Teilen Teilen Kommentare Drucken
Porträt Ari Motors

Elektroauto-StartUp: Eine Ameise liefert auf der Letzten Meile

Veröffentlicht: 16.09.2020 | Geschrieben von: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 16.09.2020
Thomas Kuwatsch und Daniel Jacob von Ari Motors

Durch Elon Musks geplantes Tesla-Werk in Brandenburg fährt das Thema Elektroauto noch mehr ins Scheinwerferlicht. Einige Experten setzen für eine Verkehrswende auf E-Autos, das Thema Nachhaltigkeit wird auch für viele Verkehrsteilnehmer immer wichtiger. Auch in der Logistik kommen Elektroautos als Lieferfahrzeuge auf der Letzten Meile immer mehr zum Einsatz. 

Genau darauf hat sich das in Leipzig gegründete StartUp Ari Motors spezialisiert. Das Unternehmen bietet Elektro-Nutzfahrzeuge für kleine und mittlere Betriebe und für den Flotteneinsatz in Großkonzernen. Zum Fahrzeug-Sortiment gehören Elektrotransporter, Elektroautos und Lastenmopeds mit verschiedenen Aufbauvarianten wie mit Pritsche, Kühlbox oder Kofferaufbau.

„Der klassische Anwendungsfall im Handel ist das Thema Auslieferung von Essen und Waren jeglicher Art. Durch die kleinen Abmessungen passt der Wagen im Auslieferungsprozess in jede noch so kleine Parklücke, ist wendig im Stadtverkehr und sorgt mit seinen geringen Unterhaltskosten von 2,50 Euro pro 100 Kilometer für Zufriedenheit beim Händler“, erklärt Ari-Mitgründer Thomas Kuwatsch.

Ari-Fahrzeuge: Produziert in China, individualisiert in Prag

Er hat das Elektroauto-Unternehmen gemeinsam mit Daniel Jacob und Pavel Pilous 2017 gegründet. „Wir waren auf der Suche nach preiswerten Elektronutzfahrzeugen und wurden überrascht, wie wenig Angebot in Europa und Deutschland in dieser Hinsicht herrscht“, berichtet der Geschäftsführer. In Asien haben sie einen Hersteller für die nötige elektromobile Fahrzeugplattform gesucht und mit dem im chinesischen Nanjing sitzenden Unternehmen Jiayuan EV auch gefunden. Die individuellen Aufbauten wie Kühl- oder Wärmebox sowie Kipper oder Alkoven werden in einer Manufaktur in Říčany bei Prag installiert. „Dort werden die Fahrzeuge für den europäischen Markt angepasst, um dem Qualitätsanspruch unserer Kunden gerecht zu werden. Die individuell anpassbaren Aufbauten sind mit der wichtigste Faktor für unsere Kunden“, so Kuwatsch. „Und selbst, wenn man sich einmal nach dem Kauf umentscheidet, ist ein Umbau mit ein paar Handgriffen erledigt. Dadurch erreichen unsere Elektrotransporter eine hohe Flexibilität.“

Die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg beinhalte zwar auch Verständigungsschwierigkeiten sowie kulturelle und strategische Unterschiede, Unstimmigkeiten würden jedoch schnell aus dem Weg geräumt. „Wir verfolgen im Grunde das gleiche Ziel und das hilft da ungemein“, sagt Kuwatsch.

Ari-Fahrzeuge (©Ralph Kunz)

So kam es zu dem Namen Ari

2018 starteten die Gründer auf dem deutschen Markt, zunächst unter der Marke VXT-Deutschland. Seit 2019 heißt die Firma Ari Motors GmbH. Auch im Namen findet sich – neben der Produktionskette – ein weiterer internationaler Aspekt: Ari ist japanisch und bedeutet übersetzt Ameise. „Ameisen sind fleißig, wendig und können das Vielfache ihres Gewichts tragen. Übertragen auf die Elektromobilität sind das sehr nützliche Eigenschaften, die unsere kleinen und wendigen Transporter umsetzen und auch im Namen tragen sollten“, begründet der in Leipzig lebende Rostocker.

Und die kleinen weißen „Ameisen“ sind unter anderem beim branchengleichen Unternehmen Tier Mobility im Einsatz: Mitarbeiter des Elektro-Scooter-Verleihers nutzen Ari-Elektrofahrzeuge, wenn sie bei den ausgeliehenen E-Rollern die Akkus tauschen müssen. Das Dienstleistungsunternehmen Arvato Supply Chain Solutions greift in seinem Logistik-Zentrum in Landsberg bei Halle an der Saale auf eine Ari 458 Pritsche zurück.

Zalando hat Ari-Lieferfahrzeuge getestet

Online-Händler Zalando hat in Hamburg drei Aris 458 für seine Premiumlieferungen (Zustellung innerhalb von ein bis zwei Tagen) im Rahmen des Projekts „Small Footprint, Big Benefit“ getestet. „Damit wollten wir Einblicke in die Herausforderungen sowie Möglichkeiten der CO2-neutralen Zustellung erhalten und diese mit unseren Partnern teilen“, erläutert Barbara Debowska von Zalando. „Die Ergebnisse zeigten, dass die Autos als zuverlässig galten, wir erhielten positives Feedback von den Fahrern.“ Problematisch sei nur eine unzureichende Infrastruktur und der höhere personelle Aufwand, etwa für den Betrieb der Ladestationen. Regulär wird Zalando die Elektro-Fahrzeuge daher noch nicht einsetzen.
Ein eigener Elektro-Zustellservice sei derzeit wirtschaftlich wohl nicht vertretbar, vermutet Kuwatsch. „Nach der Projektlaufzeit wurde klar, dass die Kunden Ihren Fokus eher auf den Inhalt der Pakete als auf die überbringenden Fahrzeuge legen. Ebenso wurde deutlich, dass der am Markt übliche Zustellpreis pro Paket mit einem eigenen gebrandeten Zustelldienst nicht unterboten werden kann. Somit hat man in recht kurzer Zeit Antworten auf Fragen gefunden, die andernorts vielleicht noch immer ausdiskutiert werden“, sagt der studierte Betriebswirtschaftler.

Ari Motors: Schwierigkeiten beim Start

Bis die Ari-Elektrotransporter bei Kunden wie Arvato und Tier angekommen sind, hat es jedoch gedauert. „Der Start war zu Beginn verhalten, da ein solch kleines Fahrzeug ein Nischenprodukt ist, welches erst nach und nach seine Bekanntheit erlangt“, so Kuwatsch. Mittlerweile ist das Marketing fokussierter, man spreche jetzt sehr zielgerichtet Kunden an. Die größte Herausforderung war anfangs aber die Umrüstung der Fahrzeuge auf deutsche bzw. europäische Standards. „Inzwischen wissen wir sehr genau, was deutsche Kunden aber auch Behörden von Elektrofahrzeugen erwarten. Unsere Ingenieure im Team sind an diesem Thema besonders interessiert und so wird die Weiterentwicklung der Fahrzeuge beständig weitergeführt.“

Neben dem allgemeinen Trend zur Nachhaltigkeit dürfte auch Elon Musks Bau der Tesla-Fabrik dem Thema Elektromobilität noch mehr Schwung in Deutschland verleihen. Kuwatsch sieht in ihm den Prototyp des modernen Unternehmers. „Eine Mischung aus Mut und Können, gemischt mit der Gabe, Menschen zu unterhalten und immer mit dem Gespür für das richtige Timing ergibt eine Art Pop-Star, der per Twitter seine Fans unterhält. Eine beeindruckende Person, die sich nicht vom Weg abbringen lässt, auch wenn Projekte scheitern.“

Thomas Kuwatsch (© Ralph Kunz)

„Deutschland hat den Startschuss zur E-Mobilität verschlafen“

Als vorerst gescheitert könnte man hierzulande auch den Kampf um die vorderen Plätze beim Thema Elektroautos sehen – hier haben Tesla und Co. die eigentliche Auto-Nation Deutschland längst abgehängt. Das sieht auch Thomas Kuwatsch so: „Deutschland hat es sich wohl etwas zu bequem im Verbrenner-Zeitalter gemacht und dadurch den Startschuss zur E-Mobilität verschlafen. Konzerne wie Tesla aber eben auch Jiayuan haben bereits vor einigen Jahren Fahrzeuge produziert, mit denen deutsche Hersteller erst jetzt gleichziehen. Da die Entwicklung außerhalb Deutschlands natürlich nicht stehen bleibt, wird dieser Rückstand schon recht schwer aufzuholen sein, aber man ist hierzulande schon auf einem guten Weg.“

Das sind die Zukunftspläne von Ari Motors

Der Weg von Ari wird zunächst mal schwerer – das Unternehmen will als nächstes nämlich den ersten Ari-Transporter mit bis zu 2,5 Tonnen Gesamtgewicht auf den Markt bringen. Ari will auch den Service und Vertrieb noch optimieren, um den Kunden „ein sehr passgenaues Ari-Erlebnis bieten zu können, das vom Erstkontakt über die Probefahrt bis hin zur Auslieferung und dauerhaften Betreuung digital, schnell und verbindlich sein wird“, wirbt Kuwatsch.

Der Ari-Chef geht davon aus, dass die E-Mobilität im urbanen Raum weiter zunehmen wird und auch Ari Motors davon profitiert. „Der aktuelle Trend zu mehr Nachhaltigkeit und Downsizing hilft uns nochmals und erhöht die allgemeine Akzeptanz für kleine leichte Nutzfahrzeuge. Und gerade bei den Lieferfirmen mit immer höherem Warenaufkommen wird man diesen Schritt gern tun, schon allein, weil Dieselfahrzeuge im Stadtgebiet einen extrem hohen Verbrauch haben und nicht für Kurzstrecken und Start & Stopp Fahrten gemacht sind.“ Es könnte also sein, dass bald noch mehr Ameisen auf den Straßen zu sehen sind...

Noch mehr Wissenswertes über Elon Musk können Sie in unserem umfassenden Porträt über den „modernen Messias“ oder in einem Beitrag über das gewitze Marketing bei Tesla nachlesen.

Über den Autor

Markus Gärtner Experte für: Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

Sie haben Fragen oder Anregungen?

Kontaktieren Sie Markus Gärtner

Schreiben Sie einen Kommentar

Newsletter
Abonnieren
Bleibe stets informiert mit unserem Newsletter.