Interview mit Lhotse-Gründer Henning Hatje

So kann künstliche Intelligenz Händlern helfen, passende Lieferanten zu finden

Veröffentlicht: 07.12.2021 | Geschrieben von: Tina Plewinski | Letzte Aktualisierung: 06.12.2021
Digitales Netz: Künstliche Intelligenz hilft Händlern

Der Begriff „künstliche Intelligenz“ (KI) wird von manchen Menschen als sehr abstrakt wahrgenommen – als sei es ein Thema ohne relevanten Alltagsbezug. Doch dem ist längst nicht mehr so. Ganz im Gegenteil: KI ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie Unternehmen im Geschäftsalltag dabei helfen kann, neue Potenziale zu erschließen, Prozesse zu optimieren und dadurch unter Umständen sogar Geld zu sparen.

Ein Beispiel aus der Praxis bietet der Berliner Procurement-Spezialist Lhotse. Dieser hat sich mit seiner Plattform darauf spezialisiert, Unternehmen und Lieferanten miteinander zu verknüpfen: Die Grundlage hierfür bildet eine künstliche Intelligenz, die Unternehmen dabei hilft, die für sie relevantesten Angebote von Lieferanten zu finden. Somit soll sowohl für die Händler als auch für die Lieferanten ein größtmöglicher Mehrwert geschaffen werden. Wie genau der Einsatz der KI funktioniert und welche Wirkung die gerissenen Lieferketten durch die Pandemie auf die Beschaffungsbranche haben, hat uns Henning Hatje, Co-Gründer von Lhotse im Interview verraten.

Bei der B2B-Software hört der Spaß meist auf

OnlinehändlerNews: Gerade der Beschaffungs- und B2B-Sektor hat den Ruf, digital noch hinterherzuhinken. Ist dieser Ruf gerechtfertigt? Wenn ja, woran liegt das?

Henning Hatje: Absolut! Es ist teilweise wirklich schwer verständlich. Im Privaten sind wir mit intuitiven Apple-Apps und wahnsinnig guten Such- oder Einkaufserfahrungen à la Google und Booking.com bestens ausgestattet. Und sobald wir uns im Büro hinter B2B-Software setzen, hört der Spaß auf. 

Das hat mehrere Gründe. Viele der sich heute im Einsatz befindlichen Tools sind auf veralteten Prozessen aufgebaut – mit einer Infrastruktur und Datenmodellen, die heutzutage kein Tech-Unternehmen mehr nutzen würde. Zudem ist der Aufwand eines Wechsels von einem System zu einem anderen immens und nicht selten ein Prozess, der so lange dauert wie eine Steuerreform in Deutschland. Wir haben mit Unternehmen gesprochen, die eine bereits laufende Implementierung nach mehreren Jahren wieder abgebrochen haben. 

Lhotse bietet einen Online-Service für E-Procurement und setzt dabei auch künstliche Intelligenz ein. Wie funktioniert das genau? Für welche Anwendungsfälle werden die KI-Lösungen eingesetzt?

Wir setzen unsere KI an verschiedenen Punkten im Beschaffungsprozess ein. Am deutlichsten wird es in der Bedarfsdefinition sowie bei der Identifikation aller relevanten Lieferanten. 

Die Bedarfsdefinition ist heute ein zeitraubender Prozess, da der Lerneffekt von Anfrage zu Anfrage gering ist und den Anfragenden keine sinnvollen Vorschläge an die Hand gegeben werden. Hier setzt Lhotse an: Unsere Algorithmen machen historische Anfragen, ähnliche Produkte und Lieferanten-Fähigkeiten in der Bedarfsdefinition transparent. So erhält der Anfragende mit zunehmender Nutzung und Kalibrierung bessere Vorschläge, wie er oder sie das Produkt definieren sollte. 

So wird die Trefferwahrscheinlichkeit erhöht

Lhotse HenningHatje

Darüber hinaus ist unsere KI in der Lieferantenidentifikation sehr wertvoll. Wir verstehen, welche Kompetenzen und Leistungen Lieferanten anbieten können. Dafür haben wir eine proprietäre Lieferantendatenbank aufgebaut, die unsere Algorithmen mit Daten füttert und die wir stetig erweitern. Vor diesem Kontext können wir erhaltene Anfragen mit den Fähigkeiten der Lieferanten abgleichen und Vorschläge mit einer sehr hohen Trefferwahrscheinlichkeit machen. Davon profitieren sowohl Einkäufer als auch Lieferant, da wenig Anfragen ins Leere laufen.

Nach welchen Kriterien lassen sich die Lieferanten filtern? Gibt es ein Top-Kriterium, nach dem Händler Lieferanten suchen? Wie haben sich die Kriterien bei der Lieferantensuche zuletzt, etwa auch coronabedingt, verändert?

Der erste Filter stellt gewissermaßen eine Grundphilosophie unserer Kunden dar. Und zwar, ob nur bekannte Lieferanten angesprochen werden sollen oder Lhotse auch neue vorschlagen soll. Hier geht es entweder um Lieferantenkonsolidierung oder -diversifizierung. Beides ist möglich.

Zudem können Lieferanten anhand weiterer Attribute gefiltert werden, zum Beispiel Herkunft der Lieferanten, historisches Einkaufsvolumen oder ESG-Zertifizierungen. Im Kontext der Corona-Krise haben Kunden Lhotse gezielt zur automatischen Identifizierung neuer Lieferanten genutzt, um die Lieferantenbasis zu diversifizieren und somit schneller und effizienter auf Krisen reagieren zu können. Mit unserer umfassenden Datenbank und der intelligenten Lieferantensuche ist Lhotse das optimale Werkzeug, um solche Ziele auch kurzfristig zu realisieren.

Was müssen Händler genau tun, um den Service nutzen zu können? Ist er auch für kleinere Unternehmen gedacht?

Aus Händlersicht gibt es für Lhotse zwei Anwendungsmöglichkeiten: als Lieferant und als Besteller. Aus der Lieferantenperspektive sind bereits viele Händler in unserer Datenbank vertreten, da wir sie durch ihre Präsenz im Internet oder z. B. in Branchenverzeichnissen führen. Die Händler werden dann automatisch von Lhotse über neue Anfragen informiert.

Neue Lieferantenplattform in Planung

Wirklich spannend wird es in Q1/2022, wenn wir zusätzlich unsere Lieferantenplattform „live“ schalten. Dann haben Lieferanten und Händler auch die Möglichkeit, ihre Produktangebote, Zertifizierungen und weitere Informationen zu ergänzen und sich somit noch relevanter für mögliche Kunden zu machen.

Händler können Lhotse zudem für ihre eigene Beschaffung nutzen. Das geht in zwei Schritten: Wir starten mit einer kurzen Analyse-Phase, für welche Bedarfe Lhotse eingesetzt werden soll und welche Potenziale es gibt. Danach setzen wir innerhalb weniger Tage alle benötigten Accounts und Datensätze auf – und los geht’s. Natürlich werden alle Daten in der EU gehostet.

Lhotse ist auch für kleinere Unternehmen gedacht! Egal ob als Besteller oder als Lieferant bzw. Händler: Da Lhotse de-facto kein Training und keine Vor-Ort Implementierung benötigt, sind wir auch für kleinere Unternehmen gut nutzbar.

Aktuell ist die Lage im Beschaffungsbereich angespannt. Lieferketten sind gerissen oder beschädigt, Engpässe drücken auf Geschäfte und Prognosen. Wie hat sich diese Entwicklung auf die Beziehung zwischen Lieferanten und Händlern ausgewirkt? Wird es nachhaltige Konsequenzen für die Beziehungen haben?

Die aktuelle Lage wird sicher nachhaltige Konsequenzen auf Beziehungen zwischen Lieferanten und Händlern haben. Engpässe in Lieferketten verschärfen den Wettbewerb und machen es schwieriger, neue Lieferanten zu finden. Das ist auch unseren Kunden bewusst.

Lieferanten: Händler wollen Abhängigkeiten abbauen 

Wir haben beobachtet, dass Lhotse genutzt wurde, um die Lieferantenbasis zu diversifizieren und Abhängigkeiten abzubauen. Ebenso wird allen Partnern in der Lieferkette – ob Händler oder Lieferant – bewusst, wie groß die Abhängigkeit in Wahrheit ist, und dass starke Beziehungen wichtig sind. Insbesondere da eine Zeit wie diese oft ungeahnte (und vertraglich nicht zugesicherte) Flexibilität bzw. auch mal guten Willen erfordert. 

Uns ist sehr wichtig, dass Lhotse hilft, bestehende Partnerschaften zu pflegen und weiter auszubauen. Denn eine gesunde und partnerschaftliche Lieferantenbasis ist entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens.

Über die Autorin

Tina Plewinski
Tina Plewinski Expertin für: Amazon

Bereits Anfang 2013 verschlug es Tina eher zufällig in die Redaktion von OnlinehändlerNews und damit auch in die Welt des Online-Handels. Ein besonderes Faible hat sie nicht nur für Kaffee und Literatur, sondern auch für Amazon – egal ob neue Services, spannende Technologien oder kuriose Patente: Alles, was mit dem US-Riesen zu tun hat, lässt ihr Herz höherschlagen. Nicht umsonst zeigt sie sich als Redakteurin vom Dienst für den Amazon Watchblog verantwortlich.

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