir jungen, hippen Internetmenschen gemeint, sondern der Otto-Normal-Verbraucher, der Social Media, Streaming und Mobile Payment nicht mit der Muttermilch aufsaugt.

Fortschritt vorleben

Beim Thema Apple Pay darf sich die Sparkasse aktuell eine ganze Menge Hohn und Spott abholen, weil sie eben nicht dabei ist. Das ist auch vollkommen angebracht, weil sich niemand wundern muss, wenn die jungen Kunden junge, fortschrittliche Alternativen suchen. Umgekehrt aber haben es auch alle anderen handelnden Personen in Deutschland in den vergangenen Jahren verschlafen, den Wandel hin zum mobilen Bezahlen voran zu treiben. Apple musste sich dafür rechtfertigen, Apple Pay erst vier Jahre nach US-Start nach Deutschland gebracht zu haben. Aber ganz ehrlich? Hätte ich auch nicht früher gemacht, weil ich wahrscheinlich eine ganze Menge Geld verbrannt hätte.

Egal, ob es um Payment, um Elektro-Autos oder um 5G geht. In Gesprächen hört man immer das Gleiche: „In Deutschland dauert das alles immer ein bisschen länger.“ Wie soll es auch schneller gehen, wenn die Politik Fortschritt behindert, wenn Sparkassen lieber auf Insellösungen setzen und wenn ein „bewährtes System“ 2018 tatsächlich noch als Qualitätsmerkmal herhalten kann? Es ist nicht die Aufgabe von Kassierern, Burger-Verkäufern und Kiosk-Betreibern, Fortschritt vorzuleben, sondern die Aufgabe von Politik und Wirtschaft, Fortschritt als gesellschaftliche Normalität zu begreifen.

In den USA, in China oder in Japan kann ich in jeder Würstchenbude mit Kreditkarte zahlen. Aber nicht, weil alle Würstchenbuden-Besitzer First Mover sind, sondern weil das einfach ganz normal ist. Wäre es in Deutschland normal, müsste man sich nicht über die überforderte Supermarkt-Kassiererin lustig machen. Dass man das ohnehin nicht sollte, bedarf hoffentlich keiner Diskussion.

Newsletter
Abonnieren
Bleibe stets informiert mit unserem Newsletter.