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Interview zur Zukunft der Logistik mit Prof. Schocke

„Man müsste jeden Unternehmer schütteln und auf den Kopf stellen“

Veröffentlicht: 19.06.2019 | Autor: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 19.06.2019
Drohne und Lkw

Immer mehr Lieferfahrzeuge auf den Straßen, steigende Emissionen, neue disruptive Technologien – die Logistik-Branche muss mit vielen Herausforderungen kämpfen. Professor Kai-Oliver Schocke, Direktor des Zentrums für Logistik an der Frankfurt University of Applied Sciences, erklärt im Interview die gefährliche Lethargie der Spediteure, wo Drohnen fliegen werden und wie die Lieferung auf der letzten Meile in Zukunft aussehen könnte.

OnlinehaendlerNews: In einer aktuellen Bitkom-Studie zu Digitalisierung in der Logistik kam heraus, dass die Branche die Herausforderungen des Themas erkennt, aber kaum in Innovationen oder Weiterbildung investiert – wie erklären sie sich diese Trägheit?

Schocke: Ich glaube einerseits, dass viele Logistik-Unternehmen noch gar nicht wissen, was die Digitalisierung ihnen tatsächlich bringt. Auf der anderen Seite verharrt die gesamte Branche in dem gemeinsamen Status Quo. So lange sich da nichts bewegt, wird sich auch insgesamt nichts tun. Es besteht keine Notwendigkeit, sich zu ändern – nach dem Motto: ,Da gibt man nur Geld aus und das war's dann‘. Aber das stellt eine große Gefahr dar, denn es gibt viele StartUps, die Tools anbieten, die Prozessschritte vereinfachen oder komplett wegfallen lassen. Ein Beispiel: Die Funktion traditioneller Spediteure, die heute nur noch zum Teil über einen eigenen Fuhrpark verfügen und Subunternehmen managen, könnte künftig eine digitale Plattform übernehmen. Und wenn sich die Logistiker jetzt nicht bewegen, dann ist es irgendwann zu spät – dann braucht man den Spediteur nicht mehr.

OnlinehaendlerNews: Das ist ja schon fast ein Aufruf.

Schocke: Es gibt in der Branche eine große Bandbreite zwischen extrem innovativen Unternehmen, die digital voranschreiten, und der grauen Realität, die die allermeisten Unternehmen noch repräsentieren. Da fehlt mir langsam auch die Inspiration, wie es weitergehen kann. Im Prinzip müsste man jeden Unternehmer mal schütteln und auf den Kopf stellen – aber viele sind viel zu sehr im Hier und Jetzt verhaftet und denken viel zu wenig strategisch im Hinblick auf sich ändernde Abläufe in der Logistik.

Deutsche Spediteure müssen Zusatznutzen anbieten

OnlinehaendlerNews: Die Insolvenzen in der Branche haben schon leicht zugenommen, so eine Creditsafe-Studie. Wie bekommt man denn die Unternehmen dazu, sich aus der Verharrung zu lösen, bevor es zu spät ist?

Schocke: Der Aspekt der Insolvenzen könnte auch an dem Preiskampf mit den osteuropäischen Anbietern liegen. Man muss als deutscher Spediteur seinen Kunden einen Zusatznutzen anbieten, dann sind diese auch bereit, mehr zu zahlen. Im reinen Preiskampf um die Dienstleistung Lkw-Fahrt hat man als herkömmlicher Spediteur gegenüber osteuropäischen Anbietern massive Nachteile.

OnlinehaendlerNews: Eine Mehrheit der befragten Spediteure in der Studie glaubt, dass autonome Lkw in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle spielen werden. Wie weit sind wir davon noch entfernt? Viele Aspekte, wie die rechtliche Lage, sind ja noch gar nicht geklärt.

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Schocke: Hinsichtlich autonom fahrender Lkw wird es keine pauschale Lösung geben, einzelne Streckenprofile sind einfacher als andere. Im Stadtverkehr halte ich automes Fahren für extrem herausfordernd, auf der Autobahn wäre das eher möglich. Gerade Lkw sind ja dafür prädestiniert, weil sie eine gleichmäßige Geschwindigkeit haben und eher die rechte Spur benutzen, die besser überwacht werden kann, als wenn ein Auto mit 150 km/h dauernd die Spur wechselt.

In Darmstadt wurde gerade eine teilautonome Straßenbahn vorgestellt, dort sitzen noch Fahrer drin, die aufpassen. Aber bei einer Straßenbahn hat man das Problem der Wegfindung zum Beispiel schon mal ausgeräumt und nutzt die Sensoren, damit die Straßenbahn mit niemandem kollidiert. Die Bahn schwimmt auch teilweise im Straßenverkehr auf einer gemeinsam genutzten Fläche mit. Das könnte ein erster Schritt sein. Ein nächster Schritt könnten Lkw-Versuche auf der Autobahn sein – so könnte man sich sukzessive komplexeren Verkehrsszenarien nähern.

Wird der Verbraucher für höhere Logistik-Kosten zahlen?

OnlinehaendlerNews: Bleiben wir in der Stadt, die urbane Logistik ist ja ihr Spezialgebiet. Thema letzte Meile: Wie sieht da das Konzept der Zukunft aus?

Schocke: Auch auf der letzten Meile gibt es keine Lösung für alles. Wir unterscheiden in unseren Untersuchungen nach Wohn-, Industrie- und Mischgebieten im Stadtbereich. Für diese unterschiedlichen Stadtteiltypen muss es jeweils individuelle Auslieferstrategien geben, da die Verkehrsbedingungen jeweils anders sind. In Mischgebieten sind die Straßen häufig sehr eng, es gibt kaum Parkmöglichkeiten, viele Einbahnstraßen, so dass dort eher eine Belieferung per Lastenfahrrad oder Sackkarre vorteilhaft erscheint. Im Industriegebiet hingegen liegen die Empfänger oft kilometerweit auseinander und erhalten große Mengen an Paketen, dort macht ein Fahrrad keinen Sinn. Das Ziel muss immer sein, die Verkehre und auch die Emissionen zu reduzieren. Wenn man aber zum Beispiel einfach auf Elektrofahrzeuge umstellt, stehen diese trotzdem auf der Straße im Stau – man muss die Verkehre also von der Straße bekommen.

OnlinehaendlerNews: Stichwort Emission bzw. „grüne Logistik“ – wie wird sich der Aspekt Nachhaltigkeit weiter auf die Branche auswirken?

Schocke: Es ist völlig unstrittig, dass wir als Land und Welt die Emissionen reduzieren müssen, um den globalen Temperaturanstieg zu beschränken. Ich glaube, dass viele Logistiker auch alternative Antriebe nutzen könnten, aber solche Fahrzeuge kosten erheblich mehr – und wenn der Verbraucher nicht bereit ist, dafür zu bezahlen, sehen die Unternehmen im Wettbewerb keine Notwendigkeit, das umzustellen.

„Die Drohnen würden uns nur so um den Kopf schwirren“

OnlinehaendlerNews: Ein beliebtes Hype-Thema, auch in der Bitkom-Studie, sind Drohnen – da ist die Zukunft aber noch unklarer als beim autonomen Fahren, oder?

Schocke: Professionelle Anwendung gibt es ja schon vielfach. Der Vorteil einer Drohne: Die Lieferung eines leichten Pakets in Schuhkartongröße ist bei großen Entfernungen zwischen einzelnen Empfängern erheblich kostengünstiger und emissionsärmer als per Lkw. Außerdem können Transporte in unzugängliche Gebiete mit einer Drohne besser bewältigt werden. Es gibt Projekte der UN in Afrika oder auch in der Südsee, wo zum Beispiel Medikamente, Impfstoffe oder Blutkonserven geliefert wurden.

Im Innenstadtbereich von Städten sieht das anders aus: Da bräuchte man Tausende von Drohnen für alle Pakete, da würden uns die Drohnen uns nur so um den Kopf schwirren und damit steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann mal was passiert. Daher ist es im urbanen Bereich aus meiner Sicht kurz- und mittelfristig eher unwahrscheinlich.

OnlinehaendlerNews: Sie betreuen ja auch ein aktuelles Drohnen-Projekt – wie sieht da der Stand aus? Und an was forschen sie noch aktuell?

Schocke: Wir arbeiten gerade an einem Drohnenflug zwischen zwei Standorten eines Chemie-Unternmehmens. Da wollen wir – erstmalig in Deutschland im Dauerbetrieb – über öffentliches Gelände fliegen. Außerdem haben wir weitere Projekte, zum Beispiel in Frankfurt auch die Straßenbahn zu nutzen, um damit Pakete zu transportieren. Dieses Projekt wollen sowohl der Paketdienstleister Hermes als auch die Stadt und die Verkehrsbetriebe fortführen. Wir forschen auch an gemeinschaftlichen Depots in einem Stadtviertel, um so den Suchverkehr der Paketdienstleister zu vermeiden. Außerdem beschäftigen wir uns mit alternativen Flächen – also welche in der Stadt verfügbaren Flächen man auch für die Logistik nutzen könnte, wie z. B. auch Parkhäuser. Da ist noch eine erhebliche Menge an Standfläche verfügbar.

Onlinehaendler News: Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person: Prof. Dr. Schocke studierte Wirtschaftsingenieurswesen an der TU Darmstadt und war unter anderem 14 Jahre bei der Degussa AG (heute: Evonik Industries AG) in Leitungsfunktionen in Produktion, Logistik und Marketing tätig. Seit 2011 hat er an der Frankfurt University of Applied Sciences die Professur für Produktion und Logistik. Dort leitet er als geschäftsführender Direktor das Zentrum für Logistik, Mobilität und Nachhaltigkeit und forscht außerdem im House of Logistics and Mobility mit Schwerpunkten in Urbaner Logistik, Luftfracht sowie Digitalisierung. Er ist unter anderem Mitglied im Expertenkreis Urbane Logistik der BVL.

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