Änderungen ab 1. Juli

FAQ: Was steckt hinter der Umsatzsteuerreform und dem OSS? (Update)

Veröffentlicht: 09.06.2021 | Geschrieben von: Patrick Schwalger | Letzte Aktualisierung: 16.06.2021
Viele Fragezeichen

Die Europäische Union hat ihr Umsatzsteuersystem speziell für den E-Commerce reformiert. Damit soll künftig Steuervermeidung von Online-Händlern innerhalb wie außerhalb der EU unterbunden und auf Entwicklungen in der Branche reagiert werden. Das soll Händlern nicht nur Aufwand, sondern auch Vereinfachung bringen, etwa durch die Einführung des One-Stop-Shops (OSS). Die reformierten Regelungen treten am 1. Juli in Kraft. Daher ist es sinnvoll, sich schon jetzt damit auseinanderzusetzen, was bald im grenzüberschreitenden B2C-Handel gelten wird.

Stand: 16.06.2021

Der OSS und die Vereinheitlichung der Lieferschwellen

1. Was kommt auf den Online-Handel ab dem 1. Juli 2021 zu?

Bisher gibt es innerhalb der EU für jeden Mitgliedstaat unterschiedliche B2C-Lieferschwellen beim grenzüberschreitenden Handel mit Verbrauchern, die 35.000 Euro bis hin zu 100.000 Euro betragen. Diese entfallen ab dem 1. Juli und werden durch eine einheitliche Lieferschwelle in Höhe von 10.000 Euro ersetzt, die dann in allen EU-Staaten in Summe gilt, also nicht nur für individuelle Staaten.

Sobald die Lieferschwelle überschritten wird, werden die Händler in dem EU-Land steuerpflichtig, in das ein Paket versendet wird. Bisher waren sie dann beim zuständigen Amt im jeweiligen Land steuerlich registrierungs- und meldepflichtig.

Künftig kann die Meldung und Bezahlung der Steuerschuld aber über den sogenannten One-Stop-Shop (OSS) in dem EU-Land erfolgen, in dem der Händler seinen Sitz hat. Das freiwillige Verfahren wird in Deutschland vom Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) abgewickelt. Wird ein B2C-Verkauf über den OSS gemeldet, muss keine Rechnung mehr ausgestellt werden.

2. Was ist der One-Stop-Shop (OSS)?

Der OSS ist ein zentrales Element der EU-Umsatzsteuerreform und im Falle Deutschlands eine Plattform, die beim BZSt angesiedelt ist. Künftig kann hierüber die Registrierung, Meldung und Bezahlung der Umsatzsteuer bei Steuerpflicht im Ausland zentral in dem Land getätigt werden, in dem der Unternehmenssitz ist.

Seit dem 1. April 2021 können sich Online-Händler für das Verfahren beim Bundeszentralamt für Steuern anmelden. Dafür ist eine Umsatzsteuer-ID notwendig.

3. Wann tritt die Steuerpflicht ein?

Mit dem ersten Verkauf, der zum Übertreten der Lieferschwelle führt. Dabei reicht es schon, wenn die Grenze bereits 2020 oder in einem der ersten Quartale im Jahr 2021 überschritten wurde. In diesen Fällen ist jeder grenzüberschreitende Verkauf ab dem 1. Juli 2021 steuerpflichtig zu melden. Liegt der Übertritt der Lieferschwelle etwa erst im Oktober 2021, wird ab dann versteuert.

4. Wann werden die erste Meldung und Zahlung beim OSS fällig?

Die Meldung für das 3. Quartal 2021 muss spätestens am 31. Oktober eingehen. Die Zahlungsfrist endet 30 Tage nach Ablauf des Meldezeitraums.

5. Kann man direkt ab dem ersten Euro im Zielland versteuern?

Ja, es ist möglich darauf zu verzichten, die Lieferschwelle in Anspruch zu nehmen.

6. Fällt die Meldepflicht beim OSS an, wenn die Lieferschwelle schon 2020 überschritten wurde?

Ja, denn die Lieferschwelle von 10.000 Euro gilt rückwirkend. Wurde sie 2020 überschritten, gilt die Meldepflicht im OSS-Verfahren ab 1. Juli 2021.

7. Werden die Versandkosten für die Berechnung eines Lieferschwellenübertritts herbeigezogen?

Ja.

8. Werden die Netto- oder Bruttoumsätze herangezogen?

Die Nettoumsätze sind entscheidend.

Bei FBA wird es komplizierter – und man muss alle Steuersätze kennen

9. Welche Auswirkungen hat das OSS-Verfahren auf die Nutzung von FBA?

Nutzen Händler Fulfillment-Strukturen wie Fulfillment by Amazon (FBA), dann fällt künftig mehr Arbeit an. Bei einem Lager im EU-Ausland fallen weiterhin die Registrierungen und Meldungen beim lokalen Finanzamt im Lagerland an – das OSS-Verfahren findet keine Anwendung dabei. Parallel müssen grenzüberschreitende Lieferungen über den OSS im Sitzland gemeldet werden.

10. Muss man jetzt alle Steuersätze für alle Produkte in jedem EU-Land selbst herausfinden?

Ja, nach derzeitigem Stand ist das notwendig. Eine Übersicht über jeweiligen Steuersätze verschiedener Produkte in allen EU-Staaten gibt es in der EU-Datenbank zur Umsatzsteuer. Unterstützung findet man außerdem bei Steuerberatern und spezialisierten Steuerdienstleistern. Dann spart man sich etwa den Aufwand, wenn ein EU-Land eine Steuersatzänderung vornimmt.

Preisangabe, Rechnungen und Rechtstexte

11. Wie gibt man künftig Preise im Shop am besten an?

Wie bisher muss man sich bei der Preisgestaltung im Online-Shop an die Vorgaben der Preisangabenverordnung halten. Das bedeutet, dass ein Gesamtpreis einschließlich der Mehrwertsteuer ausgewiesen ist. Gibt man die Steuersätze an, dann muss natürlich sichergestellt sein, dass nur der richtige Mehrwertsteuersatz für das Zielland ausgewiesen ist und abgeführt wird. Will man es etwas einfacher machen, empfiehlt es sich, keinen konkreten Mehrwertsteuersatz anzugeben, sondern ausschließlich einen Gesamtpreis inklusive der Mehrwertsteuer auszuweisen. 

Außerdem ist darauf zu achten, dass Kunden aus unterschiedlichen EU-Staaten beim Nettopreis im Online-Shop nicht in diskriminierender Weise unterschiedlich behandelt werden. Das ergibt sich aus der europäischen Geoblocking-Verordnung. Regionale Unterschiede beim Preis, die nur auf regional variierenden Mehrwertsteuersätzen beruhen, sind aber zulässig. 

Nach wie vor können Händler aber auch mehrere Versionen ihres Shops in verschiedenen EU-Ländern mit unterschiedlichen Gesamtpreisen betreiben. Dann kann der jeweilige Umsatzsteuersatz etwa durch eine Erhöhung des Gesamtpreises in einem Land an Verbraucher weitergegeben werden.

12. Es müssen keine Rechnungen an Kunden ausgestellt werden, wenn man den OSS nutzt. Hat das Auswirkungen auf den Gewährleistungsanspruch der Verbraucher?

Nein. Richtig ist, dass der Gesetzgeber als Erleichterung und Anreiz vorsieht, dass bei grenzüberschreitenden Verkäufen, die über das OSS-Verfahren gemeldet werden, keine Pflicht zum Ausstellen einer Rechnung besteht. Die Gewährleistungrechte stehen aber unabhängig davon. Für das Geltendmachen von Gewährleistungsansprüchen kommt es auf den Vertragsschluss an, und dieser kann über Bestellung, Bestellbestätigung oder Lieferung nachgewiesen werden. 

Unabhängig davon könnten Marktplätze andere Anforderungen an Händler stellen. Hierzu empfiehlt es sich, sich regelmäßig bei den Marktplatzanbietern zu informieren. 

13. Sind B2B-Lieferungen über den OSS meldepflichtig?

Das OSS-Verfahren bezieht sich auf B2C-Verkäufe. Vorerst sind also keine Veränderungen im B2B-Geschäft zu erwarten. 

14. Wie funktionieren Differenzbesteuerung, Dropshipping, Reihengeschäfte oder verbrauchssteuerpflichtige Waren über das OSS-Verfahren? 

Diese Themen sind allesamt Sonderfälle, bei denen die Betrachtung jedes Einzelfalls durch einen Steuerdienstleister oder Steuerberater sinnvoll ist, da hier viele verschiedene Konstellationen möglich sind.

15. Müssen Rechtstexte im Online-Shop geändert werden? 

Nein, nach derzeitigem Stand sind keine Änderungen an den Rechtstexten aufgrund der Umsatzsteuerreform notwendig. 

Über den Autor

Patrick Schwalger
Patrick Schwalger Experte für: EU- und Bundespolitik

Patrick ist Politik-Experte beim Händlerbund und schreibt regelmäßig als Gastautor auf OHN. Er hat in verschiedenen politischen Kontexten in Brüssel und Köln gearbeitet und kennt die Politik von allen Seiten. Für den Händlerbund bearbeitet er die politischen Entwicklungen, die den Online-Handel bewegen und informiert darüber auf OHN.

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Kontaktieren Sie Patrick Schwalger

Kommentare  

#10 Mucker 2021-06-16 21:16
Hallo,

meine Artikel unterliegen "alle der Differenzbesteu erung". Fallen diese jetzt auch unter die neue Regelung??

MfG
__________________
Antwort der Redaktion

Hallo Mucker,

nein, Artikel unter der Differenzbesteu erung sind immer im Ursprungsland zu versteuern.

Beste Grüße
die Redaktion
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#9 Andrea Lang 2021-06-16 17:17
Wie wird die MwST berechnet wenn ich die 10000,-- Euro nicht erreiche? Wird die Rechnung weiterhin mit der deutschen Umsatzsteuer geschrieben?
Freundliche Grüße
Andrea Lang
___________________
Antwort der Redaktion

Hallo Frau Lang,

genau, mit der deutschen USt.

Beste Grüße
die Redaktion
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#8 Katja 2021-06-16 14:33
Hallo!

Vielen Dank für die sehr hilfreiche Erklärung.

Was ich allerdings nirgendwo finden kann ist, ob ich die Versandkosten jetzt auch nach dem jeweiligem Zielland besteuern muss?

Liebe Grüße
Katja
________________________
Antwort der Redaktion

Hallo Katja,

nach unserem Wissen zählen die Versandkosten mit in die Berechnung der Lieferschwelle und dementsprechend auch unter die Besteuerung.

Beste Grüße
die Redaktion
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#7 Ilona 2021-06-16 10:54
Die Auswahl des Lieferlandes wird doch aber erst im Bestellprozess vorgenommen, im Shop selbst werden die Bruttopreise inklusive der deutschen Mehrwertsteuer angezeigt. Kunden aus anderen EU-Ländern sehen also einen attraktiven Preis, packen sich den Artikel in den Warenkorb, gehen zur Kasse, geben Ihre Adresse ein, wählen das Lieferland und dann wird der Artikel um 2, 3 oder sogar bis zu 8 Prozent teurer?? Wer bricht denn da nicht den Kauf ab?
Lassen wir den Brutto-Preis für alle gleich und tragen selbst die Mehrwertsteuer- Differenz, welchen Zahlen werden im Zuge des OSS gemeldet? Der um den deutschen MwSt Satz reduzierte Netto-Preis, oder der um den ausländischen MwSt Satz reduzierte? Dann hätten die Käufer doch unterschiedlich e Nettopreise, die nur vorher nicht angezeigt wurden.
Ich finde das ganze Prozedere doch sehr unausgegoren die KMU werden wieder völlig im Regen stehen gelassen.
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#6 kerstin 2021-06-15 11:35
Hallo, wir sind ein internationaler onlinehandel und arbeiten mit Warenwirtschaft ssystem UND einem externen Buchhaltungssys tem. Bisher wurden ZM automatisch aus dem Buchhaltungspro gramm heraus generiert, nachdem unsere Daten in die Buchhaltungüber tragen wurden.

Gibt es nun auch eine solche Schnittstelle oder muss man die einzelnen Verkäufe (sind bei uns im Monat mondestens 500 eher mehr) händisch in ein Formular übertragen? Wenn ja, wer soll das machen erst recht in Zeiten von Corona, wo man schnell an seine, auch personellen Grenzen stoßen kann?

Danke schon mal
Kerstin
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#5 Flo 2021-06-12 13:07
Es heißt, wenn man die 10.000 € Schwelle schon 2020 überschritten hat, muss man sich 2021 registrieren. D.h., die Umsätze werden über die Jahre addiert oder zählt man die Umsätze ab 2022 jedes Jahr neu?
______________________
Antwort der Redaktion:

Hallo Flo,

die Umsätze werden immer nur pro Jahr zusammengerechn et. Aber es gilt, dass man steuerpflichtig im EU-Ausland wird, wenn man die Lieferschwelle im Kalendervorjahr oder im laufenden Kalenderjahr (jeweils nur auf das einzelne Jahr gerechnet) überschreitet.

Beste Grüße
die Redaktion
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#4 Dirk Becker 2021-06-12 11:45
Sie schreiben, dass ein abweichender Nettopreis diskriminierend ist. Bisher hatte ich nur Aussagen gefunden, dass dies bei abweichendem Bruttopreis so wäre. Unter anderem bei anderen Online Rechtsberatern sowie auch bei der Verbraucherzentrale.
Als Händler ist es jetzt echt schwierig zu entscheiden, wie man mit der Preisangabe vorzugehen hat.
Gibt es für Ihre Aussage eine konkrete, gesetzliche Grundlage?
Würde es dann auch reichen, wenn ein Besucher eines Onlineshops sein Lieferland auswählen müsste und die Bruttopreise sich dann entsprechend ändern würden?
________________________
Antwort der Redaktion

Hallo Herr Becker,

nach der europäischen Geoblocking-Ver ordnung dürfen im selben Shop nicht verschiedene Nettopreise je nach Lieferland berechnet werden. Einige Shopanbieter haben uns signalisiert, dass sie die Vorgaben so umsetzen, dass sich nach Auswahl des Lieferlandes der Bruttopreis ändert, wie Sie es auch geschrieben haben. Das Thema ist, das haben Sie leider richtig erkannt, für Händler schwierig.

Beste Grüße
die Redaktion
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#3 Caroline 2021-06-10 02:06
Hallo in die Redaktion,

Sie schreiben hier in den Kommentaren Folgendes: "Außerdem müssen auch Kleinsendungen beim Zoll angemeldet werden, auch wenn die Grenze von 150 Euro weiterhin besteht.". Heißt das, dass wirklich jeder aus China gekaufte Artikel für 2,00 Euro beim Zoll angemeldet werden muss? Und wer muss dies machen, der Käufer oder Versender?
Und wie verhält es sich, wenn man selbst aus Deutschland einen kleinpreisigen Artikel in ein Drittland schickt?

Ansonsten Danke schonmal für diese hilfreichen FAQ,
Caroline
_______________________
Antwort der Redaktion:

Hallo Caroline,

schau am Besten mal hier in den zugehörigen Artikel: https://www.onlinehaendler-news.de/e-recht/gesetze/134893-22-euro-freigrenze-online-haendler-ioss

Wenn danach noch Fragen offen sind, schreib gerne einen Kommentar oder eine Nachricht an den Autor und wir schauen, ob wir das beantworten können :)

Beste Grüße
die Redaktion
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#2 Richard Esslage 2021-06-09 14:37
Hallo noch einmal.
Ich beziehe u. a. meinen Modeschmuck aus Asien.
Wie ist das mit den asiatischen Händlern ab dem 01.07.2021
wegen der MwSt Regelung ?
Mit freundlichem Gruß
Richard Esslage
_____________________
Antwort der Redaktion

Sehr geehrter Herr Esslage,

hier verweisen wir Sie gerne auf diesen Artikel: https://www.onlinehaendler-news.de/e-recht/gesetze/134893-22-euro-freigrenze-online-haendler-ioss

Ab dem 1. Juli wird auch die 22 Euro Freigrenze abgeschafft. Außerdem müssen auch Kleinsendungen beim Zoll angemeldet werden, auch wenn die Grenze von 150 Euro weiterhin besteht.

Beste Grüße
die Redaktion
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#1 Richard Esslage 2021-06-09 14:36
Hallo, ich verkaufe Modeschmuck bei EBAY Kleinanzeigen und liege mit meinem Umsatz bei rd. 8.000 € im Jahr und gemäß § 19 Abs. 1 UStG enthält der ausgewiesene Rechnungsbetrag keine Umsatzsteuer.
Außerdem verkaufe ich ca. 1 - 2 x im Jahr Modeschmuck nach Österreich, Niederlande etc. bei einem Kaufwert von ca. 10 - 50 €.
Bin ich von der neuen MwSt Regelung betroffen ?
Bitte, dazu eine Rückinfo.
DANKE.
Mit freundlichem Gruß
Richard Esslage
____________________
Antwort der Redaktion

Sehr geehrter Herr Esslage,

die Steuerpflicht im EU-Ausland entsteht erst, wenn man für mehr als 10.000 Euro netto Waren ins EU-Ausland versendet. Das ist die Lieferschwelle.

Beste Grüße
die Redaktion
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