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Kolumne

Minimal digital: So lassen deutsche Unis ihre Studenten im Stich

Veröffentlicht: 21.06.2019 | Autor: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 21.06.2019
Mann am Laptop

Man kennt das ja aus seiner eigenen Schulzeit, wenn man am Sinngehalt mancher Fächer (Mathematik) und der Relevanz für das spätere Leben (!!!Mathematik!!!) stark gezweifelt hat. Stattdessen wünschte man sich praxisnahe Kenntnisse und Fertigkeiten, um den harten Alltag nach dem Abi autonom zu bestreiten – zum Beispiel die Erklärung der Spülmaschinen-Programme etc. Zumindest den zweiten Teil mit der Praxisnähe dürften viele Studenten jetzt noch ein mal durchmachen. Denn laut einer Studitemps-Umfrage fühlen sich angehende Akademiker in Deutschland kaum auf die digitalen Anforderungen ihres späteren Berufes vorbereitet, das sagen 27 Prozent der Teilnehmer.

Große Unterschiede zwischen den Studienfächern

Dabei unterscheiden sich die Fächer: Wenig überraschend sehen sich Informatiker, Medienwissenschaftler und angehende Ingenieure als digital relativ gut aufgestellt für die postakademische Zukunft. Studenten von Sprach- und Kulturwissenschaften, Juristen und Erziehungswissenschaftler hingegen bekommen an ihrer Alma mater wohl zu wenig Input über dieses Neuland und Co. Das ist für Geisteswissenschaftler in der Folge ein noch größeres Problem, da diese eh meist auf keinen konkreten Beruf zusteuern, sondern sich mit Zusatzqualifikationen, Praktika und Co. auf einem extrem kompetitiven Arbeitsmarkt in ihrem Bereich behaupten müssen.

Ebenfalls auffällig und mit traurigem Smiley zu versehen: Nur 40 Prozent der angehenden Lehrer fühlen sich in Sachen Digitalisierung von ihrer derzeitigen Bildungseinrichtung gut auf die nächste vorbereitet. Auch das ist fatal. Das System Schule kämpft sowieso schon mit Inklusion, Föderalismus, chronischer Unterfinanzierung und Co. Dann sollen frische Absolventen aus dem Hörsaal vor Klassen treten, in denen jetzt schon manche Schüler ihren Lehrern in Sachen Digitalkompetenz weit enteilt sind, in Räumen unterrichten, wo ein Overheadprojektor das höchste der technischen Gefühle ist und dieser Generation wiederum einbläuen, warum gerade die Digitalisierung für den rohstoffarmen Wirtschaftsstandort Deutschland der entscheidende Zukunftsfaktor ist.

Spätere Beamte sind digital besonders schlecht gerüstet

Dass auch der Staat und viele Politiker auf digitalem Gebiet selten eine gute Figur abgeben, konnte man in der Vergangenheit immer wieder sehen – ob bei vermeintlichen Hackerangriffen oder jüngst im Umgang mit dem YouTuber Rezo. Dazu passt dann auch, dass vor allem Studenten mit Abschluss Staatsexamen – also Menschen, die später wohl meist für den Staat arbeiten oder im Bundestag sitzen werden – sich digital besonders schlecht auf ihren Job vorbereitet fühlen. Menschen mit marginalem Verständnis der Thematik entscheiden dann aber später über eben jene – wo das hinführt, konnte man unter anderem in der Debatte um Upload-Filter und die Urheberrechtsreform sehen

Was ist die Ursache für die digitale Bildungsbremse? Die Unis tragen ihren Teil dazu bei und haben jede Menge Nachholbedarf – auch in Sachen digitaler Didaktik und E-Learning. Nur 41 Prozent der deutschen Unis bieten Vorlesungen als Download oder Stream, nicht ein mal etwas Selbstverständliches wie den Online-Zugriff auf Lehrmaterialien können alle Hochschulen leisten! Und das in Zeiten, in denen sich weltweit hunderttausende Menschen zum Beispiel über Online-Vorlesungen wie Massive Open Online Courses aus- und weiterbilden. Doch auch die Politik ist in der Bringschuld – ähnlich wie die Schulen klagen auch Universitäten und die Hochschulrektorenkonferenz seit jeher über zu wenig finanzielle Mittel für Innovationen – und das bei steigenden Studierendenzahlen.

Digitale Bildung: Es gibt Hoffnung

Doch dass die Uni einen nicht gut genug auf das spätere Berufsleben vorbereitet, heißt ja nicht, dass es völlig hoffnungslos und ausgeschlossen ist: Man kann nur auf die Eigeninitiative der jungen Akademiker in spe hoffen, sich ihr digitales Wissen überall und immer wieder zu holen, wo es nur geht – egal, ob online oder im physischen Leben. Das gilt, nebenbei bemerkt und altbekannt, für alle Arbeitnehmer in allen Berufen, denn diese Digitalisierung wird mit absoluter Sicherheit hohe Relevanz für unser weiteres (Berufs-)Leben haben – mindestens so wie Mathematik.

Über den Autor

Markus Gärtner Experte für Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

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