Interview mit Videokonferenz-Coachin Nele Kießling

„Auflockerung und Humor werden in Video-Konferenzen maßlos unterschätzt.“

Veröffentlicht: 10.06.2021 | Geschrieben von: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 10.06.2021
Nele Kießling

Nele Kießling ist Schauspielerin, Dozentin, Moderatorin für Online-, Hybrid- und Live-Events sowie Trainerin. Sie hat in der Corona-Pandemie unter anderem mehrere Workshops für die digitale Performance in Video-Konferenzen entwickelt und diese mit Unternehmen, Verbänden und Institutionen wie dem Marburger Bund, dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, dem Deutsche Roten Kreuz und der tecRacer Group durchgeführt. Im Interview erklärt sie, was in Video-Konferenzen der absolute Präsenz-Killer ist, warum die Jogginghose schwierig ist und wie digitale Meetings trotzdem gelingen.

Onlinehändler-News: Über ein Jahr Homeoffice mit Video-Konferenzen und Co. haben viele jetzt hinter sich – was ist Ihrer Erfahrung nach das größte Problem dabei? Und unterscheidet sich die Einschätzung von Angestellten und Vorgesetzten?

Nele Kießling: Zu Beginn der Pandemie gab es bei meinen Workshop-Teilnehmenden wesentlich mehr Doppelkinne von schräg unten oder ungemachte Betten im Hintergrund, als heute. Es hat sich viel getan in den letzten 15 Monaten. In Sachen Präsenz, Ausdrucksstärke und Kommunikationshaltung gibt es allerdings noch viel zu tun. Im digitalen Raum gelten einfach andere Regeln für Präsenz. Die nonverbale Kommunikation ist sehr viel eingeschränkter und damit wirken wir unnahbarer und sind schwerer „lesbar“. Gleichzeitig sind wir den Kolleg*innen so nah wie nie – durch den Blick in die private Umgebung oder die entlarvende Kamera-Nähe. Daraus leiten sich viele Menschen ab, sich lieber möglichst unauffällig zu verhalten. Das ist leider der absolute Killer für Präsenz in Video-Konferenzen. Darin sehe ich auch die größte Herausforderung für Video-Kommunikation: Nahbar bleiben und mehr von sich zeigen. Da nehmen sich Angestellte und Vorgesetzte nichts.

So können Video-Konferenzen im Homeoffice gelingen

Worauf sollte man generell achten, damit ein digitales Meeting für alle gut funktioniert?

Das hat für mich viele Ebenen. Eine ist das SetUp: Licht, Perspektive, Hintergrund. Virtuelle Hintergründe verdecken zum Beispiel prima den Wäscheständer, machen den Menschen samt Wirkung aber recht zweidimensional und flach. Um nahbarer und „menschlicher“ zu wirken gibt es auch andere Möglichkeiten. Eine weitere Ebene ist die Art der Kommunikation: Es braucht zum einen eine sehr klare Gesprächsführung, eine emphatische „Funker*innen-Mentalität“, und zum anderen ein Training in aktivem Zuhören, um miteinander wirklich im Gespräch zu bleiben trotz digitaler Distanz.

Vor allem Eltern mussten ja nicht nur mit Technik und Co. kämpfen, sondern mit Kindern, die mal in das Meeting platzen – gibt es da ein Patentrezept, wie man kompetent reagieren kann?

Ich sehe Video-Konferenzen als große Chance genau solche Momente einzubinden, anstatt sie wegzuschummeln. Wenn jemand versucht eine Störung zu überspielen, feuern unsere Spiegelneuronen in die falsche Richtung und alle Teilnehmenden werden krampfig. Wird eine Störung humorvoll, flexibel und transparent eingebunden, kann man nur an Sympathie und Kompetenz gewinnen. Das wird das Gesprächsklima für alle bereichern. Auflockerung und Humor werden in Video-Konferenzen maßlos unterschätzt. Wir müssen weg von der Perfektion, nur weil eine Kamera auf uns gerichtet ist und wir möglichst schnell und effektiv Themen abarbeiten wollen.

„Stimme ist nur EIN Teil vom großen Präsenz-Paket“

© Fabian Stuertz

Laut einer Studie werden Frauenstimmen in digitalen Konferenzen wegen technischer Besonderheiten diskriminiert – wie können also gerade Frauen sich Präsenz verschaffen?

Das ist skandalös und muss sich schlichtweg schleunigst ändern. Mein persönlicher Countdown diesbezüglich läuft. Wenn sich da nicht bald was tut, gebe ich nur noch Frauen mein Wissen weiter. Denn das Gute ist: Die Stimme ist nur EIN Teil vom großen Präsenz-Paket.

Wer in der Pandemie bei einem neuen Arbeitgeber angefangen hat, kennt seine Kollegen unter Umständen nur online. Wie könnte man trotzdem Kontakte knüpfen?

Das braucht Einsatz und Kreativität von allen Beteiligten – den Kolleg*innen und den Arbeitgeber*innen. Von einem „Office-Speed-Dating“ per VideoCall oder einer Telefonkette mit Zufallsgenerator, bis hin zur gemeinsamen Spotify-Playlist zum Feierabend. Es gibt viele Möglichkeiten in den Kontakt zu treten, wenn das Treffen auf dem Flur mit dem Kaffee in der Hand wegfallen muss.

Einer ihrer Seminartitel spielt auf eine gewisse Tendenz zur vermeintlichen Corona-Schluffigkeit an: „Meine digitale Performance: Jogginghose aufwärts“. Wie wichtig sind Outfit oder etwa auch der Zimmer-Hintergrund? Oder sollte man doch die eben schon kritisierten virtuellen Backgrounds benutzen?

Outfit und Hintergrund sind wichtiger als man vielleicht annehmen würde. Für die Wirkung der Kleidung vor der Kamera gelten die Regeln aus dem Fernsehen: Klare Farben, keine kleinen Muster (Moiré-Effekt) und nicht die gleiche Farbe wie der Hintergrund.

Das Jogginghosen-Problem im Homeoffice: Arbeits-Präsenz vs. Freizeit-Modus

Für die Wirkung an einem selbst: Manche Menschen fühlen sich wohler in der Jogginghose (wer nicht!), andererseits rutscht man eher in den Freizeit-Modus. Manchmal ist es auch super sich so anzuziehen, als säße man im Großraum-Büro, um in die Arbeits-Präsenz zu kommen. Ich habe mal einen fancy Vortrag in Haus-Schlappen gehalten. Das ging gar nicht.

Zimmer-Hintergründe sind auch eine Wissenschaft für sich. So viel sei verraten: Weniger virtuell, mehr Einrichtungshaus und auf den Kontext kommt es an.

Sie verweisen auch auf kürzere Konzentrationsspannen bei digitalen Treffen, Spiele sollen ein Meeting dynamisch halten – haben Unternehmen wirklich Zeit dafür und Mitarbeiter Lust darauf?

Meiner Erfahrung nach braucht jede Video-Konferenz nach 20 Minuten einen Methoden-Wechsel. Sonst werden wir müde und sind nicht mehr so aufnahmefähig. Energizer und Spiele sind da eine Möglichkeit von vielen. Zu Beginn sind die Teilnehmenden meiner Fortbildung oft kritisch, und danach überrascht, was möglich ist. Spielen macht wach, bringt Humor in die Sitzung und wir kommen wieder in Verbindung miteinander – trotz digitaler Distanz und Müdigkeit. Sich zwischendurch mal auf einer anderen Ebene zu begegnen und andere Hirn-Areale zu aktivieren tut einfach gut.

Wird es in Zukunft auch nach dem Ende der Pandemie mehr digitale Meetings geben und die Menschen müssen sich noch mehr mit ihrer Bildschirm-Persönlichkeit auseinandersetzen?

Video-Kommunikation ersetzt nicht das persönliche Gespräch. Aber sie erweitert unser Repertoire und wird bleiben. An unsere „Bildschirm-Persönlichkeit“ haben wir uns dann in Zukunft so sehr gewöhnt, dass wir ganz entspannt die Selbstansicht ausblenden können, und dennoch wissen, wie wir wirken, ohne ständig darüber nachzudenken. Das werden wir lernen. Und auf dem Weg dahin noch ganz viel scheitern – und das geht am besten mit Humor.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über den Autor

Markus Gärtner
Markus Gärtner Experte für: Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

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Kommentare  

#1 stefan heydeck 2021-06-10 21:52
schöner artikel! vielen dank!
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