Gambio-Chef Hötzinger im Interview

„Der stationäre Handel ist nicht klimafreundlicher als der E-Commerce!“

Veröffentlicht: 22.11.2021 | Geschrieben von: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 24.11.2021
Shopping

Ist der Online-Handel schädlicher fürs Klima als der stationäre Handel? Dieser Mythos hält sich hartnäckig. Darum hat der Online-Shop-Anbieter Gambio die Logistics Advisory Experts GmbH, ein Spin-Off der Universität St. Gallen, damit beauftragt, in einer Studie herauszufinden, wie die Realität aussieht. Ist an den Mythen über den klimaschädlichen Online-Handel etwas dran? Die Meta-Studie „Klimawirkungen auf dem Prüfstand: Wie umwelt(un)freundlich ist der E-Commerce wirklich?“ erforscht fünf gängig Mythen, die über den vermeintlich klimaschädlichen Onlinehandel im Umlauf sind.

Das Ergebnis: Die Mythen halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Der E-Commerce ist grüner als sein Ruf. Im Interview mit OHN erläutert Gambio-CEO Dr. Felix Hötzinger die Ergebnisse und richtet einen Appell an Kundinnen und Kunden – denn diese sind letztlich maßgeblich dafür verantwortlich, welchen ökologischen Fußabdruck sie mit ihrem Shopping-Verhalten hinterlassen.

Fakten statt Behauptungen

OHN: Was hat euch dazu bewogen, die Studie in Auftrag zu geben?

Dr. Felix Hötzinger: Immer wieder haben wir aus unserem eigenen Umfeld zu hören bekommen, Online-Shopping sei ja so schlecht für die Klimabilanz. Und da wollten wir endlich Fakten sehen und nicht nur Behauptungen hören. Wir wollten es jetzt genau wissen, und die vielen Behauptungen, die man hört, wissenschaftlich fundiert auf den Tisch bringen, um herausfinden, wie sich das, was man so landläufig vermutet, in konkreten Zahlen niederschlägt. Das war unser Ziel: eine echte Gesprächsgrundlage schaffen.

In der Studie geht es euch darum, Klima-Mythen rund um den E-Commerce auf den Prüfstand zu stellen. Von welchen Mythen reden wir denn hier?

Die fünf Behauptungen, die in der Studie untersucht wurden lauten:

  1. „Stationärer Handel ist klimafreundlicher als E-Commerce!“
  2. „Der Online-Handel führt zu erhöhtem Verkehrsaufkommen!“
  3. „Die hohe Retourenquote ist maßgeblich für die schlechte Klimabilanz des E-Commerce verantwortlich!“
  4. „Aufgrund des zusätzlichen Verpackungsmülls hat der E-Commerce eine schlechte Klimabilanz!“
  5. „Der Energiebedarf des E-Commerce ist höher als der des stationären Handels!“

Aus unserer Sicht muss man diese Punkte allesamt in Betracht ziehen. Wo es dann richtig spannend wird, ist die tatsächliche Gewichtung, also, welchen Einfluss haben diese einzelnen Faktoren in der gesamten Addition. Um mal ein Beispiel zu nennen: Ist jetzt ein reiner Zusteller effektiver als die Privatperson, die ein Produkt von A nach B transportiert? Und wie ändert sich das Bild, wenn die Person, die einkaufen fährt, mit der Bahn, dem Bus oder dem Rad fährt oder wenn sie zum Transport ihren PKW nutzt. Erst dann, wenn wir genau hinsehen, zeichnet sich ein klares, faktenbasiertes Bild ab und erst dann können wir über Fakten statt über Mythen sprechen.

Woher kommen diese Mythen bzw. wieso halten sie sich so hartnäckig?

Diese Mythen kommen daher, da wir alle visuelle Wesen sind. Das, was unsere Vorurteile prägen, das sind ja in der Regel diese ganzen sichtbaren, offensichtlichen Dinge. Keiner würde, wenn er ein wunderbar beleuchtetes, beheiztes Ladengeschäft sieht, das mit in seine Klimabilanz einbeziehen. Das kennen wir alle ja nur so, darauf wurden wir seit unserer Kindheit geprägt, das ist uns vertraut und da denken wir gar nicht mehr über die Hintergründe nach. Aber der Paketfahrer, der für 30 Sekunden mitten auf der Straße parkt, der mich vielleicht sogar behindert, oder die Retourenpakete, die man durch sein eigenes Einkaufsverhalten selbst produziert, mit den dazugehörigen Kartonagen, das sind die lästigen Sachen, die uns stören, die ins Auge stechen und missmutig stimmen. Das strahlt dann natürlich auf das Gesamtthema „Online-Handel“ negativ ab, so hat es die Studie aufgezeigt.

„Klima-Killer E-Commerce ein Vorurteil?“

Schauen wir uns die vermeintlichen Vorurteile doch einmal konkret an: Ist stationärer Handel denn nicht klimafreundlicher als E-Commerce?

Tatsächlich nein, ist er nicht. Der Hauptpunkt, der beim Thema CO2-Emissionen am meisten reinschlägt, ist das Aufrechterhalten der Infrastruktur der Ladengeschäfte. Dazu zählen die Heizung, die Beleuchtung, die Mitarbeiter usw. Das ist der Teil des sprichwörtlichen Eisbergs, der unter der Oberfläche der bewussten Wahrnehmung schlummert und damit die Klimabilanz des stationären Handels stark belastet. Wir nehmen diese immensen CO2-Treiber beim Einkaufen im Ladengeschäft gar nicht mehr war. Fairerweise wurden bei der Studie sämtliche Besonderheiten beider Handelsformen, sowohl die Besonderheiten des E-Commerce als auch die des stationären Handels, berücksichtigt und natürlich die jeweiligen Durchschnittswerte herangezogen. Prof. Dr. Stölzle und sein Team haben hier selbstverständlich streng neutrale wissenschaftliche Standards für den Erkenntnisgewinn angelegt.

Bei Verkehrsaufkommen und Retourenquote muss doch klar sein, dass der Online-Handel schlecht abschneidet – oder etwa nicht?

Das Thema Logistik betrifft sowohl das Ladengeschäft als auch den Online-Shop. Auch Ladengeschäfte müssen initial mit Ware beliefert werden, ebenso wie Online-Shops, und das Personal von beiden muss schließlich auch vom Zuhause zur Arbeit kommen. Wie man in der Infografik, die wir anhand der Studienergebnisse aufbereitet haben, allerdings sieht, sind die Retourenquote, das Verpackungsmaterial, die gesamte Logistik zwar CO2-Faktoren, allerdings eben nicht die größten. Diese Bereiche setzen selbstverständlich auch CO2 frei, aber der Vorteil, den der Online-Handel gegenüber dem stationären Handel hat, ist, dass der E-Commerce keine aufwendige, teure Infrastruktur für die Präsentation der Waren aufrechterhalten muss. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit sind doch die Innenstädte voll von blinkenden, sich bewegenden, liebevoll dekorierten Schaufenstern, die Verkaufsräume sind angenehm temperiert und wunderschön ausgeleuchtet. Diese energiebedingten Faktoren, die es braucht, um ein Ladengeschäft attraktiv zu betreiben, sind hier die wesentlichen CO2-Treiber, und nicht die immer effizienter gestalteten Retourenprozesse oder das Verkehrsaufkommen. Tatsächlich, das zeigt die unabhängige Studie ja eindeutig, ist der Online-Handel nur für 0,5 Prozent des städtischen Verkehrsaufkommens verantwortlich, der stationäre Handel für stattliche elf Prozent.

gambio klimastudie 2021 klimawirkungen im ecommerce

Aber zusätzlicher Verpackungsmüll liegt doch in der Natur der Sache?!

Na klar, jede Art von Verpackungsmüll ist eine traurige Tatsache, die die Klimabilanz belastet, und die vermieden werden sollte. Hersteller und Online-Händler arbeiten allerdings bereits proaktiv daran, überflüssige Verpackungen zu reduzieren und z.B. Kundinnen und Kunden zu animieren, bei Retouren die Originalkartonage zu verwenden. In der Bevölkerung wächst ja ohnehin das Bedürfnis, nachhaltiger einzukaufen und es arbeiten erfreulicherweise auch unglaublich viele Händler an der Optimierung und Reduzierung von Verpackungsmüll. Rein rechnerisch ist der Faktor Verpackungen allerdings weniger belastend für unsere Umwelt als andere, nicht so offensichtliche, Faktoren.

Thema energiebedingte Klimawirkungen: Ist es nicht eigentlich logisch, dass ein stationäres Geschäft mit täglichen Öffnungszeiten mehr Energie benötigt als ein Online-Shop ohne Fläche?

Ja, logisch ist das eigentlich schon. Und trotzdem gibt es ja diese Mythen, diese „unlogischen Vorurteile“ über den E-Commerce. Diese Mythen, die halten sich sehr hartnäckig in der Bevölkerung, und dass es sie gibt, das wurde von den St.-Gallener-Wissenschaftlern auch explizit untersucht. Wie schon erwähnt, die offensichtlichen Dinge, wie den Energiefresser Beleuchtung, die zum Einkaufen im Ladengeschäft gehören, die nimmt man gerne für sich in Anspruch, die sind angenehm, die nimmt man als gegeben an. Der Verpackungsmüll, der durch Online-Shopping entsteht und sich zuhause eventuell auftürmt, der ist für einen selbst unangenehm, den nimmt man dann schneller negativ wahr.

Faktor Mensch ist der größte Hebel

Nun können Kritiker natürlich einwerfen, dass eine Studie, die von einer E-Commerce-Plattform in Auftrag gegeben wurde, natürlich zu einem positiven Ergebnis für den Online-Handel kommt. Wie nimmst du den Kritikern den Wind aus den Segeln?

Für uns ist es wichtig, die Fakten zu kennen, sowohl für uns als auch für alle Akteure der E-Commerce-Branche. Sehr viele unserer Händlerinnen und Händler bedienen beide Kanäle, es gibt hier aus unserer Sicht kein Entweder/Oder. Auch daher war es uns wichtig, einen echten Vergleich der Klimabilanz berechnen zu lassen.

Übrigens, den größten Hebel, das haben die Wissenschaftler auch belegt, haben wir Menschen selbst in der Hand. Wir können als Verbraucherinnen und Verbraucher einen ganz erheblichen Teil dazu beitragen, wie viel CO2-Emissionen freigesetzt werden, sie beispielsweise reduzieren, indem wir achtsam einkaufen, gut durchdacht gleich mehrere Produkte bei einem Shop bestellen anstatt bei unterschiedlichen Shops einzelne Pakete liefern zu lassen. Wir sollten uns überlegen, bei wem wir einkaufen, vom Hersteller einfordern zu erfahren, woher die Ware genau kommt. Unser eigenes Verhalten ist der Klimafaktor Nummer eins: Schau ich mir die Produktion der Ware an, die Wertschöpfungskette, kaufe ich nach dem Regionalprinzip, unterstütze ich fair und nachhaltig gehandelte Ware oder bestelle ich bei den Kleidern immer gleich drei Größen oder Farben auf einmal, obwohl ich weiß, dass ich nur eines behalten werde? Unsere Art einzukaufen macht den Unterschied.

Vielen Dank für das Gespräch!


gambio ceo felix hoetzinger

Dr. Felix Hötzinger ist CEO von Gambio, einem Unternehmen, das sich auf die Wertschöpfung im E-Commerce (unter anderem gehört dazu der cloudbasierte Online-Shop-Anbieter Gambio) spezialisiert hat. Er ist mehrfacher Selfmade-Gründer und war Interim Manager – unter anderem bei Banken wie der Fidor-Bank, die er mit aufbaute.

Über den Autor

Christoph Pech
Christoph Pech Experte für: Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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