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Kolumne

Der Online-Handel wird unverdient zur Zielscheibe

Veröffentlicht: 11.10.2019 | Autor: Patrick Schwalger | Letzte Aktualisierung: 14.10.2019
Viele Pakete

Große und kleine Medien berichten seit dem Wochenende ausführlich über eine Studie der Retourenwissenschaftler der Uni Bamberg. Der Großteil der Überschriften und Texte suggeriert, dass Händler fahrlässig und in riesiger Größenordnung Retouren vernichten, die doch eigentlich noch gebrauchsfähig sind. Damit verschwenden Online-Händler nicht nur funktionstüchtige Waren, sondern befeuern den Klimawandel. Die Politik greift das Thema auch auf und fordert die Verbraucher teilweise dazu auf, auf Bestellungen im Internet zu verzichten. Doch beschäftigt man sich mal genauer mit den existierenden Studien zu Retouren und deren Vernichtung, kommt man schnell zu dem Schluss, dass der Ruf des Online-Handels schlechter ist, als er es verdient hat. 

Sicherlich ist die Anzahl der Retouren und der Umgang mit ihnen eine Herausforderung für die Gesellschaft. Gerade Online-Händler ärgern sich oft über das Konsumverhalten ihrer Kunden, die scheinbar ohne Nachzudenken kaufen und retournieren. Das kostet Zeit, Geld und Nerven. Aber die Stigmatisierung der Online-Händler als Klimakiller oder skrupellose Müllproduzenten ist in der derzeitigen Form nicht gerechtfertigt, wenn man sich die Studie der Bamberger Forscher einmal genauer anschaut.

Nur 0,005 Prozent der bestellten Artikel werden nach der Rücksendung vernichtet

In der Berichterstattung kommen einige Medien mit den Zahlen und Prozentsätzen aus der Studie durcheinander. Deswegen hier einmal eine Aufschlüsselung: Die Daten beziehen sich auf das Jahr 2018. 12,1 Prozent aller bestellten Artikel wurden retourniert (490 Millionen), davon wurden 3,9 Prozent vernichtet (ca. 20 Millionen). 53 Prozent der entsorgten Rücksendungen kamen defekt zum Händler zurück oder waren aus anderen Gründen nicht mehr verwertbar (ca. 10 Millionen). 40 Prozent der vernichteten Artikel wären „zumindest theoretisch“ noch wiederverwertbar gewesen, wurden aber vernichtet. Das sind 7,5 Millionen Artikel und diese stellen das Problem dar. Denn natürlich ist jede unnötige Vernichtung von Ressourcen zu vermeiden. 

20 Millionen vernichtete Retouren – das klingt erst einmal viel. Auf den zweiten Blick merkt man jedoch, dass das bloß 0,005 Prozent der insgesamt über 4 Milliarden im Internet bestellten Artikel in Deutschland ausmacht. Der Anteil der vernichteten Waren, die noch verwertbar gewesen wären, macht sogar nur 0,002 Prozent aus. Die meisten Medien rechnen diese Prozentsätze nicht aus und stilisieren den Online-Handel zu einer gigantischen Müllmaschine. Das deckt sich jedoch nicht mit dem Fazit der Forscher aus Bamberg: Die sprechen davon, dass der geringe Anteil der Retouren im Gesamtmarkt darauf schließen lässt, dass „viele Händler eine vorbildliche Verwertung durchführen” und dass die Entsorgung „die Ausnahme, nicht die Regel” darstellt, auch wenn die Verschwendung von Retouren natürlich zu kritisieren sei. Ein gesetzliches Verbot von Retourenvernichtung lehnen sie ab.

Kein Grund für das Bashing des Online-Handels

Die Retourenvernichtung ist nicht das einzige Thema, zu dem der Online-Handel attackiert wird. Der CO2-Ausstoß für Retouren sei gleichzusetzen mit 2.200 täglichen Autofahrten von Hamburg nach Moskau, berichteten viele Medien unlängst. Das stimmt auch. Was aber meistens vergessen wurde: Das macht im Gesamtausstoß aller Emissionen in Deutschland nur 0,03 Prozent aus. Dazu kommt, dass es keine Zahlen dazu gibt, wie viele Emissionen gespart werden, weil die Kunden nicht mit ihren privaten Fahrzeugen zu Geschäften fahren müssen, wenn sie im Internet bestellen können. Eine wirklich vergleichbare Beurteilung der Klimaauswirkungen des Online-Handels wird dadurch quasi unmöglich. 

Natürlich ist die gesamtgesellschaftliche Lösungssuche für die Herausforderungen des Klimawandels und der Ressourcenverschwendung notwendig, die in allen Bereichen unseres alltäglichen Lebens untersucht, wo man die Klimaeffizienz steigern kann. Diese Entwicklung wird und darf vor dem Online-Handel nicht Halt machen. Was es aber nicht braucht, ist die ungerechtfertigte Stigmatisierung des E-Commerce oder gar das Ausspielen der Konfliktlinie stationärer vs. Online-Handel. Das ist nicht zielführend und entspricht nicht der Realität. Effiziente Lösungen für 20 Millionen vernichteten Retouren und die ausgestoßen Emissionen lassen sich nicht in einer Debatte mit emotionalisierenden Überschriften finden.

Über den Autor

Patrick Schwalger Experte für EU- und Bundespolitik

Patrick ist seit Mitte 2019 im OHN-Team und hat die wirtschaftspolitischen Entwicklungen rund um den E-Commerce fest im Blick. Auf seinen bisherigen Stationen in Köln, Maastricht und Brüssel war er in die politische Arbeit eines Bundesministeriums, zweier NGOs und innerhalb der EU involviert. Jetzt konzentriert er sich in unserem Leipziger Büro voll auf die Aufbereitung politischer Trends und Zusammenhänge.   

Sie haben Fragen oder Anregungen?

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Kommentare  

#3 Redaktion 2019-10-15 08:45
Hallo Julian,

vielen Dank für deinen Hinweis. Wir haben den Text dahingehend noch einmal angepasst.

Beste Grüße,
die Redaktion
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#2 Julian 2019-10-14 07:23
"53 Prozent der retournierten Artikel kamen defekt zum Händler zurück oder waren aus anderen Gründen nicht mehr verwertbar (ca. 10 Millionen)."

Diese Zeile wäre jedoch noch zu korrigieren, damit das auch jeder korrekt versteht,
sonst ist der Satz eher Wasser auf die falsche Mühle.

Es handelt sich auch hier um 53% der vernichteten Retouren.
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#1 Ernst Breit 2019-10-12 11:31
Sehr guter Artikel! Der HB sollte diese sachliche Richtigstellung unbedingt den einschlägigen Medien zuführen.
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