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Interview

„Frankreich ist das Land der Marktplätze“

Veröffentlicht: 17.07.2019 | Autor: Michael Pohlgeers | Letzte Aktualisierung: 17.07.2019
Eiffelturm

Frankreich ist durch seine räumliche Nähe ein interessanter Expansionsmarkt für deutsche Händler. Doch es kommt wie in jedem Markt auf die Feinheiten an: Welche Zahlungsarten werden in Frankreich bevorzugt? Was müssen Händler bei der Lieferung beachten? Und welches Fettnäpfchen sollten sie unbedingt vermeiden? Sabine Treml, Manager New Key Accounts bei Lengow, hat mit uns darüber gesprochen und interessante Einblicke gewährt.

Onlinehändler News: Was macht den Online-Handel in Frankreich besonders?

Sabine Treml: Frankreich ist als drittgrößter E-Commerce-Markt in Europa äußerst dynamisch und wachstumsfreudig. Es kann damit gerechnet werden, das Frankreich zeitnah Deutschland überholt. Mir fallen vor allem zwei Besonderheiten zum Markt ein: Einerseits bietet sich Frankreich sehr gut für Online-Handel im Mode-Bereich an. In der Tat ist Mode der führende E-Commerce-Markt in Frankreich, gemessen an der Anzahl der E-Shopper. Andererseits ist Frankreich europäischer Marktführer im E-Commerce für Endverbraucherprodukte (Consumer Goods) und hat eine führende Position im Drive-Geschäft (Abholung der online bezahlten Produkte im Supermarkt). Der Anteil von den Verbraucherprodukten am gesamten E-Commerce in Frankreich liegt bei 7,4 Prozent, noch vor dem Vereinigten Königreich (6,3 %) und ganz weit vor Deutschland (1,4 Prozent). Darüber hinaus gehört Frankreich zu den europäischen Ländern mit den meisten Online-Marktplätzen und Franzosen sind an diese sehr gewöhnt. In Deutschland gibt es deutlich weniger.

Herausforderungen und Chancen für Händler

Was sollten deutsche Händler unbedingt beachten, wenn sie ihre Produkte auch nach Frankreich verkaufen wollen?

Der Franzose legt Wert auf die landeseigene Sprache und vertraut vor allem einheimischen Händlern und Shops. Deshalb sollten Händler unbedingt eine französischsprachige Variante des eigenen Online-Shops anbieten bzw. auf französischen Marktplätzen auch französische Produktbeschreibungen hinterlegen. Und man benötigt natürlich auch einen französischsprachigen Kundendienst (wenn man einen eigenen Shop hat, ansonsten übernehmen das die Marktplätze).

Der Mangel an Vertrauen in ausländische Websites ist tatsächlich eines der Haupthindernisse für Cross-Border-E-Commerce in Frankreich. Dies zeigt, dass die französischen Verbraucher davor zurückschrecken, sich an ausländische Händler zu wenden – sie erwarten eher, dass diese zu ihnen „kommen“. Der beste Weg, dies als deutscher Händler zu tun, ist, Produkte auf bekannten französischen Online-Marktplätzen zu verkaufen, in die die E-Shopper vertrauen haben. In diesem Zusammenhang ist es empfehlenswert, für Frankreich einen Feed-Manager wie Lengow für diverse Marktplätze zu verwenden, um dabei den Überblick zu behalten.

Wie hat sich der Online-Handel in Frankreich in den vergangenen Jahren entwickelt?

Der französische Online-Handel ist in den letzten Jahren rasant gewachsen. 2017 um 14,3 Prozent und 2018 um 13,4 Prozent. Das sind sehr hohe Wachstumsraten, höher als in Deutschland. Dieses Jahr soll die 100-Milliarden-Euro-Marke geknackt werden. Aber Zahlen sind nicht alles. Interessant ist es auch zu sehen, dass Amazon in Frankreich eine viel weniger dominante Position innehat als etwa im Vereinigten Königreich oder in Deutschland. Der E-Commerce in Frankreich ist ausgeglichener. Es ist deshalb auch kein Wunder, dass Google beispielsweise sein neues Programm Shopping Actions zunächst in Frankreich in der Beta-Version testet, oder dass Joom sich Frankreich für die Erschließung des europäischen E-Commerce-Marktes ausgesucht hat. Die Chancen stehen hier einfach besser!

Marktplätze dominieren den Markt

Wer sind die größten Händler auf dem französischen Markt?

Cdiscount ist hinter Amazon der größte Marktplatz, vergleichbar mit Otto in Deutschland. Allgemein sind Marktplätze in Frankreich von großer Bedeutung; es ist sozusagen das „Land der Marktplätze“ wie ich bereits angedeutet habe. Unter den 15 meistbesuchten Websites in Frankreich befinden sich allein 10 Marktplätze, von denen die meisten noch dazu lokal sind. Wer in Frankreich seine Produkte online verkaufen möchte, dem sollten Namen wie Fnac, Darty, La Redoute, Rue du Commerce oder Veepee nicht unbekannt sein!

Welche Besonderheiten müssen Händler in Sachen Zahlung und Lieferung an französische Kunden im Auge haben?

Bei der Bezahlung sind Kreditkarte („carte bleue“ - 85 Prozent) und PayPal mit Abstand die bei E-Shoppern gefragtesten Methoden. Rechnungskauf oder Sofortüberweisung spielen in Frankreich keine Rolle. Was die Lieferung in Frankreich anbelangt, sind die Lieferung nach Hause und die Lieferung an Paketabholstellen (Point relais) gleichbeliebt und stehen mit Abstand an erster Stelle. Danach folgt das System Click & Collect (online bestellen und bezahlen und eigene Abholung im gewünschten Ladengeschäft bereits wenig später). Ein weiteres wichtiges Element ist die kostenlose Lieferung! Für eine überwältigende Mehrheit der französischen Online-Shopper ist diese Art der Lieferung wichtiger als deren Dauer. Daher als kleiner Tipp zum Schluss: für gewöhnlich besser kostenlose als schnelle Lieferung in Frankreich anbieten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über den Autor

Michael Pohlgeers Experte für Marktplätze

Micha gehört zu den „alten Hasen“ in der Redaktion und ist seit 2013 Teil der E-Commerce-Welt. Als stellvertretender Chefredakteur hat er die Themenauswahl mit auf dem Tisch, schreibt aber auch selbst mit Vorliebe zu zahlreichen neuen Entwicklungen in der Branche. Zudem gehört zu er zu den Stammgästen in den Multimedia-Formaten OnAir und OnScreen.

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