Kolumne „Pech gehabt“

Clubhouse und Datenschutz: Augen zu und Hype

Veröffentlicht: 27.01.2021 | Geschrieben von: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 27.01.2021
Clubhouse App

Da denkt man, man hat jetzt alle Variationen an Social-Media-Plattformen gesehen, dann wird doch immer noch eine neue vermeintliche Killer-App durchs Dorf getrieben. Facebook hatte irgendwann einmal die All-in-One-Plattform erfunden, die alle abholte und größer konnte es nicht mehr werden – also wurde es kleiner, detaillierter. Instagram verlegte sich auf Bilder, YouTube baute eine Video-Plattform auf, Twitter reduzierte auf Mikrotexte (und ließ die Bearbeiten-Funktion gleich weg, das nach wie vor wohl meistgewünschte Feature des Netzwerks).

Schon das waren nur Variationen, Interpretationen des großen blau-weißen Vorbilds. Jaja, mit Facebook ging Social Media nicht los, aber wer hat sich denn daneben bis heute gehalten? Eben. Mit den Snapchats und TikToks gab es immer weitere Variationen der Variationen, die ganz nebenbei immer jüngere Zielgruppen ansprechen, um sie schon abzuholen, bevor sie die großen Vorbilder überhaupt richtig kennenlernen.

Clubhouse – wie früher die Clique, die sich für was Besseres hielt

Und nun also Clubhouse. Eine Innovation. Ein Gegenentwurf zur totalen Öffentlichkeit und zum Abfischen der jungen Zielgruppen. Clubhouse ist exklusiv. Clubhouse lässt nur per Einladung (Invite) mitmachen. Clubhouse ist die geschlossene Bubble, die Inhalte fokussieren will. Clubhouse ist vor allem die Clique in der Schule, die sich für besser hielt als die anderen und ein wahnsinniges Geheimnis darum machte, dass sie im Partykeller rumsaß und Trash-TV guckte. Inklusive dem dämlichen Winke-Smiley (bester Kumpel vom Tränenlach-Smiley), der sagt: „Ciao, aber du kommst hier nicht rein.“

Die journalistische und influencerische Elite trifft sich via iPhone, um moderiert zu talken und dann gibt es richtig deepe Erkenntnisse, die für Shitstorms sorgen, wenn sie an die Öffentlichkeit gelangen (vgl. Bodo Ramelow), denn die erste Regel im Clubhouse lautet: Ihr verliert kein Wort über das Clubhouse. Das wirkt, gelinde gesagt, befremdlich, reden wir hier doch von einem sozialen Netzwerk, in dem sich Menschen die Klinke in die Hand reden, die von und in der Öffentlichkeit leben.

Persönliche Daten? Lol

Und da haben wir noch gar nicht über die Monetarisierung geredet. Clubhouse verdient aktuell Geld, indem Investoren Millionen zuschieben. Die Bewertung solle schon bald in die Milliarden gehen. Ein tragfähiges Geschäftsmodell gibt es bislang noch nicht, gemunkelt wird über die üblichen Hebel: Bezahlte Abos und Werbung. Für Android kommt es wohl auch bald. Das Invite-System wird sowieso nicht ewig halten und dann ist Clubhouse auch nur noch Twitter mit Sprechen in verschiedenen, möglichst voneinander getrennten Bubbles.

Aber erstmal Hype.

Und den lässt man sich auch nicht von wichtigen Diskussionen über den Umgang mit Daten madig machen. WhatsApp laufen die jetzt die Nutzer weg, weil Daten mit Facebook geteilt werden (Guten Morgen!). Clubhouse sammelt erstmal das komplette Kontaktverzeichnis vom iPhone, damit man mitmachen darf. Clubhouse soll sogar Schattenprofile von Kontakten aus den iPhone-Adressbüchern anlegen, die die App noch gar nicht nutzen. Für den IT-Sicherheitsexperten Johannes Caspar ist es sogar recht eindeutig, dass Clubhouse aktuell „offenkundig nicht in der Lage“ ist, europäische Datenschutzvorgaben einzuhalten.

Die Kirsche auf der Torte ist die Tatsache, dass es derzeit noch wahnsinnig leicht zu sein scheint, Daten von Clubhouse-Nutzern einzusehen, zu sammeln und im Zweifel fremde Profile zu kapern, vom Experten für den Spiegel getestet. Clubhouse will derartige Schlupflöcher in den kommenden Wochen und Monaten schließen. Dennoch scheint es so, dass der Hype dank künstlicher Verknappung über Probleme und fehlende Konzepte hinwegtäuschen soll. Das klappt derzeit sogar beunruhigend gut.

Daher: Kein Invite für mich bitte. Aber wer weiß: Ich wollte auch Facebook, Insta und Twitter boykottieren. Hat ähnlich gut funktioniert wie die Datensicherheit bei Clubhouse.

Über den Autor

Christoph Pech Experte für: Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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