Interview mit Christian Wegner von Wisemarkt

Momox-Gründer: „Schon komisch, wenn dich deine eigene Firma verklagt“

Veröffentlicht: 12.08.2022 | Geschrieben von: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 12.08.2022
Momox-Schild

Vor rund 18 Jahren war Christian Wegner noch arbeitslos – inzwischen ist er erfolgreicher Unternehmensgründer und gehört zu den wichtigsten Köpfen im deutschen E-Commerce. Er hat den Secondhand-Shop Momox und später Medimops aufgebaut, sein Unternehmen 2019 verlassen und arbeitet nun an einem neuen ReCommerce-Projekt mit dem Arbeitsnamen Wisemarkt.

Warum er Momox den Rücken gekehrt und trotz Wettbewerbsverbots ein neues Projekt gestartet hat, wieso zu viel Geld zu Beginn ein Problem sein kann und wie die Zukunft des Secondhand-Marktes und von Wisemarkt aussieht, erklärt er im Interview. Wir haben den Momox- und Wisemarkt-Gründer Christian Wegner auf dem Machn-StartUp-Festival in Leipzig zum persönlichen Gespräch getroffen.

OnlinehändlerNews: Du bist vor drei Jahren bei Momox ausgestiegen und hast deine Firma verkauft, warum bist du bei so einem erfolgreichen Projekt raus?

Christian Wegner: Ich bin aus mehreren Gründen ausgestiegen. Ich war rund 16 Jahre all in (voller Geld- bzw. Chips-Einsatz beim Poker, Anm. der Redaktion) bei einer Firma und kannte mein Leben nur diese eine Firma. Die Firma war mein Leben: Scheitert die Firma, scheitere ich auch.

Ich wollte aber noch ein bisschen mehr sehen von der Welt als nur meine eigene Firma. Aber ich hab 2019 auch tatsächlich gedacht „Jetzt lieber die Kohle mitnehmen, wer weiß, ob das noch was wird die nächsten Jahre“.(lacht) War dann doch erfolgreich, aber ich bereue den Ausstieg nicht. 

„Kreativität und Gründergeist waren irgendwann nicht mehr gefragt“

Du hast dann aber kein Sabbatical gemacht, sondern mit Wisemarkt ja ein nahezu identisches Projekt gestartet – wieso?

Ich hatte bei Momox noch die Chance, quasi ein StartUp im Unternehmen zu machen und den Fashion-Bereich aufzubauen, das hat sich noch mal wie Gründen angefühlt. Aber Kreativität und Gründergeist waren dann irgendwann nicht mehr gefragt, sondern es ging darum, den Ebit (earnings before interest and taxes, Gewinn vor Zinsen und Steuern) zu erhöhen. 

Von Seiten der Investoren, die später eingestiegen sind?

Ja, und das ist ja auch nicht schlimm, aber das hat mich jetzt nicht so richtig motiviert zu arbeiten. Da sitzt du dann jeden Tag in fünf Meetings und fragst dich warum. 

Wisemarkt ist ein Secondhand-Marktplatz, von denen es ja auch schon diverse gibt. Was soll der große Unterschied sein?

Letztendlich machen wir dasselbe wie bei Momox und bleiben bei der Zielgruppe, die keine Lust auf Consumer-to-Consumer-Marktplätze hat. In der jetzigen Pilotphase merken wir, es wird super angenommen.

Andere ReCommercer hängen in einzelnen Verticals, die maximal weniger komplex sind, als wenn man alles macht, aber da hat man natürlich viel höhere Marketingkosten, um einen Kunden zu kriegen, der dir alle drei Jahre sein Handy verkauft – das haben wir nicht.

Wir sind jetzt auch bei Ebay gestartet. Ebay ist okay, da kann man üben – aber das reicht halt nicht, wir brauchen natürlich einen eigenen Shop und mehr Marktplätze. Letztendlich wird unser Shop dann dieselben Artikel und Preise haben wie bei Ebay, nur eben mit vernünftigen Fotos und Service abzüglich China-Schrott. Zu 99,99 Prozent sind wir überzeugt, dass es funktionieren wird. 

Das Problem mit zu viel Geld beim Start

Christian Wegner

Läuft dann bei der zweiten Gründung aufgrund der Erfahrung alles glatter, macht man noch mal die gleichen Fehler oder kommen neue dazu?

Es ist vieles einfacher. Bei der ersten Gründung war es so: Am Anfang war der Druck da, ich hatte kein Geld, ich brauchte Geld, alles muss funktionieren und sofort profitabel sein. Jetzt hab ich Geld und kann selbst investieren. Aber je mehr Geld verfügbar ist, desto länger dauert es auch (lacht) – und desto mehr Geld braucht man auch. Man ist dann in manchen Bereichen nicht so effektiv, wie man sein müsste. 

Das Thema Gründen und StartUps ist ja auch durch TV-Formate wie „Die Höhle der Löwen“ im Fokus – wie stehst du zu solchen Shows? Ist das eine echte Hilfe für junge Unternehmen oder eher nur Entertainment?

Ich hab das tatsächlich noch nicht gesehen, aber weiß natürlich, worum es da geht. Ich glaube, das ist schon gut. Es ist ein bisschen wie die Castingshows, wo sich die in der Garage gegründeten Bands dann aufgeregt haben, dass da jetzt Leute aus irgend so einer Castingshow Erfolg haben. Ein bisschen wird es vielleicht romantisiert, dieses ganze „Boah, ich bin jetzt cooler Gründer und StartUpper“. Aber für die Firmen, die da pitchen können, ist das ja ein Push und unterm Strich ist es gut. 

Vision und Chancen: Secondhand-Verkauf und ReCommerce der Zukunft

Deine grundsätzliche Vision ist ja, dass irgendwann mal die Hälfte des Verkaufs Secondhand ist. Wie realistisch ist das – oder bricht dann nicht ein Teil des Wirtschaftssystems zusammen, wenn es viel weniger Neuware gibt?

Ich glaub schon, dass das funktionieren könnte. Ich bin jetzt aber auch kein Volkswirt, der das ausrechnet und merkt „Scheiße, es geht doch nicht auf“. Und Secondhand schafft ja auch verdammt viele Arbeitsplätze, weil es ein riesiger manueller Prozess ist. 

Im Moment fehlen noch die passenden Angebote. Es kaufen ja schon viele bei Ebay Secondhand – aber bei weitem noch nicht alle. Solange es noch keine richtigen professionellen Secondhand-Händler gibt, wo die Leute merken „Ich bestell mir watt, es ist morgen da, ich kanns zurückschicken, tolle Qualität, kost’ aber nur ein Drittel“ – dann ist das eigentlich ein No-Brainer. Das haben wir bei Momox Fashion, später Ubup, auch gemerkt. Da hatten wir am Anfang Berührungsängste – aber wenn die Leute einmal gekauft haben, sind sie immer wieder gekommen. 

Wisemarkt startet bald mit eigenem Webshop und mehr Artikeln

Bleiben wir bei Visionen, wie sieht es da für Wisemarkt aus, was sind die nächsten Schritte?

Ich schaue mich gerade nach Geld um und stehe vor der Entscheidung, ob ich es lieber selbst mache oder mir ein, zwei Partner dazuhole. Aber jetzt gerade ist natürlich nicht der allerbeste Zeitpunkt, um Geld einzusammeln.  

Als nächstes kommt dann der Shop und der Ausbau des Sortiments. Wir haben jetzt 20.000 Artikel, zum Shop-Start sollen es 30.000 bis 40.000 sein und dann wollen wir hochgehen auf über eine Million. Am Ende macht ein Shop auch nur Sinn, wenn Auswahl da ist. Wenn da nur eine Hose ist, aber nicht in meiner Größe, dann kommste auch nicht wieder. 

Wisemarkt ist bisher nur der Arbeitstitel, ihr arbeitet schon am neuen Namen – würdest du den jetzt exklusiv hier verkünden?

Dann erschlägt mich mein Team wahrscheinlich. Wir werden eine alte Marke wiederbeleben, die es schon mal gab.

Eine Marke von euch, für die ihr die Rechte hattet? 

Nee, die gabs schon mal am Markt und wir haben jetzt die Rechte dafür bekommen. 

Und woher stammt die etwas holprige Zwischenlösung Wisemarkt und was soll das bedeuten?

Der Name war uns erstmal egal. „Wisemarkt“ sollte erstmal das Gegenteil von Schwarzmarkt bedeuten, aber bei „Weißmarkt“ wird man dann in eine rassistische Ecke gestellt. Wir wollten die ganze Gründung ja naiverweise unterm Radar machen, weil wir noch im Wettbewerbsverbot sind.  

Start trotz Wettbewerbsverbot – Strafe für Momox-Gründer

Das heißt, die neuen Momox-Eigentümer haben dich im Auge behalten und sich gemeldet?

Ja, ich hab noch innerhalb der zwei Jahre angefangen und musste eine Strafe zahlen.

Aber du hast das bewusst in Kauf genommen?

Die Strafe, die ich am Ende zahlen musste, war halb so groß wie die Anwaltskosten. Aber es ist natürlich schon komisch, wenn dich deine eigene Firma verklagt…

Da hattest du nicht mit gerechnet…

Naja, ich hab gehofft, dass sie es nicht machen. Aber am Ende ist es okay, die neuen Eigentümer haben ja auch viel Geld für den Kauf gezahlt.

Und wann wirst du die Anteile von Wisemarkt verkaufen?

Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir fahren das Ding vor die Wand – oder es muss groß werden. Entweder ich zieh durch und gebs meinen Kindern – aber die wollen es wahrscheinlich nicht haben. Oder es kommen ein paar Manager, die es machen und ich gehe in einen Beirat oder Aufsichtsrat. Aber die nächsten Jahre gibts noch viel zu tun.

Vielen Dank für das offene Gespräch!

Über den Interviewpartner

Christian Wegner startete zunächst 2004 als Ich-AG mit dem Online-Handel auf Ebay und Amazon. 2006 gründete er das ReCommerce-Unternehmen Momox („Moderner Medien Online Express-Ankauf“), das zunächst vor allem Bücher, DVDs und andere Medien verkaufte. Momox zählt zu den erfolgreichsten Secondhand-Händlern bei Amazon und Ebay. 2019 verkaufte er seine Anteile an den neuen norwegischen Eigentümer Verdane Capital. Momox beschäftigt derzeit rund 3.000 Menschen und machte zuletzt rund 300 Mio. Euro Umsatz. Wegners neuer Secondhand-Shop mit dem Arbeitstitel Wisemarkt wird gerade aufgebaut. Das Ziel des Momox-Gründers: Irgendwann soll Secondhand-Ware die Hälfte aller verkauften Artikel ausmachen. 

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Über den Autor

Markus Gärtner
Markus Gärtner Experte für: Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

Sie haben Fragen oder Anregungen?

Kontaktieren Sie Markus Gärtner

Kommentare  

#1 Dirk 2022-08-15 12:17
Ich kann mir nicht helfen, aber ich find diese ganzen "Startupper" und "Gründer" maximal abtörnend.
Wenn ich schon Sätze höre wie "Andere ReCommercer hängen in einzelnen Verticals, die maximal weniger komplex sind, als wenn man alles macht...", dann könnte ich im Strahl...

Als ich mein Business gegründet habe, gab es diesen ganzen Pitcher-Bullshi t-Sprech noch nicht, oder er ist zum Glück an mir vorbei gegangen. Ich hab einfach gemacht, weil ich es machen wollte und von meinem Projekt überzeugt war. Nicht weil ich die Vision hatte, irgendwas upzuscalen und dann an Investoren zu verscherbeln, nur um dann den ganzen Scheiß dann wieder von vorn zu starten.
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