Tipps für Online-Shopper und -Händler

Schnäppchen-Paradies und Amazons Alptraum – so läuft der chinesische Superkonzern Alibaba

Veröffentlicht: 17.03.2021 | Geschrieben von: Markus Gärtner | Letzte Aktualisierung: 31.03.2021
Alibaba auf Smartphone mit Geldscheinen

Ali Baba ist ein einfacher Holzfäller, der Großes geschafft hat: Er überlistet eine Räuberbande und erlangt am Ende – Sesam, öffne dich! – einen fantastischen Schatz; soweit das Märchen aus der Geschichtensammlung Tausendundeine Nacht. Ähnlich märchenhaft, aber real ist die Geschichte des Alibaba-Gründers Jack Ma, der aus dem Unternehmen inzwischen einen Welt-Konzern gemacht hat. Aber was gehört eigentlich alles zu Alibaba, worauf sollten deutsche Online-Kunden beim Schnäppchen-Shopping und Händler beim Verkauf achten – und ist Alibaba schon besser als Amazon?

Alibaba-Gründer Jack Ma: Der Start von alibaba.com

 Oleksandr Osipov / Sgutterstock.com

Jack Ma war eigentlich Englischlehrer, ehe er im April 1999 gemeinsam mit seiner Frau Zhang Ying, 16 Freunden und 60.000 US-Dollar Startkapital die Webseite alibaba.com – bis heute ein B2B-Online-Marktplatz – startete. Danach gründeten sie die Alibaba Group, die das Dach-Unternehmen für eine Vielzahl anderer Firmen, Marktplätze und Services wurde. Bis 2013 war Jack Ma noch Vorstandsvorsitzender der Alibaba Group, inzwischen hat er sich nicht nur mehr oder weniger aus dem Unternehmen zurückgezogen, sondern war im Herbst 2020 sogar für mehrere Wochen ganz verschwunden. Man geht davon aus, dass die chinesische Regierung Druck auf ihn ausgeübt hat, nachdem er zuvor das chinesische Bankensystem kritisiert hatte.

Warum heißt Alibaba so?

Ist das chinesische Unternehmen Alibaba wirklich nach der Märchenfigur Ali Baba benannt? Ja, Jack Ma soll den Namen gewählt haben, weil er weltweit bekannt und in verschiedenen Sprachen leicht auszusprechen sei. Dazu soll er einst bei einem Aufenthalt in einem Café in San Francisco sogar spontan 30 Passanten gefragt haben, ob sie die Figur kennen: Inder, Deutsche, Japaner, Chinesen – allen war Ali Baba ein Begriff, fertig war der Firmenname. Auch Alimama gibt es übrigens – das ist die Werbeplattform der Alibaba Group.

AliExpress, Alibaba Cloud, Taobao, Tmall und Co. – das ist das Alibaba-Netzwerk

Die Alibaba Group umfasst mittlerweile ein kaum zu überschauendes Imperium aus Unternehmen, Online-Plattformen und Services. Hier eine Auswahl der Plattformen für den Großhandel zwischen Unternehmen (B2B – Business to Business), zwischen Firmen und Privatkunden (B2C – Business to Consumer) oder zwischen Personen (C2C – Consumer to Consumer):

  • alibaba.com: B2B-Marktplatz für kleine und mittelständische Unternehmen, auch mit deutschem Ableger
  • AliExpress: B2C-Online-Marktplatz für internationale Kunden, vergleichbar mit dem Amazon-Marktplatz
  • Taobao: C2C-Online-Auktionshaus für den Handel in China
  • Tmall: B2C-Online-Kaufhaus für Kunden aus China, Hongkong, Macau, Taiwan
  • Alipay: Online-Bezahlsystem
  • Cainiao: Logistik-Unternehmen
  • Alibaba Cloud: Cloud-Computing-Anbieter 

Online-Shopping bei Alibaba oder AliExpress – lohnt sich das Schnäppchen?

Wie können europäische Nutzer auf Alibabas Online-Plattformen shoppen und worauf sollten sie achten? Deutsche Online-Shopper können ihr Glück auf dem deutschen Ableger von AliExpress versuchen, der auf den ersten Blick bunter und quirliger erscheint als etwa der deutsche Amazon Marketplace. Außerdem gibt es einen eigenen Livestreaming-Bereich, in dem sich Händler präsentieren können. Durch die automatische Übersetzung der Webseite kommt es zu jeder Menge wenig Vertrauen erweckender Rechtschreibfehler.

Screenshot AliExpress

Immer mehr deutsche Online-Käufer nutzen AliExpress – und nehmen für Schnäppchenpreise und ausgefallene Produkte auch schlechtere Qualität und lange Lieferzeiten in Kauf, wie eine ECC-Studie zeigte.  Wir haben Billig-Marktplätze wie AliExpress, Wish und Joom in einem eigenen Beitrag untersucht. Auch bei AliExpress kursieren jede Menge Fälschungen und gefährliche Produkte – für Nutzer sind außerdem oft die Versandkosten aus China nicht ersichtlich. Sowohl die Stiftung Warentest als auch die Verbraucherzentrale Hessen haben unter anderem AliExpress getestet und warnen daher zum Teil vor Einkäufen auf der chinesischen Plattform.

Tipps zum Online-Einkauf bei AliExpress: Darauf sollten Kunden achten

Wer trotzdem von Deutschland aus bei AliExpress einkaufen möchte, sollte auf einige Dinge achten:

  • Vor allem von elektronischen Geräten sollte man dort lieber die Finger lassen: Diese entsprechen oft nicht den EU-Sicher­heits­stan­dards.
  • Zum eigentlich billigen Kaufpreis können womöglich hohe Kosten für Versand, Zusatzsteuern und Zollgebühren hinzukommen. Stiftung Warentest bietet einen Zoll-Rechner, mit dem man zumindest diese Gebühren anzeigen kann.
  • Apropos Versand: Wer es eilig hat, sollte lieber woanders kaufen, denn bei Produkten aus Fernost kann es zu langen Lieferzeiten kommen.
  • Ob aus Spaß oder unwissend bestellt: Fake-Artikel oder gefälschte Markenprodukte können vom Zoll entdeckt, beschlagnahmt und vernichtet werden. 
  • Bei Mängeln oder Schäden des Produktes ist es oft schwieriger, sein Geld zurückzufordern oder auf sein Recht zu pochen – teils ist die genaue Rechtslage nicht klar, die Händler oder Hersteller nicht erreichbar oder gar ermittelbar. Alibaba bietet zwar einen Käuferschutz samt Geld-zurück-Garantie, das Einfordern kann aber mühselig sein.
  • Wer ein Produkt retourniert, zahlt meist die Rücksendekosten nach China.

Alibabas Singles Day – was steckt hinter dem Shopping-Ereignis der Superlative?

Jedes Jahr lädt Alibaba am 11. November, dem Singles Day, die Online-Shopper über seine verschiedenen Plattformen zur Kauf-Extase – und das Shopping-Event verzeichnet immer wieder Superlative. Alibaba startete den Singles Day im Jahr 2009, um den alleinstehenden Online-Shoppern quasi als Anti-Valentinstag das Single-Leben mit Schnäppchen kurzfristig zu versüßen. Das alljährliche Datum des Singles Day – der 11.11. – verweist dabei mit seinen vier Einsen auf das Single-Dasein. 

Auch im Jahr 2020 lieferte Alibabas Singles Day wieder beeindruckende Zahlen: So sollen Waren im Wert von rund 48 Milliarden Euro verkauft worden sein – allerdings liefen die Marketing-Aktionen auch über mehrere Tage. Damit kommt es natürlich auch immer wieder zu Vergleichen mit Amazons Prime Day, der am 13. und 14. Oktober 2020 rund 3,5 Milliarden US-Dollar Umsatz vorwies. Amazon fokussiert sich beim Prime Day allerdings eher auf den Verkauf seiner eigenen Produkte, Alibaba rückt hingegen Drittanbieter und Marken in den Vordergrund, wie Elena Gatti vom Beratungsunternehmen Azoya im Interview zum Singles Day und zu China Commerce erläutert. In diesem Video zeigt Alibaba die Highlights aus dem Singles Day 2020.

Alibaba versus Amazon – wer ist besser?

Apropos Amazon: Die große Welt des globalen E-Commerce wird im Grunde zwischen Amazon, das Amerika und Europa beherrscht, und Alibaba, das China dominiert, aufgeteilt. Bei all den Superlativen der beiden Firmen stellen sich Experten und Online-Shopper immer wieder die Frage: Wer ist eigentlich stärker, größer, besser? Das ist wie vieles im Leben eine Frage der Perspektive – und was genau man wie vergleichen will: Die beiden Gesamt-Unternehmen, einzelne Online-Marktplätze oder -Services? Anhand des Umsatzes, des (operativen) Gewinns, der Beliebtheit, der verkauften Produkte, des Börsenwerts?

Vergleich: Amazon macht mehr Umsatz, Alibaba mehr Gewinn

Beim weltweiten Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 2019 liegt Amazon eindeutig vorn, wie das E-Commerce-Institut analysiert hat. Das Unternehmen Amazon kommt auf rund 280 Milliarden US-Dollar, die Alibaba Group nur auf rund 72 Milliarden US-Dollar, also etwa ein Viertel des Amazon-Ergebnisses. Schon beim Nettogewinn 2019 sieht es aber anders aus: Hier liegt Alibaba mit 20 Milliarden US-Dollar vor Amazon mit 12 Mrd US-Dollar. Beide haben auch in Zukunft gute Aussichten: Amazon hat vor allem von der Coronapandemie immens profitiert, Alibaba beherrscht mit China einen der wichtigsten E-Commerce-Märkte mit einer gigantisch großen, kaufstarken Mittelschicht – und dort hat Amazon bereits aufgegeben. 

Diese Infografik zeigt einen Vergleich des vor allem für Online-Marktplätze wichtigen Bruttowarenwertes (Gross Merchandise Volume) von 2019: Hier wiederum liegen Alibabas Plattformen Taobao und Tmall vor dem Amazon-Marktplatz.

Infografik: eBay abgeschlagen auf Rang 5 | Statista

Verkaufen über Alibaba: So können Online-Händler Tmall Global und Co. nutzen

Nicht nur Schnäppchen-Shopper, auch deutsche Online-Händler und Unternehmen können Alibabas Plattformen nutzen. International bekannte Marken wie etwa FC Bayern München verkaufen schon seit 2015 über Alibabas Marktplatz Tmall Global, der speziell ausländischen Marken und Händlern den Zugang zu der kaufbereiten und westaffinen chinesischen Mittelschicht bietet. Westliche Luxusprodukte und „Made in Germany“ stehen bei vielen chinesischen Käufern hoch im Trend. Deutsche Anbieter müssen jedoch beim Verkauf nach China jede Menge beachten – von kulturellen bis zu plattformspezifischen Eigenheiten, wie Elena Gatti zu einem Marktstart in China erklärt: „Der chinesische Markt ist sehr kompetitiv und die Konsumenten sehr verwöhnt – Perfect is too slow for China“, so die Expertin von Azoya.

Alibabas Expansion in Europa: Stationärer Laden und Logistik-Standort Lüttich

Alibaba dominiert in China, ist in Deutschland und Europa aber noch recht wenig bekannt. Der Konzern will jedoch auch den europäischen Markt gezielt in Angriff nehmen – und zwar sowohl im Online- als auch im stationären Handel. In der spanischen Hauptstadt Madrid hat das chinesische Unternehmen im Herbst 2019 seinen ersten stationären Laden in Europa eröffnet. Spanien ist derzeit nach Russland und den USA der wichtigste Auslandsmarkt. Ob und wo weitere Filialen kommen werden, ist noch nicht bekannt.

Der Online-Handel nach Europa wird in jedem Fall weiter ausgebaut, der wichtigste Brückenkopf ist der Logistik-Standort in Lüttich, der noch 2021 eröffnen soll. Auch in Bulgarien soll ein weiterer Standort geplant sein. Zuletzt kündigte Alibaba an, mit einer neuen Flugroute zwischen Hongkong und Madrid noch schneller nach Europa liefern zu wollen.

All diese Schritte werden Alibaba und seine Plattformen in Deutschland und Europa noch bekannter und effektiver machen – ob der chinesische Riese aber Amazon in diesen Breiten das Revier streitig machen kann, ist ungewiss.  

Über den Autor

Markus Gärtner
Markus Gärtner Experte für: Local Commerce

Markus ist 2018 zum OHN-Team dazugestoßen und berichtet unter anderem über aufstrebende StartUps im E-Commerce. Zuvor hat er beim Branchendienst Location Insider die digitalen Ideen des stationären Handels beleuchtet und für mobilbranche.de den Online-Handel via Smartphone und Apps ins Auge gefasst. Die Digitalisierung der Medienbranche konnte er in seiner Zeit bei dem Branchendienst turi2 beobachten.

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Kommentare  

#2 Hartmut Heuer 2021-05-14 16:56
Ich würde es begrüßen wenn AliExpress in Deutschland mehr vertreten wäre. Ich habe schon öfter über diesen Anbieter gekauft und habe darauf geachtet das die Waren aus Europäischen Lagern geliefert wurden. Da habe ich manchmal die Ware schon nach 36-48 Stunden erhalten und günstig war es auch noch. Ich habe sogar Artikel vom gleichen Hersteller über AliExpress ca. 40% günstiger als über Amazon bekommen. Außerdem sollte man das Geschäft nicht Amazon alleine überlassen denn was passiert wenn man Monopol ähnliche Strukturen zulässt sieht man ja an dem Debakel mit Ebay und den wucher Gebühren.
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#1 Dirk 2021-03-20 09:19
Vielleicht hätte sich Jack Ma das Märchen von Ali Baba bis zum bitteren Ende erzählen lassen sollen, bevor er diesen Namen wählt... Denn am Ende werden die 40 Räuber alle abgeschlachtet bzw. erbärmlich im Schlaf ertränkt (je nach Version), und weder Ali Baba noch Karim und seine Frau werden am Ende glücklich...
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